Wyhler Wurzeln
Um die Freiburger Hausbesetzungen historisch eimzuordnen, muss man 1975 mit der
Anti-AKW-Bewegung in Wyhl anfangen. Da waren nicht nur die Bauern vom Kaiserstuhl aktiv, sondern auch viele
Studenten aus Freiburg. Parallel dazu gab es in der Stadt erstmals Studenten, die sich billigen Wohnraum für Wohngemeinschaften erobern wollten. Die wurden als neue, alternative Lebensform proklamiert.
WGs in Freiburg
Wohngemeinschaften sollten
keine Zweck-WGs sein. Die Bewohner wollten auch ihre Freizeit zusammen gestalten und richtig gemeinsam leben. Mitte der 1970er Jahre wurden in Freiburg die ersten Häuser besetzt: leerstehende Gebäude, die
vom Abriss bedroht waren. Ein weiterer Hintergedanke der Besetzungen war, der wachsenden Kommerzialisierung der Innenstadt entgegenzuwirken.
Besetzung des Dreisamecks
Das Karree
Kaiser-Joseph-Straße 282-286 und Schreiberstraße 2 und 4 bildeten das so genannte Dreisameck. Es gehörte größtenteils dem Immobilienmakler Selz. Die Wohnungen standen leer, weil der Eigentümer geplant hatte, das Karree abzureißen und einen
Neubau zu errichten. Selz wollte Häuser, die in schlechtem baulichen Zustand waren, günstig aufkaufen, abreißen und dann etwas draufbauen, was höhere Rendite bringt.
Die Besetzer, darunter meine Frau, haben im Jahr 1977 die Türen der Dreisameck-Wohnungen in der Kajo aufgebrochen. Sie sind reingegangen, mit vielen Unterstützern, haben die Fensterläden aufgemacht und eine Party veranstaltet. Etwa
30 Leute pennten da in der ersten Nacht in ihren Schlafsäcken, verbarrikadiert.
Bald nahmen sie Kontakt auf zum Eigentümer. Herr
Selz hat einen Mietvertrag mit ihnen abgeschlossen, die ab diesem Zeitpunkt keine Besetzer mehr waren. Der Vertrag war auf zwei Jahre befristet. Selz musste aber 78/79 Konkurs anmelden. Deshalb hat er den Mietvertrag wieder gekündigt, um seinen ursprünglichen Plan doch durchzuführen. Die
Zürich Versicherung hat das Gebäude tatsächlich gekauft. Ab da war klar: Die Bewohner sollen raus. Im Frühjahr 1980 ging die eigentliche Besetzung erst los.
Leben an der Schreiberstraße: Informelle Hierarchie
Das Dreisameck war mittlerweile nicht mehr nur günstiger, stadtnaher Wohnraum, sondern auch Kulturzentrum. Dort entstand der
Arbeitskreis Alternative Kultur, der heute noch im E-Werk agiert. Das Kulturzentrum lag im Eckhaus, Kajo 286. Es war chaotisch, ein wenig dreckig. Du liefst rein und musstest dich orientieren. Wo findet was statt?
In jedem Stockwerk lief irgendwas anderes: Leute haben eine Zeitung gemacht, in einer anderen Etage gabs eine Kneipe. Die Organsisation war, wenn man so will,
anarchistisch. Manche hat das leicht verängstigt. Aber wenn man sich auf dieses Chaos eingelassen hat, hat sich eine sehr offene Atmosphäre entwickelt, in der man gute Gespräche führen konnte.

Harmonisch war es nicht immer. Wir hatten
Probleme mit Dealern, die auch harte Drogen verkauft haben. Trotz der mangelnden Organisation gab es bestimmte Personen, die Verantwortung übernahmen. Obwohl alles immer erst in
Plenen besprochen werden musste, bildeten bestimmte Wortführer eine informelle Hierarchie. Die haben mitunter auch die Dealer rausgeschmissen und außerdem dafür gesorgt, dass wohnungslose Diebe sich nicht mehr blicken ließen.
Es kamen oft
Bands und Theatergruppen, auch aus der Schweiz, die bei uns auftreten wollten. Auch Lesungen fanden statt. Es war wie eine offene Bühne, selektiert wurde nicht. Es bildete sich eine Freiburger Bandszene. Genial war übrigens der
Gig der Hosen, später, 1982, im AZ-Keller im Glacisweg.
Die Kulturgruppe im Haus war sehr wichtig. Uns war klar: Wir können das Dreisameck nur retten, wenn wir möglichst viele Leute mobilisieren und interessieren für das, was dort stattfindet. Die Kulturveranstaltungen waren dafür ein
Transportmittel.
