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Nachtschicht mit Freitod: Wie ein Lokführer einen Selbstmord erlebt hat

fudder-Autor Roger schreibt normalerweise über Kino. Im folgenden erzählt er eine sehr persönliche Geschichte, die mit seinem Beruf des Lokführers zusammenhängt. Wie es ist, gegen den eigenen Willen einen Menschen töten zu müssen.

Lokführer Selbstmord Zug

Die Nacht war eiskalt und ein Vollmond tauchte die Welt in ein ebenso kaltes Licht. Die Gleise vor mir glänzten, immer wieder unterbrochen von den Schatten der Bäume entlang der Strecke. Ich war Lokführer beim Fernverkehr der Deutschen Bahn und beschleunigte meinen CityNightLine nach einem Halt in Freiburg. Bis nach Frankfurt würde ich ihn bringen in meiner letzten Nachtschicht diesen Jahres. Weihnachten stand vor der Tür und es sollten geruhsame Tage werden in meinem anstehenden Urlaub. Ich war guter Dinge. Und dann tötete ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen.

Statistisch gesehen passiert es etwa einmal täglich in Deutschland. Rund um die Feiertage natürlich noch öfter. In ihrer Einsamkeit und Verzweiflung sehen manche Menschen nur noch einen Ausweg und wählen den Freitod auf der Schiene. Warum? Weil es eine todsichere Sache ist. Kein Zug kann ausweichen, geschweige denn rechtzeitig zum Stehen kommen und die beschleunigte Masse eines Zuges ist in jedem Falle tödlich. Für einen kurzen Moment verlangsamt sich die kalte Nacht in eine Zeitlupenszene.

Der junge Mann taucht im Scheinwerferlicht auf. Im ersten Moment halte ich ihn noch für einen der zahllosen Schatten. Dann erkenne ich ihn richtig. Er kniet rechts neben meinem Gleis direkt am Schienenstrang, so, als würde er beten. Meine Reflexe funktionieren wie bei jedem Lokführer.

Ich mache eine Schnellbremsung, lasse die Hupe nicht mehr los und stoße einen Schrei aus. Zug Durch den Zug, der mittlerweile auf 120 Stundenkilometer beschleunigt hat, geht ein heftiger Ruck, die Bremsen greifen mit voller Wucht, die Magnetklötze unter jedem Drehgestell des Zugs krachen zur Unterstützung der Bremswirkung auf die Schienen.

Aber etwa 500 Tonnen Stahl bleiben nicht einfach so stehen. Das weiß ich. Auch der kniende Mann vor mir, der den Kopf dreht und in meine Richtung blickt. Ich sehe in sein Gesicht. Er sieht in mir nur drei Lichter, die ohrenbetäubend auf ihn zurasen und Erlösung versprechen. Er beugt seinen Oberkörper vor. Sein Hals liegt nun direkt auf der Schiene. Ich schließe die Augen. Dann höre ich den fürchterlich lauten Schlag unter mir, ein Geräusch, das ich nie vergessen werde.   Endlich kam der Zug zum Stehen. Warnlichter blinkten im Führerstand und der Bordcomputer gab verschiedene Meldungen von sich. Ich nahm den Hörer des Funkgeräts in die Hand und meldete den Notfall. Ab diesem Moment verlief alles in eigenartiger Routine. Die Streckensperrung, die Meldungen an das Zugpersonal, das Warten auf Krankenwagen und Rettungskräfte. Die blauen Lichter sah ich bereits nach ein paar Minuten irgendwo weit entfernt, doch es dauerte fast zwanzig Minuten, bis sie den Zug erreicht hatten. Er stand etwa zwei Kilometer vor dem Denzlinger Bahnhof.

Schon bald stand der Schaffner des Zugs bei mir, kurz danach auch ein Polizeibeamter, der mir Fragen über den Hergang stellte. Ich machte nur die nötigsten Aussagen, wie schnell ich beim Aufprall gewesen wäre und ob ich irgendwo eine zweite Person gesehen hätte.

Ich fror, saß einfach da und schaute nach draußen. Über den Funk des Polizisten bekam ich alle Details der Suche mit. Man fand zuerst die Kleidung des Mannes, die es ihm durch die Wucht des Aufpralls vom Leib gerissen hatte.Kunst im ZSeinen Leib allerdings fand man nur mühselig und in mehreren Teilen. Ich beobachtete die tanzenden Lichter der Taschenlampen. Die Strecke war über eine Stunde gesperrt.

Als ich schließlich nach Hause fuhr, alleine in dem Regionalexpress saß und zur Ruhe kam, passierte es. Ich dachte an mein Pausenbrot im Rucksack und wollte es auspacken. Bei diesem alltäglichen Ereignis brach ich in Tränen aus. Beim Nachlassen des Adrenalinschubs kam der Schock. Und mir wurde bewusst, dass der junge Mann und ich im Moment des Aufpralls die Rollen getauscht hatten.

Ich wurde vom Täter zum Opfer. Ab sofort würde ich mit dieser Erinnerung leben müssen. Er wurde vom Opfer zum Täter, der einen Unschuldigen mit seinem Schicksal belastet hatte.

Wie man mit so einem Erlebnis fertig wird? Ich habe keine Ahnung. Wie wird ein Arzt damit fertig, wenn er einen Patienten verliert? Wie wird ein Soldat mit seinen Erfahrungen fertig? Ich kenne Kollegen, die schon ein Gutes Dutzend Suizidfälle hatten und gleich am nächsten Tag wieder ihre Schicht machten. Ich kenne auch Fälle, in denen der Lokführer nie wieder auf der Strecke war.

