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Wie werde ich Regieassistent? (12)

„Ein Filmschaffender hat manchmal Arbeitstage von 18 Stunden, arbeitet nachts und am Wochenende. Aber ich habe bei diesem Beruf Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt, denen ich sonst nie begegnet wäre.“ Monika Schopp lebt in Berlin und ist seit mehr als 25 Jahren Regieassistentin. Wie wird man das eigentlich?

Monika Schopp

Was ist dein Job als Regieassistentin?


Ich bin die rechte Hand des Regisseurs, ein Bindeglied zwischen der Produktionsabteilung und dem künstlerischen Teil einer Filmproduktion. Der Regieassistent muss sehr viel organisatorische Arbeit leisten, damit der Regisseur seinem künstlerischen Auftrag nachkommen kann. Neben dem Organisatorischen hat er aber auch einen künstlerischen Aufgabenbereich, denn er bearbeitet zusammen mit dem Regisseur das Drehbuch. Ich muss das Drehbuch deshalb genauso gut verstehen wie der Regisseur. Wenn er ausfällt, muss ich ihn vertreten können.



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Ich habe mit dem Regisseur eine Ehe auf Zeit. Mit einigen Regisseuren gibt es eine enge inhaltliche Zusammenarbeit, da sage ich schon mal: „Du, ich hab das Gefühl, da fehlt dir noch eine Einstellung.“ Oder: „Das kommt so nicht rüber“. Andere wollen die Kooperation nicht, die wollen, dass ich mich auf organisatorische Dinge beschränke.

Ich mache das Künstlerisch-dramaturgische sehr gern. Mit der Postproduktion, dem Schnitt, habe ich dann aber nichts mehr zu tun.

Was sind die konkreten Aufgaben?


Die Wichtigsten sind: Stoppliste erstellen, Spieltage planen, Drehplan festlegen, Besprechungen einberufen und Auszüge erstellen. Ich schreibe das Drehbuch quasi nochmal komplett neu. Ich erstelle ein technisches Drehbuch, in das ich alles einarbeite, was nicht im eigentlichen Drehbuch steht, also alles, was dem Regisseur noch zusätzlich einfällt – und Regisseure sind unheimlich kreative Menschen.

Wenn jemand ein zu langes Drehbuch abgibt, muss das in der Vorbereitungszeit auch noch gekürzt werden. Es ist die explizite Aufgabe des Regieassistenten, das Drehbuch zu stoppen, also zu planen, wie lang der Film wird.

Man dreht beim Film etwa pro Tag vier bis fünf Minuten, und ein Drehtag kostet circa 30.000-40.000 Euro, was nach oben offen ist. Wenn der Film 30 Minuten Überlänge hat, kann man sich vorstellen, was das heißt. Diese Stoppliste ist für alle wichtig.

Ein Filmdreh ist nicht chronologisch. Je nach dem, wie es passt, drehst du eine Szene aus Tag sieben, dann aus Tag drei, dann aus Tag 27. Wenn du als Regieassistent nicht aufpasst, hat jemand plötzlich das Kostüm von Tag 3, aber die Frisur von Tag 5.

Außerdem muss ich die Komparserie (Statisten) zusammenstellen. Zum Beispiel bei Klinikum Berlin-Mitte muss ich 40 bis 50 Leute aussuchen, Requisiten besprechen, muss anweisen, wer wann was macht. Stunts und Spezialeffekte müssen besprochen werden, die Logistik muss stimmen, und ich muss eng mit dem Aufnahmeleiter zusammenarbeiten. Wir beide wuppen das Ding organisatorisch-logistisch.



Was ist die wichtigste Fähigkeit einer Regieassistentin?


Ich bin ein Kommunikator, ich muss Informationen von A nach B übermitteln. Daraus ergibt sich schon die wichtigste Fähigkeit: Du musst unglaublich kommunikativ sein. Wenn ich zu meinem Requisiteur sage, „du wir brauchen übermorgen diesen LKW“ und er sagt „ja“, heißt das noch lange nicht, dass der Laster dann wirklich da steht. Der LKW kostet 100 Euro die Stunde, der muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Um alles rechtzeitig da zu haben, wo es sein soll, um alles richtig zu timen, braucht es viel Erfahrung. Ein Anfänger weiß gar nicht: wie lange braucht eine Szene, was ist eine schwierige Szene, und so weiter.

Das hört sich nach viel Verantwortung an.


