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Wie ist es, blind zu sein?

Eine Straße überqueren, eine Dose Cola von einer Dose Fanta unterscheiden: kein Problem, vorausgesetzt, man kann sehen. Wie es sich anfühlt, blind zu sein, können die Besucher der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ in Straßburg erfahren. Joana hat sich durchgetastet.

Dialog im Dunkeln

Der Vorhang geht auf und wir treten vom gedämpften Licht im Vorraum der Ausstellung in die absolute Dunkelheit. Die Augen weit aufgerissen, die Hände tastend vor mir ausgestreckt, versuche ich mich zurechtzufinden. Dabei ramme ich versehentlich jemandem meinen Blindenstock in den Fuß. Mein Gefühl für Abstände habe ich anscheinend am Eingang abgegeben. Genauso wie meine Uhr und mein Handy – jede noch so winzige Lichtquelle musste draußen bleiben.

„Achtet nur auf meine Stimme, tastet euch mit euren Stöcken vorwärts.“ Die freundliche Stimme von Adeline, unserer Führerin, ist der einzige Orientierungspunkt im Dunkeln. Ein merkwürdiges Gefühl, sich einer Stimme anzuvertrauen.

Dialog im Dunkeln

Angestrengt spitze ich die Ohren: über mir zwitschern Vögel, rechts plätschert und rauscht es. Der Geruch von Harz und Moos schleicht mir in die Nase. Dann haut mich eine Baumwurzel beinahe von den Füßen: Ich habe offensichtlich immer noch nicht gelernt, meinen Blindenstock richtig vor mir her zu führen. Dafür weiß ich jetzt sicher: Ich steh im Wald.

Dies ist aber nur eine von vier Welten, durch die Adeline uns führt. Sie redet fast ununterbrochen mit uns, fragt uns, ob wir da sind und wie wir uns fühlen. „Sprechen ist enorm wichtig“, sagt sie. Wer sich in der Dunkelheit nicht bemerkbar mache, sei für die anderen nicht da. Sie wieselt durch das Dunkellabyrinth und wir versuchen, ihrer Stimme zu folgen.

Dialog im Dunkeln

So hangeln wir uns über wackelige Brücken, lassen uns auf einem schaukelnden Boot Wind und Wasser um die Nase pfeifen und ertasten auf dem Markt das Obst und Gemüse, das wir im Alltag wie blind aus dem Regal in den Einkaufswagen werfen.

35 Minuten stapfen wir jetzt schon durch die Nacht. Erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt, sich auf seine anderen Sinne zu verlassen, denke ich, bis wir uns schließlich dem alltäglichen Wahnsinn eines Blinden nähern: der Straße.

Reizüberflutung. Lärm von allen Seiten. Es riecht nach Abgasen, Autos rasen vorbei, hupen. Menschen reden wild durcheinander, ich bleibe an einem Fahrrad hängen, das an einem Bauzaun lehnt. Ein Hund bellt mich an. Plötzlich tönt es von links aus dem Nichts „Rouge Piétons“ („Rot für Fußgänger“). „Eigentlich ist so eine Ansage praktisch für uns. Nur manchmal erschrecke ich mich genauso, wie ihr jetzt gerade“, sagt Adeline.

Aber nicht an allen Fußgängerüberwegen wird per Lautsprecher darauf hingewiesen, dass man besser stehenbleiben soll. Deshalb gibt es in Frankreich vor jeder Ampel, jedem Zebrastreifen, jedem Bürgersteig kleine hubbelige Steine. Ähnlich wie bei den Fahrbahnbegrenzungsstreifen auf der Autobahn ist die Botschaft: Vorsicht, hier geht’s nicht weiter! „Größtenteils finde ich mich aber durchs Hören zurecht. Ich höre einfach, wo ich stehe, und merke, dort geht’s jetzt runter“, sagt Adeline.

Dialog im Dunkeln

Die Minuten auf der Straße waren für mich eher wie ein Ausflug in die Geisterbahn. Ohne Adeline hätte ich mich ziemlich verloren gefühlt. Und genau das ist ein Ziel der Ausstellung, erklärt Perrine Gaillet, Sprecherin von „Dialog im Dunkeln“: „Der Titel soll Programm sein: Wir wollen den Austausch zwischen Blinden und Sehenden fördern. Die Besucher sollen lernen, die Blinden mit anderen Augen zu sehen und so mehr Respekt ihnen gegenüber entwickeln.“

Patrick, der die dunkle Tour gerade absolviert, sagt: „Das ist sehr lehrreich. Häufig sieht man Blinde, aber bisher konnte ich mir nicht vorstellen, wie der Alltag ist, wenn man nichts sieht.“ Seine Freundin Astrid fügt hinzu: „Wir haben wirklich Glück gehabt, dass wir sehen können. Das ist mir jetzt viel klarer als vorher.“

