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Medikamententests: Geld verdienen als Versuchsobjekt

Jede Woche inserieren Schweizer Unternehmen in Freiburger Anzeigenblättern und locken mit dem schnellen Geld. Auf der Suche nach Probanden für Medikamententests werden sie auf diese Weise fündig. fudder-Autor Jonas hat sich auf solch eine Anzeige hin gemeldet und ist in die Nähe von Basel gefahren, um sich einer Tauglichkeitsprüfung zu unterziehen. Auf die Frage, wie riskant solche Tests sind, bekam er bei der Recherche nicht immer einheitliche Antworten.

Medikamententests

Der Traum vom schnellen Geld

3500 Schweizer Franken, das sind 2370 Euro und 62 Cent. Damit kann man ein Jahr lang jeden Tag ins Kino gehen, 1634 Cappuccinos an der Uni trinken oder nach Peru reisen, inklusive dreiwöchigem Aufenthalt. 2370 Euro bekommt man, wenn man sich bei Swiss Pharma Contract eine Woche lang als Versuchskaninchen zur Verfügung stellt. Diese Firma schaltet entsprechende Anzeigen Woche für Woche in Freiburger Zeitungen. Wir melden uns zur medizinischen Voruntersuchung in Allschwil bei Basel.

Medikamententests

Willkommen in Allschwil

„Grüezi“, begrüßt mich die Empfangsdame, die flink zwischen Deutsch, Französisch und Englisch wechselt. Sie arbeitet für die Schweizer Pharma Contract, eine Firma, die noch nicht freigegebene Medikamente an Menschen testet. Der Warteraum ist gemütlich eingerichtet. An der Wand hängen Paul-Klee-Kopien.

Gegenüber hat sich mit einigem Abstand eine Frau hingesetzt, sie sieht müde aus. Wie alle der vier Teilnehmer, die ich hier treffe, ist sie über 40. Eine Überraschung, denn laut probanden-studien.de sind über 60 Prozent der Probanden Studenten und jünger als 30.

Inzwischen lese ich in der dicken Infobroschüre und kämpfe gleichzeitig gegen meine Müdigkeit, da ich wegen der anstehenden Voruntersuchung seit über 12 Stunden nichts mehr gegessen habe.

Nach kurzer Wartezeit werde ich in das Zimmer einer jungen Ärztin gebeten. Sie fragt mich aus – über frühere Operationen, Drogenkonsum und mein Sexualleben. Etwas nervös versichere ich ihr, dass ich mir Notizen machen muss. „Sonst vergesse ich alles“, behaupte ich. Sie schaut etwas misstrauisch. Jetzt fehlt nur noch meine Unterschrift. Die Ärztin erklärt, dass vor jeder Ziffer des Datums eine Null stehen muss. Als ich mich verschreibe, ernte ich einen bösen Blick.

Medikamententests

Etwas Humor zeigt sie dann doch noch. Sie vergleicht die Klinik, in der die Probanden meiner Kohorte neun Tage und Nächte lang eingeschlossen werden sollen, mit einem Gefängnis. Mit der Einschränkung, dass man den Aufenthalt jederzeit abbrechen kann.

Die Ärztin erklärt, was ich während der Zeit des Medikamenten-Tests alles nicht darf: das Gebäude verlassen, eigenes Essen mitbringen, Drogenkonsum und so weiter. Um sicher zu gehen, wird bei der Ankunft das Gepäck durchsucht, bei Verspätungen gibt es Geldabzug. Langweilig soll es auf der Station aber auch nicht werden. Dafür sorgen Billardtisch, W-Lan und Fernseher.

Dann klebt man mir für ein Elektrokardiogramm (EKG) Saugnäpfe an meinem Körper. Noch eine Blutabnahme und ein Urintest, dann habe ich den Körpercheck überstanden.

Medikamententests

Was soll da eigentlich getestet werden?

