Sacha Szabo, 39, ist Soziologe und betreibt "Unterhaltungswissenschaft". In seiner Doktorarbeit untersuchte er Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Danach erforschte er die Welt von Playmobilfiguren und die der Schlümpfe. fudder gab er Auskunft über seine soziologischen Betrachtungen und Interpretationen zum Party-Phänomen 'Ballermann' auf Mallorca.




jepp, schöns interview. aber 2 dinge:
die analogie mit dem blut ist wohl etwas arg weit hergeholt. das trinken ist zwar ein ritual, was vielleicht ans christliche abendmahl erinnert, aber dass sangre blut bedeutet ist doch nur zufall. die würden sangria auch trinken, wenn er pumuckel, vomito oder grtfqwzft hiesse. den getränkenamen als argument für die ritualisierung des namens anzuführen, halte ich für unangebracht.
dass sich das eimersaufen auf den begriff putzfraueninsel zurückführen lässt, halte ich für eine mär.
die kurzform von cuba libre ist cubata. dieser ausdruck hat sich in spanien für alle möglichen drinks durchgesetzt. teilweise wird auch das glas/der plastikbecher einfach so benannt. nach und nach haben sich immer grössere trinkgefässe durchgesetzt, die dann doch auf grund ihrer grösse an einen kleinen eimer erinnern. das spanische wort für eimer/kübel ist auch cubo. der ursprung des eimersaufens ist also eher hier zu suchen.
Nix Neues: Kennen wir seit antiken bacchantischen Ritualen. Gleich jedem Massenbesäufnis vulgär-religiöse Intentionen zu unterstellen, ist vielleicht provokant, aber nicht weiterführend.
Dass Sangria "Blut" heißt, ist auf die rote Färbung zurückzuführen. Basta.
Und dass das Zeug gesoffen wird wie blöd, liegt daran, dass es süß ist und knallt. Basta.
Das war´s.
Trotzdem schön, dass wir drüber geredet haben und ein Doktor mehr produziert wird.
Ich dachte immer das wäre der Satz bei Heroinabhängige, interessant das es jetzt bei Alkohol auch der Fall ist.
@ dunja:
Erbrechen als Ritual" betreiben auch Studentenverbindungen beim Saufen. Beliebtes Spiel: Auf jede Seite der "Tafel" reihen sich die Mitglieder von zwei Verbindungen auf. Jeder kriegt soviel Bier, wie er sich zutraut, z.B. 1-2 Liter. Am Ende muss jede Gruppe insgesamt die gleiche Menge runterschlucken - nicht unbedingt trinken: Dafür steht nämlich eine Kotzschüssel auf dem Tisch.
Für das kleine Kotzen zwischendurch gibt es auf der Toilette übrigens den "Papst", eine Art Urinal, nur eben speziell zu Kotzen.
Soviel zum religiösen Aspekt...
Hm, meine Spanischkenntnisse mögen gering sein, aber ich dachte immer, dass das spanische Wort für Blut "sangre" ist und "sangría" eher "das Abstechen" oder "der Aderlass" bedeutet. Daraus ließe sich sicherlich auch etwas konstruieren, ähnlich wie aus den Putzeimern. Die Interpretation finde ich arg weit hergeholt. Hat Herr Szabo im Nebenfach Kunstgeschichte gehabt? Die sind auch immer gut in weit hergeholten Interpretationen... Ansonsten sehr schönes Interview und ein spannendes Thema!
Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Das Interview finde ich gut und kurzweilig geschrieben, und ich gönne grds. jedem seinen Doktor, egal, wie absurd oder abseitig seine Forschungsergebnisse sind ;)
da hat das recherchieren wohl viel spass gemacht...
"Erstens die Aufhebung alltäglicher Normen – die Sexualmoral ist gelockert. Zweitens werden verschiedene soziale Schichten vermischt. Drittens findet eine Aneignung von Herrschaftsinsignien statt"
mit dem trick füllen sich seit jahrhunderten kneipen und diskos, auch ohne pseudoreligiösen hintergrund.
"Das spannendste ist das vierte Element, nämlich dass religiöse Rituale ironisiert werden. Das Eimer-Trinken ist, zugespitzt, tatsächlich ein Ritual. Dieser Eimer mit den langen Strohhalmen initiiert ein Gemeinschafts- oder Gruppengefühl. Das ist eine modernere Form des Stammtischs, wo man aus dem Humpen trinkt"
basierend auf der zuerst genannten aussage würde ich eher mal sagen: besoffene tante=leichter ungeschützten sex am strand bekommen bzw. sich so hersaufen, dass man sich traut lallend "entschuldigung, ficken?" zu schreien.
