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Was vom Tode übrigblieb

Zwei Freiburger Studenten finden am sechsten Mai bei einem Spaziergang am Schönberg abseits des Weges etwa zwei Dutzend Teile aus zwei menschlichen Skeletten. Sie benachrichtigen die Polizei. Was die Kripo macht, um den Fall zu klären, bleibt bis heute im Dunkeln. Deshalb haben wir selbst recherchiert.

Skelett

Sonntag, 6. Mai, 17 Uhr

Helge Kury, 26, und sein Freund Lucian Pulvermüller, 26, machen einen Spaziergang am Fuße des Schönbergs. Sie starten an der Berghauser Kapelle und folgen dem Weg bergab. Die beiden halten Ausschau nach Totholzbäumen, in denen Spechte ihre Bruthöhlen zimmern. Ein befreundeter Biologe will nämlich einen Spechtfilm drehen.

Helge und Lucian passieren einige Kirschbäume und folgen dem Weg mit der Rautenmarkierung. Rechts vom Weg erscheint ein schmaler, schluchtenartiger Einschnitt, ein Dobel. Helge schaut hinunter und sieht in Steinwurfentfernung einige knochenartige Teile herumliegen. "Haha, Menschenknochen!", ruft er, zunächst aus Spaß.

Bei genauerem Hinschauen stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um Fragmente eines menschlichen Skeletts handelt. Oder sind es zwei?

Skelett

Montag, 7. Mai, 13 Uhr

Helge und Lucian benachrichtigen die Kriminalpolizei. Sie verabreden sich mit einem Beamten, um ihm am Mittag den Fund zu zeigen. Der Beamte steigt jedoch nicht in den Dobel hinab. Es reicht ihm, die Knochen von weitem zu fotografieren. Und er sagt: "Das muss die Bergwacht da rausholen. Das dürfen wir gar nicht. Ich gebe der Bergwacht bescheid. Die werden sich spätestens übermorgen darum kümmern."

Der Polizist versichert den beiden Studenten, sich bei ihnen zu melden, sobald es Neuigkeiten gibt. Bis heute hat sich niemand bei ihnen gemeldet.

Montag, 4. Juni, 20 Uhr

Über Ellen, eine Freundin von Helge, erfahren wir von der Geschichte. Auch sie weiß mittlerweile, wo die Knochen - immer noch- liegen. Wir gehen mit Ellen an die Stelle, an der sich so gut wie nichts verändert hat. Außer, dass die Knochen, wahrscheinlich durch Regen, ein Stück weiter den Hang hinunter befördert wurden.

Wir fotografieren die Skelettteile. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, worum es sich hier handelt: Rippen, Oberschenkelknochen, ein Schlüsselbein, Glieder von Hand und Fuß. Bizarr: Teilweise stecken die Knochen in Textilien. Wir buddeln ein wenig weiter und finden etwas, das uns erst einmal den Atem verschlägt. Ein Schädelteil.

In der Schädelkapsel sind eingetrocknete Weichteilreste zu sehen. Ein Indiz dafür, dass der Todestag dieses Menschen noch nicht allzu lang zurückliegen kann.

Skelett

Montag, 11. Juni, 15.30 Uhr

Wir zeigen die Fotos einer Uniprofessorin, die am Institut für Humangenetik und Anthropologie in Freiburg arbeitet. Ihre Einschätzung bestätigt unsere Vermutung: "Das sind definitiv menschliche Knochen. Es scheinen mir allerdings verschiedene Individuen zu sein. Einmal sieht man den Femur (Oberschenkelknochen, d. Red.) eines Kindes, das schätzungsweise zwischen neun bis 12 Jahre alt war. Andere Knochen hingegen stammen eindeutig von einem Erwachsenen. Das irritiert mich und lässt mich vermuten, daß hier eine sekundäre Deponierung stattgefunden hat. Auch an den Textilien finden sich eingetrocknete Weichteilreste. Das spricht dafür, dass diese Funde jünger als 30 Jahre alt sind. Die Kriminalpolizei wäre also auf jeden Fall verpflichtet, hier zu ermitteln. Denn die Verjährung setzt erst nach 30 Jahren ein."

Skelett

Montag, 11. Juni, 17.30 Uhr

Nun wollen wir mit dem zuständigen Polizisten sprechen und ihn fragen, warum die Knochen mindestens über einen Monat an derselben Stelle liegen geblieben sind. Leicht ist es nicht, den Beamten zu finden.