Frey als Azubi
Ich habe damals noch studiert, davor Zivildienst gemacht. Meine berufliche Zukunft war unklar. 1980 habe ich in der
Jos Fritz Buchhandlung die Ausbildung angefangen. Meine Privatleben fand ausschließlich rund um die besetzten Häuser statt. Ich habe mit den Besetzern abends zusammen gegessen, einer hat für die große Runde gekocht. Regulär habe ich in einer WG in der
Erwinstraße gewohnt. In ein besetztes Haus bin ich erst 1980 gezogen, in die Marienstraße. Damals war ich 24.
Räumung des Dreisamecks: SEK und Wasserwerfer
Wir haben uns auf die Räumung vorbereitet und die Polizei beobachtet. Wir haben
Telefonketten angelegt und uns über die Bewegungen der Polizei informiert. Dann kam der 8. Juni 1980, ein Sonntag. Morgens um 2 erreichte uns in der WG der Anruf. Starke
Polizeikräfte fahren von Lahr aus nach Freiburg, hieß es. Kurz darauf kam eine ähnliche Meldung vom Schwarzwald.
Eine Stunde später standen wir am Dreisameck. Es waren schon viele Leute da. Man hatte
Angst. Wir wussten nicht, was passiert. Andererseits sagten wir: „Wir wollen uns das nicht gefallen lassen. Unser Kulturzentrum lassen wir uns nicht so einfach wegnehmen.“ Die Stimmung war sehr solidarisch.

Die Hausbesetzer haben sich verbarrikadiert. Ich stand genau auf der Ecke Kajo-Schreiberstraße, auf der Fahrbahn. Wir haben die Straße gesperrt und kleinere
Barrikaden gebaut, auf der Dreisambrücke. Die Barrikaden bestanden aus alten Möbeln, Reifen und Pappe. Die haben wir auch angezündet. Dennoch war das mehr
symbolisch und kein richtiges Hindernis.
Gegen 4.30 Uhr ist die Polizei mit
Wasserwerfern angerückt. Eine
SEK-Einheit drang über das Dach eines Nachbargebäudes ein. Wir wussten, dass die Besetzer einen Fluchtweg hatten.

Sie haben auch schnell gemerkt, dass sie das Gebäude nicht halten können. Deshalb ließen sie sich nicht abführen, sondern flüchteten über den Hintereingang und Mauern in die
Gartenstraße. Ich schätze, es waren zwischen 50 und 60 Personen. Meine Frau war dabei.
Währenddessen postierten sich unten die Polizisten. Lange Stöcke,
Stahlhelme, martialisches Auftreten. Dann der Wassereinsatz. Wir trugen Regenjacken und saßen pitschnass auf der Straße. Wir wurden mehr oder weniger
weggespritzt und weggezogen. Auch wenn keiner verhaftet wurde - diese Einsatzvehemenz war uns in Freiburg neu.
Wir, Studenten zwischen 20 und 30, kannten das nicht. Viele hatten Angst und sind davongelaufen. Die meisten haben sich ohne großen Widerstand zum Ausgang der
Sperrzone bringen lassen. Um 8 Uhr morgens hat die Polizei die Zone rund ums Dreisameck abgesperrt, quasi vom Friedrichsbau bis zur Kronenbrücke. Es kamen
Bagger und große Maschinen mit Abrissbirne. Das Dreisameck wurde abgerissen. Unsere Barrikaden wurden eingerissen, dafür
Bauzäune aufgestellt. Nach drei Tagen stand da nichts mehr. Das war eine konzertierte Aktion zwischen Eigentümern, Konkursverwaltern und Polizei.
Demo am Dreisameck: Freiburg, Polizeiburg
Damit war die Sache nicht erledigt. Im Gegenteil. Im Laufe des Sonntags gingen immer mehr Menschen zur
Absperrung. Es kam zu relativ heftigen Wortgefechten. Die Polizisten standen hinter den spanischen Reitern und dem Stacheldraht. Das war die
Polizeiburg. Daher kommt der Slogan: Freiburg, Polizeiburg.

Das Ganze ging
drei Tage lang, bis alle Häuser abgerissen waren. Wir haben dann eine große Demonstration organisiert. Es kamen 10.000 Leute. Das war für Freiburg eine unbekannte Dimension. Auch gut situierte Bürger haben sich aufgeregt: „Dieser Polizeieinsatz passt nicht zu Freiburg!“
Aus dieser Bewegung heraus kommt glaube ich auch die langläufige Vorstellung, Freiburg sei anders. Das hat dort seinen Ursprung. Wir wollten nicht, dass die Stadt durchkommerzialisiert wird, dass die schönen
Jugendstilhäuser plattgemacht werden, nur, damit da Neubauten mit ner besseren Rendite draufkommen.
