Art Brands: Kunst durch Namen

Julika Herzog

Michael Klant, 55 und Kunsthistoriker, sammelt Massenprodukte, die Namen von Künstlern tragen. Eine Zahnpasta von "Rembrandt" zum Beispiel. Soll das jetzt Kunst sein? Offenbar ja. Die Sammlung ist derzeit jedenfalls im Museum für Neue Kunst zu sehen. Herr Klant versucht im Gespräch, uns die Skepsis zu nehmen.



Herr Klant, was ist an einer Dose Wiener Würstchen, die zufällig den Namen Goya trägt, Kunst?

An einer Dose selbst ist zunächst natürlich nichts Kunst. Sie wird erst dann zur Kunst, wenn sie den Kontext wechselt – also den Weg vom Supermarkt ins Museum findet.

Die Dose Wiener Würstchen von Goya wird zu einem „ArtBrand“, wenn sie von mir den entsprechenden ArtBrand-Stempel erhält und signiert wird.

Diese Methode, sogenannte „Ready Mades“, also schon fertig produzierte Objekte, zu Kunst zu erheben, ist erst mal nichts Neues – das selbe hat Marcel Duchamp schon 1913 mit dem berühmten „Fahrrad-Rad“ gemacht. Beim ArtBrands-Projekt besteht die künstlerische Strategie aus der Verbindung vieler an sich nicht zusammengehörender Objekte zu einem Ensemble, das – wie bei einer Collage – einen neuen Sinn produziert und sich wie eine Kunstsammlung aufführt.



Kaffee neben Kunst: Diese Ready Mades werden ja gemeinsam mit „traditionellen“ Kunstwerken präsentiert. Wo ist da der Zusammenhang?

Die Artbrands sind unter verschiedenen Aspekten zu den Museumsstücken in Beziehung gestellt worden: So können sie zum Beispiel ironische Lückenfüller sein. Die bedeutende Freiburger Expressionistensammlung, der doch einige bekannte Namen fehlen, wird so durch einen Beckmann und einen Kandinsky erweitert: in Form des Waschmittels „Dr. Beckmanns Anti-Grau“ und eines Kandinsky Schlüsselanhängers. So kommt das Museum für Neue Kunst auf einem sehr günstigen Weg auch zu diesen bekannten Namen. Bei anderen Kombinationen gibt es formale, etwa farbliche Zusammenhänge, oder auch inhaltliche: ein Michelangelo-Messer neben einem Brot von Kiefer.



Ist das nicht etwas banal?

Ich glaube, dass die Ausstellung ArtBrands eine ganze Reihe von Botschaften haben kann. Erst einmal den heiteren Aspekt, der etwas mit „Nonsense“ zu tun hat, wobei ich „Nonsense“ durchaus als eine Kunstform betrachte.

Man kann das Ganze aber auch als einen satirischen Kommentar zum Thema Kunstsammeln betrachten. Das Sammeln großer Namen zu horrenden Preisen dient vielen von denen, die es sich leisten können, als Statussymbol. Ich behaupte: Jeder kann mit ein paar Euro eine beeindruckende Sammlung mit berühmten Namen anlegen.

Hatten sie Langeweile beim Einkaufen? Oder wie kamen Sie auf die Idee, Dinge, die wie Künstler heißen, zu sammeln?

Die Idee entstand wirklich beim Einkaufen: aus dem anfänglichen Entsetzen über ein Produkt, das ich 1997 in New York entdeckt habe. Ich hatte meine Zahnpaste zu Hause vergessen und bin dann in einen Drugstore gegangen. Dort habe ich die üblichen Marken gefunden: Colgate, Mentadent und Ähnliches. Und auf einmal dazwischen “Rembrandt“. Dabei weiß doch jeder, dass Rembrandt eigentlich nur in Brauntönen gemalt hat. Und hier versprach die Packung mit dem Slogan „Whitening Toothpaste“ auch noch weiße Zähne.

Aha.

Ich habe erstmal eine Tube Colgate gekauft. Aber dann ging mir die Rembrandt Zahnpasta nicht mehr aus dem Kopf und so bin ich am nächsten Tag wieder in den Drugstore und habe den Grundstein zu meiner Sammlung gelegt. Mittlerweile habe ich auch Freunde mit meiner Sammelleidenschaft angesteckt und begebe mich ganz gezielt auf die Suche nach ArtBrands.



Ihr Lieblingsobjekt?

Der Oldie-Motorroller von Manet, den ich teilweise selber restauriert habe. Sein nostalgisches Design und die Signalfarbe Rot haben es mir angetan. Außerdem regt der Roller meine Phantasie an: Ich kann mir den Maler Édouard Manet, der dafür bekannt war, dass er gerne mit Gehrock und Zylinder durch Paris flanierte, wunderbar vorstellen, wie er auf so einem City-Scooter durch die Metropole flitzt.

Spannend ist auch, den Manet-Roller in Verbindung mit dem ebenfalls ausgestellten, 60 Jahre alten Motorrad namens Monet zu sehen: Claude Monet war ja ein Zeitgenosse von Édouard Manet, aber im Gegensatz zu dem Flaneur eher ein Bohemien und Bürgerschreck. Deshalb passt er natürlich besser auf ein 500er-Motorrad, auf dem er Manet mit dem feinen Stadtroller locker hinter sich lässt.



Meinen Sie, dass solche Kopffilme auch bei den Besuchern der Ausstellung entstehen?

Die Reaktionen sind bis jetzt weitgehend heiter. Es wird eigentlich verstanden, dass hier auch Satire im Spiel ist. Aber vereinzelt gibt es auch erboste Stimmen, die sagen, so etwas gehört nicht ins Museum. Wer den Kunstbetrieb für etwas Unantastbares, Heiliges und Ehrwürdiges hält, kann mit der Ausstellung wahrscheinlich weniger anfangen.

Für mich wäre viel gewonnen, wenn die Besucher nach der Ausstellung ganz anders durch die Straßen oder Supermärkte gehen und womöglich sogar eigene Sammlungskonzepte entwickeln. So schön Briefmarkensammeln sein kann, es wäre doch toll, wenn sich eigene und abweichende Sammlerkonzepte entwickeln würden. Das müssen dann natürlich keine Artbrands sein. Man könnte sich vielleicht auf Literaten konzentrieren. Im Reformhaus gibt es zum Beispiel Kräutersalz von Brecht. Fußballfans könnten überlegen, ob es nicht noch mehr Ortsschilder mit Fußballernamen gibt, wie bei dem Ort namens Overath. Es ist alles nur eine Frage des kreativen, divergenten Denkens.



Mehr dazu:

  • Was: ArtBrands – wenn Hunde Beuys fressen. Eine Sammlung von Michael Klant
  • Wann: noch bis zum 4. Mai; Dienstag bis Sonntag 10 Uhr bis 17 Uhr