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Erbrechen gehört zum Ritual: Ein Soziologe über das Phänomen Ballermann

Sacha Szabo, 39, ist Soziologe und betreibt "Unterhaltungswissenschaft". In seiner Doktorarbeit untersuchte er Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Danach erforschte er die Welt von Playmobilfiguren und die der Schlümpfe. fudder gab er Auskunft über seine soziologischen Betrachtungen und Interpretationen zum Party-Phänomen 'Ballermann' auf Mallorca.

 

Was fasziniert die Menschen an diesen Sommer-Sonne-Strand-Gelagen? Warum fahren die Leute dahin?

Der Ballermann ist, und so wird er auch vermarktet, Karneval fürs ganze Jahr. Dort kann eine gewisse Auszeit vom Alltag genommen werden und über diesen Urlaub vom Alltäglichen hat sich eine bestimmte Kultur entwickelt.

Besteht diese Kultur nur aus Sangria-Eimern und Sommer-Hits?

Dies sind Teile dieser Kultur. Hier gibt es die vier zentralen Elemente des Karnevals: Erstens die Aufhebung alltäglicher Normen – die Sexualmoral ist gelockert. Zweitens werden verschiedene soziale Schichten vermischt. Drittens findet eine Aneignung von Herrschaftsinsignien statt. Das klingt vielleicht bisschen hoch gegriffen, aber bei Jürgen Drews, der sich als König von Mallorca ausgibt, haben wir dieses karnevaleske Motiv. Das spannendste ist das vierte Element, nämlich dass religiöse Rituale ironisiert werden. Das Eimer-Trinken ist, zugespitzt, tatsächlich ein Ritual. Dieser Eimer mit den langen Strohhalmen initiiert ein Gemeinschafts- oder Gruppengefühl. Das ist eine modernere Form des Stammtischs, wo man aus dem Humpen trinkt. Außerdem ist interessant, dass die Übersetzung von „Sangria“ „Blut“ bedeutet. Dieses „Blut“ und die gemeinschaftsbildende Funktion zusammengenommen ergibt eine gewisse Parallele zum christlichen Abendmahl.


Ist das nicht bisschen weit hergeholt?

Rituale, auch das christliche Abendmahl, reagieren auf bestimmte menschliche Bedürfnisse, gestehen Menschen eine bestimmte Form von Spiritualität zu. Der Unterschied ist natürlich, dass die religiöse Botschaft nachhaltig ist. Bei solchen Vergnügungskulturen fällt diese Nachhaltigkeit weg. Dann gibt es nur noch das reine Ritual, das im Unterschied zur Kirche den Rausch, die Ekstase in den Vordergrund stellt.


Hier sind also nur die Kopfschmerzen nachhaltig?

Ja. Und was auch dazugehört, ist das Erbrechen. Diese Übelkeit wird bewusst in Kauf genommen – Sangria ist gezuckert und hat viele Früchte, die sehr leicht ein Unwohlsein erzeugen können. Dieses Erbrechen ist auch Teil des Erlebnisses Ballermann. Es wird mit einem gewissen Stolz erzählt: „Ich hab gestern so viel getrunken, dass ich mich dort an der Ecke übergeben musste.“


Warum ist dieser Ritualort für Deutsche ausgerechnet Mallorca geworden?

Neben dem stereotypen Bild des Südens mit Sonne, Strand und Meer kommt hinzu, dass Mallorca eines der ersten Ziele war, die pauschal angeflogen wurden und damit für Bevölkerungsschichten mit geringem Einkommen zugänglich waren. Daher die Bezeichnung „Putzfraueninsel“. Ein interessantes „Zitat“ ist, dass aus den Putzeimern, die mit der Putzfrau in Verbindung gebracht werden, der Alkohol konsumiert wird. Wir sehen hier wieder die Figur der Verkehrung: etwas, das eigentlich abschätzig gemeint ist, wird angeeignet und zu einem Teil der Ballermann-Identität umgeformt.


