Nachdem das Rauchverbot nun beschlossene Sache ist, muss eine neue Randgruppe her, die man nun öffentlichkeitswirksam diskriminieren kann. Und wen nehmen wir da? Die Dicken! Die eignen sich prima: Sie sehen hässlich aus, strapazieren das Gesundheitssystem, sie nehmen Platz weg. Das Beste: Sie können nicht so einfach weglaufen. Eva regt sich auf: Eine vollkommen subjektive Echauffage.






Dicke sind doch keine Randgruppe. Nach dem Bericht auf spiegel.de sind 75% aller deutschen Männer und 60% aller deutschen Frauen übergewichtig (aus dem Gedächtnis zitiert, aber die Größenordnung stimmt). Hochkalorische (Fertig-)Nahrung ist mittlerweile in Problem von j e d e m, nicht nur von eine extrem übergewichtigen Minderheit. Das heißt, dass auch jeder, auch Normalgewichtige, ein Interesse haben, dieses Problem anzugehen. Und im Gespräch ist auch keine "Fettsteuer", sondern nur die steuerliche Bevorzugung ungesunder Nahrungsmittel abzuschaffen. Dann hätten gesundere Lebensmittel im Vergleich auch wieder bessere Chancen und könnten idealerweise durch höhere Nachfrage evtl. sogar billiger, zumindest aber verfügbarer werden. Auch mit einem Schälchen Erdbeeren (siehe Artikel von gestern) lässt sich die Depression bekämpfen. Es muss nicht immer Schokolade sein. Und wer ab und zu sich als Luxusbelohung eine Tafel gönnt, dem wird auch die volle Mehrwertsteuer kein Loch in den Geldbeutel reißen.
Toller Text, Eva!
Dein gesamte Kolumne ist immer sehr schön geschrieben, aber heute hast Du Dich selbst übertroffen.
"Im Kalorienwahn vollständig den Fastfood-Fressflashs ergeben, zu dumm und vor allem zu faul, ein gesundes Leben zu führen."
Ja oft ist es aber halt so. Jeder muss ungefähr wissen was gesund und was ungesund ist.
Alles kann man essen, in maßen, wer dieses trotz besseren wissens nicht macht. Verhält sich dumm.
Soso, die Raucher werden diskriminiert. Sehr nett ist folgende Studie: http://repositories.cdlib.org/ctcre/tcpmi/Germany2006/
also dass dicke deutsche eine randgruppe sind, halt ich auch eher für zweifelhaft, aber ich, der selbst mit einem BMI von irgendwas weit über 30 ausgestattet ist, kann kein Problem darin sehen, dass offensichtlich ungesunde Nahrungsmittel wie eben Süßigkeiten gegenüber gesunden Produkten wenigstens steuerlich benachteiligt werden...dass Leute dadurch weniger essen ist wohl nicht zu erwarten, schließlich machen die paar Prozent Mwst. die Suppe dann auch nicht so "fett", wie es in vergleichbarem Maße bei Rauchern der Fall ist, wodurch viele Leute aufgrund der teureren Preise das Rauchen zumindest reduziert haben...
Generelles Problem der oben angesprochenen Sendung ist doch wie bei allen RTL-Produktionen, ob SuperNanny, Schuldnerberatung oder Ernährungsblabla...dass generell ganz gute Ansätze hinter den Ideen stecken, diese aber fürs "Unterschichtenfernsehen" entsprechend aufgepeppt und reißerisch dargestellt werden....dies fördert natürlich eine allgemeine und indiskutable Sichtweise auf uns Menschen mit Übergewicht...was aber bei genügend Menschenverstand aber dazu ausreichen sollte, dass man solche Fernsehshows reflektiert betrachtet, nur als reine Angst-mach-kampagnen wahrnehmen und dann schnellstmöglich vergessen sollte...
gesellschaftlich ist die frage, wie ich unterstützung auch ausserhalb von Krankenkassen erhalten kann...mir fällt immer auf, dass es für mich nur die möglichkeit gibt, wie eva ins fitnesstudio zu gehen, um dort meine pfunde zu verlieren. ich würd aber lieber mannschaftsporttechnisch was unternehmen, um auch leute kennenzulernen. hochschulsport fällt flach und ich finde z. b. keinen schwimmverein, der angebote für nicht-seit-10-jahren-aktive-schwimmer zur verfügung stellt. breitensportmöglichkeiten gibt es keine, um als anfänger irgendwo einzusteigen? wer anderes weiß, schreibt mir bitte infos...aber ansonsten, da müsste man was machen, nicht dass man immer nur viel geld im fitnessclub liegen lassen muss.
