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Adrian Geiges: Kurswechsel eines Revoluzzers

Adrian Geiges beschreibt im neuen Buch "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann" seinen Weg vom Staufener Jungkommunisten zum Stern-Korrespondenten in Peking. Stationen: DDR-Kaderschule, "Quotennutte" fürs Privatfernsehen in Moskau und China-Repräsentant eines deutschen Großverlags. Geiges im fudder-Gespräch zum Hören:

Geiges

Als Adrian Geiges (Foto: Sebastian Hartz) noch ein schüchterner, unstylisher Jugendlicher in Staufen war, riet man ihm und seinen Freunden von der "Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend": "Geht doch nach drüben!" Genau das tat er: Um eine Karriere als Berufsrevolutionär anzutreten, geht er für ein Jahr konspirativ in die DDR und besucht die "Kaderschule Wilhelm Pieck". Das Kontaktverbot mit den Ost-Genossinnen von der FDJ wird nicht sonderlich ernstgenommen (von 150 FDJlerinnen sind nach dem Jahr 75 schwanger), dafür geht die Partei um so gnadenloser gegen den "Teddy-Club" vor, ein Trinkspiel, das man besser anders genannt hätte. "Teddy" stand für Ernst Thälmann und war damit harmlos, aber "Club" implizierte, dass hier ein Spaltpilz die internationale sozialistische Jugend auseinandertrieb.

Geiges

Der realexistierende Sozialismus scheiterte kurz darauf an anderen Widrigkeiten, was die Zukunftsperspektiven für Berufsrevolutionäre dramatisch verschlechterte. Geiges nutzte seine Russischkenntnisse und die journalistischen Erfahrungen, die er bei der Parteizeitschrift sammeln konnte; er geht für das neue und noch sehr krawallige Privatfernsehen nach Moskau. Von dort aus soll er Rotlichtreportagen liefern.Als er das satt hat, nimmt er eine Auszeit, um Chinesisch zu lernen. Unerwartet findet er eine Anstellung bei einem deutschen Mediengiganten, für den er den chinesischen Markt aufrollen soll - und ist nun plötzlich Handlanger des Großkapitals.Im Interview sagt Geiges, die Geschichten seien zwar literarisch verdichtet, im Kern aber wahr - und man ist geneigt, ihm zu glauben. Denn im Buch erfährt man auch, welche Motivation jemanden durch ein so turbulentes Leben treibt: Eigentlich ging es mehr um die bezaubernde Sandy als um den Sozialismus und um die exotische Cindy als um chinesische Anzeigenkunden.

David Harnasch hat mit Adrian Geiges telefoniert.
 


Telefoninterview Geiges (5:36 Min.)


Leseprobe Geiges (1:50 Min.)




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Steffen Barsch
Mittwoch, 20.02.08 21:53
 

Das Buch, in dem der Autor seinen Weg vom DKP-Mitglied und Berufsrevolutionär zum Bertelsmann-Manager beschreibt, sagt mehr über den Autoren als über die Verhältnisse in der DKP oder bei Bertelsmann aus.

Obwohl Adrian Geiges den Marxismus-Leninismus in der DDR studiert hat und heute als Stern-Korrespondent in China arbeitet, sind seine Lebenserinnerungen letztlich wenig politisch.

Die Schilderungen über sein Studium an der Jugendhochschule der FDJ beinhalten allerlei Erlebnisse, beschreiben jedoch nicht den Inhalt des Studiums selbst und die Diskussionsprozesse innerhalb seiner Studiengruppe oder an der Hochschule.

Wer Ende der 1970iger und Anfang der 1980iger Jahre die theoretischen Grundlagen des Kommunismus studiert hat, musste sich fast zwangsläufig auch mit Themen wie die des Eurokommunismus, des Verhältnisses UdSSR - China, dem sogenannten besonderen jugoslawischen Weg, aber auch mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns oder der KSZE-Schlussakte von Helsinki auseinandersetzen. Darüber steht nichts in Adrian Geiges Buch. (Der Autor (SB) dieser Rezension war selbst Student der Jugendhochschule und später in Dortmund "Kampfgenosse" Geiges'.)

