Intro
Mehr als
zwei Drittel aller Isländer wohnen im Großraum Reykjavík. Das ist nicht nur die Hauptstadt, sondern auch der einzige Ort auf der Insel am nordwestlichen Europazipfel, der als borg (Stadt) bezeichnet wird. Trotzdem bleibt Reykjavík ein Dorf – mit windiger Witterung.
Mütze nicht vergessen!

Ziegel auf Dächern sind verboten, Bäume gibt es seit langem sowieso nur wenige und
zu Fuß bewegt sich sowieso nur der Nichtisländer in Allwetterjacke.
Anfangs wundert man sich noch, warum niemand so verwüstet in die Uni tritt wie man selbst und warum man auch zur unfreundlichsten Zeit
Mädchen ohne Socken und ohne Lungenentzündung sieht. Plötzlich die Erkenntnis: das Auto steht keine drei Meter entfernt. Die allgemeine Annahme, dass Isländer im Einklang mit der Natur leben, ist falsch. Meistens zumindest.
Der größtvorstellbare Jeep steht mit laufendem Motor und allen Kindern vor der Bank. Auch kann man in der Bibliothek Laptop, Handy und Portemonnaie stehen und liegen lassen, um kurz zu verschwinden. Vor
Kriminalität muss man in der Stadt keine Angst haben. Brustbeutel und ähnliche Reiseutensilien kann man für andere Trips schonen.
Geld
Natürlich würde auch kein Isländer am Bankautomaten Geld holen. Denn während in Deutschland oft erst ab 10 € mit Karte geduldet wird, zückt der Isländer auch beim
200 Kronen-Kaffee die Geldkarte. Dies wiederum erspart einem, dass man realisiert, was man gerade für ein Brot, eine Milch und drei Paprika bezahlt hat.
Am Erholsamsten wird der Aufenthalt, wenn man möglichst schnell die Preise nicht mehr in Euro umrechnet. Die isländische Krone steht momentan relativ touristenfreundlich. Für
einen Euro bekommt etwa 115 isländische Kronen.
Fortbewegung
Der
Stadtbus ist gelb und heißt
strætó. Eine Fahrt kostet
280 ISK, das Geld wird passend in das kleine Kästchen beim Busfahrer geworfen.
Sonst ist alles wie immer: Man weiß nicht, wo man aussteigen muss, weil es keine Ansagen oder sonstige Hinweise gibt, Schulkinder nerven rum, die Busfahrer geben fünf Meter vor der Haltestelle noch mal Gas und überfahren leidenschaftlich gern Bürgersteigkanten.
Man kann aber auch überall hin laufen, weil alles recht überschaubar ist.
Spaziergänge
Besonders bei gutem Wetter empfehle ich die kleine Halbinsel
Grótta auf Seltjarnarnes (nes bedeutet Halbinsel). Schön ist auch die Strecke an der Ægisíða entlang bis zum Geothermalstrand Nauthólsvík, wo man im Sommer dank eingeleiteten warmen Wassers im Meer baden kann. Von dort durch den Wald zu Perlan hoch.
Raus aus der Stadt
Das Umland von Reykjavik ist sehr sehenswert, am besten mietet man sich ein Auto. Meistens wird man zu Hause
abgeholt und wieder weggebracht, zum Beispiel bei
Berg Car. Aktuelle Straßenverhältnisse findet man bei
Vegagerdin.
Die übersehene Sehenswürdigkeit
Perlan ist die Perle, von dessen
Aussichtsplattform man einen schönen Blick über ganz Reykjavík hat. Voraussetzung ist klare Sicht. Hin und wieder gibt es dort bestimmte Märkte. Letztens gab es günstige Schuhe. Gerade ist ein Buchmarkt zu Ende gegangen, auf dem man sehr preiswerte, neue Bücher bekommt. Ebenso gibt es einen
CD- und DVD- Markt.

Hübsche Fotomotive bieten sich auf dem alten Friedhof
Hólavallagarður, in der Nähe des Tjörnin, dem Stadtsee. Große Bäume, alte Grabsteine, isländische Namenskunde, Ruhe.
