zur Startseite
Passwort vergessen?
 

Wo rockt's? Angelika Express im Waldsee

Angelika Express aus Köln haben ihre letzte Platte mit Hilfe ihrer Fans finanziert, ihr MySpace-Profil gelöscht und treiben sich heute lieber bei Twitter rum. Außerdem macht die Band zackigen Indie-Pop mit deutschen Texten. Und über all' das hat sich Caro mit Sänger Robert Drakogiannakis unterhalten, denn heute Abend kommt die Band ins Waldsee.


Robert, wie würdest Du die Musik von Angelika Express einer tauben Person erklären?


Einer tauben Person? Ich glaube, ich würde sie mit zu einem unserer Konzerte nehmen, dort die ausgedruckten Texte unserer Lieder zu lesen geben, und ihr im hektischen Takt, der unserer Musik zu eigen ist, auf die Schulter klopfen, damit sie die Dringlichkeit versteht, die unserer Musik innenwohnt, aber gleichzeitig eben auch die ironischen Zwischentöne aus den Texten herauslesen kann.

Angelika Express ist im Web 2.0 ausgesprochen aktiv. Erklär mal, was ihr macht, und warum ihr das macht.


Ich glaube, man muss die Leute da abholen, wo sie sind, eben in den Sozialen Netzwerken. Und da wir nicht die Mittel haben, um unsere Konterfreis an jede Plakatwand in Deutschland zu klatschen, müssen wir halt andere Wege suchen. Neben der ökonomischen Notwendigkeit, irgendwie an die Öffentlichkeit zu gehen, auf eine möglichst einfache und günstige Art, die es ja nun mal ist, dieser ganze Netzkram.

Da hat es sich einfach so entwickelt, dass es in diesen Szenerien, bei Bloggern und Twitterern, einfach für uns ganz gute Resonanzen zeigen, und die Leute auch auf unsere Musik anspringen. Der Chaos Computer Club hat uns auch mal auf so ein Event eingeladen zum Spielen, aber das beruht schon auf einer grundlegenden Affinität zu unserer Musik, nicht nur darauf, dass wir im Netz so umtriebig sind.

Ich glaube der organisierte Ungehorsam im Netz ist einfach auch ein guter Nährboden für die Botschaften unserer Musik.

Was sind das für Botschaften?


Es ist ein bunter Strauß verschiedener Ideen und Haltungen, der sich da bei Angelika Express ausdrückt, das ist nicht so plakativ, wie es auf den ersten Blick auch aufgrund der Farbgestaltung der Band scheinen mag.

Eine Botschaft ist auf jeden Fall, dass unsere Musik ein demokratisiertes Grundgefühl hat. Bei unseren Konzerten wollen wir direkt auf die Leute zugehen. 'Hier, wir sind die Macker auf der Bühne, und du darfst jetzt hier nur konsumieren', das gibt’s bei uns nicht. Einen eventuellen Graben vor der Bühne wollen wir unbedingt überwinden.

Du sprichst die ganze Zeit von 'wir', Robert, dabei war Angelika Express mal ein Trio, dann ein Solo-Projekt von Dir, bevor es jetzt wieder ein Trio geworden ist. Wie erlebst Du das selbst?


Hinter Angelika Express steckt eigentlich ein Team. Ich bin zwar der Typ, der den Stein immer ins Rollen bringt, aber dann gibt es die Band, mit der wir nach Außen auftreten, und dann gibt es noch ein Team hinter den Kulissen, das da zugehört, und auch ein paar Leute aus dem Fanbereich, die mitmachen.

Die Definitionen sind bei uns nicht so eng gesteckt. Es geht bei Angelika Express vielleicht auch ein bisschen darum, aus dem Begriff der „Band“ zu einem flexiblen Begriff zu machen, anstatt diese Band zu 100 Prozent an Personen oder Konterfreis festzumachen. Ich könnte mir zum Beispiel auch vorstellen, mir irgendwann mal, wenn ich keine Lust mehr hätte, einen Nachfolger für meinen Job zu suchen, quasi als Indie-Pop-Dieter Bohlen.

Im Rahmen Eurer Web 2.0-Aktivitäten habt ihr das MySpace-Profil von Angelika Express abgeschaltet. Wie kam es dazu?

