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Anti-Stigma: Ausbruch aus der Isolation

Noch immer haftet psychischen Krankheiten wie Schizophrenie in der Öffentlichkeit oft etwas Unheimlich-Bedrohliches an. „Anti-Stigma“ ist der Oberbegriff für Bewegungen, die sich nun gegen ihre Stigmatisierung und für Aufklärung einsetzen. Auch in Freiburg ist seit kurzem ein kleines Netzwerk im Entstehen. Schüler des Droste-Hülshoff-Gymnasiums bekamen diese Woche an zwei Nachmittagen Gelegenheit, mit Betroffenen zu sprechen, ihre Geschichten zu erfahren und auch eigene Vorurteile auszuräumen.



Die beiden Frauen möchten ihre wahren Namen nicht preisgeben. „Bärbel“ nennt sich die eine, „Uli“ die andere. Uli möchte nicht, dass die Leute auf der Arbeit ihre genaue Geschichte kennen. Sie hat noch einen kleinen Job im Krankenhaus – genug Beschäftigung, um sich nicht sinnlos zu fühlen, und wenig genug, um nicht durch Stress wieder in Depressionen zu stürzen.

Bärbel ist schizophren, auf die ein oder andere Art. Sie hat schon so viele Definitionen ihrer Krankheit gehört, dass sie gar nicht mehr unterscheidet. Wichtiger sind ihr die Namen der Medikamente, die sie durch den Tag bringen. Sie spricht aufgeklärt, wirkt zuweilen geradezu heiter, scheint trotz aller Probleme im Reinen mit sich und ihrer Krankheit. Sie hat die richtige Medikamentenmischung gefunden und nimmt nicht die Maximaldosis, hat also immer noch ein wenig Spielraum. Vor zwei Jahren hat sie Silberhochzeit gefeiert, ihr Mann begleitet sie seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren auch durch die schweren Zeiten. Hin und wieder macht sie Ausflüge mit einem Frauenverein. Drei Gründe, zufrieden zu sein.

Uli wirkt angespannt. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Leben spielt sich ab zwischen einer fast bodenlosen Heiterkeit, die nur Möglichkeiten und keine Sorgen kennt, und tiefem, lähmendem Absturz in die Dunkelheit. Uli ist manisch-depressiv.

Bei beiden Frauen hat es früh angefangen. Bärbel hat das durchlebt, was man klassisch eine schwere Kindheit nennt: Von der Mutter nicht gewollt, wurde sie als Säugling erst an die Großmutter abgeschoben, dann ins Waisenheim. Mit der Adoption fand sie eine Familie, in der sie es aber nicht leicht hatte. Weil viel Hausarbeit zu erledigen war, fasste sie kaum Fuß in der Schule. „Das geht mir noch heute so, wenn ich meine ehemaligen Klassenkameraden treffe. Ich bin immer abseits der anderen Schüler.“

Sie erkämpfte sich gegen den Willen der Eltern den Realschulabschluss, wurde von ihnen dann jedoch in eine Sparkassenlehre gedrängt. Bald kam sie zum ersten Mal in die offene Psychiatrie in der Hauptstraße. „Bis dahin hatte ich immer abstruse Vorstellungen von der Psychiatrie: Verschlossene Türen, keine Klinken.“ Statt dessen wohnte sie mit anderen jungen Menschen zusammen und erlebte mit ihnen zum ersten Mal Dinge, die sie wegen der ungewohnten Unbeschwertheit heute fröhlich als „Unsinn“ bezeichnet – in den Bächle waten, in der Stadt einkaufen, Ausflüge zum Rosskopf. Dann holte sie auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und begann, ihren Traum zu verwirklichen: ein Lehramtsstudium. Während des Referendariats holte sie ihre Krankheit wieder ein, sie musste abbrechen. Ein großer Teil ihres Lebens spielte sich in den folgenden Jahren in der offenen Psychiatrie ab, eine „Drehtür-Patientin“ nennt sie sich: „Mal drin, mal draußen. Mehr drin als draußen.“

Immer wieder wird Bärbel so stark von Gedanken, Erinnerungen oder Stimmen bedrängt, dass sie es kaum aushält. „Manchmal habe ich das Gefühl, meine Mutter steht hinter mir und schaut, ob ich auch alles richtig mache. Oder ich höre Stimmen, die mir vorwerfen, ich sei doch nur zu feige, mich umzubringen.“ Wenn der Druck zu groß wird, lässt sie sich – so selten wie möglich – eine Extra-Spritze geben. Zu den Ärzten kann sie auch am Wochenende. „Das Schlimmste ist die Schlaflosigkeit“, sagt sie.