Sind die Eimer wirklich ein Zitat oder werden sie nur benutzt, weil sie billig und transportabel sind und 5 Liter reinpassen?

Natürlich gibt es auch diese praktischen und ökonomischen Gründe. Wir kennen viele dieser Gefäße – der Humpen, der Stiefel – aus denen in Gemeinschaft getrunken wird. Aber es wundert natürlich schon, dass hier ein Gefäß benutzt wird, das intuitiv als nicht sehr hygienisch empfunden wird und das auch als Begriff einen gewissen Ekel erzeugt. Genau dieses wird benutzt, um ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen.



Apropos Gemeinschaft: Fährt man nur dorthin, um dieses Gruppengefühl zu erleben? Gehört das zum Ritus?

Jedes Jahr fliegen ca. 3,5 Millionen Deutsche nach Mallorca. Darunter gibt es Gruppen, die den Ballermann gezielt ansteuern. Diese Gruppen kann man schon beim Hinflug erkennen: Sie tragen besondere T-Shirts. Auf einem schönen Exemplar stand: „Willst du einen haben, musst du alle nehmen!“ Es wird im Vorfeld eine sehr starke Gruppenidentität gebildet. Man begibt sich als Gruppe dort hinein, erlebt was, verfällt dem der Ekstase und kehrt dann wieder zurück. Dann erkennt man die gleichen Besucher wieder, die jetzt ganz andere Souvenirs tragen, etwa die Werbe-T-Shirts der Großdiskotheken und Trinkhallen, Cowboyhüte mit Werbeaufdrucken, die jetzt als Erinnerungsstücke und Belege dafür gelten: „Ich war da!“


Quasi als Pilgerreise?

Dieser Begriff passt nicht so recht. Bei der Pilgerreise ist der Weg das eigentliche Erleben, beim Ballermann ist der Festakt das zentrale Element. Der besteht darin, dass ich mich gegen Mittag einstimme, am Abend in das Geschehen eintauche und mich am nächsten Morgen in der Sonne ausschlafe. Dies wird mit einer gewissen Kontinuität gemacht.

Ein weiteres pseudoreligiöses Zitat: Die größte Diskothek dort, der Megapark, wird in einem Gebäude abgehalten, das einer Kirchenruine gleicht – mit gotischen Fenstern, in die kirchenfensterähnliche Bilder eingelassen sind, die Hopfen und Malz preisen.


Wie haben sich die Rituale in den letzten Jahren verändert?

Neuerdings werden die deutschen Vergnügungsviertel, also El Arenal und Palma, von der Inselregierung als imageschädigend angesehen und sehr restriktiv behandelt. Das eben erwähnte Eimersaufen ist eigentlich untersagt. Natürlich wird das umgangen: Man kauft einfach Strohhalme, Eimer und Alkoholika einzeln. Und es wird auch die Außenlautstärke begrenzt, weswegen sich das eigentliche Geschehen in die Festräume verlagert.


Sonne und Strand fehlen dann, die Riten bleiben aber gleich?

Nun, die Sonne fehlt oft auch so, weil ein Großteil des Geschehens in der Nacht stattfindet. Aber es verlagert sich tatsächlich sehr. Das kann man etwa am Ballermann 6, dem „Idealtypus“ in unserer Vorstellung, sehen. Der hat sich in seinem Erscheinungsbild stark verändert. Ursprünglich war davor ein großer Auflauf, es wurde laute Musik gespielt, und auch auf dem Strandabschnitt um den Ballermann 6 herum fand sehr viel statt. Dies wurde durch politische Entscheidungen sehr stark reglementiert und verlagert sich in diese Lokalitäten: in den Bierkönig, den Megapark, in die Schinkenstraße und die Bierstraße.


Was ist die Faszination an diesem Phänomen, dass auch so viele Medien darüber berichten? Da sieht man doch nur nackte rote Oberkörper und Saufgelage.