Ein Beamter vom Polizeirevier Süd versucht, uns abzuwimmeln: "Wenn das menschliche Knochen wären, dann würden die mit Sicherheit nicht mehr dort liegen. Außer, es wäre etwas Archäologisches. Die Kriminaltechnik und unser Dezernat 11 (die Kriminalpolizei, d. Red.) ist von diesem Sachverhalt in Kenntnis gesetzt worden."

Skelett

Dienstag, 12. Juni, 10 Uhr

Endlich erreichen wir jemanden, der spärlichen Klartext redet. Es ist Reiner Thoma, Leiter der Freiburger Kripo. "Wir haben den Fall der Staatsanwaltschaft vorgelegt", sagt Thoma.

Der Fall sei abgeschlossen. Die Knochen stammen vom Ebringer Friedhof. Vielmehr will Thoma dazu nicht sagen. Jedenfalls nichts, was für die Öffentlichkeit bestimmt sei.

Dienstag, 12. Juni, 10.30 Uhr

Letzter Versuch. Anruf bei Gerhard Schmidl, Hauptamtsleiter im Ebringer Rathaus. Die Essenz aus Schmidls Auskunft ist folgende: Die Ruhefrist für ein Grab auf dem Ebringer Friedhof beträgt in der Regel 30 Jahre. Die ist offenbar bei einem Grab abgelaufen, woraufhin ein Gemeindearbeiter diese Ruhestätte aufgelöst hat.

Die Erde, die bei dieser Auflösung zu Tage getreten ist, hat der Grabauflöser dann auf eine Halde gebracht, die der Gemeinde Ebringen gehört. So mache man das immer.

Die Gemeindehalde wiederum liegt direkt oberhalb des Dobels, in dem Helge und Lucian die Knochen gefunden haben. "Es kann passieren, dass bei diesen Grabarbeiten Knochenreste auftreten. Sollte natürlich nicht sein", sagt Schmidl.

Skelett

Dienstag, 12. Juni, 13 Uhr

Eine Expertin sagt: "Normalerweise werden die Einzelgräber exhumiert und die Knochenreste kommen in ein großes Sammelgrab im Friedhofsbereich. Da scheint im Ebringer Erdaushub noch einiges drin gewesen zu sein."

Dienstag, 12. Juni, 14 Uhr

Wir informieren Helge und Ellen über den Stand der Dinge. Das wäre eigentlich Aufgabe der Polizei gewesen. Nun ja. Ellen fragt: "Und jetzt? Bleiben diese Überreste eines Kindes und eines Erwachsenen im Wald liegen? Ist das würdevoll?"

Die Vorstellung ist unschön, aber wir müssen davon ausgehen, dass irgendwann ein Tier kommt und das beseitigt oder abnagt, was der Tod nicht mitnehmen wollte.

 




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 35
mentally, I had my 7th birthday 2 weeks ago
Dienstag, 12.06.07 14:52
 

Interessanter Artikel!

> Denn die Verjährung setzt erst nach 30 Jahren ein

Das allerdings ist veraltetes Wissen: Mord, so es denn einer gewesen ist, verjährt seit 1979 überhaupt nicht mehr. Zuvor betrug die Verjährungsfrist 30 Jahre, allerdings nur von 1969 bis 1979 (vor 1969: 20 Jahre).

CSI Fudder
Dienstag, 12.06.07 15:01
 

chapeau david!

kus
Dienstag, 12.06.07 15:06
 

spannend!

saskia
Dienstag, 12.06.07 15:28
 

ohmann jetzt muss man beim spazierengehen schon befürchten auf verweste leichen zu treffen!

ob das würdevoll ist den toten gegenüber? auf keinen fall!
was ist denn bloß los mit der polizei????

es gibt menschen (mich eingeschlossen) die tote menschen oder deren überreste NICHT SEHEN KÖNNEN ohne innerlich durchzudrehen!
und dann lässt man sowas einen monat liegen???
abartig!
liegen die knochen denn immernoch dort?

simpson
Dienstag, 12.06.07 15:34
 

ich wohn in ebringen und spaziere auch öffters im wald rum, auch in der gegend um die talhauserkapelle.....

ich glaube ich werde von nun an bei jeden spaziergang an diesen artikel denken müssen...

Jupp
Dienstag, 12.06.07 15:37
 

scary... aber gut geschrieben. Ein klassisches RTL-Explosiv oder BILD-Thema, aber sachlich und informativ beschrieben, ohne plakative Vermutungen etc.. Haltet uns auf dem Laufenden!