Ich persönlich habe lange intensiv mit MySpace gearbeitet, auch mit meiner anderern Band, Planetakis. Da hatten wir irgendwann 15.000 MySpace-Freunde. Ich hab dann aber gemerkt, dass das echt ein Zeitfresser ist. Da sind zwar interessante Sachen bei rumgekommen, aber es war auch Prokrastination hoch schwachsinnige Werbebanner, durch die man sich Durchklicken muss, plus sinnlose Mails. Eine unangenehm blinkende Oberfläche mit lauter blinkenden Fake-Messages zu Dingen, die ich gar nicht wissen will. Werbung für Mittel gegen Mundgeruch, zum Beispiel.

Es gab aber einen Augenblick, der war wirklich monolithisch. Ich guckte mir gerade die Angelika MySpace-Seite an, und obendrüber war ein SIDO-Banner, und da wurden Handys verkauft. In der Animation machte Sido so komische, hektische Bewegungen und hat quasi alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und da war mir klar: das ist Kacke.

Ich glaube mittlerweile, unsere Fans, die stehen gar nicht auf MySpace, die sind dafür echt nicht die Zielgruppe. Trotzdem ist aber so, dass alle Veranstalter einen erstmal über MySpace anschreiben, das heißt, man musste sich, um an die dran zu kommen, auch erstmal durch das Interface kämpfen. Ich hatte damals auch noch einen etwas langsameren Computer, da schmierte das Ding auch noch dauernd ab.

Es gab so viele Sachen, die ich am MySpace nicht mochte, es war einfach eine unangenehme Umgebung. Wenn ich mit Leuten ein Netzwerk machen möchte, die Angelika mögen, dann bitte gerne, aber am allerliebsten eben auf der Homepage von Angelika Express. Die ist genau so gemacht, wie wir das wollen, das ist alles drauf, was man so braucht.

Die Networking-Features von MySpace haben sich ja eh darin erschöpft, dass die eine Band der anderen die Kommentare mit Eigenwerbung zugespammt hat. Das kann es ja nicht sein, das hat ja auch nichts mit Kommunikation zu tun. Ich hab es lieber, wenn es so wie jetzt über die Website läuft, dazu ein bisschen Twitter und Facebook.

Facebook hat ja den grundlegenden Vorteil, dass es nicht so arg hässlich personalisiert werden kann.


Stimmt. Da kann man machen, was man will, es bleibt immer langweilig, aber wird eben nicht abgrundtief hässlich. Aber das ist eigentlich auch egal, wenn man einfach mal eben schnell was in die Welt setzen will, dann ist Facebook dafür genau richtig.

Auf den Plakaten, die hier in Freiburg für euer Konzert werben, sind lauter Gesichter drauf. Wer sind die Leute?


Wir haben einfach so rumgefragt: Wer will bei uns auf's Plakat? Für fünf Euro konnte man dabei sein. Und dann haben sich Leute bei uns gemeldet und sind bei uns auf's Plakat gekommen. Wir haben alle was davon: die sind für die Zeit, wo die Plakate hängen, berühmt, und wir haben jetzt nicht extra noch Geld für Plakate ausgeben müssen. So ist allen also ganz ausgezeichnet geholfen worden.

Die Finanzierung eurer letzten Platte habt ihr ähnlich geregelt, oder?


Genau. Da gab es eine Fan-Aktion, die sogenannte Angelika-Aktie, obwohl man das nicht so nennen darf; es war so eine Art Crowd-Sourcing oder auch Fan-Funding.

50 Euro musste man geben, und dann hat man einen Anteil bekommen. Das Geld wurde von uns dazu verwendet, das Album zu finanzieren. Als Investitionsträger bekam man als Dank nicht nur das fertige Album, sondern auch eine EP und die Aussicht, an 80 Prozent der Verkäufe beteiligt zu werden.

Das ist auf sehr offene Ohren gestoßen. Die Nachfrage war so groß, dass wir am Ende die letzten Anteile per Verlosung verteilen mussten. Dass die Leute uns so die Bude eingerannt haben, hat uns echt überrascht. Das Schöne war allerdings, dass uns diese Aktion die Freiheit gegeben hat, das Album so aufzunehmen, wie wir das wollten, und nicht wieder auf einem Major-Label.