Kurz und knapp: Ich mag die Polemik, die in diesem Artikel zum Tragen kommt, nicht. Nur so viel:
> Nachdem das Rauchverbot nun beschlossene Sache ist,
> muss eine neue Randgruppe her, die man nun
> öffentlichkeitswirksam diskriminieren kann.
Die Reglementierungen in Bezug auf Rauchverbote in der Öffentlichkeit dienen dazu, Menschen, die bewusst nicht rauchen, vor denen zu schützen, die nicht nur für sich rauchen, sondern ihre Umwelt gleich mitbelasten. Man gönnt sich (und seinen Mitmenschen, ob die das wollen oder nicht) ja sonst nichts...
Dies auf "öffentlichkeitswirksame Diskriminierung" zu reduzieren zeugt nicht gerade von Einsicht hinsichtlich des Schutzes der Gesundheit unbeteiligter Personen. Fressen (und dementsprechend unästhetisch aussehen) kann von mir aus jeder, was und wie´s ihm oder ihr passt (nur hinterher bitte nicht rumheulen!). Das beinflusst meine Gesundheit (und die anderer Unbeteiligter) nicht und ist m.E. daher das Recht eines jeden einzelnen.
Ich denke das jeder das Recht haben sollte so viel zu Essen und so ungesund zu essen wie er möchte. Ebenso denke ich das jeder Mensch das Recht hat seinen Tod durch Rauchen schneller herbeizuführen wo und wann er das möchte. Das nenne ich Freiheit. Mich nervt lediglich das die Kosten des Gesundheitssystems in unserer Solidargemeinschaft auf alle verteilt werden. Deshalb sollte man bei solchen Dingen am Gesundheitssystem ansetzen und dieses aus der Solidarität herauslösen und der privaten Wirtschaft übergeben. Die Verdummung der Bürger beginnt beim Staat der dem Bürger nicht zuspricht zu wissen was für ihn am Besten ist.
... die Fotos sehen aber verdammt lecker aus ... ;-)
(schönes, zum Thema passendes Captcha: "weich")
Leute mit schlechtem Musikgeschmack sind doch schon an ihren MP3-Handys, die sie lauthals plärrend in der Hand halten, zu erkennen... ;)
> Ebenso denke ich das jeder Mensch das Recht hat
> seinen Tod durch Rauchen schneller herbeizuführen
> wo und wann er das möchte.
Gegen das "wo" erhebe ich entschieden Einspruch. Es ist nämlich dort rücksichts- und skrupellos, wo andere (unbeteiligte) Menschen gezwungen werden, Schadstoffe einzuatmen, die sie nicht einatmen möchten.
Analog dazu kann von mir aus gerne jeder Suizid begehen, wann er möchte - aber nicht wo! Wenn er hierzu nämlich z.B. im Straßenverkehr in den Gegenverkehr rast (ja, es GIBT solche Assis!), dann schädigt er mutwillig andere. Das ist definitiv nicht OK, und das hat auch nicht im Geringsten etwas mit der von Dir angesprochenen "Freiheit" zu tun.
Einer klugen Frau, deren politische Meinung ich nicht teile, was hier aber nichts zur Sache tut, wird das Zitat zugesprochen: "Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt". Wie wahr!
@ johnboy
"...dass generell ganz gute Ansätze hinter den Ideen stecken, diese aber fürs "Unterschichtenfernsehen" entsprechend aufgepeppt und reißerisch dargestellt werden."
Das seh ich ganz genauso. Alle diese Sendungen (auch wenn ich sie nur rudimentär kenne, da ich keinen Fernseher hab) bedienen doch voyeuristisches Publikum, dass sich daran aufgeilt, wie kaputt, dick, ungezogen... oder sonstwas die Protagonisten sind. Wobei naürlich der Begriff "Unterschichtenfernsehen" schwierig ist, weil wer weiß denn schon genau, wer sich da an was aufgeilt und konsumiert.
Und ich gebe Eva in dem Sinne recht, dass "die Öffentlichkeit", Medien, öffentlicher Diskurs immer ein Reizthema braucht, dass dann wahnsinnig präsent ist und total hochstilisiert wird. So war es mit dem Rauchen, jetzt ist es das Übergewicht. Das jeweilige Thema ist dann wahnsinnig dringlich und die Politik und Gesellschaft muss auch ganz schnell handeln...
Und was die armen Passivraucher betrifft: Schön und gut, aber wen stört es zum Beispiel wenn es am Bahnhof im hintersten Eck einen Raucherbereich gibt? Dies zeigt doch beispielsweise wie sehr Rauchen, abgesehen von der gefährdeten Gesundheit der Nichraucher verteufelt wird.
Der stets lesenswerte Udo Pollmer im WELT-Interview über Ernährungsberater:
DIE WELT: Vor allem die Ernährungsberater, Fachredakteure in Medien und Verbänden, predigen den Verzicht. Essen die nicht gern?
