zur Startseite
Passwort vergessen?
 

 

Leben ohne Technik: Ein Selbstversuch

Ein Leben ohne E-Mail, Telefon, Handy, iPod, CD-Player, Computer & Co – ist das überhaupt noch möglich? fudder-Mitarbeiterin Gina Kutkat (22) hat es ausprobiert und fünf Tage lang auf die Dauerberieselung und alle technischen Kommunikationsmittel verzichtet.



Was passiert, wenn ich nicht permanent erreichbar bin? Wie erkläre ich das meinen Freunden und Bekannten? Diese Fragen gehen mir am Abend vor meiner Abstinenz-Woche durch den Kopf. Was den letzten Punkt betrifft, halte ich mich an die Regeln und sage niemandem Bescheid. Handy und i-Pod verbarrikadiere ich in einer Kiste, um ja nicht verführt zu werden – und mein Leiden zu verringern.

Um die anderen Gegenstände werde ich in den nächsten Tagen einfach einen großen Bogen machen. Ein mulmiges Gefühl macht sich in meinem Bauch bemerkbar, als ich zum letzten Mal wahllos zwischen den Fernsehprogrammen hin- und herzappe. Doch es kommt nicht mal ein guter Film, der für meine Henkersmahlzeit herhalten könnte. Siehste, gar nicht mal so schlimm, mache ich mir Mut.

Wochenende – Ablenkung!

Mein Experiment beginne ich an einem Wochenende. Mein Motto lautet: Je mehr ich mich ablenke, desto kleiner ist mein Verlangen nach dem Verbotenen. Zu meinem Programm gehören ein gediegener Stadtbummel, eine Fahrradtour nach Breisach und ausgiebiges Relaxen in der Badewanne. Anstatt fernzusehen gönne ich mir ein gutes Buch. „Hundert Jahre Einsamkeit“ liegt gerade an meinem Bett.

Passender Titel, denke ich mir, und lese seit langem mal wieder mehr als nur ein Kapitel am Stück. Irgendwie verspüre nicht den geringsten Zeitdruck – wie angenehm! Nachrichten, Serien und der Sonntagabendkrimi, die in unbemerkter Regelmäßigkeit mein Leben dirigierten, können mir gestohlen bleiben. Ab jetzt setze ich meine Zeitschranken selbst.

Montag – Zimmer glänzt

Völlig beflügelt von diesem Gefühl der neu gewonnenen Kontrolle über die Zeit starte ich in meine Uni-Woche. Unglaublich, welche Gedanken mir nun in der Freizeit kommen. Am Montag sortiere ich Flohmarktsachen aus, entstaube mein Zimmer, ordne meine CDs. Stopp. Spätestend hier vermisse ich – die Musikliebhaberin schlechthin, gute und laute Musik aus meinen Boxen oder meinen Kopfhörern. Ich vertreibe die Sehnsucht mit ein bisschen Sport und denke darüber nach, was ich alles nicht vermisse. Ganz oben auf meiner Liste steht mein Handy. Freunde und Kollegen können ein Lied davon singen, wie oft ich das Klingeln meines Handys schon überhört habe. Jetzt plötzlich bilde ich mir ein, mein Handy klingeln zu hören. Ob das die ersten Entzugserscheinungen sind?

Dienstag – Waschen wie vor hundert Jahren

Am Dienstag scheint irgendjemand die Regeln verschärfen zu wollen: Meine Waschmaschine geht kaputt. Ich hänge über der Badewanne gebeugt, um die Wäsche mit der Hand zu spülen. Leben wie vor 100 Jahren! Fehlt nur noch die Brieftaube, die auf dem Fenstersims landet und mir eine Nachricht von meinem Liebsten überbringt. Auch im Uni-Alltag gibt es kleine Veränderungen. Da heutzutage Dozenten nur noch per E-Mail mit den Studenten kommunizieren, müssen mir meine Kommilitonen erzählen, wer welche E-Mail mit welchem Inhalt verschickt hat. Nichts Weltbewegendes – wie zu erwarten war.

Ich frage mich, ob mir das große Leiden noch bevorsteht, oder ob es ausbleibt. Bis jetzt läuft alles hervorragend. In der Uni passe ich besser auf, Texte lese ich gründlicher und auch am Abend habe ich noch die Muße, zwei bis drei Stunden zu lernen.



Mittwoch – Durchhänger

Aber natürlich kommt er noch – der eine Abend, an dem ich alle Bücher und das Lesen verfluche. Am Mittwoch sitze ich neun Stunden in der Uni, beschäftige mich mit französischer und portugiesischer Literatur und Grammatik und bin einfach nur noch fertig, als ich nach Hause komme. Die Versuchung, mich vor den Fernseher zu fläzen und von Bildern berieseln zu lassen, ist groß. So ohne Anstrengung, ohne Konzentration. Ich sage mir wieder und immer wieder, welche Wohltat ich meinem Kopf und meinem Intellekt gerade tue.