„Ich hab gestern so viel getrunken, dass ich mich dort an der Ecke übergeben musste.“
hört man montags in JEDEM klassenzimmer ab klassen stufe 6...
"Aber es wundert natürlich schon, dass hier ein Gefäß benutzt wird, das intuitiv als nicht sehr hygienisch empfunden wird und das auch als Begriff einen gewissen Ekel erzeugt. Genau dieses wird benutzt, um ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen."
club xyz, 4 morgens, abschleppen leicht gemacht...
"Willst du einen haben, musst du alle nehmen!“ Es wird im Vorfeld eine sehr starke Gruppenidentität gebildet. Man begibt sich als Gruppe dort hinein, erlebt was, verfällt dem der Ekstase und kehrt dann wieder zurück."
machen z.b. die scheissnazis doch auch so, und die will man net...
"Neuerdings werden die deutschen Vergnügungsviertel, also El Arenal und Palma, von der Inselregierung als imageschädigend angesehen und sehr restriktiv behandelt. Das eben erwähnte Eimersaufen ist eigentlich untersagt. Natürlich wird das umgangen: Man kauft einfach Strohhalme, Eimer und Alkoholika einzeln. Und es wird auch die Außenlautstärke begrenzt, weswegen sich das eigentliche Geschehen in die Festräume verlagert."
kla, ruhe auf mallorca bzw. gruppen, die mit einem in braunem papier eingepackten eimer durch die strassen laufen...
"Für uns Zuschauer ist es interessant, die Mitmenschen bei einem Normbruch zu erleben: wie sie aus ihrer Rolle herausfallen, wie sie in Situationen sind, bei denen uns schon beim Zusehen ein Gefühl des Fremdschämens überkommt."
das hat doch eher was mit eiskalter berechnung seitens der sender und einem "paaah, so würd ich mich nieeeee gehen lassen" seitens des zuschauers zu tun (obwohl schon seit monaten der ausflug mit dem kegelverein gebucht ist)
nix gegen dass interview und dafür nen doktor bekommen verdient gleich noch nen ehrendoktor hinterher, aber irgendwie find ich das ganze nich überzeugend...
@Jass: Treffender Kommentar.
Wenn man das Interview kritisch liest, muss man sich fragen, wo der Erkenntnisgewinn liegen soll?!
Zitat: Gleich jedem Massenbesäufnis vulgär-religiöse Intentionen zu unterstellen, ist vielleicht provokant, aber nicht weiterführend.
Macht er doch gar nicht, er spricht von Ironisierung religiöser Rituale und provokant ist das nun ja wirklich nicht.
Die Soziologie muss im Rahmen ihres geltenden Paradigmas, in dem der Ritualbegriff, obwohl er keineswegs fest definiert ist, eine überaus wichtige Position einnimmt, fast zwangsläufig jede Handlung als Ritual ansehen, das tun mittlerweile übrigens sogar Sprachwissenschaftler mit vielen Formen der Alltagskommunikation.
Rituale dienen - einer gängigen Definition zufolge - dazu, soziale Ordnung zu schaffen und das ist tatsächlich auch hier zu beobachten.
Der Vergleich des Eimersaufens mit dem christlichen Abendmahl und anderen religiösen Ritualen ist m.E. auch gar nicht so weit hergeholt, "sakrale" Gerätschaften, "Messdiener", formalisierte Sprache und Ablauf, ein bestimmter Rahmen usw., die Begründung mit der Etymologie ist natürlich wissenschaftlich nicht haltbar, aber ein bisschen spinnen gehört auch mal dazu... ;)
Der Ritualforscher würde jetzt wohl sagen, dass man oft gar nicht mehr merkt, dass man sich in einem Ritual befindet bzw. das Ritual und seine Elemente und Funktionen als solche oft gar nicht mehr wahrnimmt. In der Tat wird der Begriff "Ritual" sowohl auf Routinen jeder Art, wie auch auf auch symbolische Handlungen angewendet. Dass Jass als Ritualteilnehmer das Element "Lockerung der Sexualmoral", das Herr Szabo ja wohl auch nicht ohne Grund als erstes Element angegeben hat, als ausschlaggebend ansieht, ändert doch nichts daran, dass es für andere (auch) Ersatzreligion sein kann. Man geht heutzutage auch vermehrt davon aus, Rituale als performative Akte anzusehen (in etwa vergleichbar mit Theaterspielen), die Sinn stiften sollen, welcher das dann im Speziellen ist, kann natürlich unterschiedlich sein, aber es gibt auch Leute, die in die Kirche wegen der bunten Fenster gehen... ;)
Ja, der "Ballermann"......
