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Sport mit Handicap: Einarmiger Flügel, blinde Schützin

Fjodor Davidis (14) und Vivian Hösch (18) sind zwei Sportler, die sich über ihr Handicap hinweggesetzt haben. Fjodor spielt gemeinsam mit seinen nicht-behinderten Kollegen im Basketballteam der Staufen Sharks; Vivian ist im Januar deutsche Meisterin geworden im Blinden-Biathlon. Ihre Geschichten zeigen: man sollte Mut haben und ausprobieren, was einem Spaß macht. Allen Widrigkeiten zum Trotz.

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Fjodor Davidis: Flügel mit einem Arm

Als Fjodor Davidis vor 14 Jahren geboren wurde, fehlte ihm der linke Unterarm. Der Arm endete am Ellebogen. „Das ist schon eine Behinderung“, sagt Fjodor. Aber eine Behinderung, die für ihn von Anfang an Normalität war. Dementsprechend unbefangen geht er mit ihr um. Vor zwei Jahren ist der Schüler des Faust-Gymnasiums in Staufen ins Basketballtraining seiner Schule gegangen und hat mitgespielt.

„Wie soll das funktionieren?“, hat sich Trainer Martin Ardelt am Anfang gefragt. Aber er hat schnell gemerkt, dass es klappt. Sehr gut sogar. Die Mitspieler passen Fjodor den Ball zu, er fängt ihn mit der rechten Hand und dem linken Ellebogen. Auch Korbleger von links kann Fjodor ausführen: Mit dem Ellebogen kann Fjodor den Ball abstützen. Die Wurfbewegung macht er mit der rechten Hand.

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„Dass bei ihm etwas anders ist, merkt man recht selten“, sagt Ardelt. Fjodor spielt meist auf der Flügelposition, manchmal auch als Center. „Verteidigung ist meine Spezialität“, sagt er. Aber nicht nur. Im Januar hat er bei einem Turnier in Gundelfingen 16 Körbe erzielt.

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Dass die Staufener Schulkollegen Fjodor als einen ihresgleichen aufnehmen würden, war relativ klar. Aber wie würden die Spieler der gegnerischen Mannschaften reagieren? Immerhin spielt Fjodor bei den Staufen Sharks nicht nur in der U14, sondern auch in der Wettkampfgruppe 3 gegen andere Schulmannschaften.

Fjodor sagt, auch bei diesen Spielen gebe es eigentlich keine Probleme. Im Gegenteil. Er habe es schon öfter erlebt, dass Gegenspieler oder andere Trainer nach dem Match zu ihm kommen und sagen: „Ich finde es toll, dass du mit einer Hand Basketball spielst.“

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Befremden kam nur auf, als Fjodor gegen Mädchen oder schwächere Gegenspieler angetreten ist. Da kamen dann Sprüche wie: „Oh, der hat eine Behinderung. Mal lieber nicht so hart rangehen in den Zweikämpfen.“

Ardelt, der auch Jugendwart vom Bezirk ist, sagt: „Fjodors Behinderung war am Anfang schon ein Thema bei uns Trainern. Wir haben überlegt, ob wir das in der Gruppe ansprechen und fragen sollen, ob jemand damit ein Problem hat. Aber das war nicht notwendig.“ Als die Saison begann, hatte Ardelt kurz überlegt, ob man nicht einen Rundbrief schreiben solle, damit die anderen Trainer vorher bescheid wissen. „Völlig übertrieben, das haben wir gelassen.“

Manchmal wird Fjodor vom Gegner gezwungen, in die Richtung zu dribbeln, in der er durch sein Handicap benachteiligt ist. Aber das macht er durch seine gute Übersicht wieder wett. Ardelt sagt: „Auch Fjodors Mutter war am Anfang skeptisch, ob ihr Sohn bei uns richtig mitspielt oder ob wir ihn nur aus Mitleid mitschleppen. Sie hat sich das im Training angeschaut und gemerkt, dass er ein ganz normales Mitglied unseres Teams ist.“