Ich fuhr nach drei Wochen wieder und tröstete mich mit dem Gedanken, dass der junge Mann seine Gründe gehabt haben musste, seinem Leben wirklich ein Ende zu setzen und ich nicht die geringste Schuld hätte.

Das nützte mir allerdings nichts mehr, als ich zwei Jahre später einen jungen Familienvater zu Tode fuhr, der nur mal eben über die Gleise rennen wollte, um die S-Bahn zu erreichen.

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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 53
Eva
Donnerstag, 02.11.06 17:09
 

Kann man so etwas angemessen kommentieren? Ich weiß nicht, was ich sagen könnte außer: Du hast mein Mitgefühl.

Christian
Donnerstag, 02.11.06 18:35
 

Beim Lesen des teasers dachte ich mir "uhh, wenn das mal nicht schief geht, unabsichtlich gruselig und banal wird". Ich möchte Dir ein Kompliment machen Roger für diese schwergewichtige und geglückte Story!

Müllmann
Donnerstag, 02.11.06 19:32
 

Eine wirklich heftige Geschichte. Angeblich überfährt jeder Lokführer im Laufe seines Berufslebens 7 oder 9 Menschen - statistisch gesehen. Dass hinter jeder Statistik ein Mensch und ein Schicksal steckt (auf beiden Seiten), macht dieser Text auf beeindruckende und wirklich bewegende Weise deutlich. Daher kann ich mich dem Kommentar Nummer 1 nur anschliessen.

Lou
Donnerstag, 02.11.06 19:33
 

Sehr persönlich, sehr eindrucksvoll und sehr gelungen.

JC
Donnerstag, 02.11.06 19:52
 

Packend geschrieben! Schließe mich da den Vorschreibern an.

Uagadugu
Donnerstag, 02.11.06 20:24
 

Ich hätte nicht gedacht, dass das so häufig passiert: 1 x täglich, bezogen auf Deutschland, sind immerhin ca. 365 Fälle pro Jahr.

Die Anzahl von sieben bis neun pro Lokführer-Laufbahn ist noch frappierender.

Ich kann mir schon vorstellen, dass einen das als Lokführer schwer belastet. Jegliche Schuldzuweisungen an sich selbst sind da, rationell betrachtet, jedoch völlig fehl am Platze:

Wenn sich jemand umbringen möchte, wird er das immer schaffen. Egal, wie.

Den Lokführer trifft hier ebenso wenig Schuld wie z.B. den Erbauer eines hohen Turmes, von dem sich jemand stürzt - oder den Hersteller eines Seiles, das jemand zum Erhängen nutzt. Der Lokführer wird hier nur als Mittel zum Zweck mißbraucht - was einerseits schlimm ist, was ihn andererseits von jeglicher Mitschuld zweifelsohne freispricht.

stefan
Donnerstag, 02.11.06 21:33
 

Als ich den Text durchgelesen habe, stellte ich mir die frage wie man sowas überhaupt verhindern könnte. Wir haben so viel Technik, können aber mit der ganzen Technik nicht verhindern das jemand vor dem Zug springt.

moell
Donnerstag, 02.11.06 22:43
 

puh... der text verursacht gänsehaut... respekt vor roger und der sehr emotionalen und eindrucksvollen schilderung... als bahnfahrerin (sprich kundin) bin ich auch in 4 solcher fälle involviert gewesen... nur hat da (im augenblick des wartens) irgendwann die wut überhand genommen, da züge nicht erreicht wurden oder ich zu spät zum termin gekommen bin oder ähnliches... erst später kamen mitgefühle hoch in erster linie für den lokführer, den Hilfskräften und schließlich für den selbsttötenden...

eine frage an roger: bist du noch lokführer?

radiofee
Donnerstag, 02.11.06 23:58
 

sehr berührend geschrieben. macht nachdenklich.
danke.

Sophrolaeliocattleya
Freitag, 03.11.06 09:58
 

Schlimm sind für mich immer wieder die Reaktionen meiner Mitmenschen, wenn so etwas passiert, da hab ich inzwischen schon einiges erlebt. Dieses abgebrühte Gelaber, dass ich schon sehr häufig hören musste, wie hoffentlich ist er jetzt auch wirklich tot, damit es sich gelohnt hat, verursacht mir jedes Mal eine abartige Übelkeit. Da ist ein Mensch gestorben und die Menschen sorgen sich, weil ihr Zug eine Stunde Verspätung hat und zu guter letzt drücken sie dann auch noch dämliche Sprüche ab, das find ich persönlich total krank.

Uagadugu
Freitag, 03.11.06 10:14
 

> Dieses abgebrühte Gelaber [...] verursacht mir
> jedes Mal eine abartige Übelkeit.

Bei mir wird eine "abartige Übelkeit" viel eher dadurch ausgelöst, dass jemand seine Probleme ohne jede Rücksicht und ohne jeden Skrupel auf Dritte abwälzt:

Vielleicht hast Du ja bemerkt, dass im vorliegenden Falle ein völlig Unschuldiger -der Lokführer-, der einfach nur seinen Job machte, ein "Erlebnis" beschert bekommen hat, auf das er gerne verzichtet hätte.

Jeder hat das Recht dazu, sich von der Platte zu putzen - ist ja sein Leben. Aber Dritte mit hineinziehen ist das zweitübelste (um bei Deiner Vokabel zu bleiben), das es in dieser Sparte gibt.

Übertroffen nur noch von Spacken, die in den Gegenverkehr rasen, um sich -und bis zu fünf Personen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren- in den Tod zu reißen.