Zum Einschlafen höre ich an diesem Abend nicht die übliche CD, sondern ein Schlaflied, gesungen von meinem Freund. Gut, dass er bei mir wohnt und ich ihn nicht telefonisch um musikalischen Beistand bitten muss.

Donnerstag – ich darf wieder! Aber soll ich?

„Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.“ Wie sehr mir der amerikanische Komiker Groucho Marx mit diesem Urteil über den Flimmerkasten einmal aus der Seele sprechen würde, konnte ich vor Beginn meiner Woche ohne neue Technik noch nicht ahnen. Anders als erwartet, blieb mein großes Leiden aus und es gab keinen einzigen Augenblick, in dem ich darüber nachdachte, den Versuch abzubrechen. Zwar schwebte ich während der fünf Tage in einer Art Seifenblase, die mich ein bisschen von der Außenwelt abschirmte, doch war ich auch wieder Herr über meine eigene Zeit geworden. Deshalb habe ich zuletzt tatsächlich Angst davor, wieder in mein altes Leben, in dem ständig Fernseher, Computer oder Radio im Hintergrund liefen, zurückzukehren. Angst vor dem Trott des stündlichen E-Mails-Checkens und vor dem Zeitverlust, der damit einhergeht.

Am Donnerstag ist mein Experiment offiziell beendet, doch ich wage es nicht, den Computer einzuschalten oder das Telefon in die Hand zu nehmen. Bis zum Mittag schiebe ich diesen Schritt vor mich her. Dann tu ich es schließlich doch. Ich bin wieder zurück, die neuen Medien haben mich wieder. Ich nehme mir aber vor, in Zukunft mit weniger Technik auszukommen. Wenn gerade keine Studienarbeit ansteht, muss auch eine halbe Stunde täglich am PC reichen. Und auch der Fernsehkonsum wird eingeschränkt.




Artikel als E-Mail verschicken Artikel auf Facebook weiterempfehlen Artikel twittern Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diesen Artikel bei del.icio.us bookmarken
 



Kommentare
Anzahl der Kommentare: 15
cms
Mittwoch, 18.06.08 10:16
 

Gute Sache, so etwas hin und wieder auszuprobieren! Ich hab das selbst letztens gemacht, zwei Wochen ohne Internet, weil der Anbieterwechsel nicht so reibungslos geklappt hat. Eigentlich war das gar nicht so schlimm, eher angenehm... Nur doof, wenn man Forschung in Second Life betreiben will...

Sheriff Limbo
Mittwoch, 18.06.08 10:35
 

tolle Idee - weiter so - könnte so mancher Zeitgenosse 1x im Monat brauchen oder?

Sheriff Limbo
Mittwoch, 18.06.08 10:37
 

Meiner Erfahrung nach lernen amerikanische Kinder als erstes, den Fernseher anzumachen - ts ts ts

Jens
Mittwoch, 18.06.08 12:33
 

Als Über-Mittdreißiger habe ich über zwei Drittel meines Lebens ohne Handy verbracht und noch die Hälfte meines Studiums ohne Internet - beides gabs einfach noch nicht bzw. noch nicht brauchbar. Und das ging alles problemlos.

Ich weiß nur nicht mehr, wie.

Schnitzer
Mittwoch, 18.06.08 13:20
 

Hab den Artikel heute morgen schon in der BZ gelesen... aber fudder was wieder für ein Schnitzer im Teaser... die Freiburgerin aus Freiburg! Hola... tsss....

Guenther_Metzger
Mittwoch, 18.06.08 13:21
 

@jens: so wie du dich anhörst, hast du auch die hälfte deines lebens mit studium verbracht

Jens
Mittwoch, 18.06.08 16:32
 

@Guenther_Metzger:

Woraus schließt du denn das nun?

tara
Mittwoch, 18.06.08 18:56
 

das tut bestimmt mal gut, aber ganz ehrlich: ich würde mich nicht mal TRAUEN auf all das für eine zeit zu verzichten weil ich permanent das gefühl hätte etwas existenziell wichtiges zu verpassen...oder die "kontrolle zu verlieren"
=/ da fängt das kopf-problem wahrscheinlich schon an

lalala
Mittwoch, 18.06.08 19:39
 

was heißt da fängt es an an diesem punkt hast du schon so richtig einen an der klatsche :)

