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Amtsgericht: Rekonstruktion einer Messerattacke

Ein junger Mann soll im Dezember 2008 zwei andere bei einer Freiburger Disco mit Fausthieben, Tritten und einem Messer erheblich verletzt haben. Das Gericht muss aus den Aussagen von Täter und Opfern den über ein Jahr zurückliegenden Fall rekonstruieren.

Gerichtsverhandlung

Kurz nach 13 Uhr, Amtsgericht Freiburg. Im adrett renovierten Sitzungssaal V legt der Verteidiger gerade Handschuhe und Schal ab und wirft schnell die Robe über, da kommt auch schon die Richterin. Die Verhandlung soll bis 15 Uhr dauern. Wenig Zeit für einen für die Betroffenen schwerwiegenden Fall. Der Angeklagte, Anatolij Winkurow (alle Namen von der Redaktion geändert), soll Ende Dezember 2008 nachts gegen drei Uhr in der Tiefgarage einer Freiburger Diskothek beim Kaufland zwei Personen mit Schlägen, Tritten und einem Messer erheblich verletzt haben. Sechs Zeugen sind geladen.

Zunächst fehlt der Angeklagte, von dem trotz Aktenkenntnis nicht einmal der Verteidiger weiß, wie er aussieht. Er findet sich wartend im Gang vor dem Saal. Die Verhandlung beginnt mit der Verlesung der Anklage, so schnell heruntergeleiert, dass sie kaum verständlich ist. Dann Details zur Person des Angeklagten. Geboren in Almaty, Kasachstan, als Jugendlicher nach Deutschland gekommen. Jetzt ist er 22 Jahre alt, ledig, Dreier-Hauptschulabschluss, kein Beruf. Lebt mit seinem 25jährigen Bruder bei den Eltern und arbeitet mal als Metallbauer, mal als Reinigungskraft in einem Altersheim, wo er 130 Euro verdient, von denen er die Hälfte bei den Eltern abliefert. Oft ist er arbeitslos. Die Mutter hat einen 1,50-Euro-Job, der Vater bekommt über eine Zeitarbeitsfirma Gelegenheitsjobs. Die vier bilden eine Bedarfsgemeinschaft und leben teilweise von Hartz IV.

Der Angeklagte spricht nur mäßig Deutsch, immer wieder muss die Richterin nachhaken, formuliert Fragen um. Wenn er nicht direkt angesprochen wird, sitzt er äußerlich regungslos, still, die Hände ineinandergefaltet. Er ist schlank und athletisch gebaut, mit einem grauen Pullover und dunkelblauen Jeans ordentlich, geradezu konservativ gekleidet und frisiert. Als Berufswunsch gibt er eine Ausbildung zum Masseur an, die er sich aber nicht leisten könne, auch sonst habe er viele Absagen kassiert. Immer wieder fallen ihm Details nicht ein – wie alt war er, als er nach Deutschland gekommen ist, wie die Schule hieß, auf der er seinen Abschluss gemacht hat, wann er wo gearbeitet hat.

Auch seine Schilderung des Tathergangs leidet hierunter. Sprachprobleme, Aufregung? Die Richterin hakt immer wieder nach. Der Angeklagte schildert, die Geschädigten hätten auf dem Parkdeck „herumgeschrieen“, gelacht, er habe nicht verstanden, um was es gegangen sei, aber den Eindruck gehabt, sie suchten Streit. Es sei nach einem Wortgefecht zu einer Rangelei gekommen, dann zu einer Schlägerei.

Einer der Geschädigten habe ihn gepackt, „n bisschen dick kann man so sagen“, beschreibt er, fast verlegen wirkend, den Angreifer. Er habe sich gewehrt. Die Richterin versucht immer wieder zu ordnen, hakt nach: „Hat jemand ein Messer gehabt?“ Der Angeklagte erwidert: „Nein“. Nach der Auseinandersetzung kehrt er zurück in die Disco, wo er später festgenommen wird. Beim Angeklagten, der angibt, zwei Bier und einen Whisky-Cola getrunken zu haben, werden bei der Verhaftung 0,75 Promille festgestellt.