Das bestätigt auch Uli, obwohl ihr Krankheitsbild ein völlig anderes ist. „Wenn ich drei Tage nicht schlafe, bin ich wieder in Emmendingen“, erklärt sie. Im Gegensatz zu Bärbel hat sie auch immer wieder Zeit in der geschlossenen Psychiatrie zugebracht.

Mit 16 wurde sie das erste Mal depressiv, mit 17 kam sie zu einer Lehre als Krankenschwester nach Freiburg. Hier erlebte sie ihre erste Manie. „Ich war so fröhlich, alles ging ganz leicht, ich war den anderen überlegen. Dann hat die Umgebung angefangen, mich nicht mehr zu verstehen.“ Es folgte ein Aufenthalt in der Hauptstraße – und schließlich der erste Absturz in eine so tiefe Depression, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen. „Es ist einfach alles dunkel geworden. Ich war den täglichen Anforderungen nicht gewachsen, ich wusste, ich würde nie mehr mein bisheriges Leben leben können. Und um die schwarzen Gedanken zu töten, habe ich mich aus dem Fenster gestürzt.“

Sie überlebte mit mehreren gebrochenen Wirbeln, musste wieder laufen lernen. Auch psychisch fing sie sich, schloss die Ausbildung ab. „Dann hatte ich ein paar Jahre Ruhe.“ Bei einem Einstellungsgespräch bat man sie, das Lithium abzusetzen, das sie seit ihrem 17. Lebensjahr nahm – die Stelle verlor sie wegen erneuter Manie. Auch der Versuch, das Abitur in der Abendschule nachzuholen, scheiterte an der Krankheit. Auslöser für die Depressionen seien zumeist Männer gewesen, sagt sie. „Ich habe mich immer wieder verliebt. Das war mein Untergang.“

Viel öfters jedoch erlebte sie Manien, die sie als durchaus angenehm empfand. „Ich fühlte mich toll, ich war glücklich und lebhaft, ich konnte machen, was ich wollte. Manien sind wunderschön, es geht nach oben und nach oben, und irgendwann kippt es. Dann folgt die Psychose, manchmal Paranoia.“ Zuweilen litt sie unter einem fast absurden Verfolgungswahn: „Ich habe jedes Geräusch subjektiv interpretiert. Wenn Vögel zwitscherten, hatte ich das Gefühl, sie wollten sich über mich totlachen.“

Mehrmals kam sie in die geschlossene Psychiatrie nach Emmendingen, spricht rückblickend von Stress, von Hierarchien und Rangordnungen, von der Angst, gegen Regeln zu verstoßen und Spritzen zu bekommen. „Wenn die Bestrafungsmedikation zu stark ist, rutscht man wieder in eine Depression.“ Es waren die dunkelsten Zeiten ihres Lebens, dem sie immer wieder zu entfliehen versuchte. „Wie ich die ganzen Züge überlebt habe, weiß ich bis heute nicht.“

Zwei Lebensläufe, oft bedrohlich nahe am Rand der Gesellschaft, und immer bemüht, den Anschluss nicht zu verlieren. Erzählt werden sie heute in den Räumen der FHG (Freiburger Hilfsgemeinschaft), die zwei Begegnungsnachmittage zwischen Betroffenen psychischer Erkrankungen und Schülern des Droste-Hülshoff-Gymnasiums organisiert hat. Mit dabei ist auch ein Vertreter der Uniklinik-Psychiatrie. Die Jugendlichen lauschen den Biographien, können Fragen stellen.