Na ja, wenn ich vergessen habe zu sagen, „Wir brauchen hier ein grüne Teekanne“, und es steht eine blaue Teekanne da, dann kann es sein, wenn der Regisseur sehr eigen ist, dass er ins Kaffeehaus geht, bis die grüne Kanne da ist, und alle anderen herumstehen. Dann kommt der Produktionsleiter und fragt mich: „Warum stehen hier alle rum und warum kostet mich das pro Stunde 3000 Euro?“

Wir hatten einmal eine Schauspielerin aus Österreich, die zu einem bestimmten Tag eingeplant war. Der Flug schon gebucht. Auf einmal sagt sie, sie fliegt nicht, sie fährt nur mit dem Zug. Wegen sowas wird der ganze Drehplan wieder umgebaut. Gute Vorbereitungszeit ist die halbe Miete. Optimal ist, wenn der Regisseur ans Set kommt und er gleich anfangen kann zu drehen.



Wie lange arbeitet ein Regieassistent durchschnittlich am Tag?


Zwischen zwölf und 18 Stunden. In der Vorbereitungszeit weniger, vielleicht zwölf Stunden. Aber reine Drehzeit sind schon einmal zwischen zehn und zwölf Stunden.

Dazu kommt locker eine Stunde Anfahrtszeit – und zurück musst du auch wieder. Sagen wir elf Stunden Drehzeit, zwei Stunden Anfahrtszeit. Dazu kommt noch, dass du dich zu Hause noch auf den Tag vorbereiten musst, das macht nochmal eineinhalb bis zwei Stunden, eventuell geht es noch in die Produktion, dann hast du locker 15 Stunden, das ist ein ganz normaler Tag.

Wie hält man das durch?


Man braucht eine gute Konstitution. Je jünger du bist, desto besser hältst du das durch. Du kannst das schon mal zehn Jahre machen, jeden Tag 16 Stunden arbeiten, aber irgendwann bist du körperlich und psychisch fertig, wenn du es nicht schaffst, deine Regenerationszeiten zu finden.

Diese Filmbranche hat einen unglaublichen Hype. Jeder denkt: „Supergeil, ich bin beim Film, da ist was los und ich lerne berühmte Leute kennen.“ Aber es ist nicht jeder dafür geschaffen.

Was passiert nach Drehschluss?


Es wird natürlich gern getrunken, das gehört dazu. Wenn man viel unterwegs ist, drei Monate in Südfrankreich, dann Afrika oder sonst wo, da gibt es ein reges Gruppenleben. Du feierst viel, das trägt auch noch dazu bei, dass dein Schlaf sich minimiert. Ein Filmschaffender arbeitet nicht wie einer bei der Post.

Irgendwie sind wir schon alle crazy, dass wir das überhaupt machen.

Was sind die Kehrseiten des Berufes?

  Wir verzichten auf vieles, zum Beispiel Privatleben. Wir können keine Hobbys ausüben, arbeiten am Wochenende und in der Nacht. Es gab Jahre, da habe ich meinen Mann nur in Hotels getroffen.

Was macht deinen Beruf besonders schön?


Man sieht sehr viel. Ich habe in Afrika, in ganz Südeuropa, in England, in Schweden, in Indien gedreht, mit Fast-Kriminellen und mit der Highsociety. Mit Professoren, Babys, mit 88-jährigen Omas.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?


Man brauchst eine unglaubliche Teamfähigkeit. Du musst Spaß dran haben, jeden Tag mit 40 Leuten zusammen zu sein, die dich irgendetwas fragen. Das einzige, was sie dich nicht fragen ist: Wie geht es dir? Du musst aushalten, dass dir nicht gedankt wird und dein Ego in den Hintergrund stellen. Du musst Spaß daran haben, ein Wanderer zu sein, wenn dich am morgen jemand anruft und sagt: Übermorgen geht es nach Südafrika.

Sprachen sind wichtig, zumindest Englisch. Du musst Grenzen ziehen können und genau wissen was dein Job ist, weil sie sonst dir alles in die Schuhe schieben. Der Film muss dich einfach antörnen.

Was hat dich dahin gebracht?


Ich habe Soziologie und Pädagogik studiert, dann vier Jahre in einem medienwissenschaftlichen Institut gearbeitet. Ich bin in Afrika aufgewachsen. Meine Liebe zum Film habe ich in den großen Kolonialkinos mit zehn Jahren entdeckt. Ich hab mir drei Filme reingezogen, unter anderem mit Humphrey Bogard, Marilyn Monroe, und ich saß mit großen Augen und hab gesagt: Ich will wissen, wie das gemacht wird.

Was verdient man dabei?


Es gibt eine Tarifgage, die alle zwei Jahre neu verhandelt wird. Die Wochengabe für Regieassistenten für 50 Stunden Arbeit 1100 Euro. In der Praxis wird man als Pauschalist eingekauft, kriegt also eine Gage angeboten, die ein bisschen über dem Tarif liegt. Im Moment bekommen erfahrene Regieassistenten zwischen 1400 und 1600 die Woche. Spitzengagen liegen vielleicht bei 2000. Anders ist es in der Werbung: Da gibt es bis eineinhalb mal so viel, wobei die Projekte wiederum viel kürzer sind. Da arbeitet man dann drei Tage 24 Stunden durch.