Lurchi
Dienstag, 12.06.07 15:38
 

toller Artikel

der Lurchi macht sich sofort auf den Weg und nagt die Reste weg :/



PS: deswegen immer schön verbrennen lassen :(

adrian
Dienstag, 12.06.07 15:41
 

sehr spannend. ziemlich unangenehm für polizei und gemeinde. aber zurecht: sowas kann ja wohl nicht angehen.

rudi
Dienstag, 12.06.07 15:43
 

bisschen erschütternde erklärung der kripo, ohne augenscheinnahme zu wissen, wo die skelette herkommen. gibt es keine unaufgeklärten mordfälle mehr im idyllischen breisgau - oder ist der halbe schönberg voller alter ebringer gräber? sehr heftig, hoffe, das da was in gang kommt.

ES
Dienstag, 12.06.07 17:07
 

unglaublich... wie schlampig doch unsere Polizei arbeitet!!!

lalala
Dienstag, 12.06.07 17:27
 

wäre in ner monarchie nicht passiert.

spamvermeidungswort: reich

muskelgott
Dienstag, 12.06.07 18:13
 

reife journalistische leistung. inhaltlich geradezu unglaublich. nicht nur die praxis nach ablauf der liegezeiten, sondern v. a. das verhalten der polizei. ich würde rudi zustimmen: woher wissen die denn ohne genauere ermittlung, dass das wirklich knochen von exhumierten sind? könnte doch sein, jemand kennt dieses verfahren auch und macht es sich zunutze. einfach mal pauschal und nach langer untätigkeit von o. a. version auszugehen, ist nach meinem dafürhalten mehr als schlampig. sollte es sich wirklich um tote des friedhofs handeln - selbstverständlich raus aus dem wald - das ist ja wohl hoffentlich keine frage. zumal es nach diesem artikel reihlich sensationstouris geben wird, die dort im unterholz rumstolpern

anne-julie
Dienstag, 12.06.07 18:18
 

Unangenehme Sache für die Polizei, falls das doch keine Exhumierten sind. Und selbst wenn nicht, lässt man doch keine Menschenknochen im Wald rumfahren. Es ist ja nicht so, als wäre es eine große Sache, die Teile einzusammeln und wegzuschaffen. ts ts ts ts...

naja
Dienstag, 12.06.07 18:23
 

Ihr habt an einem potenziellen Tatort auf eingene Faust "rumgebuddelt"?

Peter Lustick
Dienstag, 12.06.07 18:40
 

MEINUNGSFREIHEIT lebt vom MITMACHEN!

ob hier seriös recherchiert wurde ist zweifelhaft, denn im schriftwechsel mit der redaktion von fudder und den dabei gemachten aussagen und den darauf folgenden taten kann man sich halt denken was man will. sowas ist nicht grimmepreisverdächtig!

naja, da bin ich dann wohl angelogen worden, als ich bei der redaktion nachgefragt habe, ob bei "blaulicht meldungen" der kommentar generell abgeschaltet worden ist, oder diese nur bei "schillernden" personen des freiburger nachtlebens der fall ist! es wurde versichert, daß der kommentar zur rubrik generell abgeschaltet worden ist!

kein grimme preis für solche machenschaften!

lalala
Dienstag, 12.06.07 18:46
 

@naja

nach nem monat im freien werden wohl nicht mehr viele faser- oder dns-spuren übriggewesen sein.

Jupp
Dienstag, 12.06.07 18:47
 

Ich dachte, dass die Kommentierfunktion nur bei Meldungen wie tötliche Unfälle usw. geschlossen bleibt aus Respekt vor den Verunglückten, Freunden und Angehörigen. Außerdem ist dies ja keine Blaulichtmeldung sondern im Stadtgespräch. Oder?

lobo
Dienstag, 12.06.07 18:48
 

@lalala: jetzt sind wieder welche da...;-)

saskia
Dienstag, 12.06.07 18:50
 

wenn sich jeder die knochen im wald anschauen kann, dann darf ja wohl auch jeder was dazu sagen!

schlattrick
Dienstag, 12.06.07 20:00
 

da könnte man ja glatt mal hingehen und sich einen schädel zum anatomielernen holen.

ist ja wohl leicht dreist was da abläuft

Elane
Dienstag, 12.06.07 20:28
 

Huhu David, haste gut geschrieben!

Außer das mit dem Experten...bin ja auch Anthrostudentin *schnief*

Grüße

lalala
Dienstag, 12.06.07 21:02
 

@lobo

na also, dann ist ja alles in butter :)

dani
Dienstag, 12.06.07 21:51
 

sagt doch dem ebringer pfarrer bescheid. ich bin mir sicher, dass er dafür sorgen wird, dass die gebeine eine würdige ruhestätte finden.

