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Nachtmacher: Rolf Hambrecht, Rattenspiegel

15 Jahre lang war Rolf Hambrecht Wirt in der Freiburger Kultkneipe Rattenspiegel im Stühlinger. Seit 2006 ist der Laden in der Escholzstraße zu. Was in der Ratte alles so abgegangen ist, erzählt Rolf im Rückblick.



In der Freiburger Kneipenlandschaft war der Rattenspiegel an der Eschholzstraße fünfzehn Jahre lang eine Institution. Hinter dem Tresen stand Rolf Hambrecht, er schmiss den Laden vom Anfang in den frühen 90er Jahren bis zum Ende im Jahr 2006. Er war Mitte 30, als er die Kneipe übernahm. Heute ist er 54, sitzt uns gegenüber mit blauem Sweater, schwarzer Jeans und schwarzer Wollmütze, aus der links und rechts silbergraue Haarsträhnen herausragen.

Nee, auf fotografieren, sprich fotografiert werden hat er keine Lust. Na gut, dann nehmen wir für den Artikel halt eins aus dem BZ-Archiv (Bild oben) und schauen uns sein Selbstporträt (Bild unten) an. Welche Ereignisse sind ihm im Gedächtnis geblieben? An welche Konzerte erinnert er sich am lebhaftesten? Was waren die abgefahrensten Szenen, die sich dort abspielten? „Hähä, die erzähl ich euch eh nich’!“, wiegelt Rolf erstmal ab – mit breitem Grinsen im Gesicht.



Blick zurück

Eine Wohnung in Haslach, Baujahr um 1960, alte Dielen, mehr Atelier als Wohnraum. Hier treffen wir Rolf zum Rückblick. Nicht riesig, aber deutlich größer als der Rattenspiegel je war. Der lebte von seinem Ruf, „Freiburgs kleinste Kneipe“ zu sein. Kleinste Kneipe? So ganz sicher ist sich Rolf da nicht, auch wenn es viele damals gesagt haben. „Etwas mehr als 30 Quadratmeter waren es.“ „Ich hab ja immer gehofft, dass viele Leute reingehen, deswegen habe ich den Laden vor Konzerten ausgeräumt. Das Vollste waren etwa 90 Leute. Mit mir und den Mitarbeitern waren es so hundert. Das war das Vollste, was ich je hatte.“

Ab und zu spielten auch Freiburger Bands bei ihm. So hat Rolf zum Beispiel eines der ersten Konzerte des Liquid Laughter Lounge Quartet veranstaltet. Aber richtig angefangen hat er, hat es mit den Tiger Lilies. „Die habe ich 1998/99 im Atlantik spielen sehen. Damals habe ich, das weiß ich noch genau, sechs D-Mark im Vorverkauf dafür gezahlt. Die haben für eine Gage von 200 Mark gespielt. Da habe ich denen gesagt: Ich garantiere euch 1000 Mark, dann spielt ihr in meinem kleinen abgewichsten Laden. Die ham in diesem Jahr, glaub ich, vier Konzerte bei mir gemacht.“

Damm packte es ihn, dann wurde es quasi ein Selbstläufer oder eine liebgewonnene Gewohnheit, Konzerte zu veranstalten. „Wenn du so’n Scheiß anfängst, bekommst du von überall her Anfragen.“ Insgesamt hat er zehn Jahre lang Bands im Rattenspiegel auftreten lassen. „Das waren, ich hab’s mal überschlagen, rund 200 Konzerte in zehn Jahren.“



Rolfs Top-Konzerte
  1. Tiger Lilies
    „Die Tiger Lilies gehören auf alle Fälle dazu. Weil das einfach der Anfang war und die – zeitgleich – ’nen ziemlichen Schub bekamen.“

  2. Friends of Dean Martinez
    „Die hab ich mal angerufen. Die haben dann 1500 D-Mark fürs erste Set bekommen. Damals hat sich das rumgesprochen. Da hat der Thomas Steiner von der BZ dann angerufen und gefragt, ob das stimmt, dass die kommen. Da hab ich einfach mal ja gesagt. Und die kamen dann auch. Die haben zwischen 2000 und 2006 jedes Jahr einmal bei mir gespielt. Die ham es einfach draufgehabt, leise Musik dermaßen laut zu spielen!“ sagt Rolf und lacht.

