Warten auf Thiel. Man trinkt den Kaffee, den die nette Frau hinter der Theke des Café Atlantik einem hingestellt hat, blickt auf die kopfstehenden Whiskeyflaschen: Paddy, Jameson, Four Roses. Daneben eine Tafel, auf der mit Kreide die nächsten Gigs vermerkt sind: „
Krawallbrüder“ am 30. November prägt sich noch am besten ein.
Dann kommt er, aus dem Regen und eine halbe Stunde später. Die
Entschuldigung kann sich hören lassen: „Ich bin aus dem Haus gegangen und wollte in meinen Käfer steigen. Da ist mir eingefallen, dass mir der Wagen letzten Freitag verreckt ist und gar nicht mehr da steht. Also musste ich ein Taxi rufen. Hat gedauert. Sorry.“
Stehengeblieben
Gibt es einen schöneren Gesprächseinstieg als
VW Käfer? Ivor Thiel, 43, hat gleich zwei von ihnen. Einen Baujahr 69 und ebenjenen weißen Faltdachkäfer, Baujahr 62, der unlängst hinter der Bahnhofsunterführung stehenblieb. „Ich wollte zum Kaiserstuhl und Kürbisse für Halloween holen.“

Thiel ist viel unterwegs. Von Kindesbeinen an. Er wurde in
Pau (Frankreich) geboren. Sein Vater war Chemiker, berufsbedingt zogen die Thiels ständig um: zuerst ins Wallis, nach Deutschland, wegen GTZ-Aufträgen nach Algerien, Tunesien und Marokko. 1981 landete Thiel als 16-Jähriger im
Deutsch-Französischen Gymnasium in Freiburg, übrigens in der Klasse von Crashhead
Holger Bührle.
Im Panzer
„Nach dem Abi wusste ich erstmal nicht, wie es weitergehen soll. Eigentlich hätte ich verweigern müssen, denn ich war damals ziemlich ökomäßig drauf, Anti-Atomkraft und so.“ Auf einigen Umwegen wurde Ivor dann aber
Panzerschütze beim Bund. „Ich saß in einem Leopard 1A4. Ein Schuss kostete 1000 Mark.“ Auf diversen Truppenübungsplätzen feuerte Ivor auf ausgediente Panzer und andere Wracks. „Schon seltsam, denn eigentlich war ich Pazifist.“ Gleichwohl war Verweigern in den 1980er Jahren schwieriger als heute und statt deutschen standen noch
russische Soldaten in Afghanistan. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich wirklich auf Menschen schießen müsste, ging gegen Null.“
Platten und Reisen
Ivor Thiel sitzt ein Stockwerk über dem Café Atlantik, das er besitzt. Hier oben ist es ruhiger, das vermietete
Tanzstudio leer. Thiel trinkt Almdudler, Kaffee und lässt die Zeitmaschine zurückrattern ins Jahr 1985: Für das begonnene Chemiestudium verliert Thiel allmählich das Interesse, andere Dinge nehmen mehr Raum ein in seinem Leben: Das Scheitern der ersten großen Beziehung und die Musik. Zuerst Heavy Metal (Saxon, Krokus, Maiden), dann
Wave.
Ivor entdeckte Bands wie Modern English, Bauhaus und
Dead Can Dance und verliebte sich in das Label
4AD, von dem er den kompletten Katalog von 1980 bis 2000 besitzt. „Zwischen 18 und 22 habe ich all mein Geld für Reisen und Platten ausgegeben. Alles andere war mir unwichtig. Meine Großeltern schenkten mir hin und wieder ein Shirt oder ein Paar Schuhe, weil mir Kleidung völlig egal war.“
Thiel trug höchstens mal einen Anhänger der Neubauten, als er 1987 begann, im
Sound aufzulegen, beim legendären Indie-Donnerstag, an dem sich 16-jährige Pennäler gern mit Tequilashots (1 Mark) zuknallten.

Folglich war Ivor auch nicht der stylebetonte Schwarzmann wie sein Freund
Oliver Köble, mit dem er das Wave-Fanzine
Glasnost gründete. Köble und Thiel taten einiges für die Szene in Freiburg: Sie organisierten Konzerte (viele im Crash, aber auch The Legendary Pink Dots im Jazzhaus) und moderierten die
Wave Radio Show bei Radio Dreyeckland, damals noch ein echter Piratensender.
„Das war abenteuerlich. Wir haben die Show auf Kassette vorproduziert, irgendeiner kam dann und hat die eingelegt.“ Die Show wurde von einem kleinen Sender ausgestrahlt, der mobil sein musste, damit die Behörden ihn nicht orten konnten. Der Sendemast stand im Elsass und wurde irgendwann konfisziert. Erst ab
1988 sendeten die Dreyecklandler legal vom Studio auf dem Grethergelände.