Sophrolaeliocattleya
Freitag, 03.11.06 10:39
 

Wenn Menschen in solch tiefer Verzweiflung sind, dann ist das nicht mehr mit den üblichen Maßstäben messbar, und eigentlich sollte das klar sein. Meine Mutter hat sich übrigens auf diese Weise das Leben genommen und ich da ich im nächsten Zug war, durfte ich mir damals all diese Sprüche anhören, auf dieses Erlebnis hätte ich damals wirklich gerne verzichtet (damals wusste ich übrigens noch nicht dass es meine Mutter war, trotzdem fand ich die Sprüche schon damals absolut unerträglich). Natürlich ist das für einen Zugführer absolut furchtbar, das ist mir auch klar, aber die Menschen die sowas tun, befinden sich in allerschlimmster Verzweiflung, die handeln halt nicht so rational wie du dir das wünscht @uagadugu

Andrés
Freitag, 03.11.06 10:40
 

da hat uagadugu nicht ganz unrecht.

allerdings ist es aber wahrscheinlich für uns ein problem uns in die lage eines so verzweifelten menschen zu versetzen, der seinem leben ein ende setzen möchte. derjendige, der sich wirklich dazu entschieden hat, wählt vermutlich einfach die zuverläsigste methode und die ist der zug. die eigenen probleme mögen demjenigen so undenkbar gross erscheinen, dass er gar nicht mehr bedenken kann, welchen einfluss sein tun auf andere menschen hat.
vermeintlich "sauberere" methoden wie vergiften, ertränken, erhängen oder im auto vergasen werden, so sagt man, eher von menschen gewählt, die nicht ganz 100% davon überzeugt sind es zu tun.
wer sich erschiesst, verbrennt oder irgend wo runter springt, macht zwar niemand zum täter, aber auch er mutet den findern und rettungskräften einiges zu.

roger
Freitag, 03.11.06 10:40
 

Zunächst mal freut es mich, dass ihr den Artikel so positiv aufnehmt und ich euch ein wenig hinter die Kulissen blicken lassen konnte. In der Tat bin ich noch Lokführer und außer den beiden beschriebenen Unfällen bisher verschont geblieben. Allerdings muss ich natürlich jeden Tag damit rechnen (mache es aber nicht bewusst, denn dann würde man ja wahnsinnig). Woher Müllmann die Statistik mit 7 bis 9 Fällen hat, würde mich interessieren. Verhindern kann man so etwas natürlich auf keinen Fall. Rund um Emmendigen ist die Strecke eingezäunt und diese Wand dient nicht nur dem Lärmschutz. Wenn sich jemand umbringen will läuft er einfach an der Wand entlang bis er Zugang zu den Glesien findet, was spätestens am nächsten Bahnhof der Fall ist.
Dass so ein Vorfall natürlich alles über den Haufen wirft ist klar und ich bin immer wieder froh, wenn die Leute Verständnis zeigen. Selbst wenn in Hamburg sich jemand vor den Zug wirft und die Strecke dort eine Stunde gesperrt ist, haben die Züge in Freiburg noch mindestens 15 Minuten Verspätung. Somit weiß ich auch in etwa, was Sophro... meinte. Es ist erst wenige Wochen her, als es in FR-Zähringen zu einem Suizid gekommen war. Ich stand in Freiburg am Bahnsteig und hörte die Durchsage, in der auch erklärt wurde, was und wo es passiert war. Die wartenden Fahrgäste stöhnten, motzten und schimpften. Bei allem verständlichen Ärger über den verspäteten Zug denke auch ich, man könnte sich hier etwas zurück halten.
Ich danke zumindest für euer Verständnis.

Kelloggs
Freitag, 03.11.06 12:40
 

Mir fehlen die Worte.....

Unglaublich emotionaler Bericht über ein Thema, über das ich bislang noch so gut wie nichts in dieser Form gelesen habe. Beeindruckend und bedrückend zugleich.

Markus
Freitag, 03.11.06 13:05
 

Ja, sowas ist übel. Ich hoffe nur, die Deutsche Bahn bietet ihren Lokführern eine gute psychologische Betreuung. Solche Erlebnisse können im schlimmsten Fall zu posttraumatischen Belastungsstören führen.

Aber mindestens genauso "angenehm" sind Bahnleichen für die Einsatzkräfte von Rettungsdienst und Polizei, die hinterher suchen und sammeln dürfen. Wer in Emmendingen Dienst macht, wird fast zwangsläufig früher oder später damit konfrontiert sein. Der angesprochene Zaun dort wurde nämlich aufgestellt, weil beim Zentrum für Psychiatrie (ZPE) alle paar Wochen jemand auf die Gleise geht. Leider hat sich seitdem nur der Ort um ein paar hundert Meter verlagert...

Andrés
Freitag, 03.11.06 13:11
 

ja das kommt wohl öfter vor. der lebensgefährte von meiner tante war auch im zpe. von dort ist er auch verschwunden und hat sich auf die gleise gelegt. den zaun hat er wohl auch einfach umgangen. gott sei dank ist ihm nicht viel passiert, weil er sich zwischen die schienen gelegt hat und der zug über ihn weggefahren ist.

Müllmann
Freitag, 03.11.06 17:48
 

Roger, vor einigen Jahren gab es eine Reportage über dieses Thema in der ARD. Die genaue Zahl habe ich mir nicht gemerkt (daher das oder), fand es aber trotzdem unglaublich - auch unglaublich traurig. In dem Bericht ging es vor allem um die Lokführer und deren psychischen Belastungen bei solchen Fällen - so wie Du es in Deinem Artikel beschrieben hast.

Tommy
Freitag, 03.11.06 18:37
 

Großes Kompliment an Roger für den sehr guten Artikel, aber auch an die kommentierenden User.

cardoso
Freitag, 03.11.06 21:07
 

berührend und leider, wie beschrieben, alltäglich.