Schwarzwaldhof und Erbse
13. Juni 1981, Schwarzwaldhof. Das war der Freitag nach der Räumung des Dreisamecks. Zwar habe ich immer noch in der Erwinstraße gewohnt – später dann in einem besetzten Haus in der Marienstraße - war aber quasi ständig im Schwarzwaldhof aktiv: Im Café Mocambo, im Kulturzentrum Budo, in der Besetzerzeitung. Gewohnt haben da die Leute, die aus dem Dreisameck flüchten mussten. Anfang November haben wir dann die
Erbprinzenstraße 20 besetzt, genannt Erbse.
Dieses Haus war bis 86 besetzt. Mein Sohn, heute 24, ist da drin geboren. Ich bin 1985 ausgezogen. Mit einem
Baby in einem Haus zu wohnen, das von der Räumung bedroht ist, ist nicht einfach.
Am 5. März 1981 wurde der Schwarzwaldhof geräumt. Er war mehr Kulturprojekt als Wohnprojekt. Das
Crash hatte dort den ersten Punkkeller. Da hatten wir immer leichte Schwierigkeiten wegen Schlägereien. Es gab das
Budo, das war der Veranstaltungsraum der so genannten Alternativos und den linken
Spontis. Auch hier: viel schräger Rock und Punk. Das Budo war im 1. OG.
Polizeigeruch im rechtsfreien Raum
Kontrollen gab es nicht im Schwarzwaldhof. Wir haben immer gerochen, wenn da ein
Polizeispitzel war. Wir pflegten einen speziellen Umgang, verbunden mit einer bestimmten innerlichen Haltung. Ein Polizist konnte sich verkleiden, aber diese Haltung ließ sich nicht kopieren. Deswegen war schnell klar, wenn einer nicht dazu gehörte. Man kannte sich ja auch, zumindest vom Sehen. Hin und wieder wurden Leute aber auch fälschlicherweise verdächtigt.
Die Polizei hat versucht, uns
auszuspähen. Wenn einer gerufen hat: „Unten steht ein Spitzel!“, waren sofort 25 Leute unten, dann konnte der nur noch flüchten. Eigentlich haben die sich im Umfeld des Schwarzwaldhofs nicht groß blicken lassen.
In diesem Sinne war der Schwarzwaldhof ein
rechtsfreier Raum. Wenn es Stress gab mit Gästen, mussten wir das Problem selber lösen. Im Crash haben sie es dann eben mit ihren Knüppeln gemacht.
Bei uns im AZ war es nicht groß anders. Wir haben Randalierer am Kragen gepackt und
rausgeschmissen. Wenn einer an der Theke kaum noch „Ein Bier“ sagen konnte, haben wir ihm einen Apfel gegeben.
Punks und Prolls im AZ
Im
AZ gab es dann auch mal so eine
harte Phase, wo solche Prolls kamen, die haben mir schon Angst gemacht. Da hast du echt gedacht, von denen kriegst du jetzt gleich eine aufs Maul. Die Punks wiederum waren klasse, weil die uns unterstützt haben und nicht zimperlich waren, wenn es darum ging, den Prolls die Grenze aufzuzeigen.
Auch den
Drogenleuten gegenüber haben die
Punks klargemacht: Wenn ihr hier reinkommt, kriegt ihr ein paar aufs Maul. Das war eine recht harte Gangart, aber eben auch eine notwendige Form von
Selbstschutz. Das AZ ist, so vermute ich, deshalb abgebrannt, weil irgendein Wohnungsloser dort geraucht oder ein Feuerle entfacht hat. Bei all der Liberalität mussten wir schauen, dass wir die Kontrolle darüber behalten.