Ist das auch ein Modell für andere Bands?


Ich glaube die Aktion war nur möglich, weil wir schon einen gewissen Bekanntheitsgrad hatten, den wir ja eben auch haben, weil wir einmal auf einem Major-Label waren. Wenn man gerade erst anfängt, dann kann man vielleicht seine Hardcore-Believer-Fans fragen, oder die Oma, aber das ist bestimmt nicht so einfach wie das jetzt erfreulicherweise bei uns war.

Ich hab immer gesagt, dass wir der musikalische Mittelstand sind, aber eigentlich würde ich das noch tiefer ansetzen: mit Hängen und Würgen geht es doch immer wieder, dass man von der Musik lebt. Wenn ich der Typ von Tokio Hotel wäre, fände ich das Angelika-Level wahrscheinlich total zum Kotzen, aber ich bin ich und ich finde es super.

Jetzt haben wir fast mehr über die Aktie und das ganze Web 2.0-Zeug geredet, als über die Musik. Was soll jemand wissen, der noch nie einen Eurer Songs gehört hat?

Angelika Express ist seit 2003 als Band unterwegs, mit einer Pause dazwischen. Die musikalische Herkunft liegt sehr tief in der Punkmusik verwurzelt, im britischen Punkrock, aber mit starkem Pop-Anteil. Die Musik ist zwar mit deutschen Texten versehen, aber wir sind eher eine britisch geartet Band.  Briten, die deutsch können, eigentlich. Es gibt einen stilistischen Fuß in der NDW-Szene, eine gewisse Zackigkeit, Dringlichkeit, so ein etwas übereilt hektisches Stellungbeziehen, nicht ganz Durchdenken bevor man spricht. So wie wenn einer jetzt so total aufgeregt ist, dass er jetzt sofort was sagen muss.

 
Angelika Express - Dich gibt's nicht
Quelle: YouTube




 


Was: Angelika Express (Support: You? Spy!)
Wann: Freitag, 13. November 2009, 21 Uhr
Wo: Waldsee, Freiburg
Tickets: 12 Euro




Artikel als E-Mail verschicken Artikel auf Facebook weiterempfehlen Artikel twittern Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diesen Artikel bei del.icio.us bookmarken
 



Kommentare
Anzahl der Kommentare: 2
Freitag, 13.11.09 19:37
 

öhm, will da jemand den alten Gegensatz aus den 80er Jahren wieder beleben: "Neben der ökologischen Notwendigkeit"..sollte dann doch wohl ökono..heißen, immer diese grüne Schleichwerbung

Aber feines Interview: Thanks!

Montag, 16.11.09 12:43
 

Zugegeben: einer meiner lustigeren Rechtschreibfehler. Danke für den Hinweis, Mindchange. :)

Um einen Kommentar zu verfassen, benötigst du ein fudder-Profil. Registriere dich kostenlos oben rechts auf fudder.






Diese Funktion steht nur für eingeloggte fudder-User zur Verfügung.

» fudder-Netiquette





» Biber

re: Probanden für Studie gesucht, 30 Euro!
Ich stelle mir das so vor...

» laz4056

re: Wissen, das oft erst kommt, wenn alles zu spät ist
Ach, wie ist das blöde ;)

» christianhauck

re: Wissen, das oft erst kommt, wenn alles zu spät ist
Du scheinst Dich in Deine...

» URPS

Wissen, das oft erst kommt, wenn alles zu spät ist
Denkfehler haben meist di...

» URPS

re: Petition gegen Markus Lanz
Offensichtlich hatten auc...

» PC_Ente

Das Bananenbaby ist da
Sieh an, sieh an. Sie hat...

» Jan555

re: Die besten Videospiele aller Zeiten
Wenn ich die Zeit, die ic...

» Jan555

re: re: Dinner in the Dark in Freiburg
Ich wüsste etwas, um das ...

» Jan555

re: Probanden für Studie gesucht, 30 Euro!
Hallo Wo genau suchst ...

» URPS

re: Juhu! Alles wird gut ...!!
Wenn es dir langweilig is...