Wie wird man Regieassistentin?


Es gibt keine geregelte Ausbildung und man muss auch keine nachweisen. Man muss seinen Job können. Das heißt: Learning by doing. Du solltest das Maximum an Erfahrung in vorgeschalteten Positionen sammeln: Setaufnahmeleiter, Runner, Fahrer, Requisitenhelfer oder mal in den Schneideraum gehen. Es geht darum zu begreifen: Wie wird ein Film gemacht und wo sind die Probleme?

Ob Lehre oder Studium ist nicht so wichtig. Regieassistenz ist ein Zwitterding. Manche denken, es sei der Übergang in die Regie. Eher richtig ist, dass es ein Übergang in die Produktionsleitung ist, weil man mehr organisatorisch arbeitet als künstlerisch. Die Geisteswissenschaften sind eine gute Grundlage, weil man sich mit der Umsetzung von Emotionen in verschiedenen Medien beschäftigt. Und man muss optisches Denken können.

Das beste ist, während des Studiums ein Praktikum bei einer Filmfirma zu machen, zum Beispiel ein Regiepraktikum. Der Sommer ist dafür eine gute Zeit. Es dauert mindestens fünf Jahre, bis man an den Punkt kommt, an dem man als Regieassistent anfangen kann und dann dauert es noch mal fünf Jahre, bis man sich als Regieassistent etabliert hat und davon leben kann.

Die Filmstädte sind München, Köln, Berlin und Hamburg, da wird am meisten gemacht. Am Ende musst du einfach einen Regisseur finden, der bereit ist, mit dir zu arbeiten. Diese Bereitschaft findest du als junger Mensch auch wieder am ehesten unter Regisseuren deines Alters.

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Biographisches
Monika Schopp wurde 1949 in München geboren, zog mit sieben Jahren nach Afrika, Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, blieb bis zum 16. Lebensjahr da und ging dann zurück nach München. Dort machte sie ihr Abitur, schloss sich einige Zeit der Hippie-Bewegung an, begann das Studium der Soziologie und Pädagogik in München und arbeitete anschließend vier Jahre an einem medienwissenschaftlichen Institut. Bevor sie nach Berlin ging und sich zur Regieassistentin ernannte, arbeitete sie drei Jahre als Scriptcontinuity. 1988 verließ sie für ein Jahr die Filmbranche und baute ein Kulturzentrum für Frauen in Berlin auf. Nach einem Jahr ging sie zurück zum Film. Mitte der 90er fing sie an, Weiterbildungen und Seminare für Filmschaffende zu geben. Sie schloss ein dreijähriges Studium „Weiterbildungs- und Projektmanagement“ an und lebt heute in Berlin.







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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 5
David Harnasch
Samstag, 15.09.07 18:14
 

Wie werde ich Regieassistent? Sorry, das ist jetzt gemein, aber mein erster Einfall war: Indem ich es nicht schaffe, Regisseur zu werden. Die Frage klingt wie: Wie werde ich Copilot?

Lurchi
Samstag, 15.09.07 18:51
 

Wie werde ich Regieassistent?

Wenn ich als Regisseur gescheitert bin :D

Ande
Samstag, 15.09.07 19:48
 

Aber nein. Weil Regisseure den Job nicht können. Die Arbeit dahinter ist ihnen zu mühsam und lenkt sie von der Verwirklichung ihrer Ideen und Spleens (durchaus auch positiv) ab. Und das darf auch so sein.

Du wirst Regieassistent, wenn Du Lust hast das zu machen, was der Regisseur offen lässt. Wenn Dein Ego nicht zu groß ist, um liefern, "bedienen" zu können, mit Spaß dabei.

Wenn Dich die Menschen, die bunten Vögel und normalen Menschen um Dich rum interessieren und der künstlerische Prozess.

Als Regisseur scheitern heißt, kaum eine Hobbytheatergruppe zusammenhalten zu können. Das ist - wenn man nicht nur Text runterleiern will - eine ähnlich schwere Aufgabe.

Lurchi
Samstag, 15.09.07 22:35
 

das war auch der klägliche versuch lustig zu sein und nicht die eine Berufsgruppe zu denuzieren ;)

Lea S.
Dienstag, 05.01.10 22:02
 

Hallo!
Ich habe eine frage und zwar möchte ich gerne wissen ob ich auch als Hauptschülerin eine Chance zur Regieassistentin habe. Das wär einfach der perfekte beruf für mich, ich will mit Menschen Arbeiten. Ich wollte vorher Pädagogische Assistentin werden, aber seit ich von diesem beruf gehört habe wächst mein intresse daran, so etwas zu machen.
Ich hoffe das ich das schaffe auch mit einem Hauptschulabschluss

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