Dafür wird denjenigen reichlich Gelegenheit gegeben, die zwar die DDR kaum kannten, aber schon immer wussten, wie es dort zugeht, ihre Urteile zu pflegen. Geiges schreibt vom erkalteten Mittagsessen aus der Kantine, von vom Papier abgelesenen Vorträgen und von Mongolen, die im Mehrbettzimmer vögeln.

Die Jugendhochschule als einen der "geheimsten Orte der DDR" zu bezeichnen, ist schlichtweg Unsinn. An der Jugendhochschule fanden an Wochenenden Kongresse, Rekrutenvereidigungen der NVA sowie andere hochrangige Veranstaltungen statt. In einem von der DEFA produziertem Propagandafilm der FDJ für kommunistische Jugendorganisationen in Dritte-Welt-Ländern wird Werbung für den Komplex gemacht und in dem bei VEB F.A. Brockhaus Leipzig erschienen Bildband "Afrika im Aufbruch" ist die Jugendhochschule ganzseitig mit Studierenden aus Afrika abgebildet. In verschiedenen Auflagen des im Verlag Neues Leben erschienenen Bandes "Ge-schichte der FDJ" ist die "Jugendhochschule Bogensee" erwähnt, zum Beispiel bei der Auszeichnung mit der NVA-Medaille in Gold am 8. März 1975.

Adrian Geiges verliebt sich in Sandy aus Karl-Marx-Stadt und geizt nicht mit dem Hinweis, dass in der DDR wegen der fehlenden Reisemöglichkeiten viele Kinder englische Namen bekamen. Sandy war damals 22 und wurde demnach 1956 oder 1957 geboren; da aber war zumindest die Grenze nach Berlin (West) noch offen und englische Namen wurden in der DDR erst viel später populär.

Besonders ärgerlich ist die Schilderung über den "Teddy-Club". Die Clubmitglieder, meistens SDAJ-Mitglieder, spendeten für jedes Bier, das sie in der Gaststätte der Schule tranken, einen bestimmten Betrag in die Solidaritätskasse. Benannt war der Club nach Ernst "Teddy" Thälmann. Irgendwann soll die Schulleitung hinter das Trei-ben des Clubs gekommen sein und, so Geiges, habe man sie vor der Schulleitung, vor Vertretern des FDJ-Zentralrats und der Zentralen Parteikontrollkommission der SED antreten lassen. Man habe ihnen vorgeworfen eine gegen die FDJ gerichtete Organisation gegründet zu haben, deren Mitglieder, falls die illegale Tätigkeit fortgesetzt werden, mit Zuchthaus bestraft werden würde. Zur Strafe habe die Gruppe 2 Wochen lang Sonderlektionen, jeden Abend von 20 bis 24 Uhr, anhören müssen. (Seite 49)

Selbst wenn man dem Leser glauben lassen möchte, dass es tatsächlich so war, dann hätte Geiges die Parteikontrollkommission der SED aus der Geschichte rauslassen müssen. Die hatte in der FDJ und der Jugendhochschule nichts zu suchen. (Die Autorität der SED wurde gegenüber der FDJ über andere, inoffizielle Wege durchgesetzt. SB)

Diese Geschichte über die Auflösung des Teddy-Clubs ist schlichtweg frei erfunden. Den am Ende der Buches wegen ihrer wertvollen Hinweise gedankten Professor Ulrich Huse von der Hochschule der Medien in Stuttgart und Gunther Latsch vom Spiegel hätte das auffallen müssen. Etwas vornehmer ausgedrückt wird so etwas "literari-sche Verdichtung" genannt.

Nach seinem DDR-Aufenthalt ist der Autor nun jahrelang hauptamtlicher Funktionär. Die Schilderungen darüber dümpeln ohne wirkliche Höhepunkte dahin. Auch hier ist wieder besonders ärgerlich, dass der Autor keine politischen Prozesse beschreibt, die in den 1980er Jahren in den linken Bewegungen diskutiert wurden. Kohls erste Kanzlerschaft, die Flickaffäre oder die Annäherung zwischen der Bundesrepublik und der DDR kommen einfach nicht vor.