Bei der Festkultur in Deutschland steht der Ballermann im Sommerloch. Im Winter gibt es die Apres-Ski-Events, im Frühjahr und im Herbst viele Jahrmärkte und im Sommer eigentlich nur diese Urlaubsorte. Für uns Zuschauer ist es interessant, die Mitmenschen bei einem Normbruch zu erleben: wie sie aus ihrer Rolle herausfallen, wie sie in Situationen sind, bei denen uns schon beim Zusehen ein Gefühl des Fremdschämens überkommt. Der zweite interessante Punkt für die Medien ist die hohe Eigenidentität dieses Ortes. Das geschieht durch Protagonisten wie Jürgen Drews oder Mickie Krause, aktuell sind es die Autohändler, letztes Jahr war es das Lied vom kleinen Hai. Da hat sich eine sehr eingängige Kultur entwickelt, die auch medial von einer hohen Attraktivität besetzt ist.


Sie waren selbst lange Zeit dort und haben beobachtet?

Ich war nicht lange dort, aber ich forsche seit langem über Vergnügungskultur. Da lag es nahe, dass ich mir den Ballermann angucken musste. Ich habe mich vorher sehr stark über die Attraktionen an Kirmes und Vergnügungsparks angenähert und bin mit dieser Vorstellung auch an den Ballermann herangegangen. Aber ich fand das alles nicht vor. Was ich vorfand, war ein soziales Ereignis – man könnte es Besäufnis nennen – aber es ist wesentlich mehr. Es wird gemeinsam gesungen und gefeiert. Ich habe eine gewisse Faszination dafür gefunden. Beim zweiten Forschungsbesuch bin ich dann sehr bewusst über den Ballermann gegangen, habe sehr dezidiert nach bestimmten Motiven gesucht.
Der Forschungsansatz, den ich gewählt hab, ist ein sozialphänomenologischer, er lebt sehr stark von der teilnehmenden Beobachtung. Die Gefahr besteht natürlich, wenn man die teilnehmende Beobachtung übertreibt, dass das eigene Urteilsvermögen und die Wahrnehmung zu stark getrübt werden. Deshalb konnte ich nicht wirklich teilnehmen.


Wie kann man sich Sie dort vorstellen? Laufen Sie im Anzug über den Strand?

Es war ein Gedanke, ob ich mir ein T-Shirt machen soll „Soziologe bei der Arbeit“. Tatsächlich habe ich einfach Strandkleidung getragen, mich an diese Orte begeben und mich mit den Besuchern unterhalten. Bei den Discobesuchen kann man natürlich auch nicht als Soziologe auftreten, muss sich der Umgebung anpassen und Mimikri betreiben.


Sind Ihre Seminare an der Uni bei so „populären“ Themen überlaufen?

Nun, das hängt zum einen vom Thema ab. Die Seminare, die ich anbiete, beschäftigen sich in der Regel sehr stark mit der Alltagskultur und dem wissenschaftlichen Blick darauf. Und sie erfreuen sich innerhalb der Kultursoziologie eines gewissen Zuspruchs.


Welche Projekte haben Sie in der nächsten Zukunft vor?

Das aktuelle Forschungsprojekt ist, dass wir versuchen zu beschreiben, wie Markenidentitäten entstehen. Bislang werden Marken sehr stark aus wirtschaftswissenschaftlicher und aus psychologischer Sicht beschrieben. Sie werden auf der eine Seite über Design bestimmt. Aber darüber hinaus gibt es bestimmte Legenden, eine bestimmte narrative Struktur. Und die ist für uns wichtig. Dass Marken auch eine Identität bilden können, ist eine Fragestellung, die vorrangig von der Soziologie beantwortet werden kann.


Das heißt, Sie können erklären, warum Pepsi cooler ist als Coca Cola?

