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Nachtmacher (14): Gerd Blum

Gerd Blum ist der Herr des Heubodens. 1977, Blum war erst 23, ließ er die Rundholzdiskothek in Umkirch bauen. Dieses Jahr feiert er 30-jähriges Betriebsjubiläum. Das große Portrait: Blum über Wolfgang Petry, Klaus Augenthaler und den Ruf des Anbaggerschuppens.

Blum / Heuboden

Rundgang

An einem schwülen Maimittag führt Gerd Blum durch die Räumlichkeiten des Heubodens. Ein Partylabyrinth für 1500 Besucher. Jemand, der diese Diskothek noch nie besucht hat, kämpft ein wenig mit Schwindelgefühl. Es ist so, wie es die Freunde beschrieben haben, nur noch viel intensiver: Das Musik-Stadl mit der Haxenstube, die ausgestopfte Gams, die Tanz-Tenne, die niedlichen Nischen und Fensterle, die Kachelöfen, das Umkircher Kleinbayern, der Gemütlichkeitsoverkill, die Airbrushmotive an der Wand, der Discokugel-Heuwagen aus Wasenweiler an der Decke. Dreimal klopft Gerd Blum, der Herr über den Heuboden, an eine der unzähligen Holztheken und sagt: „Alles Eiche massiv. Da ist nichts furniert!“

Es ist recht einfach, den Heuboden zu belächeln als seniorentauglicher Abschleppschuppen, ihn abzutun als biedere Erlebnisgastronomie für Motivkrawattenträger; viel interessanter aber ist die Frage, welches Hirn dahintersteckt und sich all das ausgedacht hat. Denn der Heuboden ist weitaus bekannter als Umkirch, erfolgreich und seit 30 Jahren eine Institution im Nachtleben der Region. Warum funktioniert so ein Laden, während vergleichbare Discos wie der Funpark untergehen?

Blum / Heuboden

Der Nachtmacher

Gerd Blum sitzt in der guten Stube seines „First-Class-Restaurants“ und lässt sich einen Kaffee bringen, den er während des Interviews nicht anrühren wird. Der 54-jährige Familienvater trägt graugetrimmten Schnauz, ein jeansblaues Eternahemd und sagt des Öfteren „Klein-Klein“. Es seien nicht die großen Strategien gewesen, die dem Heuboden seinen Ruf eingebracht hätten, sondern stetige Kleinarbeit, Verfeinerung und Ausbesserung. Der mittlerweile dreifloorige Club hat eine langsame, aber gewaltige Expansion erfahren. In Tanne und Fichte.

Blum / Heuboden

Rückblende: Blum wächst in Gottenheim auf, mit drei Brüdern und zwei Schwestern. Er macht den Hauptschulabschluss. Mit 15 reist er nach Sylt. Dort führt sein älterer Bruder Walter ein Fischgeschäft und nimmt Gerd in die Lehre. Mit 18 ist er Einzelhandelskaufmann und arbeitet in einer Filiale auf der Nordseeinsel, brät Hering und verkauft Seezungen. Schon damals: viel Fleiß, viel Klein-Klein. „Wir haben Gas gegeben, das wurde akzeptiert.“

Dann wird ein Österreichurlaub schicksalsprägend für Blum. In Fuschl am See sieht er ein Lokal mit Rundholzbalken. Diese Balken verkanten sich quasi in Blums Kopf. Eine Tanztenne im Badischen mit Rundholzbalken, urig, gemütlich, das wird seine gutbürgerliche Vision.

Blum / Heuboden

Die Nische des Erfolgs

26. April 1978, der Heuboden öffnet nach einem Jahr Bauzeit. Franz Heitzler, damals Bürgermeister von Umkirch, gibt Blum das Grundstück. Gerds Bruder Albrecht ist Maurer und realisiert Gerds Traum vom „Haus der Fröhlichkeit".

  Gleich in den ersten Jahren wird der Heuboden zum Domizil für tingelnde Tanzkapellen: Combos mit klingenden Namen wie Serafin, Friends und Fame bespielen die Lokalität in blauen Glitzeranzügen. Am 8. Februar 1979 gibt Wolfgang Petry sein Gastspiel im „Treff für niveauvolles Publikum, Tischreservierung erbeten.“ Blum erinnert sich: „Es waren viele bei uns, auch der Christian Anders. Bloß die Flippers, die waren schon damals zu teuer.“

Blum / Heuboden

Der Heuboden schlug ein wie eine Bombe, sagt Blum. So was kannte man noch nicht im Breisgau. In Freiburg gab es das Tiffany und Ole’s Tenne (heute Bolero), in Emmendingen das Fashion und das Big Charly (heute Inside). Aber der Heuboden war der rustikale Knaller. „Jeden Samstag hatten wir um 20 Uhr 300 Leute vor der Tür stehen, um 21 Uhr gab es keinen Sitzplatz mehr. Die Leute, die wir abgewiesen haben, sind rüber ins Hufeisen. Die haben auch von uns gelebt.“

Schon damals achtete Blum, der Holzfreund, auf die richtige Alters-„Nische“ des Publikums. „Wir haben oft ab 25 gemacht. Da kam es schon vor, dass ich als 23-Jähriger Ältere nicht reingelassen habe“, sagt Blum und grinst. Dass man über 40 noch zum Tanzen ausgehe, war Anfang der 1980er-Jahre etwas Neues. Inzwischen besuchen Eltern mit ihren Kindern den Heuboden. Ganz normal.

