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Optische Täuschungen: Sehen Sie Michael Bach?

Der kleine Mann auf diesem Stuhl ist Michael Bach. Seine Internetseite über optische Täuschungen ist weltweit bekannt. In Freiburg leitet der Professor die Sektion Funktionelle Sehforschung / Elektrophysiologie der Universitäts-Augenklinik. Johanna verbrachte eine Stunde mit ihm in seinem taubenschlagähnlichen Büro und hat zwischen Telefonklingeln und Türeklopfen nicht nur erfahren, dass er in Wirklichkeit viel größer ist.



Brotarbeit und Nullsummenspiel


30 Zoll misst der Bildschirm, hinter dem Michael Bach in seinem Büro sitzt. Gerade groß genug, um verschiedene Kurven nebeneinander zu legen, hin- und herzuschieben, auszutauschen und „zu befunden“. Das gehört zu seiner „Brotarbeit“, wie er sagt: Patienten untersuchen, die Ergebnisse beurteilen, die Voraussetzungen dafür schaffen und Forschung – damit verdient er sein Geld. 

Ein finanzielles Nullsummenspiel dagegen ist Bachs Internetseite, auf der er optische Täuschungen sammelt, aufbereitet, kommentiert und erklärt. Seit zehn Jahren ist sie im Netz und hat inzwischen täglich zehn- bis zwanzigtausend Besucher. Etliche Werbeangebote hat Bach schon ausgeschlagen, „da bin ich schräg gestrickt gegen die aktuelle Wirtschaftslage. Ich halte nichts von Werbung.“ 

Woher nimmt der Mann die Zeit für die Pflege und Erweiterung seiner englischsprachigen Homepage und den Aufbau der deutschen Version? Die Frage stellt sich, wenn man neben ihm in seinem Büro sitzt. Dort geht es zu wie in einem Taubenschlag. Wenn das Telefon gerade verstummt, klopft es an der Tür. Anrufer, Mitarbeiter, Patienten – alle brauchen seinen Rat. Kein Wunder, dass es meist Wochenenden sind, in denen er an neuen optischen Täuschungen bastelt. 

Optische Täuschung auf dem Beuchet-Stuhl

„Dass man sich dafür interessiert, wenn man Sehforschung macht, ist selbstverständlich“, sagt der Physiker. „Optische Täuschung“ klingt zwar, als wäre damit eine Fehlfunktion des Auges gemeint. Bach sieht solche Phänomene aber als Beispiel für die besonders gute Anpassung des Sehens an die normale Umgebung, sie sei „fest verdrahtet“ und könne unter speziellen Bedingungen zu Fehlinterpretationen führen. Aufgrund einer solchen wirkt der Professor auf obigem Bild auch so zwergenhaft. 

Der sogenannte Beuchet-Stuhl, auf dem er sitzt, besteht aus zwei Teilen (siehe Bild links) – dem Untergestell und der Sitzfläche. Die Täuschung entsteht durch die Anordnung der Teile. Das Grundgestell vermittelt den Eindruck, der Stuhl befinde sich in der Nähe und der Sitzende wird im Verhältnis zur angenommenen geringeren Entfernung als klein wahrgenommen, schließlich erscheint die Sitzfläche angemessen groß für ihr Unterteil.

Bastler und Schauspieler

Hätte Bach nicht so viel Spaß am Herumbasteln, würde er wahrscheinlich nicht seine Freizeit in die Optimierung optischer Täuschungen stecken. Schon vor 25 Jahren hat er seinen ersten Computer zusammengelötet. Als der gebürtige Berliner während seines Physik- und Informatikstudiums von Bochum nach Freiburg wechselte, leitete er bald das Elektroniklabor der Psychologie. Die Freude am Basteln von Aufbauten und Geräten für psychologische Versuche brachte ihn sogar dazu, ein paar Semester Psychologie zu studieren. 

