Vandana Shiva ist Umweltaktivistin, Naturwissenschaftlerin und leitet ein Forschungsinstitut in Indien. 1993 gewann sie den alternativen Nobelpreis. Shivas politischer Einsatz und ihre wissenschaftlichen Publikationen haben sie weltweit bekannt gemacht. Das folgende Interview entstand im April, als Shiva in der Freiburger Uni zu Gast war.

Die Absolventen des Masterstudiengangs "Environmental Governance" hatten Shiva zu den Internationalen Umwelttagen in die Freiburger Universität eingeladen. In diesem Zusammenhang entstand das Interview.

In aller Eile nur ein kurzes Zitat aus der taz:
So wurde Vandana Shiva zur vielleicht bekanntesten Inderin in Europa und Nordamerika (dicht gefolgt von ihrer Gesinnungsfreundin Arundhati Roy). Seit Jahren darf die "Ökofeministin" auf keinem Podium fehlen, vom taz-Kongress bis zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort verdammt sie den "goldenen Reis" und empfiehlt ihren Landsleuten, sie sollten besser mehr Fleisch, Eigelb und Spinat essen. Was sagte vor über zweihundert Jahren Marie Antoinette dem hungernden französischen Volk? "Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen."
In ihrem Heimatland wurde Frau Shiva dadurch bekannt, dass sie mit Hilfe einer Truppe aus einigen hundert bäuerlichen Aktivisten und einigen tausend städtischen Sympathisanten die Felder von Bauern verwüsten ließ, die gentechnisch verbesserte Pflanzen anbauen. Ende 1999 protestierte sie mit großer Resonanz im Westen dagegen, dass die Opfer einer Flutkatastrophe von der "US-Regierung als Versuchskaninchen in einem gentechnischen Experiment" missbraucht worden seien.
Was war geschehen? Ein Wirbelsturm hatte im Herbst 1999 mehrere tausend Menschen im indischen Bundesstaat Orissa getötet, Millionen obdachlos gemacht und eine weltweite Hilfsaktion ausgelöst. Die USA schickten Güter im Wert von 6,5 Millionen Dollar, darunter Mehl aus gentechnisch verändertem Soja und Mais. Frau Shiva befand, dies sei "absolut unmoralisch". Die Opfer einer Naturkatastrophe würden "zum zweiten Mal zu Opfern".
Dass die Art von Lebensmitteln, die gespendet wurden, seit Jahren von Millionen Nordamerikanern ohne Schaden verspeist werden, sagte sie jedoch nicht. "Die Gentechnik", so Vandana Shiva, "stellt jede Form des Kolonialismus, die wir bislang kannten, in den Schatten." In einer Erklärung zum 11. September 2001 bezeichnet sie die Biotechnologie als "strukturellen Terror", nicht weniger schlimm als die Attentate von New York und Washington.
Solche Bekundungen machen sie bei vielen westliche Bewunderern so beliebt, dass sie in Artikeln, Fernsehsendungen und auf Podien üblicherweise als die Stimme der indischen Bauern vorgestellt wird. Andere Inder halten diesen Ehrentitel indes für ziemlich abwegig. "Shiva spricht für eine städtische, intellektuelle ,Moralelite', die in noblen Vororten wohnt und glaubt, alles über indische Bauern zu wissen", sagt Yazad Yal vom Centre for a Civil Society in Delhi. Die Tageszeitung The Hindu kritisierte, dass Frau Shiva Indiens Bauern als rückständige, hilflose Kreaturen karikiere, die man vor der Versklavung durch die Technologie retten müsse. "In Wahrheit", schreibt das Blatt, "ist auch der indische Bauer experimentierfreudig, und er muss es sein, wenn er überleben will." Dennoch ist sich Vandana Shiva sicher: Die Gefahren des gentechnischen Fortschritts sind "potenziell grenzenlos".
@david
das hat die arme marie lustigerweise gar nicht wirklich gesagt. republikanische propaganda, aber die geköpften können sich ja nicht wehren.
interessanter artikel. hätte nicht gedacht, daß du taz liest :)
Stimmt, das Zitat ist so falsch wie der berühmte Bienen-Spruch, der dieser Tage Einstein dauernd untergeschoben wird. Aber es ging mir mehr um Frau Shivas Äußerungen. Die taz lese ich täglich online, auch die Klassenfeinde schreiben oft Lesenswertes. Außerdem hat die taz eine extreme interne Redaktionsfreiheit, was ich dem Blatt hoch anrechne.
Wie schön, dass es mal wieder nur schwarz und weiß gibt... In der Tat ist auffällig, dass die reichen Industrieländern wegen des lokalen Widerstands immer mehr ihrer Gentechnik-Experimente in der sog. Dritten Welt ausführen.
Das halte ich für einen Skandal, und es offenbart ein sonderbares Demokratie-Verständnis der Saatgut-Mafiakonzerne. Sind sie es doch, die - von der löblichen Ausnahme des sog. goldenen Reis mal abgesehen - alles daran setzen, das an die lokalen Bedürfnisse angepasste Saatgut der Kleinbauern durch ihr monodimensionales Lizenzsaatgut zu ersetzen, bei dem die Bauern jedes Jahr neu zahlen sollen und keine eigene Vermehrung mehr betreiben dürfen. So gesehen hat Vandana Shiva durchaus gute Gründe für ihre Haltung. Dass sie den goldenen Reis als Trojanisches Pferd ansieht - wer kann es ihr verdenken, nach Jahrhunderten Kolonialgeschichte, die heute unter anderer Flagge nahtlos weitergeht. Da hätte ich auch nicht allzu viel Vertrauen.