Martin
Sonntag, 05.11.06 01:05
 

vielen Dank für den guten Artikel und das aufgegriffene Thema ich bin auch Lokführer in Freiburg und hatte auch 2 Suizide und mehrere fast Unfälle !Wir alle versuchen damit zu Leben und oft kommt es in einem wieder hoch besonders wenn Leute versuchen die Gleise zu überschreiten entweder aus Bequemlichkeit oder um noch auf den Zug zu kommen,weil sie zu spät dran sind ! Ich möchte nicht mit dem moralischen Zeigefinger kommen, sie auf Ihre Dummheiten hinzuweisen denn die Reaktionen sind immer gleich! Ich bin schon 15 Jahre im Fahrbetrieb aber der Respekt vor der Gefahr ist heute viel geringer als früher! Einfach den nächsten Zug nehmen und noch am Leben zu sein ist viel wert ! Wenn sich Reisende verspäten und wir noch einigermasen im Zeitlimit sind nehmen wir sie auch noch mit wenn sie die Unterführung benutzen! Leider wird uns seitens des Arbeitgebers auch die Pistole auf die Brust gesetzt pünktlich abzufahren ! Wegen Taktfahrplan und Anschlüssen usw. Ich erlebe täglich brenzlige Situationen und habe kurzzeitig richtige Schockmomente wenn ich am anfahren bin und plötzlich rennt jemand mit aller Selbstverständlichkeit vor meinem Zug über die Gleise dies hilft natürlich nicht gerade unsere Posttraumatischen Erlebnisse zu verkraften !Danke an all die verständnisvollen User und dir Roger eine Unfallfreie Fahrt !

hechta
Sonntag, 05.11.06 20:05
 

hmmm... ich werde das gefühl nicht los, daß es sich bei dem jungen mann, um meinen ehemaligen mitschüler gehandelt hatte. (da ist es auch in denzlingen passiert) falls dies so wäre, dann würde es dir vielleicht nachträglich trost bringen, zu wissen, daß es nicht sein erster versuch war sich das leben zu nehmen. im prinzip hast du ihm sogar einen gefallen getan. so traurig das auch ist!!! kurioser weise kenne ich auch einen der personen, die damals meinen ehemaligen mitschüler (M.G.) und die kleider aufgelesen haben.

Niklas
Montag, 06.11.06 13:17
 

Gerade heute morgen übrigens wieder - aber das hier ist irgendwie nicht der richtige Ort, um zu erzählen, dass man eineinhalb Stunden zu spät zur Arbeit gekommen ist...

Franz Manfred
Mittwoch, 08.11.06 15:59
 

Mittwoch, 08.11.06 15:40

Die Meldung über den Freitod gemeldet. Nicht schon wieder ist mein erster Gedanke. Was dann in Gang beordert wird ist schon aussergewöhnlich. Krankenwagen und Notarzt erscheinen so schnell wie möglich - doch wie immer hier kann niemand helfen. Auf der ganzen Strecken stehen die Züge und die ganzen Helfer sind fassungslos. Notfallmanger, Staatsanwalt, Bundespolizei, Leichenbestatter alle müssen dazu beitragen diesem Menschen die letzte Ehre zu geben. Man sollte für Ihn mehr Zeit nehmen - leider nicht möglich die Reisenden warten, einige mit Verständnis, andere egal, Schüler klasse (!)über Zugausfall oder Verspätung. Das Leben geht weiter.......

Andy
Donnerstag, 09.11.06 16:24
 

Ich habe es ungefähr zehnmal erlebt, dass mein Zug wegen Personenschadens zu spät kam. Fast immer die Strecke Basel -Mainz/Frankfurt. Ich habe es nie erlebt, dass einer auch an den
Selbstmörder gedacht hätte. Jeder dachte nur an sich und die
Verspätung, die er dadurch in Kauf nehmen musste.
Dass diese Vorfälle so oft in der Nähe des Zentrums für Psychiatrie (ZPE) in Emmendingen passieren, spricht nicht gerade für die Therapiemethoden dieser Klinik.

Grimm
Samstag, 11.11.06 19:11
 

Warum sollte man an den Selbstmörder denken, auch er dachte nur an sich. Es gibt bei weitem bessere Wege sich umzubringen, bei denen man den eigenen Tod nicht einem anderen anhängt.

sabrina
Montag, 13.11.06 21:03
 

Der Artikel ist gut geschrieben, einen Blickwinkel, den der DB Kunde nie bekommt, erschütternd und bedrückend.

Was mir besonders aufgefallen ist, nachdem ich alle Meinungen dazu gelesen habe, ist die Gemeinsamkeit von Opfer, geschädigter und Kunden...
Sie denken immer nur an sich...

Sophrolaeliocattleya
Dienstag, 14.11.06 15:49
 

Ich glaube nicht, dass bei einem Depressiven der Egosimus an erster Stelle steht, finde es aber mehr als traurig, wie hier über kranke Menschen gedacht wird.

http://de.wikipedia.org/wiki/Depression

Ansonsten werden seltsamerweise nie solche Bemerkungen über Krebskranke, Aidskranke oder andere kranke Menschen gemacht, aber die sorgen ja auch nicht für lästige Verspätungen...

david
Donnerstag, 28.12.06 19:38
 

Komischerweise Fragen sich die wenigsten warum diese Leute so etwas machen..! Nein, die meisten regen sich sogar noch auf! Meine Herren , wir leben in einer lieblosen, trostlosen Konsumgesellschaft , wo das Menschenleben eben keinen Wert mehr hat. Das zeigen solche Vorfälle!! Was ich empfehle: Gott! Die suche nach wahren menschlichen werten!! Ja, ich empfehle euch mal die Bibel zu lesen! Das schadet sicher nicht. Den vor Gott hat jedes einzelne Menschenleben sogar einen Sinn..>>> http://www.jesus.de