„Ein klassisches Vorurteil ist etwa, dass Schizophrene aggressiv sind“, erklärt Sozialarbeiterin Lisa Finkbeiner von der FHG. „Und die wenigsten wissen auch, dass Schizophrenie gar keine Persönlichkeitsspaltung ist, sondern nur der Name übersetzt so heißt. Eigentlich ist es eine Wahrnehmungsstörung, die zudem nicht nur psychisch, sondern auch körperlich bedingt sein kann. Es ist eine Krankheit wie jede körperliche Krankheit auch.“

Um Aufklärung zu leisten und Vorurteile abzubauen, wollen die FHG und einige Freiwillige daher nun ein Netzwerk in Freiburg aufbauen. „Unser Ziel ist es, Schüler oder andere Bürger mit Betroffenen und Spezialisten zusammenzubringen“, erklärt Sozialarbeiter Uwe Maasberg. Hierfür ist eine Internetseite mit Kontaktmöglichkeiten und Ansprechpartnern für Interessierte geplant, zudem soll eine Tagung mit Vorträgen abgehalten werden. Das Projekt ist nur eine von vielen „Anti-Stigma“-Organisationen, die sich in den vergangenen Jahren deutschlandweit gebildet haben. Die größten heißen „Open the doors“ und „Irrsinnig menschlich“.



Die Begegnungsnachmittage sind nun als eine Art Pilotprojekt gedacht, und die Schüler nehmen es gerne an. „Ich merke jetzt erst, wie viele Vorurteile ich selbst hatte“, sagt der 17-jährige Florian Schoch. Zuvor habe er bei Schizophrenie immer automatisch an Gollum von „Herr der Ringe gedacht – „spricht mit sich selbst und hat zwei Persönlichkeiten.“ Und der gleichaltrige Maximilian Sarre erklärt: „Es geht letztendlich nicht einmal so sehr darum, Vorurteile abzubauen, sondern darum, einen Einblick in das eigentlich ganz Normale zu bekommen.“

Das Balancieren zwischen ihren zwei Normalitäten haben auch Bärbel und Uli gelernt. Bärbel war, sie weiß es auf den Tag genau, im Februar 1987 das letzte Mal in der Psychiatrie, Uli 1998. Beide vertrauen nun auf die Medikamente, um ihre Schwankungen so gut es geht auszugleichen "Man kann die Krankheit dadurch nicht heilen", erklärt Uli, "man bekämpft nur die Symptome und hofft, dass es funktioniert." Bärbel weiß, dass die medikamentöse Behandlung umstritten ist. „Aber ich spreche immer alles mit meinem Arzt ab. Für mich ist es das Richtige.“ Darüber hinaus versucht sie, unnötigen Stress zu vermeiden. Kleinigkeiten gehen ihr schnell zu Herzen. „Wir sind verletzlicher“, sagt sie.

Uli hat noch viele Bekannte in der Hauptstraße oder in Emmendingen, manchmal besucht sie sie. Zugleich versucht sie, vor allem über ihre Arbeit, den Kontakt zur Welt abseits der Psychiatrie aufrecht zu erhalten. Es ist ein bewusster Prozess, manchmal muss sie sich ein bisschen zwingen. „Es ist viel leichter, mit Menschen zu sprechen, die selbst betroffen sind. Anderen gegenüber fühle ich mich oft unterlegen.“

Bärbel findet in Krisenzeiten vor allem bei ihrem Ehemann Halt. Ihre besonderen Erfahrungen haben sie geprägt, sagt sie, sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Sie meint es positiv. „Alles Schlechte hat auch immer eine gute Seite. Ich kann mich an Dingen freuen, an denen andere achtlos vorübergehen. Das möchte ich nie mehr missen.“









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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 10
Ich (der bei dem sie
Mittwoch, 23.04.08 18:56
 

"Golom" schreibt man (nur zur information) "Gollum"

vielen Dank für ihre aufmerksamkeit

milo
Mittwoch, 23.04.08 23:38
 

danke für den interessanten Beitrag!

Lob
Donnerstag, 24.04.08 12:19
 

Sehr gut und einfühlsam geschrieben, Carina.

kus
Donnerstag, 24.04.08 12:57
 

finde ich auch!

Sophrolaeliocattleya
Donnerstag, 24.04.08 13:12
 

Einer der besten Beiträge, die ich bisher auf Fudder gelesen habe, über ein immer noch stark tabuisiertes Thema. Von einem normalen Umgang mit psychisch kranken Menschen ist unsere Gesellschaft leider immer noch meilenweit entfernt, vielleicht trägt dieser Text wenigstens ein bißchen dazu bei, mehr Verständnis für Menschen mit dieser Krankheit zu entwickeln. Ich würde es mir sehr wünschen. Kompliment an Carina.