Dialog im Dunkeln

Letzte Station: Die Bar. Nachdem ich mir zunächst den Strohhalm versehentlich ins linke Auge gebohrt habe, kommt die Erkenntnis: Im Dunkeln schmeckt alles viel intensiver. Noch nie war so viel Orange im O-Saft. Und endlich lüftet Adeline das Geheimnis, was mich schon seit Beginn unseres Parcours beschäftigt hat: Wie kann ein Blinder eine Coladose von einer Dose Fanta unterscheiden? „Man muss einfach sehr ordentlich sein und sich den Ort merken, an dem sie liegen“, verrät Adeline.

Dann führt sie uns zurück ins Licht. Es beißt in den Augen. Adeline bleibt im Dunklen zurück. Von hinten ruft sie uns zu: „Au revoir – Auf Wiedersehen!“

Mehr dazu

Web: Dialogue dans le Noir

Was: Dialog im Dunkeln
Wann: bis zum 8. März 2009, Dienstag bis Sonntag von 10 Uhr bis 18 Uhr
Wo: Vaisseau, 1 bis rue Philippe Dollinger, 67027 Strasbourg
Preis: 4,50 €
Reservierung: erforderlich; Telefon: 0033.3.88.44.65.65; E-Mail: info@levaisseau.com                




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von joana | 15.10.08, 11:41 | Kommentare (10)
Weitere Artikel zu: Dialog im Dunkeln, Dialogue dans le Noir, Strasbourg, Blind, Blindsein, Augen, Ausstellung, -joana



Kommentare
Anzahl der Kommentare: 10
Mittwoch, 15.10.08 12:04
 

toller bericht, lädt zum ausprobieren ein.

Mittwoch, 15.10.08 13:41
 

ich war da in hamburg mal drin und kann nur sagen: unbedingt reingehen

svw: auges...

Mittwoch, 15.10.08 18:49
 

schöner artikel...

wie geht das eigentlich in deutschland an den ampeln, manche piepsen ja, ich hatte aber immer das geführ, dass sie die ganze zeit piepsen, wie weiß man dann wann rot und grün ist?

wenn man blind ist, sieht man ja nicht schwarz, streng logisch ist das header-bild dann nicht ganz korrekt... aber eigentlich auch egal...

Mittwoch, 15.10.08 19:48
 

@ages - ... soweit ich weiß, ist in der grünphase die frequenz des akustischen signals höher...

korrigiert mich bitte, wenn das falsch ist ;)

ich hätte auch große laune, diesen dialog im dunkeln mal zu erfahren...

Mittwoch, 15.10.08 22:35
 

wow, hört sich echt super interesant an....
ich stell es mir sowas von unglaublich schwer vor, nichts zu sehen...was ist denn, wenn eine Ampel gar kein Geräusch von sich gibt, was macht man dann als Blinder??
an der Ampel beim Hauptbahnhof hört man tatsächlich Höhen und Tiefen Unterschiede, am Stadttheater glaub ich auch...

Donnerstag, 16.10.08 07:09
 

Also das die unterschiedliche frenquenzen haben ist mir noch nicht aufgefallen. aber ich werd mal drauf achten..
Bis jetzt hab ich immer gedacht das die dinger nur piepen wenn man nicht über die straße gehen darf.. Ist hier zufällig ein blinder der uns das mal erklären kann?? ;)
Ne ernsthaft, ich glaub ich muss auchmal auf diese ausstellung!

ddd
Donnerstag, 16.10.08 09:54
 

schwachsinn, simulieren lässt sich das BLINDSEIN nicht, also hört auf, es euch vorzustellen und wählt diesen BP köhler ab, der kürzlich versucht hat, gehbehinderte durch im-rollstuhl-fahren, besser zu verstehen.

Donnerstag, 16.10.08 12:49
 

Also ich find das total spannend! Würde das auch mal gerne machen. Aber bis man dann da ist... schon aufwand. (Ja, ich bin ein fauler Azubi ohne Auto)
Fudder sollte Anfangen Aktionen zu machen, das wäre doch der Perfekte Start... Andere Communities machen Ct´s. Ihr dagegen macht quasi ein Blind-Date-Ct ;)

Mike-23
Donnerstag, 16.10.08 21:52
 

Hallo!
Gibts das ganze auch mit einer deutschsprachigen Führung, oder nur auf französisch?

Donnerstag, 23.10.08 21:42
 

Die Führungen gibts auch auf deutsch. Auch die Website ist zweisprachig.
Es gibt übrigens auch Dinner im Dunkeln, immer an den ersten beiden Freitagen im Monat.

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