Genau. Wir können erklären, warum Pepsi cooler ist als Coca Cola, wobei ich eingestehen muss, dass ich Coca-Cola-Trinker bin. Was wir zum Beispiel erklären können, ist etwa, dass sich um Coca Cola sehr viele moderne Mythen herumranken, etwa das Gerücht „Cola löst den Magen auf“ oder dass ein Stück Fleisch, in Cola eingelegt, nach ein paar Tagen weg ist. Solche Mythen entstehen um bestimmte Produkte herum und um andere nicht. Jetzt ist es spannend zu schauen, was passiert damit? Diese Produkte und Mythen bekommen dann ein Eigenleben. Sie verselbständigen sich. Sie können in bestimmte andere Diskurse eindringen, übernehmen dort eine Funktion und werden ihrerseits wieder zitiert. Dies zeichnet eine gelungene Markenkonzeption gegenüber einer weniger gut durchdachten aus. Und wir als Soziologen können nun die sozialen und kulturellen Prozesse sehr gut abbilden.


Also ist aus Ihrer Sicht Coca Cola cooler als Pepsi?

(zögert lange) Ein klares Vielleicht.







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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 24
Mittwoch, 11.03.09 15:06
 

cool, soziologentag auf fudder! sehr schöner bericht.

Mittwoch, 11.03.09 16:02
 

jepp, schöns interview. aber 2 dinge:
die analogie mit dem blut ist wohl etwas arg weit hergeholt. das trinken ist zwar ein ritual, was vielleicht ans christliche abendmahl erinnert, aber dass sangre blut bedeutet ist doch nur zufall. die würden sangria auch trinken, wenn er pumuckel, vomito oder grtfqwzft hiesse. den getränkenamen als argument für die ritualisierung des namens anzuführen, halte ich für unangebracht.

dass sich das eimersaufen auf den begriff putzfraueninsel zurückführen lässt, halte ich für eine mär.
die kurzform von cuba libre ist cubata. dieser ausdruck hat sich in spanien für alle möglichen drinks durchgesetzt. teilweise wird auch das glas/der plastikbecher einfach so benannt. nach und nach haben sich immer grössere trinkgefässe durchgesetzt, die dann doch auf grund ihrer grösse an einen kleinen eimer erinnern. das spanische wort für eimer/kübel ist auch cubo. der ursprung des eimersaufens ist also eher hier zu suchen.


Mittwoch, 11.03.09 16:03
 

pardon, es sollte heissen: ...den getränkenamen als argument für die ritualisierung des trinkens...

Mittwoch, 11.03.09 16:10
 

Nix Neues: Kennen wir seit antiken bacchantischen Ritualen. Gleich jedem Massenbesäufnis vulgär-religiöse Intentionen zu unterstellen, ist vielleicht provokant, aber nicht weiterführend.

Dass Sangria "Blut" heißt, ist auf die rote Färbung zurückzuführen. Basta.

Und dass das Zeug gesoffen wird wie blöd, liegt daran, dass es süß ist und knallt. Basta.

Das war´s.

Trotzdem schön, dass wir drüber geredet haben und ein Doktor mehr produziert wird.

Mittwoch, 11.03.09 16:42
 

ich weiß nicht ob ichs mehr albern, pervers oder ekelig finden soll...

Mittwoch, 11.03.09 17:35
 

Ich dachte immer das wäre der Satz bei Heroinabhängige, interessant das es jetzt bei Alkohol auch der Fall ist.

Mittwoch, 11.03.09 17:44
 

@ dunja:

Erbrechen als Ritual" betreiben auch Studentenverbindungen beim Saufen. Beliebtes Spiel: Auf jede Seite der "Tafel" reihen sich die Mitglieder von zwei Verbindungen auf. Jeder kriegt soviel Bier, wie er sich zutraut, z.B. 1-2 Liter. Am Ende muss jede Gruppe insgesamt die gleiche Menge runterschlucken - nicht unbedingt trinken: Dafür steht nämlich eine Kotzschüssel auf dem Tisch.

Für das kleine Kotzen zwischendurch gibt es auf der Toilette übrigens den "Papst", eine Art Urinal, nur eben speziell zu Kotzen.

