
Eine
depressive Weltsicht zu pflegen, das ist in. Allerorten wird die Krise beschworen, in Wirtschaft, Medien und beim FC Bayern München. Man hat Angst vor der Schweinegrippe, so ziemlich jede Band, die noch nicht auf den Disko-Wagen aufgesprungen ist, zelebriert die Melancholie und überhaupt, den Kopf hängen lassen und traurig dreingucken, das ist doch cool. Finden nicht nur die Emo-Kids mit den Haaren im Gesicht.
Mit Depressionen hat all’ das nichts zu tun. Denn eine Depression ist keine Geisteshaltung, nicht cool, nicht stylisch und hat auch so gar nichts mit dahingesagten Sätzen wie „Ach, ich bin heute wieder so depri“, zu tun.
Depression ist, wenn man morgens nicht aufstehen und nachts nicht schlafen kann, wenn jede Unterhaltung, jede Begegnung mit anderen Menschen wehtut, das Alleinsein aber auch. Wenn Duschen und sich Anziehen zur höchsten, einzigen Leistung des Tages werden. Wenn kein Essen mehr schmeckt, man gar nicht mehr isst, oder zu viel, auf der Suche nach irgendeinem Glücksgefühl. Wenn man im Job oder in der Uni nur noch
Minimalleistung erbringen kann, weil man vergesslich ist und kaum einem Gedanken mehr folgen kann oder schon eine Panikattacke bekommt, wenn man auch nur an das Großraumbüro, den Hörsaal, die Besprechung oder Prüfungssituation denkt.
Depression ist eine Krankheit. Eine echte Krankheit, keine eingebildete, nichts, das man sich abgewöhnen oder aus dem man sich „einfach mal rausreißen“ kann, wie gut meinende Freunde das einem Depressiven gerne einmal raten.
Karo, Protagonistin von
‚Mängelexemplar’, lustig, verschroben, Muster-Mittzwanzigerin in Berlin, erwischt die Krankheit Depression aus dem Nichts heraus, so wie eine Grippe. Klar, sie hat ihren Job bei einer Event-Agentur verloren, endlich ihre lange vor sich hindümpelnde Beziehung beendet, aber das sind Sachen, die man doch eigentlich gut verpacken sollte, als flexibler junger Mensch. Aber – BOOM – schon sind sie da in ihrem Leben, erst die Trauer, dann die Panik. Karo hat Freunde, die bessere Ratschläge geben als „Du musst Dich anstrengen und da rausreißen“. In ihrer ersten Panikattacke hilft ihr ein Freund in die Notaufnahme, danach zur Psychotherapeutin, später zum Psychiater.
‚Mängelexemplar’ ist
keine literarische Höchstleistung. Sarah Kuttner zündet ein Metaphernfeuerwerk nach dem anderen ab, schreibt für’s Jetzt und für keinen anderen Moment. In zehn Jahren werden ihre Popkulturverweise so antiquiert und albern wirken, wie das heute Benjamin von Stuckrad-Barres ‚Soloalbum’ tut. Auch bei der Charaktergestaltung tappt die Autorin so manches Mal in die Klischeefalle, trägt zu dick auf (wie der Psychiater im ersten Satz des Romans, der die Depression als ein ‚fucking Event’ bezeichnet – nach dem Satz möchte man das Buch eigentlich fast schon aus der Hand legen), oder gestaltet zu wenig aus, geht zu wenig in die Tiefe. Aber diese kleinen Mängel des ‚Mängelexemplars’ sind total egal.

Denn das Thema Depressionen trifft Sarah Kuttner unfassbar gut. Es gelingt ihr, das Unbeschreibliche zu beschreiben: die
Atemlosigkeit einer Panikattacke, die nicht enden wollenden Müdigkeit, die alles umfassenden Traurig- und Antriebslosigkeit der Depression. Auch die Beschreibung von Karos Umgang mit der Krankheit gelingt ihr exemplarisch. Und ihr holprige Weg zurück in eine Beziehung mit einem anderen Menschen wird einfühlsam und treffend beschrieben.
Sarah Kuttner schreibt über das Thema Depressionen so gut, dass man sich als Leser zwangsläufig fragt, ob der Roman autobiographisch sein könnten. Zum einen, weil man sich als Ex-Kuttner-Zuschauer die Moderatorin im Privatleben so anstrengend, lustig, extrem und nervig vorstellt wie Karo, zum anderen, weil ihre Schilderungen so intim, so erlebt wirken. Und war da nicht erst die Trennung von Ärzte-Sänger Bela B.? All’ diese
Spekulationen weist Sarah Kuttner von sich. „Ich bin in meinem Umfeld auf das Thema gestoßen“, versichert sie in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. „Ich bekomme seit Jahren mit, dass viele Leute diese Probleme haben. Irgendwann habe ich gedacht, es ist interessant, das aufzuschreiben.“ Und interessant ist es, ja. Ihr Roman zeigt den typischen Weg mit und durch die Krankheit Depression.
Ein
lesenswertes, lehrreiches, sensibles Buch, das man als Depressiver wohl kaum ertragen kann - denn lesen, Fernsehen, Medienkonsum gehen ja schließlich kaum, wenn man depressiv ist, weil einem nicht nur die Empathie für sich selber, sondern auch für alle fiktive Personen abhanden kommt.
Wenn man eine Depression überwunden hat, liefert der Roman unter Umständen echte Flashbacks – schließlich verblasst die Erinnerung an dahinvegetierte depressive Tage, Wochen, Monate, die allein durch die Besuche beim Psychotherapeuten und die regelmäßige Medikamenteneinnahme Struktur erhielten, glücklicherweise irgendwann. Und alle Glücklichen, die noch keine höchstpersönliche Bekanntschaft mit der Depression gemacht haben, kann das Buch
sensibilisieren, die Depression – egal ob bei sich selbst oder im Freundes- und Bekanntenkreis - ernst zu nehmen und sinnvolle Schritte zur Genesung einzuleiten.
Web: Sarah Kuttner
MängelexemplarS. Fischer Verlag
ISBN 3100422058
14,95 Euro