Als ich wieder im Zug nach Freiburg sitze, schaue ich mir die Infos noch einmal genauer an.

An mir soll ein Stoff namens SGN-70 getestet werden, ein monoklonaler Antikörper gegen Gelenkentzündung. Das kommt mir bekannt vor. Und tatsächlich: eben solche monoklonalen Antikörper erlangten in London 2006 traurige Berühmtheit, als sie an sechs Probanden getestet wurden und die Tester beinahe starben.

Studienleiter Michael Seiberling bestätigt den Zusammenhang auf unsere Nachfrage. Allerdings habe Swiss Pharma Contract die richtigen Schlüsse aus den Londoner Vorfällen gezogen, so der Arzt. Zum einen sei die Dosis bei der ersten Anwendung von SGN-70 deutlich niedriger. 0,0001 Milligramm bekommt der erste Proband, lediglich ein Tausendstel der Menge, die in London getestet wurde. Außerdem werde bei diesem Versuch nicht das Immunsystem stimuliert, wie das dort der Fall gewesen sei.

Trotzdem – ein gewisses Restrisiko bestehe immer, trotz vorangegangener Tierversuche. Deshalb sei der neue Stoff in Kohorte 1 zunächst nur an einem Probanden getestet worden. Erst 48 Stunden später folgten zwei weitere. Weshalb der Stoff zunächst an Gesunden getestet wird, die abgesehen von dem Geld keinerlei Nutzen von dem Test haben?

Herr Seiberling meint, dass Kranken der Aufenthalt in der Klinik nicht zuzumuten sei. Außerdem sei deren Immunsystem oft labiler als das von Gesunden. Dass Versuche an Kranken vermutlich organisatorisch aufwändiger und damit für das Unternehmen weniger lohnenswert wären, sagt er nicht.

Medikamententests

Der Blick des Pharmakologen

Peter Schönhöfer sieht das Ganze kritischer. Als klinischer Pharmakologe hat sich der emeritierte Professor selbst mit der Sicherheit von Arzneimitteln beschäftigt und ist heute Mitherausgeber des Arznei-Telegramms. „Dass solche Substanzen an gesunden Probanden getestet werden, erscheint bedenklich und kann theoretisch auch zu bösartigen Erkrankungen führen“, sagt Schönhofer.

Und: „Stoffe, von denen man weiß, dass sie ein hohes toxisches Potential haben, wie zum Beispiel Krebsmittel, werden in der Regel an kranken Patienten getestet. Diese Stoffe, also monoklonale Antikörper, haben oft ein hohes toxisches Potential.“ Leider wüssten die Ärzte in Auftragsinstituten nicht immer genug über die Risiken der Prüfsubstanzen, meint Schönhofer.

Die Frage, ob er es ethisch problematisch finde, dass Probanden ohne sonstigen Nutzen für viel Geld Risiken in Kauf nehmen, will er nicht pauschal beantworten: „Die Frage ist immer, inwieweit die notwendigen Sicherheitsstandards gewährleistet sind und die Erforschung eines neuen Medikamentes zu einem echten Fortschritt an Erkenntnis in der Therapie führt."

Die laut Swiss Pharma Contract unabhängige Ethikkommission beider Basel (EKBB) hat die Studie geprüft und bewilligt. Offenbar waren deren Mitglieder der Meinung, dass der Zweck in diesem Fall die Mittel heiligt.

cc: flickr.com/photos/erix/2991092474/

Die Zusage

Einige Tage später erhalte ich die Zusage, dass ich an der Studie teilnehmen kann. Doch inzwischen habe ich mich dagegen entschieden: teils aus Zeitmangel, teils aus Skepsis. Diese Entscheidung habe ich getroffen, obwohl die Gefahr von schlimmen Nebenwirkungen in meinem Fall nicht besonders groß war. Schließlich war ich für Kohorte 9 eingeteilt, der letzten Versuchsreihe. Bei den Teilnehmern vor mir kam es offenbar nicht zu starken Nebenwirkungen.

