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Der rappende Lehrer: Blockparty im Klassenzimmer

HipHop im Französisch-Unterricht: Am Deutsch-Französischen Gymnasium (DFG) in Freiburg lernen die Schüler Grammatik und Vokabeln, indem sie rappen. Mathias Schillmöller, Französisch-Lehrer am DFG, hat sich das ausgedacht und ein Buch dazu veröffentlicht. Ein Besuch bei der 7b, die ganz ohne albernes "yo, yo!" auskommt [mit Video].

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Wo sind wir denn hier gelandet? Es läuft ein Beat im Stil von Dr. Dre zur „Chronic“-Phase; zwölf 13-jährige Mädels und Jungs stehen im Klassenraum vor ihren Tischen. Sie klatschen, trippeln mit ihren Turnschuhen im Takt und rappen. Französische Sätze. Im einheitlichen Stakkato. Es klingt zwar noch nicht nach IAM, aber weitaus besser als in der Obiwerbung. Vorne ein Lehrer, der das Ganze koordiniert, korrigiert oder lobt: „Oue! C’est génial!“ Bereitet er seine Schützlinge auf einen Besuch in der banlieue von Strasbourg vor? Soll das etwa Unterricht sein?

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Früher, in den 1990er Jahren, ist es das höchste der Gefühle gewesen, wenn Schüler im Franz-LK am Ende des Schuljahrs ein Referat über ihre Lieblingsmusiker oder über Chansons halten durften. Schnee von gestern. Am Deutsch-Französischen Gymnasium (DFG) in Freiburg lernen die Schüler Französisch, indem sie selbst rappen. Ausgedacht hat sich das der Mann mit dem weißen Carohemd, der es in Sachen Engagement und Aktivität mit der halben Nordtribüne des Dreisamstadions aufnehmen könnte.

Der 42-Jährige will „das klassische Unterrichtsschema durchbrechen“, wie er sagt. Er bedient sich dabei der Jugendkultur Hip Hop. Nicht anbiedernd, sondern zeitgemäß. „Kein Bomberwestenrap, sondern die echten Themen der Straße.“ Louise Attaque, Abd Al Malik, solche Künstler hört er und baut ihre Musik direkt in den Unterricht ein.

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Zum Beispiel nimmt er den Text „Mourir A 30 Ans“ (Sterben mit 30 Jahren) von Abd Al Malik (der im Juli beim Lörracher Stimmenfestival auftreten wird) und trägt seinen Schülern auf, über dieses Rapschema einen eigenen Text zu schreiben. „Manchmal machen sie das auch jeweils zu zweit, dann tragen sie den Rap abwechselnd als Dialog vor“, sagt Schillmöller. Für die älteren Schüler organisiert er auch Schreib-Workshops mit dem Straßburger Rapper Yan Gilg. „Da geht es dann inhaltlich zum Beispiel um Afrika und Europa: Wie ist unsere Einstellung zu Jugendlichen aus Afrika? Letztlich: wie gehen wir mit dem Fremden um?“



Schillmöller informiert seine Schüler vorab, etwa mit Filmen über afrikanische Soldaten, die während der Weltkriege im Dienste Frankreichs kämpfen mussten. Danach verarbeiten die Schüler das Gesehene in freier Prosa. „Viele von denen sind so fit, die bauen sich die Beats auch selber“, sagt der Oberstudienrat.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer – er unterrichtet am DFG übrigens auch Musik – widmet sich Mathias Schillmöller als Künstler und Autor eigenen Projekten. Er leitet den Freiburger Astrid-Lindgren-Kinderchor, er ist Jazz-Musiker und inszeniert zurzeit in Guebwiller (Elsass) Ravels Oper „L'enfant et les sortilèges”. Sein Lebenstraum, wie er sagt.



Der 42-Jährige inszeniert nicht nur Opern, sondern auch seinen Unterricht. Er will sein Wissen so vermitteln, dass es möglichst lebendig rüberkommt und eingeübt wird. „Ich versuche, die Schüler zu überraschen. Den Unterricht für alle so zu öffnen, dass er zum Erlebnis wird. Das muss man bieten, wenn wir die Jugendlichen heute noch kriegen wollen.”

