Die Jungs an der Tür…
…treten heute in Gestallt zweier höflicher,
junger Damen vom Ticketservice des SWR auf. Alles läuft ab, wie bei einem gewöhnlichen Konzert. Statt Stempel gibt es Karten: 16 € für Normalsterbliche, 8 € für Studenten. Ein Euro weniger hätten es auch getan. Egal, es wird ja einiges geboten: Top-Komponist, Top-Dirigent, Top-Solist und Top-Orchester. Und danach eine Lounge, die sich hoffentlich nicht als Flop herausstellt.
Zunächst einmal bekomme ich aber keine Karte mehr.
Ausverkauft. Klar: Freitag der 13. Was hatte ich erwartet. Da sei leider überhaupt nichts zu machen, der Saal sei bestuhlt, Feuerschutzregelung etc. Und dann macht das Schicksal dem Aberglauben doch noch einen Strich durch die Rechnung: Wie von Zauberhand – The Next David Copperfield – taucht doch noch eine allerletzte Karte auf.
Event-Check

Mit der neuen Veranstaltungsreihe
LinieZwei / Klassik Lounge will das SWR Sinfonieorchester, verstehe ich es richtig, Menschen erreichen, die ihren Feierabend nicht im Konzerthaus, sondern in der Kneipe oder im Club verbringen. Jeder Abend besteht aus zwei Teilen: zuerst ein Konzert im großen Saal, dann ein DJ-Set im Foyer. Anders gesagt: erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Als Konzert steht
Wolfgang Rihms „Über die Linie II“ auf dem Programm. Nur doof, dass der Karlsruher Komponist heute trotz Ankündigung nicht anwesend ist, um sein Stück mit dem Dirigenten Sylvain Cambreling und dem Klarinettisten Jörg Widmann zu besprechen. „Schiebung! Geld zurück!“ skandiere ich im Geiste, will schon aufspringen, schaffe es aber gerade noch, mich zu beherrschen und widme mich lieber dem informativen Zwiegespräch zwischen Dirigent und Solist. Cambreling hört sich an, wie einst Natalie Licard bei Harald Schmidt und Widmann schaut aus der Wäsche wie der perfekte Schwiegersohn.
Das täuscht. Widmann rockt die Klarinette, wie einst
Jimi Hendrix die Stromgitarre. Dagegen sieht das in minimalistischem Schwarz angetretene Orchester blass aus. Und Cambreling bleibt nichts anderes übrig, als unschuldig und sichtlich beeindruckt seinen weißen
Mozartzopf swingen zu lassen.
Das rund 40-minütige Stück selber unterhält im gewohnten Rihm’schen Eklektizismus; Neue-Musik-Puristen würden verächtlich von
Mainstream sprechen. Ein gehaltvoller, aber leichtverdaulicher Eintopf also, bestehend aus klirrenden Hitchcock-Psycho-Streichern, barocker, sich ins Irre hinaufschraubenden Passionsschwelgerei, gedoppelten HipHop-Punchlines sowie jazzigen Klarinetten-Glissandi und auf der Harfe gezupftem Action-Painting. Und obwohl mir bei jener kurzweiligen Berg- und Talfahrt die Struktur fehlt, sehe ich mich am Ende enthusiastisch klatschen.
Wer war da?

Die
U30-Fraktion kann man an zwei Händen abzählen – einmal von den Orchestermitgliedern abgesehen, die den Altersdurchschnitt drastisch senken. Ansonsten: das klassische hüstelnde Konzerthaus-Abo-Publikum und etablierte Mittvierziger, die gerne Jazz und Weltmusik hören und dabei Rioja vom Drexler trinken. Eigentlich ja kein Ding. Mach ich ja auch. Schade nur, dass das Chaos und die Rebellion, die stürmende und drängende Energie der Jugend heute hier nicht zu Gast ist.
Inneneinrichtung & Deko

Vielleicht hätte man das E-Werk in seinem ausreichend dekorativen Rohzustand belassen sollen. Oder die Rootdown-Dekorateure Owald & Ernesto engagieren sollen. Oder meinetwegen die SushiCutters mit ihren Live-Visuals. Wahrscheinlich wäre einiges besser gekommen, als – „weil man das so macht“ – schüchtern das gelungene LinieZwei-Logo an die Wand zu werfen und das DJ-Pult mit jenem roten Chiffon zu drapieren, den ich zuletzt noch auf der Hochzeit eines Freundes gesehen habe.

