
Web 2.0 –
was ist das noch mal? Web 2.0 ist das
Mitmachinternet. Auf Seiten wie flickr, YouTube oder Wikipedia steht das Publikum, also die User, im Mittelpunkt des Geschehens. Dort kann man beliebige Inhalte (Fotos, Videos etc.) speichern, veröffentlichen, mit anderen teilen und darüber diskutieren. Kurz: Es geht um Kommunikation und Interaktion. Ohne dabei zu ahnen, dass es lange nach seinem Tode so etwas wie das Web 2.0 geben würde, hat der berühmte Medientheoretiker
Marshall McLuhan (1911-1980) das Wesen dieses zweiten Netzes einmal treffend charakterisiert:
„Der Benutzer ist der Inhalt.“
Natürlich ist Web 2.0 ein großer Hype, was die ewigen
Spaßverderber der Bedenkenpolizei dazu bringt, von
drohenden Blasen zu tuten. Ob Web 2.0.-Companys wie YouTube oder StudiVZ gute Investitionen sind, kann heute niemand sicher prophezeien. Die gigantischen Nutzerzahlen dieser Plattformen sind jedenfalls ein starkes Argument
für Web 2.0, denn im Mediengeschäft geht es immer darum, Reichweite (Leser, Zuschauer, Hörer, Nutzer) in Geld zu verwandeln. Zum jetzigen Zeitpunkt ist Web 2.0 neben dem großen Hype vor allem ein
großer Spaß und
ein großes Experiment. Nie zuvor standen Mediennutzern solch mächtige, kinderleicht zu bedienende Werkzeuge zur Verfügung, um Inhalte selbst zu veröffentlichen. Zum Beispiel in der Münchner Plattform
Yigg, die fudder in der ersten Folge dieser neuen Serie vorstellen wird.
Wie funktioniert Yigg?
Yigg ist eine
Nachrichten-Community. In den USA wird dieses Segment als
Social News bezeichnet. Das Logo von Yigg ist ein Hamster, den die Yigg-Community – ganz basisdemokraisch –
Marvin getauft hat. Das Logo repräsentiert anschaulich das Wesen der Seite, auf der alle möglichen Nachrichten gehamstert werden. Jeder registrierte User kann selbst Nachrichten in der Warteschlange veröffentlichen. Ob diese Nachricht prominent auf der Startseite (oben) erscheint, entscheiden die Nutzer selbst – indem sie die den Beitrag, der nur aus einer Überschrift und einem kurzen Anreißer besteht, positiv bewerten (
yiggen) oder negativ (
müllen). Je mehr
Yiggs ein Beitrag erhält, umso schneller erscheint er auf der Startseite.
Diese Mechanik erklärt die Attraktivität der Seite: Nur Nachrichten, die die Gemeinschaft der Nutzer informativ, unterhaltsam oder wichtig empfindet, erreichen die Masse der User. Langweiler dagegen werden nie auf der Frontpage erscheinen. Das ist eine recht
basisdemokratischer Nachrichtenauswahl, der von den Usern in den Kommentaren mitunter sehr heftig diskutiert wird.
Was wichtig ist, entscheiden die User – dieses Gewichtungsprinzip entscheidet sich fundamental von den Mechanismen der klassischer Medien: Dort entscheidet eine
Redaktion, was wichtig ist. Und sie entscheidet sich ebenfalls vom Selektionsprinzip von Nachrichtenseiten wie
Google News: Dort bestimmt ein
Algorithmus, was die anderen sehen sollen.
Was bringt mir das?
Yigg ist eine Seite, auf der sich die Nutzer über Neuigkeiten informieren – und selber Neuigkeiten veröffentlichen können. Vor allem aber ist Yigg ein großartiger Ort, um die
verborgenen Kostbarkeiten des Internet zu finden. Meldungen, die in keiner Zeitung stehen und in keiner TV-Sendung gezeigt werden. Für
fudder ist Yigg eine beliebte Themenquelle – sei es für unsere Mittagspause oder die Rubrik Digitalien. Charmanter Trash und Technik-News sind folglich zwei thematischen Schwerpunkte auf Yigg. Immer häufiger werden aber auch Breaking News aus Politik und Wirtschaft auf Yigg gepostet – somit wildert Yigg im Revier klassischer Nachrichtenportale wie SPIEGEL Online. Mir passiert es oft, dass ich klassische News, die ich persönlich als wichtig einstufe, zuerst auf Yigg lese.
Wer steckt hinter Yigg?

Yigg wurde Ende 2005 von den Software-Entwicklern
Enrico Kern (23) und
Christian Volmering (23, Foto rechts) gegründet. In den ersten Monaten hieß die Seite noch
digg.de – in Anlehnung an den mächtigen US-Bruder digg.com (siehe unten). „Irgendwann gab’s Stress, dann haben wir die Seiten in Yigg umbenannt“, sagt Kern. Bisher steht Yigg für eine typische Garagenfirma-Geschichte: Ein Jahr nach der Gründung existiert kein Firmengebäude, die Software für die Plattform wird im Codingzimmer der Wohngemeinschaft der beiden Gründer entwickelt (unten). Enrico Kern arbeitet sogar vollzeit als Administrator beim BMW-Forschungs & Innovationszentrum der ISKO-Engineers AG.
