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Wie werde ich Hebamme? (15)

Mela Pinter ist seit zwanzig Jahren freiberufliche Hebamme. Im September 2006 gründete sie das Geburtshaus Mayenrain in Merzhausen und hat seitdem mit ihrem Team 37 Babys zur Welt gebracht. Traumberuf Hebamme? Frau Pinter erzählt von ihrem ursprünglichen Beruf im Zeitalter der HighTech-Geburten.

Hebamme
Geht gut los

"Möchten Sie eine Tasse Tee?" Mela Pinter führt mich in eines der Geburtszimmer, das mit einem großen Bett, vielen Kissen und einer kleinen Sitzecke ausgestattet ist. Gemütlich ist es hier im Geburtshaus Mayenrain. Vor der Eingangstür steht ein Korb mit kuscheligen Hausschuhen, die man gegen seine Straßenschuhe tauschen kann.

Die Hebamme, auf althochdeutsch Hev(i)anna: „Großmutter, die das Neugeborene vom Boden aufhebt“.

Aus einem Nebenraum höre ich Babyschreie, in einem anderen Zimmer läuft gerade ein Kurs zur Geburtsvorbereitung. Als Mädchen wollte ich auch Hebamme werden. Aber was macht man genau in diesem Beruf?

Traumberuf Hebamme

Mela Pinter sagt: "Mit 26 habe ich beschlossen, Hebamme zu werden. Zuvor hatte ich eine  Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht, auf einem zweiten Bildungsweg habe ich mein Abitur nachgeholt und dann wurde ich Hebamme."



Ausbildung

Voraussetzung für die Ausbildung ist ein Hauptschulabschluss mit mindestens zweijähriger Berufsausbildung oder die mittlere Reife. Dies sind allerdings nur die gesetzlichen Mindestvoraussetzungen, in der Praxis haben sehr viele Hebammenschülerinnen Abitur. Die Ausbildung zur Hebamme dauert drei Jahre und erfolgt an der Universitätsklinik.

In Deutschland gibt es 58 Hebammenschulen, die meistens an ein großes Klinikum angeschlossen sind. Dort lernt man in drei Stufen, wie man Hebamme wird. Die Ausbildung endet mit dem Staatsexamen und erst nach Bestehen der mündlichen, schriftlichen und praktischen Prüfungen ist man Hebamme. Man erhält eine Urkunde mit der Berufsbezeichnung "Hebamme".

Hebamme

Das Mayenrain Geburtshaus

Ich habe das Geburtshaus Mayenrain letztes Jahr gegründet und leite es auch. Ich arbeite mit drei Kolleginnen zusammen, außerdem mit einer Bürofrau und einer Hausdame. Ich war schon immer freiberuflich tätig. Viele Jahre habe ich als Beleghebamme gearbeitet, das bedeutet, man hat die Möglichkeit, mit der schwangeren Frau in die Klinik zu gehen. Von Anfang an habe ich auch Hausgeburten und Praxisgeburten begleitet. Hebamme bin ich jetzt seit 20 Jahren.

Aufgaben einer Hebamme

Unsere Mutterschaftsrichtlinien sind sehr großzügig. Das heißt, die Hebammenhilfe ist gesetzlich verankert. Jede Frau hat das Recht auf Hebammenhilfe, die im Grunde schon mit der Schwangerschaft beginnt. Die Hebamme trifft Vorsorgen und Hilfeleistungen bei Beschwerden. Sie kann sich aber auch ganz kurzfristig um aktuelle Probleme kümmern. Wir bieten zudem Kurse an, erstmal zur Vorbereitung auf die Geburt, dann aber auch während dem Wochenbett, so genannte Rückbildungskurse.

Wir begleiten die Geburt, ganz unabhängig davon, ob sie zu Hause, in der Klinik oder im Geburtshaus stattfindet. Jede Frau kann es sich selber aussuchen. Wir betreuen das Wochenbett, im späten Wochenbett geht es weiter mit der Stillberatung. Laut Hebammengesetz hat die Frau das Recht auf Hilfe bis zum Ende des Abstillens. Wir begleiten Frauen, aber auch ihre Familien - denn auch die Väter sind wichtig -  rund um das Kinderkriegen und mit allen Belangen, die in einer Familie anstehen.