Good Musicfan
Mittwoch, 18.06.08 20:09
 

Die Frau hat für eine Zeit aufgehört Technik zu benutzen. Das würden vielleicht viele gerne, können es aber manchmal gar nicht. Ein Pilot ohne Technik weiß nicht wie weit er noch mit seinem Flugzeug fliegen muss und wo eine Gefahr lauert, ein Kapitän fährt mir nichts dir nichts gegen ein Riff und ein Arzt muss doch die Röntgenbilder anschauen. Das waren jetzt gute Berufe, aber bei anderen Berufen ist es doch oft ganz genau so. Was vielen nicht klar ist: wir brauchen heute viel mehr elektronische Technik als vor vielen Generationen. Ist Christoph Columbus vielleicht mit einem Radar nach Amerika hingesegelt? Hat er unterwegs ein Handy genommen und gesagt "Liebe Senorita ich weiß nicht wo ich bin hier sind überall blaue Wellen aber bestimmt sind wir bald in Indien"? Solche Witze mache ich manchmal wenn das Thema doch eigentlich ziemlich ernst ist. Technik kann nämlich gefährlich sein für die Menschen die die Technik benutzen. Beim Pilot ist es aber kein gutes Beispiel. Aber wenn man immer nur in den Fernseher glotzt ist auf einmal was wichtiges passiert und man hat es gar nicht gemerkt. und bei den sendungen kann man oft gar nicht so viel lernen. also nehmt doch lieber ein bisschen weniger Technik auch wenn das natürlich jeder selber entscheiden darf.
Die Frau die den Artikel gemacht hat sieht wirklich schön aus, ich hoffe dass sie sich nie schlimme bilder im internet angucken muss. ich will jetzt aber den freund auch nicht ärgern, sondern dass er sich freut und immer die Frau anguckt und nicht den blöden Fernseher.

fuenf
Mittwoch, 18.06.08 20:16
 

@Good Musicfan:
Ich habe ein paar Deiner Kommentare gelesen und frage mich immer mehr, wie Du's schaffst diesen Liebes-Kleinkind-verarscht-euch-alle-derbe-Stil durchzuziehen!? Hut ab! :D

Kratzbürste
Mittwoch, 18.06.08 21:38
 

Typische Studenten-Beschäftigung.

Schön einen auf Hippie, man kann sichs ja erlauben

derSchecker
Donnerstag, 19.06.08 11:15
 

@Kratzbürste

Du hast das Prinzip hier gar nicht verstanden.
Die Frage ist doch: Beherrscht Du die Technik oder beherrscht die Technik Dich?

D. Haze
Donnerstag, 19.06.08 14:06
 

Na, das ist ja alles schön und gut, aber zwei "Technik ist ja eigentlicht total scheiße"-Artikel ziemlich direkt hintereinander reicht dann fürs Erste auch mal wieder.
Ohne Technik gehts eben einfach nicht mehr, das kann man jetzt ganz schlecht finden, aber gerade an der Uni läuft es mittlerweile doch so: In vielen Seminaren wird außerhalb der Sitzungen ausschließlich über E-Mail kommuniziert, Literatur gibts auch online und die Handouts und Seminararbeiten schreibt man eben selbstverständlich auf dem PC.
Ich finde es nicht schlecht, weil diese Entwicklungen sehr viel Positives mit sich bringen. Und letzten Endes kann jeder noch zu einem gewissen Grad steuern, wie er mit Technik umgeht. Im Übrigen lesen und schreiben wir heute viel mehr als noch vor ein paar Jahren - PC, Handys und Internet machens möglich.
Also, das ist eben unsere Gesellschaft, das wird sich auch nicht mehr ändern, es wäre also mal an der Zeit, sich kritisch, aber eben nicht voreingenommen negativ mit den Medien zu beschäftigen, um den für einen selbst angemessenen Umgang mit diesen zu finden. Das kann dann sein, dass man eben manchmal eine Auszeit nimmt oder dass man komplett einsteigt und immer irgendwie online und erreichbar ist. Wem das gefällt, bitte, aber das von vornerein zu verdammen, ist doch sehr eingeschränkt.

Hahaha, Gina!
Donnerstag, 19.06.08 15:20
 

Gina, warum wusste ich davon nichts? Wie lustig! Ich glaube, nach einer Woche ohne Fernsehen könnte ich Rilke und Heine aus dem Stehgreif zitieren, eine Fremdsprache mehr (Japanisch), wäre von oben bis unten piccobello rasiert (ohne Stoppeln) und hätte einen Ball mit aufgemaltem Gesicht namens 'Wilson' - "WILSON, ICH HABE FEUER GEMAAAACHT!", haha. Ich werde jetzt nicht mit meinem Namen unterzeichnen!

Um einen Kommentar zu verfassen, benötigst du ein fudder-Profil. Registriere dich kostenlos oben rechts auf fudder.






Diese Funktion steht nur für eingeloggte fudder-User zur Verfügung.

» fudder-Netiquette





» keep-it-deep

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
wie verhält es sich mit k...

» keep-it-deep

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
@da dude: wie beurteilst ...

» Gim

Suche Fahrrad
Hallo, ich suche ein mög...

» Da Dude

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
Sicherlich, eine Top Ten ...

» Keeeeelllllll

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
"Beach Boys sind woh...

» laz4056

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
ich find ne Queen Nummer ...

» Mikey

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
Ich würde auf jeden Fall ...

» Da Dude

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
Fiel mir auch auf, aber w...

» Da Dude

re: Die 10 wichtigsten Alben aller Zeiten
Beach Boys sind wohl kaum...