Bis 2004 haben Kern und Volmering
in Freiburg gelebt, wo sie knapp dreieinhalb Jahre im Stühlinger beim Hauptbahnhof gewohnt und ihre Ausbildung als Anwendungsentwickler gemacht haben: Kern (der aus Chemnitz stammt) beim
Breisacher Systemhaus BSK, Volmering (NRW) bei
Koch Software Consulting in Vörstetten. Gemeinsam haben sie auch die Freiburg-Gruppe des
Chaos Computer Clubs zu neuem Leben erweckt.
Wie groß ist die Seite?
Yigg wird von Monat zu Monat lebendiger. Verglichen mit dem US-Vorbild digg.com ist die Münchner Plattform indes ein Zwerg. Ein Link auf der Startseite von digg kann einige Zehntausend User auf die verlinkte Quelle spülen. Bei Yigg sind es einige Hundert. Digg hat
600.000 Autoren, die Beiträge veröffentlichen. Yigg hat
3000 Mitglieder, die täglich 150 bis 200 News einspeisen. Gleichwohl: Yigg wächst nach eigenen Angaben 20 bis 30 Prozent - pro Monat. Das ist schon ordentlich.
Wie will Yigg Geld verdienen?
Wie fast alle jungen Web-2.0-Startups, so ist auch Yigg nicht profitabel. Die Seite war lange Zeit werbefrei, neuerdings werden wenige Banner sowie
AdSense-Links von Google eingespielt, mit denen bekanntlich die wenigsten reich werden. „Es gibt großes Interesse, auf Yigg zu werben“, sagt
Michael Reuter (37), der mit
Lawrence Nell bei Yigg eingestiegen ist und die Geschäftsentwicklung sowie die Kommunikation betreut. Die Einblendung von Werbung solle sich allerdings auch in Zukunft in Grenzen halten. „Wir werden über andere Erlösquellen nachdenken. Das könnten zum Beispiel
Premium-Dienste sein.“
Wer sind die Vorbilder?
Wie so oft kommt das große Vorbild aus den USA:
Digg.com. Die im September 2004 von
Kevin Rose gegründete Seite ist auf dem Radar einiger mächtiger Investoren, die die Plattform gerne übernehmen wollen (zum Beispiel
von Rupert Murdochs News Corp., die auch
MySpace gekauft hat). Digg wird inzwischen so intensiv genutzt, dass man in den USA vom
Digg-Efekt spricht: Die Server verlinkter Quellen (zum Beispiel kleine Blogs), die auf der Startseite von digg.com verlinkt werden, gehen oft in die Knie, weil sie der Traffic-Welle nicht standhalten können. Ebenfalls in das Social-News-Geschäft eingestiegen ist übrigens der einstige Browser-Entwickler
Netscape, dessen Klon aber lasch und langweilig daher kommt. Besser, obwohl ziemlich unstylish:
Reddit.
Wer sind die Konkurrenten?
In den vergangenen Wochen sind einige Nachahmer in den deutschsprachigen Markt eingetreten:
Wikio (expandiert aus Frankreich),
pligg.ch (Schweiz),
Webnews (Köln), die deutsche Version der US-Seite
Reddit,
Readster (Essen),
Newsider (München) oder
lesr (Linz). Ich persönlich finde, dass Yigg den Konkurrenten deutlich überlegen ist. Die Seite wird von einer lebendigen Nutzerschar gespeist und ist mit einer Vielzahl sinnvoller Funktionen (RSS, Gruppen, Tags, Blogs, persönliche Statistiken, Personalisierung) technisch State of the Art, ohne dabei überladen zu sein. Für mich wichtiger als diese Features: die Geschichten. Ich bin immer wieder fasziniert und inspiriert von den Inhalten, die ich auf Yigg finde.
Wie geht’s weiter?

„Die Strategie muss die sein, dass Yigg sich dorthin entwickelt, wo die Community hin will“, sagt Michael Reuter. „Man muss die User ernst nehmen und darf keinen
Marketingquatsch erzählen.“ Den großen Medienhäusern der Branche ist nicht verborgen geblieben, was da in München in den vergangenen Monaten gewachsen ist. Und diese Medienhäuser kennen natürlich die Erfolgsstory von Digg in den USA. Hat schon jemand angeklopft bei den deutschen
News-Hamstern und den Geldkoffer geöffnet? Darüber spricht Reuter nicht. Gegenwärtig sieht es aber eher so aus, als ob Yigg alleine wachsen möchte. „Für mich ist das
ein liebgewordenes Spielzeug, das ich selbst nutzen will“, sagt Kern (Foto oben links), der für Yigg auch nicht seinen Job kündigen wird. „Ich habe nie daran gedacht, daraus ein
fettes Business zu machen.“ Doch wer weiß…