Hebamme

Eigenschaften einer Hebamme

Man muss belastbar sein. Belastbarkeit ist notwendig für die Situationen, die entstehen können. Man muss unbedingt einen kühlen Kopf bewahren. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass man mit dem Zufall der Geburt umgehen kann. Wenn ich als freiberufliche Hebamme in Bereitschaft bin, kann ja jederzeit ein Kind kommen.

Aber auch, wenn ich als angestellte Hebamme in die Klinik gehe und meinen Dienst antrete, weiß ich nie, was mich in den nächsten sechs Stunden erwartet. Große Flexibilität ist also auch sehr wichtig. Und natürlich braucht eine Hebamme viel Geduld. Geduld, die Dinge werden zu lassen. Das hat mir am Anfang auch gefehlt. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich Hebamme geworden bin. Ich war ein sehr ungeduldiger Mensch, das hat sich nach der langen Tätigkeit als Hebamme schon ein bißchen gebessert.



Das Schöne am Beruf

Kein Tag ist gleich. Man weiß nie, was passieren wird. Das Schönste aber ist, dass man dabei sein kann, wenn ein Kind geboren wird. Die Energie, die damit verbunden ist, wenn ein neues Lebewesen begrüßt wird, gibt auch uns Hebammen ganz viel. Mit viel Zeit und Ruhe ein kleines Menschlein zu empfangen, das man dann auch kennenlernen kann, ist natürlich ein ganz großes Privileg.

Schattenseiten

Man sehnt sich nach Rhythmus. Wie auch bei Ärzten ist es schwierig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Ich habe zwei Kinder, die sehr früh flexibel und eigenständig geworden sind. Sie wissen ja nicht, ob ihre Mama in sechs Stunden oder in 36 Stunden wiederkommt. Alles muss gut organisiert werden und das ist meistens weniger mit der Familie vereinbar.

Wenn man Hebamme ist - und das haben mir auch viele Kolleginnen bestätigt - dann ist es weniger ein Beruf als eine Berufung. Es geht im Grunde nur, wenn man sich dazu berufen fühlt und wenn man den Beruf wirklich liebt. Viele junge Kolleginnen von mir sagen auch, dass es ihnen zu viel ist. Sie kümmern sich dann erstmal um ihre Familien und nehmen einen kleinen Teilzeitjob an. Einige wollen doch lieber studieren, weil es ihnen zu anstrengend ist.

Geburtshäuser vs Krankenhäuser

Geburtshäuser sind hebammengeleitete Einrichtungen. Der Geburtshausgedanke ist folgender: wir betrachten die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett als einen natürlichen Ablauf, bei dem jede Frau und jedes Kind letzendlich gut durchkommt. Es gibt Abweichungen und es gibt natürlich auch pathologische Fälle, die in die Klinik gehören - das streitet niemand ab.

Wir Geburtshaushebammen begleiten diesen natürlichen Prozess, so, wie er sich zeigt. Im Geburtshaus ist die Interventionsmöglichkeit geringer, weil wir keine Narkose geben und keine Schmerzmittel einsetzen. Wir begleiten, was ist. Bei Abweichungen muss eine Hebamme reagieren und die Frau verlegen.

Ärzte und Kliniken

Wir arbeiten mit zwei Ärzten zusammen und halten mit ihnen Rücksprache. Gesetzlich ist es so geregelt, dass ein Arzt eine Hebamme hinzuziehen muss. Deswegen ist zum Beispiel beim Kaiserschnitt immer eine Hebamme mit im OP. Ein Arzt darf keine Geburt alleine vornehmen, eine Hebamme hingegen darf eine Geburt ohne Arzt vollziehen.

Väter im Geburtshaus

Ich bin schon lange Jahre Hebamme und habe schon viele Wellen mitbekommen. Die Männer sind immer auf der Suche nach ihrem Platz in dem ganzen Prozess. In der älteren Generation war es ja gar nicht üblich, dass die Männer bei der Geburt dabei waren.