Fjodor selbst sagt: „Ich habe es eigentlich noch nie gesehen, dass Menschen mit und ohne Behinderung in einer Mannschaft spielen. Ich finde, manche sollten sich einfach trauen. Viele trauen sich nicht, weil sie denken, man würde sie auslachen wegen ihrer Behinderung.“

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Vivian Hösch: Blinde Schützin

Dienstags trainiert sie Kraft und Ausdauer im Zirkel, mittwochs sitzt sie am Rudergerät oder in der Beinpresse, donnerstags übt sie Biathlon, sommers wie winters, also Langlauf oder Rollerski und Schießen, 90 Minuten lang, Freitag das Gleiche wie Donnerstag, nur ohne Schießen: Eine ganz normale Trainingswoche von Vivian Hösch, die obendrein die 12. Klasse des Bertholdgymnasium besucht und sich aufs Abitur vorbereitet. Vivian ist 18 und seit dem neunten Lebensjahr blind. Eine Schützin ohne Augenlicht, wie funktioniert das?

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„Mein Begleitläufer führt mich zum Schießstand“, sagt Vivian. „Ich lege mich bäuchlings auf die Matte, checke Anschlag und Atmung. Der Begleiter geht ein Stück zurück. Dann schieße ich.“ Mit einem drei Kilo schweren Lasergewehr. Beim Schießen richtet sich Vivian nach einem akustischen Signal: Ein Ton, der immer höher und schneller wird und den sie zu deuten weiß. Auch die Tonhöhe nach dem Schuss vermittelt Vivian, ob sie getroffen hat oder nicht. Eine Serie hat fünf Schuss. „Dann stehe ich auf, mein Begleitläufer gibt mir die Stöcke und weiter geht’s.“

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Seit dem Sommer 2006 ist Vivian Mitglied der Gruppe für Behinderten-Skilanglauf mit Biathlon am Olympiastützpunkt Freiburg. Oft trainiert sie am Notschrei. Und man fragt sich als Nicht-Eingeweihter, wie eine Blinde Langlaufsport auf höchstem Niveau betreiben kann – immerhin ist Vivian im Januar deutsche Meisterin geworden.

Sie nimmt einen Schluck Cola, tastet kurz nach dem Handtaschenhalter, den sie an den Cafétisch gehängt hat und sagt: „Auch das Langlaufen geht über akustische Signale. Mein Begleitläufer läuft vor und ruft regelmäßig ,Hopp!’ Daran orientiere ich mich, denn ich laufe frei hinter ihm in der Loipe.“ Wenn es Kurven gibt, kündigt der Begleiter sie an. „Rechts auf Drei“ ist zum Beispiel eine schärfere Kurve als „Rechts auf Eins“. Das richtet sich nach dem Ziffernblatt der Uhr.

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Während sehende Sportler gerade beim Langlauf die vorbeiziehende Natur mit ihren Augen genießen, nimmt Vivian viel Schönes mit ihren Ohren wahr. Zum Beispiel erkennt sie aufgrund des Schalls, wenn Felsen auftauchen. Sie kann auch unterschiedliche Schneearten hören: „Ob er weich und pulvrig ist oder überfroren und eisig.“ Am liebsten mag sie es, wenn er ein bisschen glatt ist, dann kann sie schön beschleunigen. Vor Abfahrten hat sie keine Angst. Bei besonders steilen und kurvenreichen Abfahrten wird sie von ihrem Begleiter abgestützt. Das wird auch bei den Paralympics in Vancouver so sein, nächstes Jahr. Vielleicht wird dieser Wettkampf auch für Vivian noch zu einem Thema werden.

Wie Fjodor hat Vivian am Anfang ihrer Sportlaufbahn mit Nicht-Behinderten trainiert, nämlich Leichtathletik. Doch bei bestimmten Disziplinen, etwa beim Weitsprung, hat sie gemerkt, dass das einfach nicht geht. Jetzt trainiert sie mit fünf Behinderten. Auch ihren Freund hat sie in dieser Gruppe vor anderthalb Jahren kennengelernt: „Er ist von Geburt an querschnittsgelähmt und macht Biathlon im Langlaufschlitten. Mit seinen Armen kann er alles machen, er schießt mit dem Luftgewehr.“