In jedem Kapitel beschreibt der Autor seine sexuellen Erlebnisse, die allesamt ohne Emotionen und Liebe geschildert werden, alles ein nur technischer Vorgang, der umso häufiger vorkommt, je mehr Geld der Autor verdient.

Dem in anderen Buchbesprechungen gemachten Vergleich mit Leonhards "Die Revolution entlässt ihre Kinder" oder Hermann Webers "Damals als ich Wunderlich hieß" hält das Buch nicht stand. Besonders Leonhard beschreibt seinen persönlichen Lebenslaufes im Verhältnis zu den Mechanismen des Stalinismus anhand der politischen und ideologischen Grundlagen der KPdSU. Weber tut dies anhand der politischen Prozesse in der DDR in den ersten Jahren nach 1945.

In einem Telefoninterview mit David Harnisch vom 28.08.2007 sagte Adrian Geiges:
"Ich beschreibe in meinem Buch ja auch wie ich in allen Organisationen, egal ob es die Kommunistische Partei war oder ob es große Unternehmen sind; da setzen sich oft die gleichen Charaktere durch, nämlich so die Speichellecker und die Angepassten und die kommen dann oft in diese Positionen, weil sie diese Ignoranz und Ignoranz haben."

Für einen führenden Funktionär der Kommunistischen Partei und Bertelsmann-Manager eine erstaunliche Einsicht.

Geiges Buch hätte besser "Ich wollte doch nur vögeln" geheißen. Dann hätte er keinen politischen Anspruch formulieren müssen.

Steffen Barsch
Steffen.BarschATweb.de

Donnerstag, 23.10.08 11:39
 

Hm. Klingt alles sehr ausgereift.

Aber auch wie von jemanden mit verkniffenen Lippen wütend in die Maschine gehackt, der sich heute wahnsinnig darüber ärgert, dass er damals auf der FDJ-Klitsche - anstatt zu vögeln - Marxismus-Leninismus gepaukt hat.

Im Nachhinein war es doch eindeutig die bessere Entscheidung, möglichst viele Blaublusen zu beglücken - sowas lesen wir nämlich heute noch gerne.

Seine Weisheiten aus der hohen Schule der DDR-Marxisten, die der junge Barsch sich mit großem Fleiß und unter großen Entbehrungen erarbeiten musste, während der Kommilitone nebenan die realsozialistischen Puppen tanzen ließ, lassen sich natürlich zur Zeit ungleich schwieriger an den Leser bringen.

So ungerecht ist das Leben.

Donnerstag, 23.10.08 12:51
 

was hat es auf sich mit beschissenen regierungen und ihren fickcamps?? der BDM hatte dasselbe problem, und naschi tun ja nicht mal so als gehe es um was anderes als sex und gewalt. und gabs in der ddr keine kondome oder waren einfach die kaderschüler so dämlich? letzteres würde einiges erklären :)

fdj-mitglieder waren wie ich lese idr zwischen 14 und 25, ich hoffe mal dass die schwangeren eher am älteren ende des spektrums anzusiedeln sind :(

Donnerstag, 23.10.08 12:53
 

mann jos der artikel ist anderthalb jahre alt

Donnerstag, 23.10.08 13:02
 

@ lalala:

Ja, bin über den Link im stauffen-Artikel drauf gestoßen und musste mich halt einfach äußern - Du kennst das ja sicher - weil ich damals meinen Senf dazu zu geben verpasst habe...

:-)

Donnerstag, 23.10.08 13:07
 

Vielleicht habe ich auch einfach anderthalb Jahre gebraucht, um mir endlich mal einen wirklich richtig guten Kommentantar einfallen zu lassen...

Donnerstag, 23.10.08 13:21
 

Oder vielleicht suchst du auch nur einen Grund um deine Kommentarpunkte in schwindelnde Höhen zu treiben ;-)

Donnerstag, 23.10.08 13:51
 

@ macsorzist: "Oder vielleicht suchst du auch nur einen Grund um deine Kommentarpunkte in schwindelnde Höhen zu treiben ;-)"


Fragen über Fragen...

Donnerstag, 23.10.08 13:51
 

ups

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