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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 7
Montag, 26.01.09 10:20
 

was steht denn in deinem vertrag drin was passiert wenn du z.b. dauerhafte schäden erleidest?
musst du dann nachweisen das die davon kommen?

das würde mich mal intressieren.

Montag, 26.01.09 12:21
 

Hallo Lennsch,

Damit die Versicherug zahlt, muss klar sein (wie bei jeder Versicherung, denke ich) was den Schaden ausgelöst hat. Sonst könnte man ja bei jeder Krankheit Geld von Pharma Contract fordern. Das zu beweisen, ist bei neuen Wirkstoffen offenbar besonders schwierig weil über deren Wirkungsweise meist noch nicht viel bekannt ist. Mehr Infos dazu:

http://www.arznei-telegramm.de/html/1990_09/9009077_01.html

Montag, 26.01.09 15:47
 

„Stoffe, von denen man weiß, dass sie ein hohes toxisches Potential haben, wie zum Beispiel Krebsmittel, werden in der Regel an kranken Patienten getestet. Diese Stoffe, also monoklonale Antikörper, haben oft ein hohes toxisches Potential.“

Die Aussage stimmt so leider nicht. Ein Antikörper hat im Gegensatz zu klassischen Zytostatika wie Cisplatin, Doxorubicin oder Paclitaxel gar kein toxisches Potential. Bei Antikörpern besteht normalerweise höchstens die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks, außer man macht so komische Experimente wie in London.

Montag, 26.01.09 16:22
 

was sie wohl der ersten versuchsperson zahlen mußten

"sooo, wir geben das jetzt erstmal nur ihnen damit im fall der fälle die zahl der toten nicht so hoch ist, gell. wenn sie irgendwas ungewöhnliches fühlen klingeln sie einfach. guts nächtle!"

interessant
Montag, 26.01.09 18:01
 

interessantes thema, auch nett geschrieben. ich hätt gern noch mehr gelesen.
habt ihr vorher beschied gesagt, dass darüber geschrieben wird? (wenn ich das richtig lese: ja)
wundert mich fast, dass die nichts dagegen hatten.
aber richtig interessant wärs ja auch erst in den 9 tagen des versuchs geworden. schade, dass darüber keiner berichtet.
und ja: die eine person der kohorte 1...ist ja ganz schön...lebensmüde?/in geldnot?/forschungsbegeistert?
wüsste auch gern mal, wie ft sowas schief geht und was das für konsequenzen hat.
(das ist nicht der erste artikel, zu dem ich gern ne fortsetzung hätte. darum mein vorschlag: artikel wie dieser für die, die es nur bisschen interessiert oder die keine zeit haben. nach jedem abschnitt kann man dann klicken für mehr, so dass sich der artkel für die neugierigen etwa verdoppelt. ka wie machbar das ist, aber ich sag es hier mal, weil ich es schon häufiger gedacht hab.)

+om
Montag, 26.01.09 23:49
 

schreibe gerade ein kleines protokoll zu meiner behandlung im studentenkurs "zahnwiederaufbereitung" die letzes jahr im märz begonnen hat. auch hier wundert es mich das das gesetzlich vertretbar ist. naja, der eine zahn ist ja leider immer noch nicht fertig prepariert, sonst hätte ich schon mal mehr erzählen können.

heftig heftig heftig was mir da wiederfahren ist.

proband
Mittwoch, 01.07.09 01:40
 

Da sich der Artikel lediglich auf die Voruntersuchung bezieht, find ich ihn sachlich mangelhaft. Ich komme gerade von einer einwöchigen Pharmastudie bei Pharmacontract zurück und kann nichts Negatives berichten. Vielleicht sollte sich der Autor genau informieren, bevor er ohne Hintergrundinformationen (Studienteilnahme!) einen Artikel schreibt...

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