Soviel zum religiösen Aspekt...

cms
Mittwoch, 11.03.09 18:06
 

Hm, meine Spanischkenntnisse mögen gering sein, aber ich dachte immer, dass das spanische Wort für Blut "sangre" ist und "sangría" eher "das Abstechen" oder "der Aderlass" bedeutet. Daraus ließe sich sicherlich auch etwas konstruieren, ähnlich wie aus den Putzeimern. Die Interpretation finde ich arg weit hergeholt. Hat Herr Szabo im Nebenfach Kunstgeschichte gehabt? Die sind auch immer gut in weit hergeholten Interpretationen... Ansonsten sehr schönes Interview und ein spannendes Thema!

+om
Mittwoch, 11.03.09 18:17
 

...aber am besten ist immer noch....

Mittwoch, 11.03.09 18:19
 

@+om:...ja, was denn nun?

Mittwoch, 11.03.09 18:23
 

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Das Interview finde ich gut und kurzweilig geschrieben, und ich gönne grds. jedem seinen Doktor, egal, wie absurd oder abseitig seine Forschungsergebnisse sind ;)

Mittwoch, 11.03.09 20:53
 

da hat das recherchieren wohl viel spass gemacht...

"Erstens die Aufhebung alltäglicher Normen – die Sexualmoral ist gelockert. Zweitens werden verschiedene soziale Schichten vermischt. Drittens findet eine Aneignung von Herrschaftsinsignien statt"

mit dem trick füllen sich seit jahrhunderten kneipen und diskos, auch ohne pseudoreligiösen hintergrund.

"Das spannendste ist das vierte Element, nämlich dass religiöse Rituale ironisiert werden. Das Eimer-Trinken ist, zugespitzt, tatsächlich ein Ritual. Dieser Eimer mit den langen Strohhalmen initiiert ein Gemeinschafts- oder Gruppengefühl. Das ist eine modernere Form des Stammtischs, wo man aus dem Humpen trinkt"

basierend auf der zuerst genannten aussage würde ich eher mal sagen: besoffene tante=leichter ungeschützten sex am strand bekommen bzw. sich so hersaufen, dass man sich traut lallend "entschuldigung, ficken?" zu schreien.

„Ich hab gestern so viel getrunken, dass ich mich dort an der Ecke übergeben musste.“

hört man montags in JEDEM klassenzimmer ab klassen stufe 6...

"Aber es wundert natürlich schon, dass hier ein Gefäß benutzt wird, das intuitiv als nicht sehr hygienisch empfunden wird und das auch als Begriff einen gewissen Ekel erzeugt. Genau dieses wird benutzt, um ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen."

club xyz, 4 morgens, abschleppen leicht gemacht...

"Willst du einen haben, musst du alle nehmen!“ Es wird im Vorfeld eine sehr starke Gruppenidentität gebildet. Man begibt sich als Gruppe dort hinein, erlebt was, verfällt dem der Ekstase und kehrt dann wieder zurück."

machen z.b. die scheissnazis doch auch so, und die will man net...

"Neuerdings werden die deutschen Vergnügungsviertel, also El Arenal und Palma, von der Inselregierung als imageschädigend angesehen und sehr restriktiv behandelt. Das eben erwähnte Eimersaufen ist eigentlich untersagt. Natürlich wird das umgangen: Man kauft einfach Strohhalme, Eimer und Alkoholika einzeln. Und es wird auch die Außenlautstärke begrenzt, weswegen sich das eigentliche Geschehen in die Festräume verlagert."

kla, ruhe auf mallorca bzw. gruppen, die mit einem in braunem papier eingepackten eimer durch die strassen laufen...

"Für uns Zuschauer ist es interessant, die Mitmenschen bei einem Normbruch zu erleben: wie sie aus ihrer Rolle herausfallen, wie sie in Situationen sind, bei denen uns schon beim Zusehen ein Gefühl des Fremdschämens überkommt."

das hat doch eher was mit eiskalter berechnung seitens der sender und einem "paaah, so würd ich mich nieeeee gehen lassen" seitens des zuschauers zu tun (obwohl schon seit monaten der ausflug mit dem kegelverein gebucht ist)

nix gegen dass interview und dafür nen doktor bekommen verdient gleich noch nen ehrendoktor hinterher, aber irgendwie find ich das ganze nich überzeugend...

poiu
Mittwoch, 11.03.09 21:17
 

@Jass: Treffender Kommentar.

