
(Die Jungs) An der Tür
Die Jungs an der Tür sind gar keine Jungs, sondern ein Kerl und drei Mädels. Der Herr unterzieht meine Tasche einer gewissen(haften) Prüfung und fragt mich, ob ich Flaschen dabei hätte. Wahrscheinlich ist er scharf aufs
Pfand. Ihm kann ich leider nicht dienen.

Weiter geht’s: die Damen winken mich locker und extrem freundlich durch. An ein paar Absperrgittern und am Merch-Stand vorbei bahne ich mir meine Weg durch die Menge.
Inneneinrichtung & Deko
Hä??? Null. Nix. Nada. Absolute Fehlanzeige. Die eben erwähnten Gitter sollen sich als stilbildend für die Ausstattung der Brauereihalle erweisen. Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass sich auch nur eine menschliche Gehirnwindung oder Gefühlsregung mit so etwas wie „Inneneinrichtung & Deko“ auch nur im Entferntesten beschäftigt haben könnte.
Nackte Hallenwände in ihrer grausamen Ehrlichkeit schmettern ungebetene Blicke brutal ab – und werfen sie dahin zurück, wo sich das Hauptgeschehen abspielt: auf der Bühne. Alle paar Meter stehen riesige Heißluftgebläse, gigantische Föhns, die einen hundert Mal so heftig durchpusten wie ihre Artgenossen an Kaufhauseingängen. Self-made Heimeligkeit.
Die Lightshow beschränkt sich auf farbige Lichteffekte hier und da und viel Publikumsblendung.
Wer war da?
Schätzungsweise
200 bis 300 Hartgesottene haben bei Dauerregen den Weg in die große Bierbude gefunden. Vom jüngeren kurzgeschorenen Kiss-Fan mit Ohrring über die breite Masse breiter Rockfans zwischen 30 und 40 bis hin zum gestandenen, nietenbewehrten Schwer- und Altmetall.
Viele sind um die 40, aber auch einige ältere Semester, die die frühesten Bandprojekte der Eric-Singer-Project-Mitglieder miterlebt haben dürften, haben es sich nicht nehmen lassen, bei den Helden früherer Tage reinzuschauen. Schwarz ist im düster-dumpfen Gebräu & Gedünste der Ganter-Halle die vorherrschende Farbe. Die Langhaarigen sind klar in der Unterzahl.
Bandmitglieder vieler Freiburger Rock- und Rock’n’Roll-Bands erweisen den Altrockern die Ehre: von Rockin’-Carbonara-Nick über Tim Beam himself bis hin zum Cornerstone-Frontmann (und noch viele mehr, die ich nicht mehr zuordnen kann).
Klangwaren-TÜV & Partyatmosphäre
Für diejenigen, die nicht vom künstlichen Sahara-Föhn getoastet wurden, gibt es zum Aufwärmen vor dem Hauptact Lenny Kravitz vom Band. Gegen 23 Uhr betreten die Herren Bruce Kulick (Ex-Kiss-Gitarrist), John Corrabi (Ex-Gitarrist von Mötley Crue), Chuck Garric (Alice-Cooper-Bassist) und der namensgebende
Eric Singer die Bühne.
Singer hat schon bei so vielen Combos die Drumsticks gewirbelt, dass er sich wahrscheinlich selbst kaum noch komplett erinnern kann: Alice Cooper, Badlands, Black Sabbath, Glamnation, Kiss, Gary Moore, Gilby Clarke, Lita Ford, Queen und so weiter.
Entsprechend fällt die Musik aus: Rock’n’Roll, Classic Rock, Hardrock und leichte Heavy-Metal-Anklänge. ESP ist hauptsächlich eine Coverband, die es sich zur Aufgabe gemacht, sich sozusagen teilweise selbst zu covern, indem die alten Nummern gespielt werden – sei es von Kiss, sei es von Alice Cooper, seien es die Mötley-Crue-Songs Power to the music und The Ace of Spades oder auch Helter Skelter von den Beatles.

Die Jungs wirken gut eingespielt, die Mucke geht voll auf die Zwölf, viele singen und grölen mit. Das
geile Gitarrenspiel, der satte Bass und das kräftige Drumset legen den Teppich für ein Rockspektakel, das obendrein von der richtig dreckigen, fertig klingenden Rockröhre Corrabis lebt. Sein stimmlicher Mitstreiter Chuck Garric steht ihm da so gut wie nichts nach.
Breit bratzt der Sound aus den Boxen, die Crowd dankt’s mit rhythmischem Wippen, ein paar wilden Schüttlern und Klatschen, Johlen, Kreischen, Pfeifen. Die Begeisterung der Fans ist spürbar, fällt aber nicht überschwänglich aus, so dass Frontmann John Corrabi sich dazu berufen fühlt, die Menge regelmäßig zu stärker vernehmbaren Sympathiebekundungen zu animieren.
Ein paar Mädels schütteln wild ihre Mähne, ein paar sturzbesoffene Adipöse können sich gerade noch auf den Beinen halten.
Catering & Getränke
Bier, Bier, Bier. Das 0,33 l Ganter-Fläschchen wechselt für 3 Euronen den Besitzer. Ein Jägi knallt für zwo Euro rein und den 0,2 l Becher Wodka Red Bull kann man für 5,50 Euro ergattern. Alkfreies wird auch angeboten, scheint aber nicht getrunken zu werden.
Auf dem Klo (um halb eins)

Zwischen Kiss-Mützen und Pisspfützen – das Klo ist eine einzige Riesenpfütze, durch die man erstmal hindurchwaten muss. Direkt nach dem Konzert müssen selbst die Herren der Schöpfung erstmal anstehen.
Später versucht ein Typ, seine Bierflasche in eine winzige Fensteröffnung über dem Pissoir zu bugsieren, damit er in Ruhe zu Werke gehen kann. Beim dritten Versuch gelingt das scheinbar Unmögliche. Triumphierend ruft er: „Physik, ich habe dich geschlagen!“
Aufregerle
Ein wildfremder Kerl schenkt mir einen Becher mit einer
durchsichtigen Flüssigkeit, offensichtlich harter Stoff. Werde ich jetzt blind, blond oder willenlos? Ich vertraue ihm und schließe alkoholtechnisch zum Gros des Publikums auf.

Kaum bin ich zuhause, lese ich: „Nie das Trinkglas oder die Flasche unbeaufsichtigt stehen lassen und auch nicht von jedem Drinks annehmen“, empfiehlt ein Kriminalkommissar, da wieder K.O.-Tropfen die Runden machen. Na ja, war ja nicht jeder, sondern nur einer…
Aufheiterle
Ein Volltrunkener hat massive Gleichgewichtsprobleme und fällt käfergleich rücklings auf den Boden. Was macht er? Nimmt, noch im Fallen, einen Schluck aus der Pulle und rappelt sich sang- und klanglos wieder auf. Das nenne ich
Sportsgeist.
Auch nicht schlecht: Der fast regungslose Vokuhila-Oliba-Typ, der sich stundenlang die Haare vom Heißluftgebläse um die Ohren wirbeln lässt.
Abrechnung
Gute Rockmusik hat der Abend in Hülle und Fülle geboten – nicht mehr und nicht weniger. Gelegentlich ein „Wow!“, doch insgesamt ist die Stimmung ein wenig mau, lau und flau. Und die Location ist in jeder Hinsicht eine Zumutung.
Foto-Galerie: Benedict Glockner
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