Der gemeinsame Nenner der Alternativen
Der Schwarzwaldhof war
Schmelztiegel verschiedenster Menschen, die irgendwie anders waren. Das allgemeine
Credo war: „Wir scheißen auf das bürgerliche Leben. Wir wollen ein anderes. Wir wollen intensiv leben. Jetzt sofort. Wir wollen Feste feiern, Spaß haben am Leben. Wir wollen nicht nur darauf schauen, dass wir später mordsmäßig viel Kohle verdienen. Wir haben keine Lust, uns Gedanken zu machen, ob wir jetzt 75 oder 95 Jahre alt werden. Wir wollen die Gesellschaft verändern. Wir wollen eine Gesellschaft, die gerechter ist, die niemanden ausgrenzt; in der Geld und materielle Güter keine Rolle spielen.“
Unsere Eltern haben in den 1950er-Jahren dieses scheißbürgerliche Leben gelebt. Sie haben Geld gespart und Häusle gebaut; und hinterher gejammert, dass alles an ihnen vorbei gegangen sei. Dieser Lebensentwurf ging uns am Arsch vorbei. Wir wollten versuchen, ob es nicht auch anders geht. Das war unser Lebensgefühl.
Damals haben eine ganze Reihe von Leuten gebrochen mit ihrer beruflichen Laufbahn. Einfach, weil dieses Credo
nicht vereinbar war mit morgens früh aufstehen und einen geregelten Beruf erlernen oder ausüben.
Cornelia Helfferich
So heißt
meine Frau. Sie war zu diesem Zeitpunkt fertig mit ihrem Studium, Soziologie und Mathematik. Sie hat gejobbt. Das war damals usus: Jobben, um Geld zu verdienen und ansonsten Dinge tun, an denen man Spaß hat. Sie hat einiges im Kulturbereich gemacht und bei den Demos einige Reden gehalten. 84, 85 hat sie in der besetzten „
Erbse“ promoviert. Es ging um ungewollte Schwangerschaften. Das war ja auch Thema der
Frauenbewegung. Jetzt ist sie
Professorin. Sie hat von 77 bis 86 quasi alle besetzten Häuser mitgemacht. Wir haben uns im Dreisameck kennengelernt. Damals sind viele Freundschaften entstanden, die bis heute wirken.
Gestern Besetzer, heute Stadtrat
Im Rathaus sitzen heute
Maria Viethen und ich (Fraktionsgemeinschaft Junges Freiburg / Die Grünen) sowie
Atai Keller (Kulturliste). Mit Atai habe ich in der Erbse zusammengewohnt. Maria hat im Dreisameck ein Kind gekriegt und ist dann aus dem Schwarzwaldhof ausgezogen.
Im Visier der Polizei
Ich war bei den Demonstrationen meist weit vorne.
Werner Wagner, damaliger Leiter des Polizeireviers Nord, hat mich daher auch als Demonstrationsorganisator wahrgenommen. Ich habe vor diesem Mann nach wie vor Achtung, da er fair und verlässlich mit unseren Vereinbarungen umgegangen ist. Es gab natürlich auch
brenzlige Situationen, in denen wir Steine warfen und die Polizei mit Knüppelschlägen geantwortet hat.
Protest und Fahndung
Nach der Räumung des Schwarzwaldhofs hat die Polizei ermittelt, ob es in diesem Umfeld eine kriminelle Vereinigung gibt. Eine Vereinigung, die verantwortlich ist für die ganzen Demonstrationen, die in Freiburg stattfanden. Außerdem gab es nach der Räumung jede Nacht irgendwelche Aktionen mit teils militantem Charakter. Scheiben von
Bankfilialen gingen zu Bruch.
Sprühereien, der
Eugen-Keidel-Turm auf dem Schauinsland wurde angezündet. Die Polizei hatte keine Vorstellung davon, wer hinter dem Ganzen steckte. Der Witz war:
es gab keine Organisation. Das waren einzelne Gruppen, die was gegen die Repression unternehmen wollten.
Kaffeeklatsch im Wildtal
Als ich im besetzen Haus in der Marienstraße gewohnt habe, haben mir Funkfüchse aus unserer Szene gesteckt, dass ich überwacht wurde. Nicht nur ich, sondern auch
Georg Blumensaat, genannt Schorsch, sowie
Günter Irig. Die Überwachung ging meist Nachmittags gegen vier los und dauerte bis in die Nacht. Am Telefon haben wir nicht viel gesprochen, wir haben uns einfach getroffen. Und einmal haben wir die
Ermittler verarscht.

Wir haben uns gegenseitig angerufen und gesagt: „Wir treffen uns morgen um 16 Uhr hinten im Wildtal, bei diesem Café unterhalb vom Wildtaler Eck.“ Ich bin dann mit meinem
Motorrad da hingefahren. Und ich habe gemerkt, wie uns die Polizei folgt. Am besagten Café waren dann unsere Leute postiert, mit Kameras und Teleobjektiven. Die Polizisten haben das dann plötzlich gecheckt, dass sie fotografiert wurden. Sie waren
aufgedeckt.