Wenn man das Interview kritisch liest, muss man sich fragen, wo der Erkenntnisgewinn liegen soll?!

Mittwoch, 11.03.09 21:31
 

Zitat: Gleich jedem Massenbesäufnis vulgär-religiöse Intentionen zu unterstellen, ist vielleicht provokant, aber nicht weiterführend.

Macht er doch gar nicht, er spricht von Ironisierung religiöser Rituale und provokant ist das nun ja wirklich nicht.
Die Soziologie muss im Rahmen ihres geltenden Paradigmas, in dem der Ritualbegriff, obwohl er keineswegs fest definiert ist, eine überaus wichtige Position einnimmt, fast zwangsläufig jede Handlung als Ritual ansehen, das tun mittlerweile übrigens sogar Sprachwissenschaftler mit vielen Formen der Alltagskommunikation.
Rituale dienen - einer gängigen Definition zufolge - dazu, soziale Ordnung zu schaffen und das ist tatsächlich auch hier zu beobachten.
Der Vergleich des Eimersaufens mit dem christlichen Abendmahl und anderen religiösen Ritualen ist m.E. auch gar nicht so weit hergeholt, "sakrale" Gerätschaften, "Messdiener", formalisierte Sprache und Ablauf, ein bestimmter Rahmen usw., die Begründung mit der Etymologie ist natürlich wissenschaftlich nicht haltbar, aber ein bisschen spinnen gehört auch mal dazu... ;)

Der Ritualforscher würde jetzt wohl sagen, dass man oft gar nicht mehr merkt, dass man sich in einem Ritual befindet bzw. das Ritual und seine Elemente und Funktionen als solche oft gar nicht mehr wahrnimmt. In der Tat wird der Begriff "Ritual" sowohl auf Routinen jeder Art, wie auch auf auch symbolische Handlungen angewendet. Dass Jass als Ritualteilnehmer das Element "Lockerung der Sexualmoral", das Herr Szabo ja wohl auch nicht ohne Grund als erstes Element angegeben hat, als ausschlaggebend ansieht, ändert doch nichts daran, dass es für andere (auch) Ersatzreligion sein kann. Man geht heutzutage auch vermehrt davon aus, Rituale als performative Akte anzusehen (in etwa vergleichbar mit Theaterspielen), die Sinn stiften sollen, welcher das dann im Speziellen ist, kann natürlich unterschiedlich sein, aber es gibt auch Leute, die in die Kirche wegen der bunten Fenster gehen... ;)

Mittwoch, 11.03.09 21:36
 

Mit etwas Weihrauch wird´s gleich noch bunter...

Danke für die Ausführungen, Zeitgeist ;)

Mittwoch, 11.03.09 21:57
 

Ja, der "Ballermann"......

Lebe selbst seit geraumer Zeit auf Mallorca und habe daher diesen Bericht mit Interesse gelesen.

Man kann alles versuchen zu Erklären und damit auch zu Verklären.....
DAS geniale Party-Element "Sonne, Strand und Meer" scheint mir bei der "Betrachtung" des Autoren aber etwas zu kurz zu kommen.

Dazu noch günstige Flug- und Übernachtungspreise, genug Einkaufsmöglichkeiten auch für den kleinen Geldbeutel, ein Haufen junger ( und auch "alter") Leute, die einfach nur ihren Spaß haben wollen, das macht den Ballermann aus!!




Mittwoch, 11.03.09 22:06
 

P.S.: und "Erbrechen" gehört keinesfalls zum "Ritual" sondern ist allenfalls die (unangenehme) Folge davon......

