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Nach dem Abi: Hierbleiben oder wegziehen?

Seit der fünften Klasse gehen die beiden Abiturienten Luigi Zarrillo (19, auf Bahnsteig) und Hermann Horn (19) aufs Geschwister-Scholl-Gymnasium in Waldkirch. Am 24. Juni ist ihr letzter Schultag, danach werden sich ihre Wege trennen. Luigi will unbedingt hier bleiben, Hermann wird wegziehen. Warum? Ein Gespräch über Fernbeziehung, Verwurzelung und das Leben nach der Schule.

Hermann und Luigi

Luigi, was wirst du nach dem 24. Juni machen?


Da ich Italiener bin und deshalb weder Zivildienst leisten noch zur Bundeswehr gehen muss, will ich gleich mit dem Jurastudium beginnen und zwar in Freiburg. Die Fakultät dort hat einen guten Ruf. Ich hatte nie das Gefühl, weg zu müssen.

Was hält dich?


Warum sollte ich woanders leben? Mein ganzer Freundeskreis befindet sich hier und es ist auch nicht unbequem, daheim zu wohnen. Außerdem lebt meine Freundin Alexandra in Oberwinden. Wir sind seit gut drei Jahren zusammen. Sie ist ein Jahr jünger als ich. Eine Fernbeziehung wäre nichts für mich. So was finde ich sehr schwer. Ich könnte meinen Alltag, auch meine Probleme, mit ihr ja überhaupt nicht mehr teilen und umgekehrt.

Du willst also nicht aus dem Elternhaus ausziehen?


Nein. Irgendwann vielleicht schon. Aber so richtig verlassen will ich die Gegend nicht. Ich bin schon ein heimatverbundener Typ. Jedes zweite Wochenende gehe ich zum Sportclub. Es sind Kleinigkeiten, an denen ich merke: ich gehöre hier hin.

Wieviele Leute aus eurer Stufe werden Waldkirch nach dem Schulabschluss verlassen?


Grob gesagt bleiben 60 Prozent hier, 40 Prozent gehen weg.

Hermann

Hermann, seit wann steht für dich fest, dass du nach dem Abi weg willst?


Seit der elften Klasse. Im Gegensatz zu Luigi habe ich den Großteil meines Freundeskreises in Freiburg. Ich bin auch mehr der Stadtmensch. Klar habe ich auch einige Waldkircher Freunde, die es bevorzugen, im Elztal am Bach zu chillen oder in den Wald zu gehen. Das finde ich auch mal ganz interessant, aber ich habe ziemlich schnell genug davon. Da ich jetzt auch in Freiburg schon alles kenne, brauche ich was Neues. Berlin calling.

Warum Berlin?


Ich pendele seit einem Dreivierteljahr zwischen Waldkirch und Berlin, weil meine Freundin Sophie dort wohnt. Meistens reise ich mit einer Mitfahrgelegenheit, Sophie und ich teilen uns den Preis. Trotzdem geht das ins Geld. Inzwischen hat sich für mich die Entfernung relativiert. Aber diese Beziehung auf Distanz ist schon sehr anstrengend und fordert auch viel Vertrauen.

Wie hast du deine Freundin kennengelernt?


2009 flüchtete ich mit Freunden vor der Fasnet nach Berlin. Dort traf ich Sophie auf einer Party. Es läuft echt gut. Außerdem mag ich Berlin sehr. Ich werde mit meinem besten Freund in die Hauptstadt ziehen. Am ersten September werde ich dort voraussichtlich meinen Zivildienst antreten, in einem Krankenhaus oder in einem Kindergarten. Auf die Berliner Feierkultur freue ich mich natürlich auch.

Und danach?


Verreisen, mit dem Rucksack ein bisschen die Welt anschauen. Dann will ich Geschichte und Politik studieren. Mein Ziel ist es, einmal im Auswärtigen Amt zu arbeiten. Ich spreche Russisch, Französisch und Englisch.

Du hast zwei achtjährige Schwestern, deine Mutter ist alleinerziehend. Was sagt sie dazu, dass du weggehst?


Sie steht hinter mir und begrüßt meine Entscheidung. Gleichwohl werde ich zu Hause als helfende Hand fehlen: Holz machen für den Ofen, den Schwestern bei den Hausaufgaben helfen, den Haushalt führen, das wird meine Mutter nun allein erledigen müssen. Das ärgert mich schon ein wenig und ist ein Grund für mich, öfters wieder nach Hause zu kommen.

Findest du Waldkirch provinziell?


Zum Aufwachsen ist Waldkirch ideal (siehe fudder Kleinststadtgeheimtipps Waldkirch). Eine Kleinstadt mit viel Natur und allem, was man braucht. Man kann da wunderbar spielen. Aber spätestens, als ich mich fürs Ausgehen interessiert habe, wurde es mir dort langweilig.

Wie schlimm wäre es für dich, wenn du hierbleiben müsstest?


Ich wäre sehr enttäuscht. Sophie und ich halten diese Fernbeziehung kaum noch aus.

Luigi

Luigi, warst du mal längere Zeit weg von daheim, zum Beispiel bei einem Schüleraustausch?


