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Rollstuhl-Rugby: Keine Berührungsängste

Rollstuhl-Rugby ist eine Sportart, die es Menschen mit einer Querschnittslähmung möglich macht, einen Mannschftssport auszuüben. In Freiburg trainieren die Dragons seit einem guten Jahr. Gina hat das Team beim Training besucht und wurde sogleich in den Rollstuhl beordert.



"Willst du mal?" Daniela steigt aus ihrem Rollstuhl, kommt auf mich zu und fragt, ob ich nicht eine Runde beim Rollstuhl-Rugby mitspielen möchte. Sie ist eine von zwei nichtbehinderten Spielerinnen, die an diesem Samstag mit den Freiburg Dragons trainieren, weil ein paar Spieler ausgefallen sind. Zeit, um Nein zu sagen, bleibt mir nicht. Das Spiel geht sofort weiter. Ich setze mich in den Rollstuhl und fahre los. Ein paar Kurven, einmal vor, einmal zurück. Damit ist meine Übungszeit auch schon zu Ende, denn ich befinde mich mitten in einem Rugbyspiel der Freiburg Dragons.

Die Spieler der Freiburg Dragons sind zum größten Teil Tetraplegiker. Tetraplegie ist eine Art der Querschnittslähmung, bei der alle vier Extremitäten, also sowohl Arme als auch Beine, betroffen sind. Es gibt verschiedene Ausprägungen der Lähmung, sodass manche Spieler agiler als andere sind. Christine Cecala (Bild unten rechts) ist seit 19 Jahren querschnittsgelähmt. Ihre Hände sind in ihrer Bewegungsfähigkeit sehr eingeschränkt. "Vorsicht, ich klebe" ruft sie mir zu, als ich ihr die Hand geben möchte. Um ihre Unterarme hat sie haufenweise Tapeband geklebt, damit der Ball daran haften bleibt. Fangen kann sie ihn nicht. Den Rollstuhl lenkt sie mit den Handgelenken, ihr Körper ist mit einem Gurt am Stuhl befestigt.



Es scheppert, kracht und knallt. Manchmal so laut, dass ich zusammenzucke. Dieser Sport ist alles andere als seicht, aber es sind zum Glück nur die Gefährte, die aufeinanderprallen. Für den Rollstuhl-Rugby werden extra angefertigte Rollstühle benötigt, deren Räder schräg stehen und die im Beinbereich mit einer Art Stoßstange ausgestattet sind. Damit kann man den Gegner provokativ rammen. Pro Mannschaft gibt es vier Spieler, die versuchen, einen Volleyball über die Torlinie der Gegner zu bugsieren. Meine Mannschaft liegt im Punktestand ziemlich weit hinten - wir müssen Gas geben.

Rollstuhl-Rugby erinnert stark an Autoscooter. Die Spieler fahren ohne Hemmungen mit hohem Tempo aufeinander zu und prallen mit voller Wucht aufeinander. Konfrontation ist hier ein wichtiger Bestandteil. Die Verteidiger kreisen ihre Gegner ein und umzingeln sie, sodass ein Freimachen fast unmöglich ist. Der Ball darf für zehn Sekunden auf den Schoß gelegt werden, dann muss der Spieler entweder dribbeln oder abgeben. Es ist anstrengend, aber es macht unglaublich viel Spaß.



Rollstuhl-Rugby hat seine Ursprünge in Kanada, seit 1990 spielt man es auch in Deutschland. Es ist eine paralympische Sportart, die früher auch unter dem Namen Murderball bekannt war. "Ich habe Alex bei einem Reha-Aufenthalt kennengelernt, dort haben wir zusammen Rollstuhl-Rugby gespielt und beide unsere Leidenschaft für den Sport entdeckt" sagt Christine Cecala. "Der Ring der Körperbehinderten e.V. aus Freiburg organisierte dann einen Workshop und nahm die Sportart in ihren Verein auf, kümmerte sich um ein Team und eine Halle. Sie waren eine große Hilfe für uns."

Es steht 19:9. Die Teams sind alles andere als ausgeglichen, aber das stört hier niemanden. Es wird gekämpft, geackert und gerollt, bis die Arme müde werden. Langsam gewöhne ich mich an den Rollstuhl. Am schwierigsten ist es, einen Angriff der gegenerischen Mannschaft zu verhindern. Vorallem der 24-jährige Alexander Butz ist kaum aufzuhalten. Er rast alle zwei Minuten mit dem Ball über die Torlinie und baut die Führung seiner Mannschaft weiter aus. Nach fünfzehn Minuten fangen meine Arme an zu schmerzen, die Handgelenke brennen von den vielen Umdrehungen - aber ein Jammern ist hier fehl am Platz. Der Spaß steht uns allen ins Gesicht geschrieben.



Mit dem Rollstuhl-Rugby finden Tetraplegiker und ähnlich behinderte Menschen endlich eine Mannschaftssportart, an der sie teilnehmen können. Grundvoraussetzungen für eine Teilnahme ist die Behinderung von mindestens drei Extremitäten. Bei Spielen werden die Sportler nach ihrer Stärke der Behinderung von 0,5 bis 3,5 Punkten eingeteilt, vier Spieler pro Mannschaft dürfen dabei maximal acht Punkte ergeben. Jeden Sonntag trainieren die Dragons in Freiburg Landwasser für drei Stunden. Thomas, der selbst auch mitspielt, trainiert die Mannschaft und wird bald seinen Trainerschein machen. Cyrille kommt extra aus Mulhouse angereist, da die Dragons die einzigen Rollstuhl-Rugbyspieler in dieser Region sind. 

"Viele Rollstuhlfahrer wissen noch gar nicht, dass es uns gibt," sagt Christine. "Anstatt in der Versenkung zu verschwinden, sollten sie sich unbedingt bei uns melden. Wir suchen immer noch Spieler." 

Das Spiel ist zu Ende, ich quäle mich aus dem Rollstuhl. "Sie kann gehen" ruft ein Spieler und alle lachen. Ich habe mich bei den Freiburg Dragons vom ersten Moment an sehr aufgehoben gefühlt, da man mir durch sensibles Entgegenkommen jegliche Berührungsängste genommen hat.

Mehr dazu

Ring der Körperbehinderten e.V.

Rollstuhl-Rugby




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 5
Montag, 22.12.08 11:00
 

Schöner Artikel! Find ich toll, dass es sowas hier bei uns gibt.

Montag, 22.12.08 11:11
 

"Die Spieler fahren ohne Hemmungen mit hohem Tempo aufeinander zu und prallen mit voller Wucht aufeinander."

vs.

"durch sensibles Entgegenkommen jegliche Berührungsängste genommen"

:)

Auf jeden Fall ein schöner Artikel!

Montag, 22.12.08 12:33
 

Coole Sache. Zeigt es doch wieder, dass auch ein Handicap irgendwie eine ganz normale Sache ist.

Montag, 22.12.08 17:45
 

Gibts da wie beim Rollstuhlbaskeball auch ne Bundesliga, oder wie ist das organisiert?

Schöner Artikel auf jeden Fall!

Montag, 22.12.08 19:17
 

Mit einer Behinderung gleich welcher Art klar zu kommen, zolle ich größten Respekt!

Ein sehr schöner Bericht!

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