Blum / Heuboden

Die Expansion

Ganz normal erschien es Blum auch, sein gut laufendes Unternehmen 1985 durch vier Bundeskegelbahnen nebst Weinstube zu ergänzen. Und tatsächlich, die Kegler kamen. Bei jeder Sau wurde eine Runde ausgegeben. Eine Riesengaudi. „Zehn Jahre lang hatten wir Narrenfreiheit. Aber dann gings los mit den Alkoholkontrollen von der Verkehrspolizei. Das hat unsere Gäste vorsichtiger gemacht. Der Umsatz ging zurück.“

Blum ließ die Kegelbahnen komplett rausreißen und errichtete 1995 das Musik-Stadl. Um es abzukürzen: der Spargelfan baute in den Folgejahren noch ein 100-Betten-Hotel, ein Restaurant, ein Tagungszentrum, einen zweiten Parkplatz und eine weitere Tanz-Tenne dazu („die hat auch wieder supermäßig eingeschlagen“). Ein Heubodenimperium.

Irgendwie passt es dazu, dass der Stier Blums Signum geworden ist. „Der Heuwagen wäre mir zu statisch gewesen“, sagt Blum.

Blum / Heuboden

Der Flirtboden

Blum schmunzelt, als man ihn fragt, woher dieser Ruf vom Abschlepperschuppen komme. „Ich weiß es nicht“, sagt er dann. „Klar, wir sind ein Kommunikationsbetrieb. Und vielleicht haben wir hier mehr Singles als anderswo. Wenn ich jetzt beim Neukauf bin, dann ist das schwierig. Da ist eine, die mir gefällt, aber dann hat die vielleicht drei Kinder dabei und ich kann sie schlecht ansprechen. Bei uns geht das schon einfacher.“

Blum / Heuboden

Die VIPs beim SCF

Viele wissen nicht, dass Blum auch eine enge Bindung zum SC Freiburg hat. Vorm ersten Aufstieg 1993 wendete sich Fritz Keller, seit langem ein Kumpan des Gottenheimers, an den Heubodenmann: „Wir planen gerade VIP-Räume und haben keine Ahnung, wie die aussehen und funktionieren sollen.“ Blum konzipierte die Essensausgabe und machte zehn Jahre lang die Bewirtung. Dann stieg er aus, wegen Finke. „Ich habe mich nicht mehr mit seiner Vereinsphilosophie identifizieren können. Für mich hätte er 2004 freiwillig abtreten sollen.“

Mittlerweile geht Blum wieder gern ins Dreisamstadion und die Verantwortlichen des Vereins kommen gelegentlich zu ihm. „Der Dutt war gleich am Anfang der Saison zu Gast, zusammen mit Dufner und dem Kellerfritz. Ich hab ihn nach der Zielsetzung gefragt. Er meinte: ,Aufstieg.’ Öffentlich hat er das natürlich nicht gesagt.“

Blum / Heuboden

Kabinengespräch

Überhaupt scheinen Kicker und Exkicker gern auf ein sportliches Weizen am Gansacker vorbeizuschauen. Klaus Augenthaler etwa nahm Blum beim ersten Heubodenbesuch während seiner Nürnberger Trainerzeit beiseite und sagte: „Ich musste mir das einfach mal anschauen. Der Heuboden war ja schon damals in der Bayernkabine Gesprächsthema.“ Auch Ex-Bürgermeister Heitzler pflegte bei Auswärtsterminen oder in der Kur zu sagen: „Ich bin von Umkirch. Kennen Sie nicht? Heuboden? Na also.“

Blum / Heuboden

Damenwahl

Blum ist mittlerweile Chef von 25 Festangestellten in der Gastronomie und 75 Jobbern im Discobereich. Vergangenen Samstag ist Arno Kaczynski (DJ Arno) verabschiedet worden, er war 28 Jahre lang Discjockey im Heuboden und zeichnete verantwortlich für den Oldie-Abend (montags) und die Damenwahl (donnerstags). Besonders der Donnerstag laufe immer noch gut, meint Blum.