    „Die Leute von der Band sind total irre, die ham eine Ausstrahlung! Das waren unglaublich freundliche Leute, nett, unprätentiös. Die kamen zwar immer zu spät, haben ihr Zeugs ausgeladen, aufgebaut, gesoffen und gekifft – und gespielt. Eben alles, was so dazugehört.“ „Wir hatten in all den Jahren ein einziges Mal Stress mit den Bullen, da haben Friends of Dean Martinez zwei Tage hintereinander gespielt. Es war elend laut! Ein Kumpel von mir aus dem Stühlinger, der ein paar Ecken weiter wohnte, hat mir am nächsten Tag ziemlich genau die Setlist runtergebetet.“

  3. Bal des Boiteux
    „Bal des Boiteux aus Belgien waren Anfang 2003 oder 2004 bei mir. Die spielen, genau wie Friends of Dean Martinez, rein instrumental.“ (Auf einer Box steht ein alter Röhrenmonitor, Maus und silberne Tastatur liegen davor auf dem Boden. Rolf hat die passende Musik schon längst angeklickt.) Er zählt auf. „Kontrabass, Geige, E-Gitarre, Akkordeon, Schlagzeug. Nichts, wo man so richtig abgeht oder mitschunkelt, sondern eher intellektuell drauf abgeht – wenn man’s begriffen hat!“ Er lacht schallend.

  4. Jeff Kollman
    „Bei Konzerten habe ich schon die unglaublichsten Sachen erlebt, vom Publikum her. Wie weit manche herkamen!“ Einmal war ein Zivi da von der Schwäbischen Alb. Einmal war sogar jemand aus Paris da, bei Jeff Kollman, der hat auch mal für Springsteen gespielt. Aus Paris – das war das Weiteste.

    „Bei Jeff kamen das erste Mal zehn Leute, davon ein Pärchen aus Paris. Beim zweiten Mal war der im Stadtkurier oder beim Wochenbericht angekündigt, da war der Laden brechend voll. 70 bis 80 Leute waren da. Das Minus vom ersten Mal habe ich beim zweiten Mal wettgemacht! Sagt’s und grinst.

  5. Die, die die Enten suchen
    Die sind wohl ohne den Rattenspiegel gar nicht denkbar, in gewisser Weise. Die haben ihr ganzes Bandleben – bis zur Schließung der Kneipe, die Band gibt es ja noch – dort gespielt, immer wieder mal.

    Sänger Paddel (Patrick) hat sogar eine seltsam-schräge Rattenfigur als Talisman bei seinen Auftritten stets dabei. Ohne diese Ratte beginnt kein Enten-Konzert. Beim hervorragenden Konzert auf dem ZMF 2009 musste Paddel, der grad auf der Bühne loslegen wollte, noch mal eilends zurückrudern, um die Ratte zu holen. Keine Ente ohne Ratte.

    Keine Ratte ohne Ente? Na ja, ganz so eng seien sie beiden auch nicht verwoben, relativiert Rolf unsere Nachfrage. Beim Eschholzstraßenfest, als die viel befahrene Nord-Süd-Achse des Stühlinger zu ihrem hundertjährigen Geburtstag mal für einen Tag lang stillgelegt wurde, hat Ratten-Rolf die Band engagiert. Das war 2004. Da haben Die die die Enten suchen draußen gespielt, vor der Hebelschule.

    „Auch an einem der letzten Tage vom Rattenspiegel, dem vorletzten, es war ein Samstag“, erinnert sich Rolf genau, „haben die Enten bei mir gespielt. Das habe ich kurzfristig klargemacht. Es war ein fettes Konzert!“, schwärmt er. „Sogar pünktlich waren die da, also so um 22 Uhr, nur eine Stunde zu spät. Und der Abend war toll. Und voll. In jeder Hinsicht“; fügt der Ex-Wirt vielsagend hinzu und schiebt nach: „Es macht schon Spaß, wenn man den Bierhahn kaum mehr zumachen muss, weil es einfach läuft – und auch Kohle bringt.“ Ausnahmsweise.