Nicola
Freitag, 29.12.06 13:35
 

hallo. ich bin zufällig auf die seite gestpßen und weiß nicht ob sie das jetzt noch lesen können, aber mein ex freund hat sich am 5. dezember diesen jahres vor den zug geworfen. als wir noch zusammen waren haben wir im fernsehen einen bericht gesehen. in diesem ging es um einen menschen der sich ebenfalls durch den zug umgebracht hat. ich sagte ihm damals dass ich mit diesen selbstmördern kein mitgefühl haben kann und ich es unverantwortlich dem zugführer finde. er stimmte mir zu. naja, was soll man da schon noch sagen? in erster linie war es für mich furchtbar dass er generell tod war und dann auch noch durch suizid, aber das fiel mir einige tage später wieder ein. wenn menschen sich umbringen ist das generell auf eine art egoistisch wie ich finde. sie denken ja nur daran dass es ihnen bald besser geht. wie es der familie dabei ergeht oder den freunden ist ihnen egal anscheinend. naja und dann ist es ihm wohl auch egal ob ein zugführer den er nichtmals kennt auch darunter leidet. sie haben auch mein mitgefühl. aber jeder mensch hat eben einen freien willen. denn kann man zum glück auch nicht direkt beeinflussen. alles gute wünsche ich ihnen!

Dimi
Mittwoch, 03.01.07 19:43
 

Ich bin selbst Lokführer und habe ähnliche Berichte schon oft von Kollegen mitbekommen. Mir ist ein solches Ereignis zum Glück nach meinen zehn Jahren im Fahrdienst bisher erspart geblieben, allerdings kann es schon morgen so weit sein. Daher finde ich es gut, dass hier so offen geschildert wird, wie sich eine solche Situation in die Seele brennen kann. Meine Hoffnung ist, dass sich Menschen mit Suizidabsichten einmal solch einen Bericht durchlesen würden, denn sie müssten doch am besten nachvollziehen können, was seelische Probleme bedeuten. Ich kann bei aller Tragik kein Mitleid empfinden für Selbstmörder, die sich vor einen Zug legen. Es gibt eine Vielzahl von Methoden, bei denen keine Personen als Werkzeug missbraucht werden müssen. Ich hoffe, dass, wenn es mir doch noch passieren sollte(was wohl eher wahrscheinlich ist), ich einen Weg finden kann, damit umzugehen. Merkwürdig ist, dass die Verteilung solcher Ereignisse -nach meiner Beobachtung- recht ungleich ist; d.h. einige gehen ohne jeglichen Zwischenfall dieser Art in den Ruhestand, andere wiederum weisen hier in einem ähnlichen Zeitraum eine traurige zweistellige Bilanz auf. Ich glaube, Roger hat mit seinem offenen Umgang mit diesem Erlebnis den richtigen Weg gewählt, denn hier ist Schweigen sicherlich kein Gold. Auf diesem Wege, Roger, Dir alles Gute und mögen Dir weitere erspart bleiben. Allzeit gute fahrt....

Rains
Montag, 29.01.07 15:18
 

Guten Tag,

ich bin auch zufällig auf dieses Forum gestoßen und habe alle Artikel sorgfältig durchgelesen!Erstmal finde ich die Schilderung von ROGER sehr bewegend, eindrücklich und zugleich schockierend!Ich finde es gut das Sie darüber sprechen, man sollte auch darüber sprechen, andernfalls kann es zu schweren posttraumatischen Störungen kommen, wie einer meiner Vorredner bereits sagte!Ihr habt völlig Recht, das einige sehr Ich-bezogen sind, das ist ein gesellschaftliches Problem was nicht zu unterbinden ist!Es wird so gefordert, ansonsten geht man in dieser schnell lebigen und materialistischen Welt zugrunde!
Zur Wahl des Suizid bzw. Freitod muss ich anmerken das meine Meinung all denjenigen gilt, die bei Vollbesitz ihrer psychischen und mentalen Kräfte sind, also die nicht unter schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankungen leiden(Depressionen, Halluzinationen,krankhafte Wahnvorstellungen etc.)!
Für ,,Psychisch nicht erkrankte´´ Menschen kann ich kein Verständnis für jegliches Tun aufbringen, die ahnungslosen, unschuldigen Menschen als Mittel zum Zweck gebrauchen um ihr Leben ein Ende zu setzen, diese Personen sind in meinen Augen verantwortungslos und rücksichtslos gegenüber der Gesellschaft, denn diejenigen die zurückgelassen werden, sind letztendlich die Leidtragenden( Angehörige, Einsatzkräfte, Lokführer in dem Fall, Freunde etc.)!
Um den theologischen Aspekt einmal aufzugreifen:
Ich bin der festen Ansicht das Gott uns das Leben geschenkt hat, um eine oder mehrere Aufgaben zu bewältigen und er verfügt einzig und alleine über die Befügnis wann er die Seele einfordert und damit der Tod der Person eintritt!
Ich finde es sehr gut das wirklich alle so offen und ehrlich darüber sprechen, das wird jedem der sich schonmal in dieser schwierigen Lebenslage befand und erlebt hat, die nötige Kraft geben um das Ereignis so gut wie möglich zu verarbeiten!
Ich wünsche euch alles Gute und hoffe das niemanden dieses Schicksal wiederfährt!