Kino
Durch Zufall gefunden habe ich das
Red Rock Cinema (Hellusund 6A). Der Besitzer und sein Vater filmen diverse Vulkanausbrüche auf der Insel. Das Material wird in einem kleinen Kino gezeigt. Es gibt ein- und zweistündige Vorstellungen, manchmal auf deutsch, zumindest aber auf englisch.
Auf jeden Fall spannend, vor allem, weil es natürlich immer passieren kann, dass der Vorführer während des Films plötzlich los muss, weil endlich wieder
ein Vulkan ausbricht. Aber das kommt ja nicht allzu oft vor. Eintritt: 900 ISK, Studenten 750 ISK.
Für den Filmfreund empfiehlt es sich, im September in Reykjavík zu sein. Da findet das
Reykjavík International Film Fest statt. 2007 war das Programm wundervoll.
Museen
Es gibt viele Museen in Reykjavík. Man kann zum Beispiel ins
National Museum gehen (Suðurgata 41). Mittwochs ist dort der Eintritt frei. Nachher oder vorher sollte man an diesem Tag
Þjóðmennigarhúsið, das Kulturhaus (Hverfisgata 15) besuchen. Es ist bekannt für seine alten Handschriften. In der obersten Etage gibt es zudem eine Ausstellung über die Entstehung der Insel
Surtsey in den Sechzigern.
Die Nationalgalerie kostet nichts. Der Name ist jedoch ein wenig irreführend. Dort gibt es laufend
wechselnde Ausstellungen und nicht etwa die Künstler Islands zu sehen. Für deren Kunstwerke gibt es eigene Häuser.
Infos
...über Konzerte, Ausstellungen und sonstige Veranstaltungen findet man in der englischsprachigen Umsonstzeitung
grapevine, die fast überall ausliegt. Sie erscheint monatlich und ist für den, der des Isländischen nicht mächtig ist, vermutlich die einzig verständliche Zeitung.
Im ebenfalls kostenlosen
Fréttablaðið kann man mindestens das oben erwähnte täglich erscheinende Kinoprogramm, die Wetterkarte und Zeiten des
Sonnenauf- und -untergangs studieren. Letztere sind stets interessant.
Viele sehr übersichtliche und kompakte Informationen für Touristen gibt es bei
Visit Reykjavik.
Shop til you drop
Die klassische Einkaufsstraße ist der
Laugavegur. Hauptsächlich Secondhand- und Designerladen.
Wer isländische Schafpullover oder sonstige Winter-Accessoires mitnehmen möchte, sollte vom Laugavegur auf den Skólavörðurstígur abbiegen. Dort gibt es die
Handknitting Association of Iceland (Skólavörðurstígur 19), dessen fleißige Hände Pullover nach Kundenwünschen stricken.
Diese Straße lohnt sich sowieso. Natürlich auch, weil sie zur
Hallgrímskirkja führt, die Kirche, die man von überall in Reykjavík sehen kann; aber auch, weil in der Nummer 15 der
Plattenladen 12 tónar residiert.
Die meisten guten
isländischen Bands sind auf gleichnamigem Label und die Mitarbeiter dort können einem kompetent weiterhelfen. In Sofas sitzend, mit einem starken Kaffee im Mund und neuer Musik im Ohr kann man dort Stunden verbringen. Am Besten kommt man am
Freitag Nachmittag in den Laden. Oft gibt es dann, gegen 17 Uhr,
Umsonstkonzerte. Das ist immer sehr nett und der Tetrapackwein schmeckt auch ganz vorzüglich, wenn er umsonst, in Plastikbechern und familiärer Atmosphäre gereicht wird.
Glück beim Suchen kann man auch auf dem
Kólaportið haben. Dieser Flohmarkt (Tryggvagata 19) ist jedes Wochenende am Hafen und zumindest Haifisch in Probierportionen kann man dort ergattern. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 11 Uhr bis 17 Uhr.