Nein.

Warum ist es für Hermann in deinen Augen leichter als für dich, Waldkirch zu verlassen?


Weil er ein Zugezogener ist. Hermann ist ja erst in der fünften Klasse zu uns gekommen. Ich bin Waldkircher von Geburt an. Das ist schon ein Unterschied. Klar, bei uns ist es auch mal langweilig, die Stadt hat Jugendlichen nicht viel zu bieten. Und ein besonderer Naturmensch bin ich jetzt auch nicht. Aber die sozialen Kontakte fangen das wieder auf.

Angenommen, du müsstest für ein Jahr nach Hamburg. Was würde dir, abgesehen von deiner Freundin, am meisten fehlen?


Das wäre für mich kein Problem. Ich will ja aus ganz pragmatischen Gründen hierbleiben. Die Welt entdecken, in eine größere Stadt ziehen, das kann alles noch kommen. Aber jetzt noch nicht. Das passt nicht in meinen Plan.

Was ist, wenn du in Freiburg keinen Studienplatz bekommst?


Darüber mache ich mir gerade Gedanken, allein schon aus finanziellen Gründen. Klar hat München auch eine renommierte juristische Fakultät, aber München ist verdammt teuer. Ohne finanzielles Polster kriege ich da schon bei der Miete Probleme. Ich müsste jetzt schon planen, wie ich das wuppen könnte. Das ist mir einfach zu viel im Moment.

Was sagen deine Eltern dazu, dass du hierbleibst?


Meine Mutter würde es lieber sehen, dass ich in eine größere Stadt ziehe. Eher untypisch für eine italienische Familie. Sie würde meinen Auszug jedenfalls unterstützen.

Wann und wo werdet ihr euch wiedersehen?


Hermann: (lacht) Vermutlich zu Weihnachten im Outback.

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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 15
Mittwoch, 26.05.10 16:59
 

"ich merke: ich gehöre hier hin"

Das wäre ein verdammt großer Zufall, dort wo man hingehört auch gleich noch geboren zu sein.

eine alte freundin
Mittwoch, 26.05.10 18:58
 

hm, schade, wie arrogant doch manch einer geworden ist. so großstädtisch bist du leider gar nicht. man merkt auch dir an, dass du aus "der provinz" kommst. wer dich noch von früher kennt, mit deinem alten aussehen, deinem charme etc., der muss vielleicht ebenso traurig lächeln wie ich gerade.

Mittwoch, 26.05.10 19:00
 

Ich verstehe die Nesthockerei nicht... gerade wenn man jung ist, hat man alle Möglichkeiten und sich alles anschauen, ausprobieren... irgendwann ist man 35, verheiratet, Nachwuchs und man heult der verpaßten Chance nach.
Freundin vorschieben und andere Annehmlichkeiten von Hotel Mama geniesen, weils so schön bequem ist.

Mittwoch, 26.05.10 19:02
 

Es ist auch ein verdammt grosser Zufall, das zu finden wo man hingehört

Ich hab' das Gefühl mir ist es passiert...

Frau - Ort - ich bin überall "angekommen" !

Und eine Fernbeziehung hatte ich auch über zwei Jahre: München-Freiburg

Diese Art der Liebesbeziehung ist wie eine Flamme im Wind - die Starke entfacht er, die Schwache bläst er aus


Biber hat den Kommentar am 26.05.2010 um 19:09 bearbeitet
Storaman
Mittwoch, 26.05.10 23:28
 

Der Junge ist Italiener und verhält sich genau so wie der Grossteil seiner Landsleute, is doch nichts aussergewöhnliches!

Gabs da nich mal ne Statisik, die genau das aussagte?

Peter10001
Donnerstag, 27.05.10 01:18
 

Ich kann schon verstehen, dass es sinnvoll ist in Freiburg zu bleiben. Ich glaube nicht, dass das was mit Nesthockerei zu tun hat. Immerhin geht um den Studienort. Warum sollte man irgendwo studieren, wo es schlechter ist? Freiburg ist eine gute Wahl. Und ich persönlich fände es auch praktisch erstmal daheim zu wohnen, wenn die Uni in der Nähe ist. Man muss bedenken, dass man innerhalb von 3 Monaten nicht unbedingt einen Job und eine Wohnung finden kann. Da würde ich auch erst mal langsam machen und die erste Zeit daheim wohnen. Ich habe Luigi so verstanden, dass er erstmal abwartet bis sich das mit der eigenen Wohnung ergibt.

Selina92000
Donnerstag, 27.05.10 01:23
 

Ich verstehe Luigi vollkommen. Bin auch wegen meinem Studienfach in Freiburg geblieben. An sich ist Freiburg ein cooler Studienort. Warum sollte man weggehen? Um woanders gut zu leben braucht man auch die finanziellen Mittel. Später im Berufsleben wird der Ortswechsel immernoch möglich sein. Man sollte dort studieren, wo man sich am meißten wohlfühlt!