Aber wir schweifen ab. Wichtig für die Beantwortung der Frage, wie Thiel im November 1996 genug Geld für den Atlantikkauf aufbringen konnte, ist sein Job bei arte, den er wiederum nur bekam, weil er sein Chemiestudium schmiss und dann ein Romanistikstudium in Freiburg durchzog. Durch Zufall kam er dazu, bei arte „
Puzzle“ zu moderieren, eine Spielsendung mit kulturellem Hintergrund.
Moderator bei Arte
Thiel arbeitete damals schon nebenher als
Koch im Café Atlantik. Man hat sich das wohl so vorzustellen, dass er Sonntagabend die Schürze an den Haken hing, sich ein Sakko anzog, von Basel nach Paris flog und am nächsten Morgen ging’s ab in die Studios. „Im Taxi hab’ ich die Dossiers der Kandidaten gelesen. Wir haben an einem Tag fünf Sendungen á 30 Minuten abgedreht, ich moderierte zweisprachig mit einer Kollegin. Der Job war super bezahlt. Nach dem Dreh sind wir essengegangen, manchmal waren auch Leute wie Gérard Depardieu dabei.“

„Puzzle“ wurde nach einem Jahr vom neuen Programmdirektor abgesetzt, Thiel hatte inzwischen im Atlantik peu á peu die Aufgaben des Ex-Pächters Werner Hildebrandt, genannt
Schnufti, übernommen. „Hildebrandt und Uwe Poralla waren damals Geschäftsführer im Atlantik. Poralla stieg dann aus und gründete mit drei zwei anderen die Relax Gastro GmbH.“ Unter diesem Namen entstanden
Nachtschwärmer-Lokalitäten, bei denen die Ü-30-Fraktion mit der Zunge schnalzt respektive das Gesicht verzieht: Subway (heute Nachtschicht), Le Caveau (heute Kamikaze), Saustall (heute B3, Krozingen), Orange M (heute Mon Minou) und das Clou im Kornhaus.
Der Kauf vom Atlantik
Hildebrandt jedenfalls hatte zu viele Schulden, um das
historische Haus "Zur Brauerei Neumeyer" an der Dreisam von der Immobilienfirma zu kaufen. Auch
Burger King hatte Interesse und wollte am Schwabentorring 1995 über zwei Stockwerke eine Whopperbude eröffnen. Doch Thiel bekam den Zuschlag, obwohl er nur mit Ach und Krach eine knappe Million Mark zusammenkratzen konnte, was deutlich weniger war, als Burger King zu zahlen gewillt war. Das Atlantik gehörte nun ihm. „Lieber, ich zahl' über Jahre hinweg die Bank ab, als dass ich diese astronomischen Pachtsummen hinblättere.“
Thiel hatte jetzt endlich seine Location, in der er
Konzerte veranstalten konnte. Dies tat er von Anfang an zusammen mit Michael Schniep vom Walfisch, den alle nur
Mitch nennen. „Mitch stand irgendwann bei mir am Tresen. Ich kannte ihn vom Sehen aus RDL-Zeiten. Damals moderierte er Nästy Hockwosh, eine ziemlich abgefahrene Sendung, in der die Typen im Studio meist besoffen herumfluchten.“ Heute ist es Mitch, der für Punk- und Metalkonzerte im Atlantik verantwortlich ist. Thiel wird ihm auch bald den
Pachtvertrag für den Walfisch übertragen.
Gigs
Eher die
kleinen Namen sind es, die Thiel als Konzert-Höhepunkte der vergangenen Jahre in Erinnerung geblieben sind:
Caribou, The Do, And also the Trees; die Auftritte im Rahmen des Génériq-Festivals. „Tolle Bands, die von den Leuten aber nicht immer honoriert werden.“ Andersherum gab es im Atlantik viele ausverkaufte Gigs, die musikalisch nicht unbedingt Thiels Ding waren, der von
Bonaparte etwa.
Wenn es passt, steht Thiel immer noch einmal in der Woche hinter der Theke, meistens am Freitag. Ansonsten kümmert er sich um Buchhaltung, Personal und Konzerte. „Das Personal ist mir wichtig“, sagt Thiel, auf dem Foto unten als zweiter von hinten zu sehen bei einem
Ausflug mit seinen Angestellten. „Es muss unsere Philosophie verstehen. Die lautet: Jeder Gast ist willkommen, egal, ob Anzugträger oder einer, der total durch ist und mit seinen vier Hunden reinkommt. Solange man sich benimmt, ist das okay. Es geht um das tolerante Miteinander.“
Schnecken und Spaghetti Pazifik
Die Atlantikcrew, die im Übrigen aus zwei bis drei Festangestellten und zwischen 15 und 35 Jobbern besteht, ist gerade dabei, den
Keller auszubauen, was sich wohl bis ins Frühjahr 2010 hinziehen wird. Dort will Thiel noch mehr Fußball zeigen und kleineren Bands die Möglichkeit für Auftritte bieten. „Im Räng Teng Teng funktioniert das ja auch.“
Und es ist gut möglich, dass Thiel in Zukunft seinen Hauptwohnsitz ins geliebte
Wallis verlagern wird, dann hat er es näher auf die Skipiste. „Das ist ja keine Distanz, drei Tage hier, vier Tage dort, das kann ich mir gut vorstellen.“

Doch erstmal steht die große
Jubiläumssause ins Haus: 25 Jahre Atlantik mit Preisen wie damals. „Das Pils für 2,50, man kann natürlich in Mark zahlen.“
Auf der
Speisekarte von 1984, die morgen ausliegen wird, finden sich einige Spezereien, bei denen Thiel ins Grübeln kommt. „Spaghetti Pazifik, ich glaube, das war mit Hackfleisch und Sahne. Den Rest habe ich vergessen.“ Und die
Schnecken gab es schon nicht mehr, als Thiel in der Atlantikküche anheuerte. „Vielleicht kaufe ich für morgen ein paar. Vielleicht schreib’ ich aber auch dazu: ,Schnecken gibt’s bei uns nur noch hinter der Theke. Und die sind nicht käuflich.“
[Fotos: Weigend, dpa, RDL]
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Was: 25 Jahre Café Atlantik mit der 84er-Karte
Wann: Morgen, Freitag, 6. November 2009
Wo: Café Atlantik, Schwabentorring 7