Zukunftsängste? Nicht die anderen Diskotheken seien das Problem, sondern das drastisch gestiegene Freizeitangebot im Allgemeinen. Blum nennt als Beispiel die Weinfeste in der Regio: „Vor 30 Jahren hat das angefangen, in Breisach. Mittlerweile hat jedes Dorf sein eigenes Weinfest.“

Die eigene Expansion betrachtet er indes nicht als abgeschlossen. „Es wird immer noch etwas geben“, sagt er und im Kopf des Zuhörers entsteht unweigerlich das Bild einer Art Europapark-Disco, die jedes Jahr um einen „Themenbereich“ anschwillt. Aber ganz so wild wird's wohl nicht. Blum deutet hinter sich und sagt: „Die Straße da ist noch öffentlich. Aber die werde ich demnächst auch kaufen.“




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 13
Ralf
Donnerstag, 29.05.08 10:36
 

Also über den Heuboden kann man ja denken wie man will - aber

Hut ab vor der Leistung dieses Mannes

maik
Donnerstag, 29.05.08 10:48
 

zeit für pominenz ;-)

Wodan
Donnerstag, 29.05.08 10:53
 

SUUUPER Bericht !
da ich mich so schon kaum vor anmachen retten kann, hats mich nie in den heuboden verschlagen. dieser ruf des abschleppschuppens eilte diesem haus immer voraus.

echt coole hintergrundstory !

moskito
Donnerstag, 29.05.08 11:06
 

Hut ab vor dem Mann, hört sich nach dem Glück des Tüchtigen an.
Ich bin übrigens auch ein kleines bißchen stolz darauf, wirklich noch niemals nicht in diesem Laden gewesen zu sein!

exfr
Donnerstag, 29.05.08 11:44
 

...guter Bericht, witziger und doch informativer Schreibstil.
Bisher konnte ich mich auch vor einem Besuch drücken. Wobei die Bude echt auch in anderen Bundesländern bekannt ist.

Ehrlich gesprochen vom Wirt: Ab Mitte der 90er vermehrt Alkokontrollen, da blieben die Schlucker dann lieber daheim auf dem Weinfest, vorher war da Narrenfreiheit.

LEGOsteniker
Donnerstag, 29.05.08 12:31
 

Hut ab !!!

Mich hätte noch interessiert wie Herr Blum zum Rauchverbot steht.

thumbs up

PS:
Ich war schon Gast :) :) :) (jeweils nach einer Weihnachtsfeier)

Heaven_n_Hell
Donnerstag, 29.05.08 14:00
 

Kann mich nur anschließen - Hut ab vor Herrn Blum und sehr gut geschriebener Bericht!

Ich war natürlich auch noch NIE dort... *warum wird denn meine Nase plötzlich so lang? *grins

Beim Heuboden schlägt das McDonalds Syndrom wieder voll an - keiner geht hin aber trotzdem ist dort immer was los....

In diesem Sinne - wünsche weiterhin viel Erfolg!

malte
Freitag, 30.05.08 08:16
 

Da siehts man mal wieder: Die Normalos habens doch faustdick hinter den Ohren.Erst Damenwahl mit den Flippers und dann ab ins Hotel nebenan.Hemmungsloser Ehebruch von verheirateten Muttis.Hoffentlich leidet da die Sauberkeit im heimischen Haushalt nicht unter diesem ungezügelten Lebenswandel.

geschwätzigkeit
Freitag, 30.05.08 11:38
 

herr blum zeigt neben seinem geschäftssinn auch das andere gesicht der gastronomie: geschwätzigkeit!
wie sonst ist es zu erklären, dass er im fudderinterview das vorherige saisonziel von sc trainer dutt veröffentlicht? keiner trainer der südbadischen fussballwelt wird ihm zukünftig jemals mehr als belanglosigkeiten erzählen............

Altin Rrakli
Freitag, 13.06.08 12:46
 

Man sollte den teil "SCF" mal in einem Blog zum SportClub (z.B. den BZ-Blog) verlinken. Fänden einige Leute sicherlich seeeehr interessant welche Seilschaften hinter der Führungsetage des SC stecken....

Gastr
Freitag, 27.06.08 11:47
 

Gerd Du bist der beste Gastronom weit und breit:)

thomas
Montag, 28.07.08 15:56
 

nur das er ausländer feindlich ist kann man nur sagen er lässt meine freunde nicht rein wo schon sehr viel geld drinnen im heuboden gelassen haben und dann noch so blöd machen ihr kommt nicht rein ihr seid ausländer

Donnerstag, 23.10.08 13:34
 

Übrigens wurde der Heuboden ausgezeichnet. Er hat den Discotheken Oskar der DEHOGA bekommen.

Das heisst er darf sich "Beste Discothek Deutschlands 2008" nennen.

Hut ab. Gratulation

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