Man traut sich zuerst nicht, Vivian diese Frage zu stellen, aber angesichts ihrer Fröhlichkeit und ihrer Lebensfreude macht man es dann doch: wie verliebt man sich als Blinde? „Hm, das kann man so pauschal doch nicht beantworten. Das läuft bei jedem anders. Wie bei euch Sehenden auch, oder?“

Mehr dazu

fudder.de: Rollstuhl-Basketball in Freiburg
fudder.de: Video - mit dem Rollstuhl auf den Schauinsland

Foto-Galerie: Meinrad Schön & David Weigend

   




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 13
Mittwoch, 06.05.09 09:42
 

Bewundernswert ...

Mittwoch, 06.05.09 10:12
 

absolut!

Mittwoch, 06.05.09 10:27
 

hieran sollte sich jeder ein beispiel nehmen, der keine behinderung hat und wegen jedem scheiss der mal nicht so läuft rumpienzt.

vor diesen beiden da oben habe ich mehr respekt als vor allen ackermanns dieser welt !

kus
Mittwoch, 06.05.09 10:33
 

thumbs up!

Mittwoch, 06.05.09 12:52
 

Wow, wirklich toller Artikel.
Find ich super, dass die zwei sich getraut haben und tun was ihnen Spaß macht :)

ichbinich
Mittwoch, 06.05.09 13:41
 

super Artikel, öffnet hoffentlich ein paar Leuten die Augen!

Mittwoch, 06.05.09 17:09
 

vivian hab ich heut im osp gesehen. klasse, dass sie sowas aus ihrem leben machen, was nicht mal "normale" menschen hinbekommen!

Mittwoch, 06.05.09 18:55
 

Respekt!

Mittwoch, 06.05.09 18:55
 

Respekt!

Ely
Mittwoch, 06.05.09 19:35
 

absolut bewundernswert. ich finde es großartig, dass die beiden trotz ihrer behinderung mit einer leichtigkeit an die sache herangehen, als wäre es das normalste der welt. wirklich toll!

Donnerstag, 07.05.09 09:36
 

Tja, der Alltag eines Behinderten sieht anders aus !

Ich bin nach einem Unfall für einige Wochen auf den Rollstuhl angewiesen.
Seit gestern versuche ich herauszubekommen, welche Möglichkeit ich habe damit von meinem Heimatort nach Freiburg und zurück zu kommen.

Es ist wirklich schade, daß ich diese vergeblichen Versuche nicht aufgezeichnet habe ! Ein Drama mit einer noch unbekannten Zahl von Akten !

Insgesamt dabei involviert: Die DB und drei Busunternehmen, die unsere Gegend bedienen.

Mindestens 10 telefonische Versuche, mit mehrmaligem Hin- und wieder zurück-und im Kreis verbinden, insgesamt etwa 20 Minuten in diversen Warteschleifen, nutzlose Ansagen vom Anrufbeantworter (kostenpflichtig !), Verweise auf andere Verkehrsträger ("Wir sind zwar für diese Buslinie zuständig, aber das macht ein Subunternehmer und wir wissen nicht ob der Niederflurbusse einsetzt"), kurz: geballte Hilflosigkeit !!!

Bei der DB muß man sich zwei (!) Tage vorher anmelden, ansonsten bekam ich dort den "guten Rat", ich solle doch einfach hoffen, daß sich am/im Zug jemand fände der mir rein/raushilft !

Es ist schlicht zum Ko....

Donnerstag, 07.05.09 22:32
 

Toll! :)

Dienstag, 14.09.10 12:11
 

Respekt vor den Leuten hier. Als Kind eines Schwerkriegsbeschädigten, rechter Arm ging im Krieg verloren, hatten für mich Körperbehinderungen auch nichts wesentlich unnormales. Ob als Kind den Vater begleitend in der Behinderten Schwimmgruppe (wo es einige recht heftige Behinderungen zu sehen gab) oder später den Vater sowohl autofahrend wie auch segelfliegend zu erleben, war der vorherrschende und eigentlich normale Eindruck.
Auffällig vielleicht war, dass den behinderten Menschen eine starke Willenskraft zu eigen war.

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