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Und, kriegt er sie? Offensichtlich schon. Wir sprechen nach der Französischstunde mit Florian Eckert (Foto, links) aus der 7b. Privat hört er auch Hip Hop, allerdings eher amerikanischen, Eminem oder Chamillionaire. Florian sagt: „Mir gefällt dieser Unterricht. Die Grammatik prägt sich durch den Rap ganz gut ein. Man hat die Melodie als Ohrwurm im Kopf. Da fällt einem zum Beispiel gleich ein: bei Menschen muss es,ce qui’ heißen und nicht ,ce que’.“



Benotet wird die Reimerei nicht, dafür die mündliche Mitarbeit. Und die ist, zumindest in der 7b, rege. Was auch daran liegen mag, dass die Schüler seit der fünften Klasse mit Rap im Unterricht vertraut gemacht wurden. „Wir kommen schnell rein in die Übungen“, sagt Florian, der in Französisch derzeit auf „einer guten 2“ steht. „Und wir haben ja auch mitgearbeitet am Übungsbuch. Viele Ideen stammen von uns.“

Schillmöllers Unterricht gleicht keiner durchgehenden Blockparty. Rap ja, aber nicht nur. „Die Schüler haben heute mehr denn je den Anspruch, dass Lehrer ihnen etwas Ernsthaftes bieten. Doch wenn man zwischendurch dem Unterricht etwas Pep gibt, beispielsweise am Anfang oder am Ende der Stunde, dann schafft das einen guten Grundrhythmus.” DFG

Nicht alle seiner Schüler sind von Anfang an von Schillmöllers Unterricht überzeugt. „Ich habe auch Schüler, die mir sagen, dass der Rap ihnen nicht liegt. Die finden die Musik doof.”

Dennoch hat Schillmöller mit seiner Lehrmethode bundesweit Erfolg. Und an den französischen Collèges stellte man fest, dass junge Franzosen oft die eigene Sprache nicht mehr richtig beherrschen. „Die sprechen ja nur noch per SMS. Überall, auch in der französischen Didaktik, ist man auf der Suche nach witzigen Unterrichtsmethoden”, sagt Schillmöller. Sein Buch R'apprends le Français wird nun in weitere Sprachen übersetzt.

Video: Mathias Schillmöller - der rappende Lehrer (4:30 Min.)





Rappen im Unterricht (4:30 Min.)




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 4
Donnerstag, 30.04.09 10:07
 

Ich bin ja - eigentlich - kein Anhänger von Rap, aber ich find das mal richtig klasse.

Donnerstag, 30.04.09 10:25
 

Quelle bonne idée !
Für mich waren in der Schulzeit die Texte von MC Solaar eine révélation! Und faszinierend fande ich auch "verlens", die Umgangssprache der Jugendlichen: Silben werden in umgekehrter Reihenfolge gesprochen: fête - teouf

Theo
Donnerstag, 30.04.09 11:43
 

Franz-LK am DFG, alles klar

Donnerstag, 30.04.09 15:50
 

Ich bevorzuge eigentlich mehr Deathmetalgegrunze, um meinen Studenten Sprachen näherzubringen... ;)

Zitat: Nicht alle seiner Schüler sind von Anfang an von Schillmöllers Unterricht überzeugt. „Ich habe auch Schüler, die mir sagen, dass der Rap ihnen nicht liegt. Die finden die Musik doof.”

Genau da liegt auch das Problem, ich hätte das wohl schon als Schüler völlig albern gefunden, aber es gibt sicherlich Klassen bei denen das - in Maßen - funktioniert. Einprägen durch bzw. mit Hilfe einer Rhythmisierung (z.B. Merkverse) ist aber eigentlich schon ein ziemlich alter Hut und die Kritik daran ebenfalls, schon bei Xenophon (4. Jh. v. Chr.) kann man dazu eine - wie ich finde - amüsante (von mir etwas modernisierte) Episode lesen:

"Nun sage, Nikeratos, auf welches Wissen du dir sehr viel einbildest!"
"Mein Vater wollte, dass ich ein guter Mann werde und zwang mich, alle Epen Homers zu lernen, auch jetzt könnte ich noch die gesamte Ilias und Odyssee auswendig vortragen."
"Dir ist aber schon klar, dass das die professionellen Homersänger auch alle können?"
"Ja sicher, ich hör' ihnen ja fast täglich zu!"
"Kennst du irgendeine Menschengruppe, die dümmer ist als sie?"
"Nein."
"Stimmt. Denn sie haben überhaupt keinen blassen Schimmer vom SINN dessen, was sie uns vorsingen"

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