Ganz nett ist auch der Antikladen
Frída Frænka (Vesturgata 3). Dort gibt es alles und nichts, aber allein der schöne Eingang macht den Laden liebenswürdig.
Genereller Tipp: Wenn man für mehr als 4000 Kronen einkauft, bekommt man die Steuern zurück. Also immer nach einem
Taxfree-Schein fragen, auch wenn es nicht auf der Tür steht. Den muss man nur ausfüllen und am Flughafen einwerfen.
Lebensmittel kauft man am Besten in
Bónus (zum Beispiel auf dem Laugavegur, erkennbar am pinken, schielenden Schwein auf gelbem Grund) oder im
Kronan (lachende Geldmünze).
Kaffeepause
Kaffi ist überall zu kriegen. In den Banken gibt es ihn für lau und in diversen Cafés mit netter Umgebung. Ich trinke meine heiße Schokolade sehr gerne im
tíu dropar auf dem Laugavegur 27, gleich gegenüber vom größten Plattenladen skífan. Das liegt im Keller. Überall stehen
Kaffeekannen und alte Karten hängen an den Wänden. Gemütlich.
Nett ist es auch im
Babalú (Skólavörðurstígur 22a). Im zweiten Stock gelegen, mit großen Balkon.
Seit Anfang April hat auch das neue
Kaffi Hljómalind seine Türen geöffnet. Das als "organic cafe" bekannte Kaffeehaus musste wegen dem Abriss einiger alter Häuser umziehen, aber bloß zwei Häuser weiter in die Laugavegi 23.
Leckere Schokotorten gibt es in
Kofi Tómasar Frænda. An der Ecke von Laugavegur und Skólavörðurstígur eine kleine Treppe hinuntergehen, dort findet man das Schokoglück. Dazu gibts Musik von
Hot Chip bis Eels.
Allgemein sollte man zum kaffihús wissen, dass man skandinavisch an der Theke bestellt, dass immer irgendwo eine Karaffe mit gutem
isländischen Leitungswasser herumsteht und dass es oft Internet gibt.
Ausgang
Vor 1 Uhr ist in der Stadt kaum was los. Man geht
eher in Bars, Clubs sind weniger angesagt. In Bars muss man keinen Eintritt zahlen und kann ein
500-700 Kronen Bier mehr trinken. Getrunken wird trotz der hohen Preise viel.
Getanzt wird wo man geht und steht. Geraucht wird draußen. Geräumt wird der Weg mit den Ellbogen. Eine richtige Empfehlung habe ich leider noch nicht gefunden. Auf dem Heimweg kann man, über Opfer der Nacht stolpernd, noch am
Waffelwagen am Lækjartorg vorbei.
Das billigste Bier gibt es im
Belly´s, die besten Hotdogs/pylsur bei der Würstchenbude Bæjarins
Bestu am Hafen. Dort bestellte schon Bill Clinton. Alkohol muss man in der Vinbúð, dem staatlichen Monopol, kaufen.
Konzerte
Die besten Gigs sah ich bisher im
Organ. Für Oktober empfiehlt sich das
Iceland Airwaves Festival.
Schwimmbäder
Die heißen Töpfe (38-44°C) dieser Stadt, alle draußen gelegen, sind etwas Besonderes.
Schwimmen kann man natürlich auch, aber das machen nur wenige. Es gibt Sauna und Dampfbad. Geöffnet sind diese Oasen meist bis 22 Uhr. Das größte Bad (
Laugardalslaug, Sundlaugarvegur) ist mein Favorit. Kleiner und persönlicher ist das
Sundlaug Vesturbæjar (Hofsvallagata).
Absolut sehenswert sind außerdem: Nordlichter, Tjörnin eingefroren, Enten und sonstiges Federvieh, Reykjavíks Schauinsland – die Esja, bunte Wellblechhäuser, die interessante Modeauffassung der Isländer,
gekochte Schafsköpfe in ausgewählten Auslagen, die großen Buchhandlungen in der Innenstadt, die Ausstattung der Uni und die traurige Auswahl im Gemüseregal.