Freitag, 28.05.10 05:48
 

Ich gehe halt immer von mir aus... *g*
Wenn man älter ist, sich entsprechend was geschaffen hat, wird man nicht mehr (so schnell) alles zurück lassen können und entsprechend Lebenserfahrung woanders sammeln können. Deshalb empfand ich diese Zeit zwischen 21 und 31 als fast nur aus dem Koffer gelebt habe und von Saisonstelle zu Saisonstelle gezogen bin, als sehr wichtig...

Ist die Uni Freiburg wirklich so gut? In den meisten Rankings stehen doch andere weiter vorne...

Freitag, 28.05.10 11:36
 

es gibt n paar fächer in denen die uni freiburg deutschlandweit in der spitze dabei ist, anglistik, geschichte, paar andere sachen. hat ja auch als eine der ersten deutschen unis n paar elitecluster oder wie dieses zeugs heißt bewilligt bekommen. ich google es jetzt nicht für dich, muss gleich los. kannst mir also glauben oder selber nachschlagen :)

Freitag, 28.05.10 12:08
 

Hihi. Schon echt lustig: Letztendlich kommts doch dann oft eh anders als man denkt.

Zum Thema Nesthocker: Wären meine Eltern nicht von hier weggezogen, wär ich nicht in Freiburg geblieben. Irgendwann braucht man doch dann auch ein bisschen Abstand um die Familie genießen zu können ;)

Freitag, 28.05.10 12:51
 

wennn ich für jeden klassenkameraden der meinte er müsste aus freiburg weggehn um sich selber zu verwirklichen und dann wieder unverändert zurückkam nen euro bekommen würde, könnte ich einen trinken gehen...

mal im ernst, ich kann überall etwas aus mir machen selbst aus freiburg.
ich kann mir viel ansehen, und trotzdem wieder anch hause zurückkommen.

übetrieben gesagt: ein mensch mit einer unfelxiblen enstellung wird nicht durch die tatsache das er viel reist gleich ein kosmopolit.


mann kann sich selber auch in freiburg finden.

Freitag, 28.05.10 13:21
 

ist aber schon richtig dass es leute gibt, die zu bestimmten orten besser passen. paar freunde von mir sind nach dem abi aus der schwäbischen kleinstadt nach berlin gezogen und bei denen muss man sagen dass es schwer vorstellbar ist dass die woanders so richtig glücklich geworden wären. andere leute sind jetzt wegen der arbeit nach berlin gezogen und bei denen isses im prinzip wurscht, die kommen hier klar, die kommen da klar. gibts beides.

Freitag, 28.05.10 21:47
 

Wolke, das will gar nicht in Abrede stellen... mir ging es nur darum, losziehen, was anderes erleben, etwas anderes sehen, Erfahrungen sammeln, die ich in Freiburg nicht machen könnte (Sprache, kulturell usw) Vorurteile bestätigt wissen oder als unbegründet zurück gelassen haben, das über den Tellerrand schauen, den Horizont erweitern...
Mir war klar, daß ich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wieder hier aufschlagen würde, aber wen es woanders gepaßt hätte, wer weiß...???
Mir hätte in meiner Entwicklung jedenfalls etwas gefehlt.

Samstag, 29.05.10 16:28
 

Nach dem Studium ziehe ich weg. Aber erstmal müsst ich dafür Studieren *lol*

Samstag, 29.05.10 17:42
 

Ich finde es geradezu rassistisch zu glauben, dass jemand, der in Waldkirch geboren wurde dort auch hingehören muss. Genau so wenig wie ich will, dass meine Eltern meine Braut aussuchen, will ich, dass sie meinen Aufenthaltsort für immer festlegen. Wenn ich feststelle, dass ich leider nur auf aramäische Frauen stehe, das Meer oder das Jodeln über alles liebe oder es brauche einmal die Woche Woody Allen beim Klarinettespielen zuzuhören , was hält mich dann noch in Waldkirch? Ich sage nicht, dass man sich in Waldkirch nicht ein Leben lang wohlfühlen kann, aber wenn jemand dort geboren ist und der Ort für ihn passt ist es meines Erachtens eben nicht mehr als ein Zufall. Mein großer Bruder hat in seinen 40 Jahren bisher in 15 Städten und Dörfern in 4 Ländern gelebt. Zuletzt ist er von einem Dorf in Rheinland-Pfalz in die 13-Millionen-Metropole Istanbul gezogen. Er weiß nicht, auf welchem Kontinent er mit seiner Familie in 5 Jahren leben wird. Ich finde es zwar respektabel und ein Stück weit nachvollziehbar, sein Leben an einem gewohnten Ort in einem gewohnten Freundeskreis verbringen zu wollen, aber ich, der ich nur wenige der zahlreichen Umzüge meiner Familie mitgemacht habe, wäre lieber auch alle zwei Jahre woanders gewesen. Ich halte es auch für die Kinder für das Richtige. Das bisschen Trennungsschmerz hin und wieder wird überreich kompensiert. Ich habe vergessen, wessen Zitat ich da gerade verfremde, aber ich glaube es gibt immer mehr Gründe, wegzugehen als zu bleiben und man kann sagen: \"hier gehöre ich hin\", aber eben auch: \"Hier gehöre ich auch hin.\"


Björn hat den Kommentar am 29.05.2010 um 17:45 bearbeitet
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