Uwe
Samstag, 04.08.07 11:09
 

Hallo,
zuerst einmal möchte ich kurz erwähnen, das sich unser sohn vor wenigen wochen auch für diesen weg entschieden hat.

als der erste schock verflogen war und wir wieder ein ganz klein wenig denken konnten, dachten wir auch was ist denn mit dem zugführer?

genau wie sie, sah er unseren sohn an den gleisen stehen und sah wie er loslief als der zug ihn passierte. das wissen wir aus der akte der staatsanwaltschaft.

wir haben hier schwer mit dem verlust zu kämpfen, aber mit dem zugführer möchte ich nicht tauschen.

ich habe zwar seine tel.nr. stand in der akte, aber habe nicht den mut anzurufen, weil ich ja auch nicht weiß wie er reagiert.

vielleicht liest er ja diesen bericht und sieht wie leid uns das alles tut.

nur als kleiner hinweis, es geschah am: 25.05.07 in worms

MarcK
Samstag, 13.10.07 15:23
 

ich finde den artikel bemerkenswert, aus vielen gründen. und ich habe eine frage an roger: könntest du mir mal ne maiadi geben- würde dich gerne was fragen.

danke

Der Roger
Donnerstag, 01.11.07 20:25
 

MarcK, du kannst mich gerne auf meinem Blog http://www.allesroger.net besuchen. Dort findest du auch alle Möglichkeiten, um mit mir in Kontakt zu treten. Bin schon gespannt auf deine Frage.

Dirk
Sonntag, 11.11.07 23:00
 

Hallo,
ich wurde am vergangenen Donnerstag 12:05h genauso zum "Täter".
Keine Ahnung was wird.

Bodo
Montag, 26.11.07 17:37
 

Mein Mitgefühl ... ! Man hat Dich als Werkzeug mißbraucht. Du brauchst Dir keine Vorwürfe zu machen. Anders als Soldaten, die sich bewußt für den Beruf eines Massenmörders entscheiden.
Die sich freiwillig für´s töten entscheiden ... !
Wenn Dir Dein Gewissen keine Ruhe gibt, so zeigt das nur, daß Du ein Gewissen hast. Sei dankbar dafür, denn dadurch bist Du ein liebenswerter, achtbahrer Mensch !

Alles Gute für die Zukunft !

Biber
Montag, 26.11.07 18:10
 

Es ist so wohltuend hier mal nicht die üblichen Reaktionen und Kommentare von tlw. erschreckender Einfachheit zu lesen, sondern differenzierte Beiträge mit Mitgefühl, die zeigen, dass man darüber nachgedacht hat.
Und das obgleich die Lokführer ja in einigen Blogs wegen des Streiks als egoistisch ziemlich beschimpft wurden - das hier ist eben auch eine Seite dieses Berufs...

Eine Anmerkung noch zum Nachdenken: Wer in solch einer Extremsituation ist dass er sich umbringen wird denkt nicht mehr in normalen Massstäben - dessen Weltbild ist so zusammengebrochen dass er für Andere sicher keine Gedanken mehr frei hat, der Blickwinkel ist extrem eingeengt auf das eigene Erleiden (dies nicht zur Entschuldigung, nur zur Erklärung. (Aus eigenem Erleben - zum Glück sehr lange her...)

daniel
Montag, 26.11.07 20:27
 

hi leute, ich habe am samstag abend von einem alten bekannten erfahren müssen dass sich, nach seinen angaben vor ca 2 wochen ein alter sehr guter kumpel von mir, zu dem ich leider den kontakt verlohren habe, in der nähe von mainz vor einen zug geworfen hat. bin auf der suche nach "beweisen".. oder wie man das auch immer nennen soll. wenn irgendjemand mir infos dazu geben könnte würde ich mich sehr freuen! Die person ist/war ca 16-18, also ein typ, wohnte im umkreis mainz, und hat sich soweit ich gehört habe am mainzer hbf das leben genommen. den namen möchte ich nicht nennen.


!!!!! ALSO WER INFOS HAT BITTE MELDEN !!!!!

morinox
Montag, 31.12.07 02:32
 

Das scheint ja wirklich ein trauriger Brennpunkt dort zu sein. Am Samstag hatte ich das zweifelhafte Vergnügen als Fahrgast im Nahverkehrszug hinter einem todbringenden ICE zu sein. Wir mussten in Denzlingen aussteigen, per Ersatzverkehrsbus gings dann inklusive Rad nach Emmendingen und dann nach einiger Warterei weiter in den Norden.

So nah hab ich sowas noch nie miterlebt, und es beschäftigt mich noch immer. Wie belastend das für einen Zugführer sein muss, kann man wohl nicht ermessen. Deinen Artikel fand ich sehr bewegend, Roger. Allzeit gute Fahrt!

morinox

VollMond
Dienstag, 08.01.08 16:58
 

@morinox ich sass zusammen mit meiner Frau in diesem ICE Richtung Berlin an diesem sonnigen Samstagmorgen. Es war ein sehr komisches Gefühl als nach der Notbremse die Durchsage kam, dass unser Zug einen Menschen überfahren hat. Alle Passagiere waren geschockt, leise und ernst. Einige hatten Tränen in den Augen. Irgendwie sitzt man ja in der Tötungsmaschiene und ist ein Teil von ihr. Dabei laufen innerlich Bilder ab, wie das Drama stattfand, unbewusst. Naja, die 3 Stunden Verspätung und überfüllte Züge bis Berlin hoch waren gut zu ertragen, im Gegensatz zu den Gedanken, dass ein junger Mensch seinem Leben ein Ende gesetzt hat und seine / ihre Familie und den Lokführer damit schwer belastete.