„Dann kriegten wir Kinder und ich musste Geld verdienen“, erzählt er. Also suchte er sich eine Doktorandenstelle. Etwas Interdisziplinäres sollte es sein: „Als Physiker bekommt man eine irrsinnig gute Basisausbildung, aber die Physik interessierte mich gar nicht richtig. Sie ist entweder gefährlich oder uninteressant.“ Zufällig landete er in der Neurologie und promovierte im Bereich Hirnforschung. Die danach folgenden Angebote aus Amerika schlug er aus, weil ihm die Forschung zu schwierig erschien. „Die anderen Forscher fand ich so intelligent und mich weniger“, gibt er lachend zu. Dass er ein grundsätzlich schüchterner Mensch sei, meint er ernst. Es sei jedoch nicht sinnvoll, Schüchternheit nach außen zu tragen. In 25 Jahren Schauspielerei im Laientheater in Gundelfingen hat er sie weitestgehend überwunden.



„Nicht den Schnellen gehört im Wettlauf der Sieg“

Auf seinem Gebiet gehört der Wissenschaftler inzwischen zur internationalen Forschungsspitze. Das kam Schritt für Schritt, getreu seinem Motto „Nicht den Schnellen gehört im Wettlauf der Sieg”. Es gefalle ihm, da es entgegen unserer turbokapitalistischen Zeit gestrickt sei. Außerdem habe er selbst erlebt, dass es sich lohne, lange dicke Bretter zu bohren. In den ersten drei Jahren seiner Stelle am im Elektrophysischen Labor, wo sozusagen „EKGs vom Auge“ erstellt werden, gingen alle seine Forschungen schief. Inzwischen ist er Präsident der „International Society for Clinical Electrophysiology of Vision“ und 2006 bekam er den Aulhorn-Preis der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. „Das hat sich so entwickelt, ohne dass es meine Karriereplanung war“, sagt er mit merklichem Stolz. 

Grenzen überschreiten, wie er es in seiner wissenschaftlichen Laufbahn zwischen verschiedenen Disziplinen getan hat, tut Bach übrigens auch privat. „Ich bin definitiv kein künstlerischer Mensch“, sagt er, was ihn aber nicht davon abhält, neben dem Theaterspiel auch zu musizieren. Nach früheren Jazzgruppen spielt er nun Gitarre in einer noch namenlosen Klinikband. Nach der Arbeit steigen ein paar Ärzte und Mitarbeiter der Augenklinik einfach in den Klinikkeller hinunter und proben dort alte Rockstücke. 

„Die Summe aller Laster bleibt gleich“

Wenn das musikalische Talent auch nicht vergleichbar ist – die Namensverwandschaft zu Johann Sebastian Bach nutzt der Vater dreier Kinder auf seiner Homepage für einen Scherz. Neben den im Notensatz festgehaltenen Eingangstakten zu Beethovens Fünfter steht der Schriftzug „Ah… Bach!“. Schon oft bekam Bach Zuschriften, dass er hier einem Irrtum aufsitze – Ironie ist eben nicht jedermanns Sache. Dass Bach Humor hat, merkt man schnell, ein weiteres Motto stammt von ihm selbst: „Die Summe aller Laster bleibt gleich“. Auf die Frage, wie er darauf komme, lacht er verschmitzt, überlegt kurz und sagt dann: „Das würde ich einfach ganz gerne offen lassen, es gibt so viele schöne Interpretationsmöglichkeiten.“

Nun gut, Michael Bach hat ohnehin keine Zeit mehr. In zehn Minuten hat er eine Besprechung, davor muss er sich noch um die zwischenzeitlich vertrösteten Mitarbeiter kümmern. Eilig verabschiedet er sich. Trotz des Stresses wirkt er ganz zufrieden hinter dem riesigen Bildschirm. Schließlich kann er hier Patienten helfen, das Sehzentrum erforschen und an optischen Täuschungen basteln – die perfekte Einheit von Ernsthaftigkeit und Spielerei: „Das Leben ist schon hart genug, wenn man da nicht auch was Spielerisches reinbringt, bin ich ganz traurig.“








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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 3
Au weia
Montag, 05.11.07 17:29
 

Tolles Thema, toller Artikel, toller Link - danke!!!

Samstag, 04.06.11 09:12
 

Interessant zu sehen wie genau dieser Artikel immer wieder Spammer anzieht.

Sonntag, 26.02.12 22:28
 


optische Täuschungen aus Lego:

http://www.polkarobot.de/2012/02/26/terasse-optische-tauschung-aus-lego/

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re: Demo für bessere Medien
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