Malen nach Zahlen, Malen fürs Zahlen

Denn der Laden war auch „scheißteuer“. „Am Ende habe ich fast 2000 Euro im Monat abgedrückt für Miete und so.“ „Das hat mich einen Haufen Geld, einen Haufen Energie und einen Haufen Zeit gekostet. Du hast immer genug um die Ohren, woran du denken musst.“

Rolf, dessen Leidenschaft dem Malen gehört, meist mit Pastellkreide, kam in die seltsame Situation, dass er, der kaum Zeit hatte, der morgens hundemüde ins Bett fiel und sich gegen Mittag wieder sammelte, um sich dann gleich wieder um die Kneipe zu kümmern, dass er, der Gastronom, phasenweise wie ein Irrer malen musste, um den Laden am Laufen zu halten. „Ich habe ab und zu die Zeit gefunden zu malen und dann mal ein Bild verkauft.“

Kleines Zahlenbeispiel: Vor der Kneipe, wie er es ausdrückt, also vor seiner Zeit als Gastwirt, vor der Kneipe also hat er zehn bis zwölf Bilder im Jahr gemalt. Während seiner Zeit als Kneipier zwei bis drei. Pro Jahr. Seitdem er die „Ratte“ dicht gemacht hat, kommt er auf 20 Bilder im Jahr. Zwanzig!



Den Rattenspiegel hat er 1990 übernommen, offiziell erst 1992, fügt er grinsend hinzu. Den Namen gab es schon, die Kneipe auch, Rolf war, wie er sagt, Gelegenheitsgast. Doch der Wirt wollte irgendwann nicht mehr, das hat Rolf damals mitgekriegt. „Dann habe ich mich gefragt: Soll ich meine Stammkneipe wechseln oder soll ich meine Stammkneipe übernehmen?“ Dann hat er’s einfach gemacht, wird Wirt. „Es ist so einfach, tatsächlich etwas zu machen: Arsch hochkriegen, paar Telefonkontakte, fertig!“

Auch Willard Grant Conspiracy hat er da, also solo in der Ratte spielen gehabt. „Und der war live unglaublich gut“, betont Rolf. Und was hat nicht so gut geklappt? „Howe Gelb hätte ich gern mal da gehabt. Ich hab den mal angelabert, aber an dem habe ich mir die Zähne ausgebissen.“ „Johnny Dowd fand ich auch sehr gut. Letztes Jahr hat er ’ne Platte rausgebracht – ‚Live im Rattenspiegel’. Das freut mich natürlich schon.“ Eine Genugtuung, ein später Adelsschlag. Die Krönung. Und das Jahre später.

Ich frage: Und – vermisst du was, seitdem die Ratte zu ist? Uh, Rolf zögert, zaudert, ziert sich, zappelt auf seinem Stuhl hin und her. „Haaa, hach, das ist eine ganz unangenehme Frage!“ Er bricht es sachlich herunter: „Viele Kontakte von damals habe ich seitdem nicht mehr.“ Anders ausgedrückt: „Konzerte veranstalten war eigentlich das Großartigste: Leute kennenzulernen, die von überall her kamen.“



[Fotos: Porträt - BZ/Privat; Konzertfoto - Caro; Rest - Alex Ochs]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 6
Dienstag, 20.04.10 13:50
 

Schöner Artikel! Schade um die Ratte... Aber wie kommts zu diesem "Nachruf"?

Radler
Dienstag, 20.04.10 14:06
 

Per Velo war mal um die Ecke, wir hatten den selben Kellerzugang wie der Rattenspiegel. Das war schon immer sehr kontrastreich, vor allem im Sommer, wenn man da um 6 Uhr abends mit verbranntem Gesicht und vollkommen durchgeschwitzt dem stets schwarz gekleideten und gesichtsfarbenmäßig dann doch eher aschfahl wirkenden Rolf begegnete. Das war wohl das Tribut an das Nachtleben. Wie dem auch sei, war stets supernett, feiner Kerl, ich wünsch ihm nur das Beste!

Dienstag, 20.04.10 15:09
 

der Rattenspiegel, war ne klasse Zeit :-) Thänx Rolf

Dienstag, 20.04.10 15:35
 

@freiburgtom Rolf ist ein legendärer Freiburger Nachtmacher. Deswegen gehört er - auch ohne Rattenspiegel - in diese Reihe.

Dienstag, 20.04.10 15:36
 

(Und mein Lieblingskonzert im Rattenspiegel war Spookey Ruben.)

Mittwoch, 21.04.10 15:19
 

schande über schande...über mich! denn ich vergaß eines der schönsten, bewegensten, längsten und feuchtesten konzerte zu erwähnen: NIGEL BURCH AND THE FLEA-PIT-ORCHESTRA. die allerallerletzte zugabe ankündigend, sagte NIGEL:"this is song number 38 - we've never done more and i promise we will never do that again"
nun also an dieser stelle: dank an nigel und die fleas - we'll see us in june!

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