Sandra
Donnerstag, 24.04.08 14:32
 

Find ich sehr gut dass dieses Thema mal angesprochen wird. Es traut sich nie jemand darüber zu schreiben oder zu sprechen.
Bei uns sind die psychischen Krankheiten leider noch nicht als Krankheit akzeptiert. Da ist man gleich verrückt und spinnt.
Die Leute sollten sich über die Krankheiten näher informieren, dann würden sie manches vielleicht eher verstehen und hätten weniger Vorurteile.

psycho
Donnerstag, 24.04.08 16:37
 

Ich finde es etwas paradox, zu fordern, die Gesellschaft möge sich normal gegenüber den psychisch Kranken verhalten. Psychisch krank sein bedeutet in meinen Augen insbesondere das Abweichen von gesellschaftlichen Normen. Die Leute findet sich selbst ja auch irgendwann nicht mehr normal und rennen zum Arzt. Die Medikamente bringen sie wieder in die Nähe des Normalen. An dem Punkt angelangt bedürfen sie aber nicht mehr einer besonderen Anerkennung. Als ob diesen Leuten die Krankheit auf der Stirn geschrieben stünde. So ist ja nicht. Man kann ja einfach mal versuchen, sich "normal" zu verhalten. Die Stigmatisierung wird aber, so denke ich, oft durch die Betroffenen selbst herbei geführt. Ich denke diese kranken Menschen sind sehr redselig und drücken jeder neuen Bekanntschaft ihre Leidensgeschichte und wundern sich dann, dass man auf Unverständnis stößt und sehen sich stigmatisiert. Ich denke in unserer Gesellschaft ist keinem Kranken der Weg zu ihr von vorn herein versperrt. Außerdem haben wir so viele Subkulturen, in denen ein psychischer Defekt wahrscheinlich gar nicht mal gleich so auffallen würde. Vielleicht macht es einen auch bei dem ein oder anderen interessant.

Kopfschütteln
Donnerstag, 24.04.08 20:28
 

@psycho:so ein selten dämlicher Kommentar. Zeugt von einer absoluten Ahnungslosigkeit Deinerseits, was die Inhalte dieser Krankheiten betrifft und welche Hölle sie für die Betroffenen darstellen! Ich wünsche Dir, daß Du nie erleben musst, was es heißt mit diesen Krankheiten leben zu müssen. Denn der Vorhof zur Hölle ist ein Sch... dagegen!!!
Noch etwas: Depressive sind selten redselig, was ihre Krankheit betrifft. Eventuell, die Manischen. Aber auch diese nur in der Manie. Ein Psychotiker, der nicht gerade bestens eingestellt ist, ist sich sogar seltenst bewußt, daß er psychotisch ist und kann schon von daher seine Mitmenschen kaum mit seiner Krankheitserkenntnis "belästigen"... Also, lies erst einmal ein bißchen zu diesem Thema, z.Bsp. einen so guten Bericht wie diesen hier, und dann mach Dir bewußt, wie gut es Dir geht und eventuell auch bewußt, wie wichtig es ist, daß dieses Thema offener angepackt wird, damit man namen nicht meg´hr verstecken muss, sondern sagen kann: Ja, ich habe eine Depression, Psychose, etc... und kann trotzdem ein"normales" Mitglied der Gesellschaft sein." Denn, Du weißt es sicher nicht, Dich können diese Themen morgen oder übermorgen unvermutet genauso erwischen und dann bist Du auf die aufgeklärte Haltung Deines Umfeldes mehr als angewiesen!!!

Lala
Freitag, 25.04.08 10:23
 

Das ist mal ein guter Beitrag! Ich finde sowieso dass man das mehr in die Gesellschaft bringen muss, wieviele Menschen werden einfach "abgeriegelt" weil sie nicht in unsere Leistungsgesellschaft reinpassen. Je älter man wird, desto mehr kennt man Menschen die psychisch krank sind.. traurig, aber wahr.

toller beitrag
Montag, 28.04.08 17:20
 

laut einer eu studie aus dem jahr 2003 sind im europäischen raum nahezu 50% aller bewohner von mindestens einer psychotischen störung (psychosen, zwänge, komplexe depressionen...) "besetzt". dein beitrag lieber psycho offenbart eines: du auch!
hinweis: psychotiker fallen eher dadurch auf angenehme, oftmals liebenswürdige und ruhige mitmenschen zu sein. psychos kommen eher als dumme und unwissende verbalsadisten rüber. mit dem anspruch auf richtigkeit ihrer aussagen. insoweit geht der beitrag von "psycho" in ordnung....

an fudder: klasse beitrag! weniger partyvolk ist mehr!!!

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