Donnerstag, 12.03.09 00:22
 

Interessant war es für mich zu sehen, in welch minimaler Entfernung sich von No. 6 alles völlig normalisiert. Sicher "Schinkenstrasse" oder "Bierkönig" sind schon reichlich heftig. Und der reichlich fliessende Alkohol macht die Leute auch nicht gerade intelligenter, doch interssant zu vermerken, dass selbst so ein Klischeeschuppen wie das "Oberbayern" (zumindest vor geraumer Zeit) eine richtig schnuckelige Disco unter dem Heino- und Drews-Bereich hatte.

Den Begriff "Putzfraueninsel" habe ich mir bei meinem zweiten Besuch auf Mallorca, der mich das erste Mal an die Playa de Palma führte /(Balneario 11) jedenfalls zügigst abgewöhnt. Dafür mist die Insel doch zu schön.

Und ob jetzt besoffene Putzfrauen aus Deutschland auf Mallorca oder besoffen aus dem Gebüsch der Corniche an der Cote d'Azur krabbelnde rothäutige Engländer ...(habe ich eine Nation vergessen?)... Peinlich ist es in jedem Fall.

cms
Donnerstag, 12.03.09 08:43
 

@ glider: Du hast die schweden vergessen.:-)

@ fanman: Ich denke schon, dass das Erbrechen für manche mit zum Ritual gehört, bei Mallorca-Besuchern (und auch in Deutschland) ebenso, wie bei Burschenschaften, wo es das Ritual des Sprungweizens gibt. Man stellt sich auf einen Stuhl, trinkt ein Weizen auf Ex und hüpft runter. Das Weizen sprudelt und bricht sich sofort wieder Bahn aus seinem neuem Gefäß heraus. Hier ist das Erbrechen ganz eindeutig Teil des ritualisierten Alkoholkonsums.

Ex-Moskito
Donnerstag, 12.03.09 09:01
 

Ich bekenne:

Immer wieder entsteht in mir als Naturwissenschaftler so etwas wie Neid wenn ich sehe, mit was man sich so als Geisteswissenschaftler so beschäftigt und vor allem, was man dann daraus für Schlüsse ziehen kann/darf. Ich arme Sau muss alles experimentell und in der Realität nachvollziehbar belegen, als Geisteswissenschaftler hingegen darf ich rumbehaupten und finden, dass es eine Art hat. Also wirklich.

Zugegeben, ich habe den Vorteil, Kritikern das Maul stopfen zu können wenn ich sauber gearbeitet habe, als Geisteswissenschaftler muss ich mir dagegen ein Art Lobby schaffen, die das was ich behaupte auf eine Art einleuchtend findet, so ist man natürlich auf Gedeih und Verderben einer Cliquenwirtschaft ausgesetzt...

Donnerstag, 12.03.09 09:09
 

schön und gut, aber kotzen als ausübung der religion (hahaha) ist dann doch bissl zu weit hergeholt...gemeinschaftskiffen z.b. müsst ja dann (zumindest aufm ballermann) auch erlaubt werden...zumindest wenn die komponenten einzeln zusammengekauft werden;-)

Donnerstag, 12.03.09 09:42
 

Zitat: schön und gut, aber kotzen als ausübung der religion (hahaha) ist dann doch bissl zu weit hergeholt

Ich würd' mich damit auch nicht zuweit aus dem Fenster lehnen, aber kultische Reinigungsrituale mitsamt / durch Erbrechen sind für die griechische Antike bezeugt und spielen auch z.B. im Ayurveda eine wichtige Rolle.

Donnerstag, 12.03.09 09:46
 

@ Zeitgeist: Stimmt. Bei verschiedene Amazonas-Stämmen gilt das ebenso, außerdem in Südamerika, sobald Peyote im Spiel ist.

Donnerstag, 12.03.09 09:49
 

habe auch nie was gegenteiliges behauptet...nur heutzutage so einen absturz (oder was auch immer) religiös motiviert zu begehen ist für mich weit hergeholt. rituale hin oder her...

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