Dass überall runde
Bistrotische samt Stühlen aufgestellt sind, stört erstmal nicht. Dass darauf aber Ikea-Windlichter und -Vasen mit weißem Oleander stehen, treibt den Coolness-Faktor der Lounge Richtung Null. Zum Glück sehe ich noch ein paar weißlich blaue Kugellampen, deren kaltes Licht und spaciges Design einen eindrucksvollen Kontrast zu den – Lob! – tollen Kerzenständern bilden.
Party-Atmosphäre & Klangwaren-TÜV

Obwohl viele Leute nach dem Konzert gehen, bleiben noch genügend, um den zweiten Teil des Abends, die
Klassik Lounge, nicht leer aussehen zu lassen. Was an Publikum geflüchtet ist, wird durch Orchestermitglieder aufgefüllt. Ich unterhalte mich ungezwungen mit ihnen, lerne, dass „Wein, Weib und Gesang“ keine Exklusivangelegenheiten des Rock ‚n’ Roll sind und halte vergeblich nach dem Dirigenten Ausschau, den ich doch unbedingt noch fragen wollte, welche
Haarwaschmittel er verwendet.
Unterfüttert wird der Kulturtratsch von Klängen, die leider erst gegen Ende zum Kopfnicken auffordern. Zu sachte und systematisch arbeitet sich der Karlsruher Arrangeur, Produzent und
DJ Andreas Raseghi durch sein riesiges Lounge-Repertoire. Spannend wird’s erst, wenn man die verborgenen Hintergründe und Zusammenhänge der von ihm gespielten Songs kennt.
Am Anfang bringt der Rihm-Schüler sanften Jazz des deutschen Big-Band-Urgesteins Peter Herbolzheimer. Darauf folgt souliger, anspruchsvoller Downbeat im Stile eines Stanley Turrentine und zuletzt Funkiges von Curtis Mayfield und Aretha Franklin. Zwischendurch huldigt Raseghi dem Alleskönner Lalo Schifrin, der als Grenzgänger zwischen E- und U-Musik den Abend auf einen überaus hörenswerten Nenner bringt.
Leider leert sich der Laden kurz nach Zwölf und eine halbe Stunde später ist dann endgültig
tote Hose. Dabei muss doch etwa keiner morgen arbeiten, oder?
Auf dem Klo um halb zwölf
Die langen, unterirdischen Korridore, die zu den sanitären Einrichtungen des E-Werks führen, dürften den meisten bekannt sein. Nicht aber eben den zwei rüstigen Herren vor mir. „Immer der Nase nach,“ scherzt einer von ihnen naserümpfend. „Tja“, denk ich mir: „Hochkultur riecht heute wohl anders als sonst.“
Aufregerle & Aufheiterle
Eine Dame neben mir will ein Bier, es gibt aber gerade keine Gläser mehr und die Bedienung fragt, ob’s aus der Flasche auch O.K. sei. „Nein. Ich will dazu schon ein Glas,“ erwidert die
Perlenkettenträgerin beleidigt und wartet. – Schade. Gerade hatte sie die Chance, etwas vollkommen Neues zu erleben. Egal. Ihr Bier.
Fazit
Noch ist die LinieZwei / Klassik Lounge
keine wirkliche Alternative zum gewohnten klassischen Konzertbetrieb. Will man junge, szenige Menschen erreichen, sollte man sich auch direkt von ihnen beraten lassen. Will man lediglich dem Konzerthausgänger ein anderes Ambiente bieten, kann’s getrost so weiter gehen.
Unterm Strich aber eine angenehme, anregende Veranstaltung, die Lust auf mehr macht und hoffen lässt, dass die LinieZwei / Klassik Lounge zu einem neuen, festen Bestandteil des spätabendlichen Lebens in Freiburg wird.