Hunde Trainer
Montag, 14.01.08 21:17
 

Am 26.12.07, ging ich früh morgens, in begleitung meiner Frau, mit dem Hund spazieren. Wir wohnen direkt am Bahndamm. Genau um halb elf, begaben wir uns wieder nach Hause........und sahen eine Männliche Person an den Gleisen stehen. Er hatte auch einen Hund bei sich. Er knotete die Leine an einem Strauch fest, schaute mir in die Augen, und legte sich auf das Gleis. Ich rannte los, um ihn von den Gleisen zu ziehen. Doch leider erreichte ich ihn nicht mehr rechtzeitig. Ein ICE hatte ihn überrollt. Ich sah seinen Korpus zwischen den Gleisen liegen. Eine sollche zerrissene Leiche hatte ich vorher noch nicht gesehen. Ich rief die Rettung, und dachte als erstes an den Lokführer.

Erst 5 Monate vorher, hatte ich auch einen Toden und einen schwerstverletzten geholfen, bzw. versucht zu helfen. Wie man dieses verarbeitet, das weis ich nicht, aber es muß irgendwie weiter gehen.

struppi
Donnerstag, 11.09.08 07:42
 

Sehr emotional geschrieben.
Neben meinem Studium arbeite ich im Rettungsdienst und war ein mal auf der ICE Strecke Frankfurt Köln - Personenschaden wie man so schön sagt. Kein schöner anblick.

Der Ansatz dass der erste seine Gründe hatte finde ich gut - das ist genau die richtige einstellung. Er wollte das so und das kannst du nciht ändern (wie du ja auch geschrieben hast)

Der zweite, er wollte das nicht, aber das kannst du genau so wenig ändern wie beim ersten. Jeder weiß dass Bahngleise gefährlich sind und dass man nicht über Bahngleise laufen darf.
Man muss eine eine Einstellung entwickeln - der ist selbst dran doof.

Fahr weiter deinen Zug und genieße dein Leben

Freitag, 26.06.09 06:10
 

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Wenn Du meinst es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her
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Alle stehen sie da.
Männer, Mütter, Kinder, Jugendliche, Ehepaare,
Touristen, Geschäftsleute...
Ein ganz normaler Abend auf Gleis 1.
Kalter Wind zieht über die Bahnsteige.
Am Ende des Bahnsteigs lautes Gelächter.
Dort drüben eine Frau mit Hund.
Kindergekicher.
Ein im Müll wühlender Obdachloser.
Redseligkeit unter den Leuten.
Eine Durchsage.
Menschen laufen aus der Bahnhofshalle.
Wenige Minuten vergehen.
Da. Ein Licht. Ganz klein.
Letzte Reisende treffen ein.
Eile und Hektik breitet sich aus.
Das Licht.
Immer größer.
Drängende Massen.
Keine Verspätung.
Alles ganz normal.
Da. Er. Ganz in schwarz.
Sekunden vergehen.
Das Licht. Immer größer.
Immer näher.
Zu nah.
Ein dumpfes Geräusch.
Quietschende Bremsen.
Schreie.
Tränen.
Nichts zu sehen.

Es kehrt ein Moment der Ruhe ein.

Plötzlich diese scheinbare leere.
Eine unheimliche Stille liegt über dem Gleis.
Fassungslose Gesichter.
Schockierte Menschen.













Verewigt und doch vergessen.

















Unter vielen...


















...in einer Statistik.

Freitag, 26.06.09 08:39
 

Ach Du Scheiße...
Emo?

Technopilot
Donnerstag, 13.08.09 02:58
 

Hallo!
Sehr interessant hier...bin auch Lokführer und hab schon einen Selbstmörder überfahren. Ist allerdings schon ca. 10 Jahre her. Meine Reaktion war einfach nur Wut auf denjenigen. Ich war stinksauer auf den Selbstmörder und wäre er nicht tot gewesen, ich glaub ich hätte ihn umgebracht.
Naja, war 2 Wochen krank geschrieben und mir gings auch ganz gut in den letzten 10 Jahren.
Was mich interessieren würde:
Hat ein Lokführer nach 10 Jahren aufeinmal Probleme deswegen?
Ich habe nämlich jetzt (10 Jahre nach dem Selbstmord) seit einigen Monaten Probleme beim Zugfahren UND Autofahren.
Auf Autobahnen wird mir immer komisch und habe Angst die Kontrolle zu verlieren, und beim Zugfahren mußte ich auch schon einen Zug "stehen lassen" weil ich vor Angst nicht mehr konnte.
Jetzt würde ich gern wissen ob das vielleicht mit dem damaligen Selbstmörder in Zusammenhang stehen könnte?
Kanns mir nicht vorstellen, aber die Psyche macht ja viele Sachen die man sich nicht vorstellen kann...

Montag, 31.08.09 22:56
 

Ich bin zwar nicht aus der Freiburger Gegend, aber das Thema ist das gleiche. Gestern hat sich jemand vor den Zug geworfen, in dem ich mit meinem Sohn sass (bei Vehlefanz, nördlich von Berlin). Eigentlich hab ich alles erstmal gut weggesteckt, war gefasst, hab meinen Sohn beruhigt, getröstet, was man halt als Mutter so macht. Zu Hause kam dann der Einbruch. Ich sah auf meinem Nachttisch das Foto meines Kindes und mir ist klar geworden, dass irgendwo da draußen, in irgendeiner Wohnung auch jemand ein Foto von einem geliebten Menschen zu stehen hat, nämlich dieses Menschen, der jetzt nur noch ein Haufen zermatschtes Fleisch ist. Und wie furchtbar ist es, dass er jetzt noch ruhig schläft und nicht ahnt, was ich schon weiss: dass sein Bruder/Mann/Sohn/Freund wer auch immer es war, nie wiederkommen wird. Ich hab einen Anfall aus Weinen und Zittern gekriegt und ehrlich gesagt, heute gehts mir auch nicht besser. Es tut mir wahnsinnig leid für diesen Menschen, der keinen anderen Ausweg mehr sah, denn auch mein bester Freund hat sich vor einigen Jahren umgebracht (Fenstersturz, übrigens auch Ende August). Aber ebenso leid tut es mir für die Zugführer, die Polizei und alle damit Beschäftigten, die Zuginsassen, die Angehörigen, und meinen Sohn, den ich vor diesem Erlebnis leider nicht bewahren konnte. Und was mich betrifft: ich krieg einfach das Geräusch nicht aus meinem Kopf: der Knall und das Rumpeln, von dem ich erst annahm, es wären große Steine & nun weiss, es waren Knochen, die viele Meter mitgeschleift wurden.

