
Christoph Müller-Stoffels studiert
Vergleichende Religionswissenschaft,
Friedens- und Konfliktforschung und
Spanisch an der
Uni Marburg. Gerade hat er seine Magisterarbeit beendet und bereitet sich auf die Abschlussprüfungen vor. Für Fudder hat er sich den Forscherblog-Fragenkatalog selbst vorgelegt.
Thema der Arbeit
"Formen individualisierter Religion in der virtuellen Welt Second Life"
Abgabetermin
31.01.2008
Wie erläuterst du das Thema einem Fachmann?
Im Zuge der Säkularisierungsdebatte in der Religionssoziologie wurden verschiedene Positionen deutlich. Auf der einen Seite standen und stehen die Befürworter der Säkularisierungsthese, die von einem Verschwinden der Religion in den modernen Gesellschaften ausgehen, auf der anderen Seite stehen im Anschluss an Thomas Luckmanns These von der "unsichtbaren Religion" die Verfechter der Individualisierungs- bzw. Privatisierungsthese, die meinen, dass sich die Religion durch die weitere Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaften nur neue Orte und Erscheinungsmöglichkeiten sucht, aber keineswegs verschwindet.
Die Arbeit zeigt, dass es selbst den Bewohnern der virtuellen Welt Second Life sehr wichtig ist, ihrer Religion, Religiosität und Spiritualität Ausdruck zu verleihen. Besonders interessant sind die sich ergebenden neuen Möglichkeiten. So kann der Gläubige hier zu Ehren seines Gottes, Meisters oder Gurus ein religiöses Gebäude errichten, was in der physischen Welt nicht ohne weiteres umzusetzen wäre.
Ich denke, ich konnte in der Arbeit zeigen, dass Religion für die Menschen nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, und das vollkommen unabhängig von institutionalisierten Formen religiösen Lebens.
Wie erklärst du das Thema deiner Mama?
Ich habe heute morgen versucht, das Thema meinem 96-jährigen Opa zu erklären. „Christoph“, meinte er mit einem fränkischen Akzent, „was ist denn die virtuelle Welt? Ich lebe doch in der realen Welt.“ In der Arbeit hatte ich allerdings geschrieben, dass ich die Dichotomie real-virtuell durch physisch-virtuell ersetze. Darauf wollte er sich aber nicht einlassen, was ich irgendwo verstehen kann. Ich fand es schon bemerkenswert, dass er die Arbeit überhaupt gelesen hat.
Wirst du damit Millionär?
Ich will es nicht ausschließen.;-)
Warum wird unsere Erde durch deine Arbeit eine bessere Welt?
Zumindest erklärt die Arbeit die virtuelle Welt, die ja auch Teil dieser Erde ist. Die Erklärung führt bestenfalls zu mehr Verständnis, und das ist notwendig für eine bessere Welt.
Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Während meiner Arbeit für Fudder zu Second Life fielen mir die verschiedenen religiösen Gebäude auf. In Gesprächen mit den Erbauern und Besitzern war ich von der Ernsthaftigkeit überrascht, mit der sie diese Ideen verfolgten. Da ich damals, im Frühsommer 2007, auf der Suche nach einem Thema für die Magisterarbeit war, lag das nahe, zumal ich auch meine Professorin Dr. Edith Franke dafür begeistern konnte.
Wie hoch war der Stressfaktor?
Der hielt sich eigentlich in Grenzen. Selbst in den letzten Tagen vor Abgabe war ich erstaunlich ruhig. Erst als ich die Arbeit im Prüfungsbüro abgegeben hatte, merkte ich, was für ein Druck auf mir gelegen hatte. Ich hab das Büro dann dank meiner neuen Leichtigkeit durch’s Fenster verlassen und bin sanft, wie eine Daunenfeder die fünf Stockwerke hinunter gesegelt.
Was tust du gegen Denkblockaden?
Die Arbeit ein paar Tage ruhen zu lassen ist immer hilfreich.
Mein Antrieb als Forscher ist...
Ich denke, um an den Kern einer Gesellschaft zu gelangen, muss man sich nach wie vor mit der Religion auseinandersetzen. Steve Bruce, eigentlich ein Verfechter der Säkularisierungsthese, stellt fest, dass wir in der Erforschung neuer Technologien, Methoden und Therapien immer weiter kommen. Wenn aber beispielsweise eine Krebstherapie nicht anschlägt und es keine anderen Heilungschancen mehr zu geben scheint, fangen viele trotzdem an zu beten. Das unterstreicht meiner Ansicht nach die Bedeutung, die Religion nach wie vor besitzt.
Um Religion, Religiosität oder Spiritualität zu erforschen bietet die Vergleichende Religionswissenschaft die besten Ansätze, da sie sich um eine möglichst objektive Sicht bemüht und im Gegensatz zur Theologie nicht aus einer ideologischen Warte agiert.
Mein Forscher-Idol
Ich habe kein besonderes Idol. Ich mag Menschen, die sich neuen Ansätzen und Ideen nicht verschließen und immer wieder bereit sind Neuland zu betreten, wie ich es auch mit meiner Arbeit getan habe.
Meine Lebensweisheit
Probleme sind selbst geschaffen, also gibt es auch Lösungen dafür.

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