ES
Dienstag, 12.06.07 23:15
 

oder direkt beim Hauptamtsleiter vom Rathaus Ebringen...

Kurt
Dienstag, 12.06.07 23:16
 

Wäre im Krimi doch das perfekte Versteck, um eine Leiche loszuwerden;)
ist im übrigen kein Einzelfall, in meiner Heimatgemeinde wurden zumindest zeitweise die Knochen einfach über die Friedhofsmauer gekippt und sind dann den Berg runtergekullert. Ein perfekter Spielplatz für uns Kinder...:)

david (fudder)
Mittwoch, 13.06.07 10:33
 

@ naja

" Ihr habt an einem potenziellen Tatort auf eingene Faust "rumgebuddelt"? "

Der Tatort war als solcher nicht gekennzeichnet: Keine Absperrungen, kein polizeilicher Hinweis. Die Stelle ist für jedermann frei zugänglich. Die ganze Welt ist, naja, ein "potenzieller Tatort".

dani
Mittwoch, 13.06.07 11:37
 

david, nur weil eine stelle (die ganze welt) nicht abgesperrrt ist, oder sich kein polizeilicher hinweis dort befindet, rechtfertigt das noch nicht, beweise von potenziellen verbrechen anzufassen. wenn bei dir eingebrochen wird, schaust du ja auch (denke ich), dass du keine spuren der täter verwischt, ohne das der tatort abgesperrt ist.
und darum geht es: die spuren für die bullen verwertbar zu halten und nicht zu verfälschen/beseitigen. egel, ob der tatort nun gekennzeichnet und für jedermann frei zugänglich ist, oder nicht.
bezieht sich jetzt nicht speziell auf euren artikel.

Elane
Mittwoch, 13.06.07 14:03
 

Der Kripobeamte sagte uns, dass dort eben keine verwertbaren Spuren mehr vorhanden seien, als er davor stand.
Darum beging er selbst auch keine "Tatortbegehung", als er dort war und sperrte darzm weder etwas ab, noch sammelte er was ein o.Ä.
Darum wollte er auch direkt die bergwacht einschalten, ohne vorher alles vor Ort zu untersuchen.

Svenja
Mittwoch, 13.06.07 16:06
 

Echt super spannender Artikel!
LOS: leitet es an RTL weiter und werdet "Noch" berühmter!

Karl
Donnerstag, 14.06.07 09:35
 

Ich stelle mir gerade vor jemand liest den Artikel, dessen 9-12 jähriges Kind/Bruder/Schwester vor 30 Jahren in Ebringen bestattet wurden. Nicht nett die Vorstellung.

SweetLara89
Donnerstag, 14.06.07 23:40
 

Knallharte Realität. Echt traurig was mit uns nach unserem Tod passieren kann. Das sollte echt nicht so sein! Davon mal abgesehen, dass es vermutlich ein ziemlicher Schock ist Leichen zu finden.

Und was wenn da wirklich mal Leichen liegen, die da nicht hingehören? Werden die dann genausowenig beachtet?

Gwen
Dienstag, 19.06.07 12:53
 


Was sollte denn eurer Meinung nach denn passieren? Ich finde 30 Jahre genug Zeit um Abschied zu nehmen und die anderen Menschen brauchen schließlich auch eine "letzte" Ruhestätte. Außerdem handelt es sich letzlich nur um Knochen und ich finde dass die Würde im Tod nicht unbedingt im Ort der Bestattung sondern im Gedächtnis liegt.
Es gibt sicherlich bessere Möglichkeiten um den Grabaushub zu entsorgen, z.B. wie Oben vorgeschlagen verbrennen aber schlimm finde ich das jetzt nicht.

Lino
Dienstag, 19.06.07 14:29
 

Ich bin entsetzt, da ich auch aus Ebringen komme. So was darf nicht passieren. Hier sind in erster Linie die Herren der Chefetage der Gemiendeverwaltung Ebringen gefragt. Diese müssten ihre Mitarbeiter des Bauhofes viel besser unterweisen, wie so etwas zu handhaben ist. Nicht einfach den Grabaushub entsorgen, ohne sich zu vergewissern ob noch Knochen o.ä. sich darin befinden. So etwas ist absolut geschmacklos und ohne jegliche Gefühle!

ChrissePisse
Mittwoch, 20.06.07 11:18
 

Einfach nur geschmacklos, wie da mit den Verstorbenen umgegangen wird. Den Toten ists egal, aber den Angehörigen bestimmt nicht. igitt

Stimme
Donnerstag, 21.06.07 17:06
 

Naja , man sollte den Ball mal flach halten. Die Verwaltung wird schon reagieren.

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