Gerichtsverhandlung

Die Geschädigten Jens Schermann, 24, und Markus Krupa, 23, werden als nächste befragt. Die beiden hätten in der Tiefgarage Markus’ Freundin gesucht. Sie seien angetrunken und „ein bisschen laut“ gewesen, hätten drei Bekannte der Freundin gesehen und nach ihnen gerufen. Der Angeklagte habe sich ihnen genähert, gefragt, warum sie ihn beschimpfen. Schermann sagt aus, er habe gesagt „Lassen Sie uns in Ruhe“, was er auf Nachfrage der Richterin auf „lass uns in Ruhe“ abändert. Man wird laut. Daraufhin habe der Angeklagte Schermann direkt mit einem Fausthieb gegen den Kopf angegriffen.

Krupa geht dazwischen und trägt eine blutende Schnittwunde am Unterarm davon. Er entfernt sich daraufhin, um aus dem Auto der Frauen ein Taschentuch zu holen. Der Verteidiger hakt erstaunt nach: „Ja, und dann haben Sie Ihren Freund seinem Schicksal überlassen?“

Als zwei der Frauen und Krupa vom – oder, je nach Zeugen, auch mit dem – Auto zurückkehren, ist Schermann am Boden und wird vom Angeklagten „bearbeitet“, während die dritte Zeugin versucht, die beiden zu trennen. Die Geschädigten beschreiben übereinstimmend das Messer. Die Richterin lässt sich die Narben der Messerverletzungen zeigen. Der eine hat eine Stich-, der andere eine Schnittverletzung am Unterarm erlitten, dazu Prellungen an Schädel, Jochbein, Unterarm, und Platzwunden.

Viele Details bleiben unklar. Lena Grabowski, 20, die vierte Zeugin, hatte in dieser Nacht „drei bis vier Wodka Bull“ getrunken. Sie kann die Situation nicht mehr gut beschreiben. Waren die Geschädigten zunächst 30 Meter von den Mädchen entfernt? Sechs Meter? Warum schreien sie dann? Sie seien alle recht ausgelassen und laut gewesen. Wer schlägt zuerst zu? Die Fahrerin, Anne Klemper, weiß nicht, wer angefangen hat, es sei alles so schnell gegangen.

Gerichtsverhandlung

Das Messer habe sie gar nicht gesehen. Immer wieder werden leicht unterschiedliche Versionen des Tatverlaufes geschildert. In den von Verteidigung, Gericht und Anklage zusätzlich herangezogenen Aussagen aus den Akten ist vieles kaum wiederzuerkennen. Ein blonder Mann taucht bei manchen Zeugen auf, bei anderen nicht. Mal kniet der Angeklagte auf Schermann, mal steht er vor ihm und tritt auf ihn ein, wogegen sich dieser mit vor das Gesicht gehaltenen Händen zu schützen versucht. Einen ein Jahr zurückliegenden Vorfall, bei dem die Zeugen teils erheblich alkoholisiert waren, zu rekonstruieren, ist harte Arbeit.

Die 32-jährige Polizeimeisterin Sabine Fußmann wird als letzte Zeugin gehört. Vielleicht aufgrund ihres größeren Alters, vielleicht wegen berufsbedingter Routine mit solchen Aussagen, gelingt es ihr, ein klares Bild der Abläufe aus ihrer Perspektive zu zeichnen. Der Angeklagte sei von ihr und ihren Kollegen im Eingangsbereich der Disco gestellt worden und konnte nach kurzer Flucht in einer Dornenhecke gefasst werden. Die mutmaßliche Tatwaffe sei aber nicht mehr gefunden worden. Der Angeklagte habe im Streifenwagen aber gesagt, sie „könnten ihm nichts, sie hätten kein Video, kein Messer“.

Gerichtsverhandlung

Das dritte Mitglied der Mädchengruppe, das nach Aussage der anderen Mädchen am nächsten bei der Schlägerei gewesen ist und versucht hat, Winkurow und Schermann zu trennen, kann nicht befragt werden. Die Zeugin, die inzwischen in Rheinland-Pfalz lebt, hat sich telefonisch krankgemeldet. Nun verhandeln Verteidiger, Ankläger und Richterin direkt miteinander. Die Richterin schlägt vor, die Aussage der Zeugin aus der Akte zu verlesen, was der Verteidiger ablehnt, die Version in der Akte sei „für seinen Mandanten nicht positiv“.