Dann kamen die Männer mit in den Kreissaal, was auch jetzt immer noch überwiegend alle tun. Aber, sind die Männer wirklich dafür geeignet, eine Geburt zu sehen? Oder sind nicht auch manche Bilder wirklich nur Frauensache? Ich glaube, Männer können die Geburt sehr gut begleiten und ihrer Partnerin eine gute Stütze sein, aber es gibt durchaus auch Situationen und Bilder der Geburtshilfe, die nicht für Männer gemacht sind. Deswegen ist es für uns auch wichtig, die Männer ein wenig zu beschützen.

cc:www.flickr.com/photos/r000pert/116946956/

Alterstendenzen bei den Müttern

Bei uns im Geburtshaus haben wir überwiegend Frauen im Alter von Mitte dreißig bis Mitte vierzig. Junge Mütter kommen auch manchmal zu uns, aber meistens sind es ältere Erstgebärende oder Frauen, die schon Kinder haben.  Eine Tendenz zum späteren Kinderkriegen ist auf jeden Fall zu sehen.

Zukunft des Hebammenberufs

Das ist im Augenblick ein ganz großes Politikum. Die Tendenz geht zur Zeit eher ins HighTech - Medizinische. Es wurde zu keiner Zeit mehr in den Geburtsablauf eingegriffen als heutzutage. Noch nie gab es soviele Kaiserschnitte. Dem gegenüber steht die Hebamme, die den natürlichen Ablauf und die Familie begleitet und auch eine große Prophylaxe betreibt. Wir glauben an Selbstheilungskräfte. Wir wissen um alte Theorien, die dies immer wieder bestätigen.

Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, wohin die Entwicklung geht. Wir werden immer in einer Situation sein, die von der Wirtschaft abhängt. Dementsprechend ist der Hebammenberuf mit der Zukunft der öffentlichen Gesundheitsversorgung verbunden. Unser großes Plus ist, dass wir wirklich kostengünstig arbeiten und mit sehr guten Zahlen in Bezug auf die Gesundheit von Mutter und Kind aufwarten können. Das fördert das Interesse der Krankenkasse, aber auch gesellschaftlich aus der sozialen Mitte heraus.



Tipps für Interessenten

Erstmal würde ich wirklich schauen, ob ich der Klinikausbildung gewachsen bin. Das bedeutet, man sollte kein Praktikum bei einer freiberuflichen Hebamme machen, sondern erstmal ein halbes Jahr Pflegepraktikum in der Klinik absolvieren.

Dabei lernt man klinische Abläufe kennen und sieht, ob man die Grundlagen auch durchsteht. Die Ausbildung ist hart. Danach sollte man dazu bereit sein, zwei oder manchmal auch drei Jahre mit einer erfahrenen Hebamme zusammenzuarbeiten. Mit dem Schutzmantel dieser Hebamme ensteht dann quasi ein Meister-Gesellen-Prinzip.

Erst dann kann man von sich als Hebamme behaupten: "Jetzt stehe ich fest im Leben." Die Ausbildung ist also eigentlich doppelt so lang. Viele Dinge lassen sich einfach nur von Fall zu Fall lernen. Es geht nicht darum, möglichst viele Geburten zu machen, man muss sich innerlich zeitlassen, um Hebamme zu werden.



Mayenrain Geburtshaus: Website Bund deutscher Hebammen: Website




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 6
dirk
Freitag, 12.10.07 15:34
 

der schönste beruf der welt!

moskito
Freitag, 12.10.07 15:45
 

Jeden Tag Menschen im völligen psychischen und physischen Ausnahmezustand erleben? Also für mich wär das nix. Die 2 Geburten bei denen ich dabei war reichen mir!

lobo
Freitag, 12.10.07 16:05
 

"Die Hebamme, auf althochdeutsch Hev(i)anna: „Großmutter, die das Neugeborene vom Boden aufhebt“." fand ich am interessantesten!

zonk
Freitag, 12.10.07 17:09
 

schön das sie in ihrem haus die männer beschützen will...
aber manche sachen sinn für männer halt nix, wie z.B. das spamschutzwort heute:
regel

Au weia
Freitag, 12.10.07 19:15
 

Die Bedeutung guter Hebammen kann man gar nicht genug betonen, für das Kindeswohl, das Wohl der Mutter, das des Vaters und nicht zuletzt für das Gesundheitssystem.