Montag, 31.08.09 23:08
 

Hallo Technopilot, Deine jetzigen Probleme hängen mit Sicherheit mit dem damaligen Ereignis zusammen. Du solltest Dir kompetente Hilfe besorgen; wenn Du keine psychologische Aufarbeitung möchtest, kann das Reden mit guten Freunden darüber oder das detaillierte Aufschreiben des Erlebnisses bei der Verarbeitung helfen, aber Fakt ist, dass Du Dich wohl noch mal intensiver damit auseinander setzen musst, denn magst Du es all die Jahre gut weggesteckt haben - Deine Seele hat einen Riss bekommen. Ich wünsche Dir für die Zukunft alles Gute.

Mittwoch, 14.10.09 21:40
 

@DerOnkel:

Emo? Nö - Nicht erkennbarer Schwarzszenler und hauptberuflicher Suizident! ;)

Mittwoch, 14.10.09 21:40
 

@DerOnkel:

Emo? Nö - Nicht erkennbarer Schwarzszenler und hauptberuflicher Suizident! ;)

Mitfahrer
Samstag, 13.11.10 11:19
 

Das ist jetzt vielleicht ein komischer Ansatz, aber hast du mal dran gedacht, wieviele Menschenleben du rettest, indem du Lok faehrst?
Es ist viel sicherer, mit dem Zug als mit dem Auto zu fahren.
Dadurch, dass du jeden Tag Menschen transportierst, die ansonsten auf die Strasse ausweichen müssten, hast du ohne es zu wissen schon das eine oder andere Leben gerettet.
Weil die Leute dann nicht am gefährlicheren Strassenverkehr teilhaben muessen, wo es viel riskanter zugeht.
Stell dir einen Pendler vor, der nach 8-10h anstrengender Arbeit noch eine Stunde mit dem Auto auf der Strasse unterwegs sein muss, der unkonzentriert und müde ist.
Durch dich kommt er sicher nach hause.
Klar ist es bloed, es gegeneinander aufzurechnen, aber manchmal hilft es trotzdem.

Ruslanchik
Samstag, 13.11.10 22:50
 

Hallo Roger,

du fragst, wie man mit so einem Erlebnis fertig wird?

Ich werde dir jetzt die perfekte Antwort geben. Perfekt deswegen, weil sie nicht nur die richtige Empfehlung ausspricht, sondern auch die Erklärung der Wirkungsweise deiner Erlösung mitliefert (die Erlösung hat sich aber hoffentlich - nach so vielen Jahren - bereits eingestellt, denn offensichtlich machst du bereits instinktiv das richtige).

Du schreibst sehr schön und sehr richtig:
"Ich wurde vom Täter zum Opfer. Ab sofort würde ich mit dieser Erinnerung leben müssen. Er wurde vom Opfer zum Täter, der einen Unschuldigen mit seinem Schicksal belastet hatte."

Meine Empfehlung: Diese riesige Last, die dir der Selbstmörder gewaltsam aufgebürdet hat, weil er sich selber von seiner (uns nicht näher bekannten) Last befreien wollte und ausgerechnet diesen - dich belastenden - Weg wählte...
Diese riesige Last gebe weiter. In kleinen Stücken. An all die vielen Menschen, die bereit sind, dir zuzuhören und die eine solche Geschichte nicht gleichgültig und kalt lässt, sondern geht ihnen zu Herzen. Solche Menschen reagieren mitfühlend - in diesem Fall mitleidend, also das Leid mittragend, also sich freiwillig ein Bisschen zu "Opfern" an deiner Statt machend - und nehmen dir auf diese Weise etwas von deiner Last ab. Und keine Sorge: einen "Täter" wird dich deswegen bestimmt keiner nennen! :)

Also: rede! Rede darüber mit guten Menschen! Du hattest viel zu viel Last auf deine Schultern gepackt bekommen, also lasse dir alles, was du nicht alleine schultern kannst, dir abnehmen durch die Armee der Mitfühlenden. Es heißt doch alles miteinander zu teilen. Also teile! Teile dich mit, und wir tragen (fühlen, leiden) gerne alles mit, was dir zu viel ist. Denn die Mitfühlenden stehen im direkten Gegensatz zu den Legionen der Gleichgültigen, deren mangelndes Ein- und Mitfühlungsvermögen sie zu Gespenstern dieser Welt macht und die, weil sie nicht viel mehr als Luft sind, auch keine Lasten (mit)tragen können. Zu ihnen gehören auch diejenige deiner Kollegen, die schon am nächsten Tag, nachdem sie einen Menschen überfahren haben, sich wieder an die Arbeit machen, weil die Last, die auf sie eigentlich stürzte, durch sie wie durch eine Luftblase fiel - denn für solche seelische Belastungen sind die Gleichgültigen nicht empfänglich.

Roger, offensichtlich machst du bereits das Richtige, denn du redest mit uns und sagst offen, dass dich diese Geschichte zu sehr belastet. Also, um dich (und die Community) nicht noch länger aufzuhalten, pack' ich schon Mal meinen Anteil ein, mache mich auf den Weg und sage...

Tschüß, ihr echt echte Menschen! :)

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