
„Hey! Ich habe wirklich (!) noch nie ein Bild gesehen, wo mir diese riesig gemusterten Tapeten gefallen hätten. Auch in der Werbung nicht Aber bei dir sieht das wirklich gut aus.“ So kommentiert Nutzerin „Calleo“ in der Wohn-Community
wiewohnstdu.de das Wohnzimmer der Nutzerin „Schwedin“.
Die hat ihr Wohnzimmer mit einer auffälligen
Retro-Tapete in Braun, Silber und Weiß gestaltet und für das Foto hergerichtet.

Der Esstisch ist perfekt gedeckt, goldene Kerzen brennen, fast so, als würden gleich Gäste kommen. Alles hat seinen Platz, ist offensichtlich mit einiger Akribie geplant und gestaltet worden. Selbst der Bilderrahmen, in dem ein Portrait des kleinen Sohns ausgestellt wird, ist aufwendig dekoriert.
Auf 13 Fotos präsentiert „Schwedin“ ihr Wohnzimmer; Detailansichten der stylischen Esstischlampe und des Laptopfachs mit Kabelversteck im Wohnzimmerschrank inklusive.
Durchs Schlüsselloch spähen? Überflüssig!
wiewohnstdu.de, vor rund einem Jahr gestartet, ist in das Online-Angebot des Magazins „Schöner Wohnen“ integriert und nur eine von rund einem halben Dutzend Wohn-Communitys in Deutschland, deren Angebote sich nur unwesentlich unterscheiden.
Seiten wie
coolhomes.de,
solebich.de,
mynesto.deoder
zimmerschau.de bieten ihren Nutzern zwei Dinge: erstens den Einblick in den Privatbereich fremder Menschen, ganz ohne durch Schlüssellöcher oder hinter Vorhänge spähen zu müssen, zweitens die Möglichkeit, das eigene Heim zu präsentieren. Schau her, so schön hab’ ich es mir gemacht.
Dazu gibt’s mal mehr, mal weniger
Fachwissen und Tipps rund um Heimwerken und Inneneinrichtung. Nutzerzahlen geben die Betreiber bei der zahlreichen Konkurrenz nicht gerne an; Zimmerschau hat nach eigenen Angaben mehr als 250000 Visits und mehr als 2,5 Millionen Page-Impressions im Monat.
„Es gibt gerade jetzt in der Krise den Trend zum Cocooning, zum Rückzug ins Heim“, sagt
Jan Kurth vom Verband der deutschen Möbelindustrie. „Die Leute wollen sich zu Hause vor der umbarmherzigen Welt da draußen zurückziehen. Wenn ich dort mehr Zeit verbringe, merke ich schnell, wo ich noch etwas verbessern oder verschönern kann.“
Und das freut die Möbelindustrie. 2008 setzte sie rund 19,8 Milliarden Euro um, 1,6 Prozent mehr als im Vorjahr. „Momentan ist die Branche noch vergleichsweise stabil, vor allem, wenn man sich andere Konsumgüterbranchen anschaut“, so Kurth.

An
Kathrin Hepner aus Karlsruhe verdient die Möbelindustrie nicht besonders viel Geld. „Ich hätte kein Problem damit, fertige Möbel zu kaufen, wenn sie so wären, wie ich sie gern hätte“ sagt die 27-Jährige aus Karlsruhe. „Sie müssten dann aber auch noch so günstig sein, wie ich sie selbst herstellen kann.“
Seit rund einem Jahr bloggt die Softwareentwicklerin auf a
whereyourheartis.net (Bild oben) über Möbelrenovierungsprojekte und die Gestaltung ihrer Wohnung. Dort dominieren Pastellfarben und ein fröhlicher Mustermix mit hohem Niedlichkeitsfaktor.
„Ich würde meinen Stil als „Anti-Depressives-Leben“ bezeichnen“, sagt sie lachend und verweist auf einen
Flickr-Pool gleichen Namens. Kathrins Leidenschaften sind das Häkeln und das Nähen; gröbere Arbeiten wie Stühle aufpolstern und Möbel lackieren sind ebenfalls kein Problem für die Heimwerkerin. Tipps für die Blogleser fallen bei ihren Projekten quasi nebenbei ab. Wie zum Beispiel beim
Lackieren: „Rollen benutzen und nur wenig Farbe aufnehmen.“
Die Reaktionen auf hellgelb lackierte Kommoden und selbst gehäkelte, bunte Hockerüberzüge sind allerdings nicht nur positiv. „Was ich mache, ist schon recht polarisierend“, sagt sie. „Ich werde oft gefragt, wie mein Freund damit zurechtkommt, weil mein Stil sehr mädchenhaft ist. Solange die Sachen nützlich sind, ist ihm glücklicherweise egal, wie sie aussehen.“
Während ihr Einrichtungs-Blog für Kathrin ein Hobby ist, ist es für
Holly Becker Beruf und Berufung zugleich. Die gebürtige US-Amerikanerin lebt in Hannover und führt
decor8blog.com (Bild unten). Mehr als 750000 Leser im Monat machen das 2006 gestartete englischsprachige Blog zu einem Schwergewicht der Szene.

"Den Erfolg verdanke ich sowohl Mund-Propaganda in Blogs, als auch Verlinkungen durch große internationale Medien und traditionelle Einrichtungsmagazine wie Elle Decor“, sagt die ausgebildete Inneneinrichterin.
Wohndesign im echten Leben
„Der Wunsch, sein Zuhause zu präsentieren, resultiert meiner Meinung nach aus der Zufriedenheit mit seiner Arbeit. Man ist einfach stolz darauf“, sagt Holly Becker. „Das Innere des eigenen Hauses ist ein sehr intimer Bereich. Außer der Familie und unseren Freunden sieht das sonst niemand“, erklärt sie den Reiz des Einrichtungs-Bloggens sowohl für Blogger als auch für Leser.
„Wenn man diese eigentlich sehr privaten Dinge im Internet mit der ganzen Welt teilt, ist das eine spannende Sache“, führt sie aus. „Man öffnet sich für Feedback und Kritik. Das kann sehr inspirierend wirken.“
Für
Anita Dawoodi, ebenfalls ausgebildete Inneneinrichterin und Betreiberin des
1richtungsblog.com gibt es noch einen weiteren Faktor: "Mir gefällt es einfach, wenn ich weiß, das hinter einem Blog eine Persönlichkeit steht, die mit Leib und Seele bei der Sache ist und ganz unabhängig schreibt.
Ein weiterer Reiz von Einrichtungs-Blogs ist nach auch die
Lebensnähe der vorgestellten Wohnungen und Zimmer.
So, wie im Wohnzimmer von Nutzerin „Schwedin“ bei wiewohnstdu.de. Auf einem der Fotos sind vor der schicken Tapete
zwei Vogelkäfige zu sehen. Es ist eben doch kein Möbelhaus-Katalog, sondern eine echte Wohnung, in der Menschen leben, die neben Tischdekoration und Retro-Tapeten auch noch andere Interessen haben.
Wie schön.
Wohn-Communitys
Einrichtungs-Blogs
Flickr-Gruppen
[Vielen Dank an die Link-Tippgeber auf Twitter & Facebook, die zu dieser Geschichte beigetragen haben, insbesondere
@nordlicht_!]
