Art Brut - Top of the Pops...

Carolin Buchheim

...skandierte gestern Abend das Publikum im ausverkauften Rossstall in der Kaserne in Basel, um die vier Herren und die Dame von Art Brut, 'der' britischen Newcomerband des Jahres 2005, wieder auf die Bühne zu bringen. Ziemlich selig sahen die meisten Zuschauer dabei aus, und verschwitzt waren sie auch alle, denn Art Brut hatte sie alle gerockt, und zwar so richtig.

Den Abend eröffnen die irischen Indieelektopoprocker The Chalets, die in der einschlägigen popkulturellen Musikpresse als 'Next Big Thing' gehandelt werden, und auch als Soloact die Fahrt nach Basel wert gewesen wären. The Chalets, das sind zwei attraktive junge Damen an Keyboard, Synthesizer und Xylophon und drei Herren an Gitarre, Bass und Drums, die gemeinschaftlich die Mädchen zum Tanzen und die Jungs zum Mitsingen brachten.


Pony und Peepee, die beiden jungen Damen, bestachen nicht nur durch ihr Fifties-Outfit und synchronisierte kleine Tanzeinlagen sondern vor allem durch ihren gekonnten Harmonie- und Duettgesang mit vielen hübschen kleinen Kieksern. Eine gute Dreiviertel Stunde spielen die Fünf, größtenteils Stücke vom aktuellen Album 'Check In' und beenden ihr Set mit 'Love Punch' "I know you love me, but you're fucking crazy", gesungen über biestigen, dilettantisch wummerndem Synthesizer, ganz wunderbar.

Und dann Art Brut. Ein kleines bisschen wackeln sie, die dicken Mauern des Rossstalls, als Eddie Argos, Art Bruts Frontman, die Bühne betritt und das Publikum zu hüpfen beginnt. "Formed a band, we formed a band, look at us, we formed a band" sang Eddie Argos, und mit ihm das Publikum. Schon seltsam, diese Band, wenn man sie denn dann mal anguckt, so wie Argos das will. Look at us!

Absolut heterogen, diese Fünf:
  • Eddie Argos trägt prätenziösen Oberlippenbart und Halstuch und sieht eigentlich aus wie jemand, der an der Welt krankt und depressive Gedichte schreibt.
  • Ian Catskillan, der Gitarrist #1, sieht aus, als sei er eigentlich in einer Rockband, und zwar im Jahr 1985.
  • Jasper Future, Gitarrist #2, könnte vom Aussehen her auch bei 'The Arcade Fire' spielen.
  • Bassistin Freddie Feedback trägt ein schwarzes Abendkleid mit Glitzerdruck, was sie aber nicht daran hindert, sich hingebungsvoll mit ihrem Bass auf den Boden zu knien.
  • Und Drummer Mikey B sieht ein bisschen aus wie ein extrem ausgefallen cooler BWL Student, in rosa Polohemd und Anzughose hinter seinen Drums stehend. Gemeinschaftlich Rocken sie, und zwar ohne Pause.
"Are you ready, Art Brut?" fragt Eddie seine Mannen (und die Dame) vor den einzelnen Songs; fast so, als müsse man zusammen in einen Kampf ziehen, oder so. Ruppig machen sie das, und mit Intensität und Leidenschaft und einer wunderbaren Chemie untereinander. Leider scheint Eddie Argos ein wenig angeschlagen, er klagt über Rückenschmerzen und lässt deswegen die ansonsten für ihn typischen In-der-ersten-Reihe-Rumwälz-Aktionen aus.

Seine körperlichen Einschränkungen scheinen das Publikum aber nicht zu stören: enthusiastisch hüpfen und schubsen sie, auch wenn Argos selbst nicht so sehr viel hüpft, während man sich gemeinschaftlich durch das Album "Bang Bang Rock & Roll" schreit. Highlights, natürlich, 'Emily Kane', Argos' Ode an seine allererste Freundin; 'Rusted Guns of Milan' über erektile Dysfunktion und 'Modern Art'."Popular Culture no longer applies to me." Dazu gibt es ein paar neue Songs, 'These Animal Menswear', 'St.Pauli' und 'Blame it on the Trains' und auch bei diesen Songs geht das Publikum angemessen mit, obwohl es sie ja noch gar nicht kennt.

Und natürlich kommen Art Brut schließlich zur Zugabe auf die Bühne, angelockt durch die "Art Brut! TOP OF THE POPS!" Rufe des Publikums. Es gibt drei Songs mehr, und der Abend endet mit 'Good Weekend', einem herrlichen Song über die Freuden einer neuen Beziehung. "I've seen her naked, TWICE." schreit das Publikum und streckt zwei Finger in Richtung Bühne.

Als die Lichter angehen ist man nicht nur verschwitzt, sondern auch ein wenig benommen, vor lauter Glückshormonen und kann sich anschließend noch bedanken, bei beiden Bands, denn man ist nicht lange nicht so Professional Popstar (TM), als dass man nicht mit den Fans im Anschluss Bier trinken könnte.

Schöner Abend, mit Art Brut, im Rossstall in der Kaserne. Auf dass sie das bald wirklich schaffen, das mit Top of the Pops.