Die Richterin sieht in der Messerattacke auf zwei Personen jedenfalls „keinen minder schweren Fall“. Zur Befragung der vom Verteidiger gewünschten weiteren Zeugen werden noch zwei weitere Termine vereinbart, von denen entlastende Aussagen erhofft werden, während die Anklage den „Tatbeweis“ auch so für erbracht hält. Das Gericht vertagt sich auf Anfang März.

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von phh | 19.02.10, 09:35 | Kommentare (14)
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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 14
Freitag, 19.02.10 10:42
 

Bilderbuchkarriere...

Freitag, 19.02.10 11:33
 

mmmh? duuuu phh? sind die namen echt?



"Die 32-jährige Polizeimeisterin Gaby D. (name schon mal von mir geändert) wird als letzte Zeugin gehört. Vielleicht aufgrund ihres größeren Alters, vielleicht wegen berufsbedingter Routine mit solchen Aussagen, gelingt es ihr, ein klares Bild der Abläufe aus ihrer Perspektive zu zeichnen"

vielleicht auch weil sie nicht schon" 3 - 4 wodka bull", "zwei Bier und einen Whisky-Cola" usw. drinn hatte, die war ja wohl im dienst ;-)

Freitag, 19.02.10 11:51
 

Wie schon im Artikel geschrieben: Alle Namen von der Redaktion geändert.

Freitag, 19.02.10 11:55
 

ohh, mist! danke!

sorry, muss ich irgenwie überlesen haben - ich hoff´ ich habe bei meiner doppelten namensänderung nicht zufälligerweise den richtigen getroffen - (wenn ja sollte ich wohl mal lotto spielen)

,-)

konkret finn
Freitag, 19.02.10 11:57
 

geil, mal eben den namen von der einzigsten kasachischen person stibitzt die man so kennt: alexander winokourov, leider jeweils ein O vergessen...

Freitag, 19.02.10 12:10
 

@finn: Das kommt immer auf die Transkription des Original-Namens Винокуров an. Die mit dem ou ist halt eher die französische Umschrift, die nur mit u eher die deutsche (und das erste o ist wohl eher vergessen worden).

Auch wenn der die einzigste kasachische Person ist, die man kennt, hat er doch nicht eine einzigstartigste Schreibweise..

Freitag, 19.02.10 12:13
 

hä?

Freitag, 19.02.10 12:25
 

und wieder hat die bildungskeule gnadenlos zugeschlagen :-)

Freitag, 19.02.10 13:02
 

@Wolke: Das kommt davon. Er wollte es nicht anders und musste sterben. fudder ist kein schließlich kein Mädchenpensionat.








*switchoff:voll-der-harte-checker*

Freitag, 19.02.10 13:33
 

@jos

wer muste sterben?

häääää?
wat?

Freitag, 19.02.10 14:02
 

ach nix. Grüß Dich, Ringo!

Freitag, 19.02.10 17:03
 

Die haben gehauen.

Freitag, 19.02.10 18:02
 

save jos...

ich verstehs immer noch nicht...!

@marchlewo

ich dachte der soll gestochen haben... und vorher was gesoffen..

Samstag, 20.02.10 10:28
 

Sagt mal, wie gehts euch eigentlich mit dem Thema "Jugendliche und Gewalt"? Ist es tatsächlich heftiger geworden oder haben wir nur das Gefühl weil mehr darüber berichtete wird?
Ist der vielbechworene Satz "in meiner Jugend gabs das so nicht" nur Unsinn oder stimmt das?
Ich hab in meiner Jugend solche eine Häufung von enthemmter Gewalt tatsächlich nicht mitbekommen, das heisst ja aber noch lange nicht dass nicht doch schon solche Zustände geherrscht haben.

Ich würd gern mal lesen, was ihr o drüber denkt.

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