Lebe selbst seit geraumer Zeit auf Mallorca und habe daher diesen Bericht mit Interesse gelesen.
Man kann alles versuchen zu Erklären und damit auch zu Verklären.....
DAS geniale Party-Element "Sonne, Strand und Meer" scheint mir bei der "Betrachtung" des Autoren aber etwas zu kurz zu kommen.
Dazu noch günstige Flug- und Übernachtungspreise, genug Einkaufsmöglichkeiten auch für den kleinen Geldbeutel, ein Haufen junger ( und auch "alter") Leute, die einfach nur ihren Spaß haben wollen, das macht den Ballermann aus!!
P.S.: und "Erbrechen" gehört keinesfalls zum "Ritual" sondern ist allenfalls die (unangenehme) Folge davon......
Interessant war es für mich zu sehen, in welch minimaler Entfernung sich von No. 6 alles völlig normalisiert. Sicher "Schinkenstrasse" oder "Bierkönig" sind schon reichlich heftig. Und der reichlich fliessende Alkohol macht die Leute auch nicht gerade intelligenter, doch interssant zu vermerken, dass selbst so ein Klischeeschuppen wie das "Oberbayern" (zumindest vor geraumer Zeit) eine richtig schnuckelige Disco unter dem Heino- und Drews-Bereich hatte.
Den Begriff "Putzfraueninsel" habe ich mir bei meinem zweiten Besuch auf Mallorca, der mich das erste Mal an die Playa de Palma führte /(Balneario 11) jedenfalls zügigst abgewöhnt. Dafür mist die Insel doch zu schön.
Und ob jetzt besoffene Putzfrauen aus Deutschland auf Mallorca oder besoffen aus dem Gebüsch der Corniche an der Cote d'Azur krabbelnde rothäutige Engländer ...(habe ich eine Nation vergessen?)... Peinlich ist es in jedem Fall.
@ glider: Du hast die schweden vergessen.:-)
@ fanman: Ich denke schon, dass das Erbrechen für manche mit zum Ritual gehört, bei Mallorca-Besuchern (und auch in Deutschland) ebenso, wie bei Burschenschaften, wo es das Ritual des Sprungweizens gibt. Man stellt sich auf einen Stuhl, trinkt ein Weizen auf Ex und hüpft runter. Das Weizen sprudelt und bricht sich sofort wieder Bahn aus seinem neuem Gefäß heraus. Hier ist das Erbrechen ganz eindeutig Teil des ritualisierten Alkoholkonsums.
Ich bekenne:
Immer wieder entsteht in mir als Naturwissenschaftler so etwas wie Neid wenn ich sehe, mit was man sich so als Geisteswissenschaftler so beschäftigt und vor allem, was man dann daraus für Schlüsse ziehen kann/darf. Ich arme Sau muss alles experimentell und in der Realität nachvollziehbar belegen, als Geisteswissenschaftler hingegen darf ich rumbehaupten und finden, dass es eine Art hat. Also wirklich.
Zugegeben, ich habe den Vorteil, Kritikern das Maul stopfen zu können wenn ich sauber gearbeitet habe, als Geisteswissenschaftler muss ich mir dagegen ein Art Lobby schaffen, die das was ich behaupte auf eine Art einleuchtend findet, so ist man natürlich auf Gedeih und Verderben einer Cliquenwirtschaft ausgesetzt...
schön und gut, aber kotzen als ausübung der religion (hahaha) ist dann doch bissl zu weit hergeholt...gemeinschaftskiffen z.b. müsst ja dann (zumindest aufm ballermann) auch erlaubt werden...zumindest wenn die komponenten einzeln zusammengekauft werden;-)
Zitat: schön und gut, aber kotzen als ausübung der religion (hahaha) ist dann doch bissl zu weit hergeholt
Ich würd' mich damit auch nicht zuweit aus dem Fenster lehnen, aber kultische Reinigungsrituale mitsamt / durch Erbrechen sind für die griechische Antike bezeugt und spielen auch z.B. im Ayurveda eine wichtige Rolle.
@ Zeitgeist: Stimmt. Bei verschiedene Amazonas-Stämmen gilt das ebenso, außerdem in Südamerika, sobald Peyote im Spiel ist.