Pollmer: In der Schweiz sah ich ein Plakat mit der Zeile: "Früher war ich eßgestört, heute bin ich Ernährungsberaterin." Das war gemeint als Beispiel für positiven Lebenswandel, ist aber typisch für den Berufsstand. Eßgestörte haben einen starken Drang zur Ernährungsberatung. Das ist das Berufsziel, es ist Bestandteil der Sucht. Das Problem: Eßgestörte beraten nicht nach Sachwissen sondern nach Krankheit. So erzeugen sie neue Abhängige. Seit der Klinik haben sie nur den Wunsch: einmal Ernährungsberatung zu machen.
DIE WELT: Auch Sie schulten Ernährungswissenschaftler...
Pollmer: ...stimmt, und dabei habe ich gelernt, welch verheerende Folgen die Vorstellung haben kann, man könne seinen Körper durchs Essen designen. Eßgestörte sind häufig sehr aktiv, und deshalb haben sie auch größere Aufstiegschancen. Gerade die Dürren wollen ihren Körper vorstellen und landen deshalb beim Fernsehen. Fragen Sie doch mal die einschlägigen Ressortleiter: Wie viele Gesunde-Kost-Redakteure können sich an einen Tisch setzen und essen, was es gerade gibt?
DIE WELT: Die über das Essen schreiben, hassen es eigentlich?
Pollmer: Die ekeln sich vor Fett, die bekommen von Wurst Bauchschmerzen, sie fürchten Kalorien wie der Teufel das Weihwasser...
http://www.welt.de/print-welt/article182457/Der_Koerper_holt_es_sich.html
@David Harnasch:
Lesenswertes Interview. Besonders interessant fand ich die Passagen über Acrylamid und folgende Aussage: "Das menschliche Gehirn ist evolutionsbiologisch eine Ausstülpung des Darms." :-)
der mann ist ein begnadeter polemiker. thx david.
Kinnas, ich möchte einmal erleben, dass Übergewichtige genauso vorsichtig mit den Fingerspitzchen angepackt werden, wie Magersüchtige... Ach ja, ich vergaß. Anorexie ist ja eine ernstzunehmende Essstörung - - - genau wie ihr Gegenteil.
Ich versteh nicht, warum trotzdem so ein Unterschied gemacht wird. Das Geschrei wollte ich hören, wenn Eltern auf dem Computerbildschirm exklusiv von RTL 2 gezeigt wird, wie ihre 12-jährige Tochter in 10 Jahren aussehen wird, wenn sie weiterhin nur Knäckebrot ist... ja, ich versteh schon. Das arme Seelchen, das kann man den Leuten ja gar nicht zumuten... warum nicht, bei Dicken störts doch auch kaum einen?
Im Gegenteil, es wird noch erzählt, sie sollen doch einfach weniger fressen.
Super Idee. Der nächsten Bulemiekranken, die meinen Weg kreuzt sag ich einfach "Steck Dir halt nicht so oft den Finger in den Hals" und simsalabim, sie ist geheilt...manmanman.
Hat sich eigentlich schon mal ernsthaft jemand Gedanken darüber gemacht, warum immer mehr Leute versuchen, zu verhungern?
Eva hat schon recht, etwas gegen Übergewicht zu tun ist nicht falsch, aber WIE es getan wird. Daran sollte sich zuerst was ändern, wenn man das Problem vernünftig lösen möchte.
Ganz abgesehen davon, dass Chipstüten keine roten Punkte brauchen, um als "mit ungesundem Inhalt befüllt" zu gelten, bleibt natürlich auch fraglich, ob Deutschland keine anderen Probleme hat...
Ich war selbst mal ein bißchen dicker. Habe 25 Kilo abgenommen indem ich einfach von zu Hause ausgezogen bin und angefangen habe zu arbeiten! Und ich kann sagen, die letzten 5 Kilo sind die schwersten. Einerseits seelisch, denn niemand sieht dir deinen Schwabbel von außen an und hat demnach auch kein Verständnis dafür dass du etwas bestimmtes nicht isst, oder traurig bist, oder aus unendlicher Scham nicht mit an den Strand kommen möchtest, und andererseits weil der Körper, die Fettzellen, die letzen Pfunde viel viel schwerer losläßt als die ersten 25 Kilo. Schei.. Gene! Hier unterscheiden sich wirklich die verschiedenen Stoffwechseltypen drastisch.
Die Stigmatisierung von Dicken - und Menschen die keinen "perfekten" Körper haben - verschlimmert das Problem so stark dass diese Menschen gar keine Chance, geschweige denn Motivation haben den Schweinehund zu überwinden, einen Seelenstriptease hinzulegen....