Unser erstes Kind kam in der Uniklinik, aber mit Begleitung unserer eigenen Hebamme (Frau Schmelzer, die von allen, die ich kennengelernt habe, mit Abstand die beste Hebamme ist), die Geburt zog sich hin, 36 Stunden Wehen, auch als Mann kaum zu ertragen, aber als die Ärzte schon zum Kaiserschnitt übergehen wollten, um den Ganzen ein Ende zu setzen, haben meine Frau und die Hebamme noch mal alles gegeben, und am Ende kam es doch noch spät abends natürlich auf die Welt und nach einer Nacht konnten wir nach Hause.

Wer weiß, was so ein Kaiserschnitt kostet, inkl. klinischer Nachsorge, der Bedeutung für das Stillen und den Problemen beim zweiten Kind, kann jeden gesparten Kaiserschnitt gar nicht hoch genug schätzen.

Das zweite Kind kam dann binnen zwei Stunden, wieder mit der tatkräftigen Unterstützung, Geburt um 10 Uhr, 13 Uhr waren wir zu Hause. Wann immer es möglich ist, empfehle ich eine ambulante Geburt, ein Riesengewinn für die Familie und für die Krankenkassen, und man hat einen bewährten Partner, nämlich seine vertraute Hebamme als Ansprechpartnerin bei der Wochenbettbetreuung.

Unsere nächsten Kinder kommen ganz sicher wieder mit diesem Modell auf die Welt. Geburtshäuser finde ich schön, es ist aber eben auch eine Entscheidung gegen sofort vorhandene medizinische Notfallversorgung. Klar, im Regelfall passiert nix, aber ich wollte mir zumindest keine Vorwürfe machen.

Die Kombi aus Hebamme, sozusagen der jahrtausendealte und traditionelle Weg der Geburt, verbunden mit High-Tech-Notfall-Medizin als Backup im Hintergrund in der Uniklinik war für uns jedenfalls die ideale Lösung.


Boris
Sonntag, 27.01.08 22:09
 

Es ist für viele vielleicht erstaunlich, aber ich männlich 27 Jahre alt, interessiere mich sehr für den Beruf der Hebamme.
Es hat eine lange Geschichte, aber die möchte ich hier jetzt nicht erzählen. Der Punkt an dem ich wusste, dass ich "Entbindungspfleger" werden möchte war im Januar diesen Jahres nach der Geburt meines eigenen Sohnes.
Ich habe mich erkundigt, ob es über haupt Männer in diesem Beruf gibt bzw. geben darf und habe mit freunde feststellen können, dass es wirklich "männliche Hebammen" bzw. Entbindungpfleger gibt.
Ich bin zwar vollkommen überzeugt diesen Beruf erlernen zu wollen, da ich denke die Voraussetzungen zu erfüllen, aber dennoch bin ich skeptisch, ob ich als männliche Hebamme Akzeptanz finde. Ich stelle mir das etwas schwierig vor in einer Frauendomaine Fuß zu fassen.
Was ist wenn ich mein jetziges Leben aufgebe, die Ausbildung zum Entbindungspfleger antrete und dann immer wieder auf Ablehnung treffe? Und wie ist die Akzeptanz von Seiten der werdenden Mütter?
Es wäre wirklich toll alles so laufen wird wie es auch bei einer Frau laufen würde, aber gewisse Zweifel sind einfach noch da.
Der Wunsch Hebamme zu werden ist aber fest und ich bin auch bereit viel Kraft darein zu investieren.
Ich wollte hier jetzt mal fragen was andere dazu denken, vor allem was weibliche Hebammen dazu denken.
Über konstruktive Beiträge würde ich mich sehr freuen.

MfG
Boris

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