Armee der Bäuerlemacher

Meike Riebau

Die Generation Praktikum praktiziert sich zu Tode. Jetzt gibt es sogar schon Angebote, in denen Jugendliche die Herausforderung des Elterndaseins eine Woche lang testen können.

Luigi schreit. Er hat Hunger oder will gewogen werden. Genau weiß Eva das nicht. Schließlich ist die 15-jährige Schülerin erst seit zwei Tagen Mutter. Viel Zeit, sich an Luigi zu gewöhnen, bleibt ihr nicht. Eine Woche, um genau zu sein. Dann muss sie ihn wieder abgeben. Danach kommt Luigi zurück in seine Verpackung und wartet auf die nächste Zeitmama. Luigi ist nämlich kein menschliches Wesen, sondern eine Puppe. Besser, ein Babysimulator. Die Unterscheidung zwischen Luigi und anderen Babypuppen fällt schwer. Die Simulatoren jedoch können viel mehr.


Dank eines eingebauten Computerchips weinen sie, wollen gefüttert, auf den Arm genommen und gewickelt werden. Sogar die Funktion des Bäuerchenmachens fehlt nicht. Babyborn meets Tamagotchi.

Spielzeug sind die Simulatoren aber nicht. Im Gegenteil, dahinter steckt ein pädagogisches Konzept. Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren sollen das Elterndasein testen und am eigenen Leib erfahren, dass Mutter- und Vaterschaft eben vor allem Verantwortung bedeutet und zuweilen schlaflose Nächte mit sich bringt.

Ursprünglich kommen die im Fachjargon „Realcarebabys“ genannten Wesen aus den USA. Dort entwickelte das Ehepaar Rick und Mary Jurmain 1993 den ersten Prototypen, um Jugendlichen „realistische Lernerfahrungen“ zu vermitteln.

In Deutschland vertreibt die Firma Babybedenkzeit die Simulatoren, Die Firma leiten die Diplom-Pädagoginnen Edith Stemmler-Schaich und Uta Schultz-Brunn.

Die Idee zu Babybedenkzeit habe sich aus der Berufserfahrung der Sozialpädagoginnen entwickelt, so Uta Schultz-Brunn. Mit dem RealCare Baby sei ein „pädagogisches Instrument gefunden worden, das erfolgreich als Vorbereitung auf Elternschaft eingesetzt werden könnte.“ Hintergrund sei die Prävention von Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung. „So, wie ein Pilot am Flugsimulator Fliegen üben kann, können Jugendliche mit den Realcare-Babys üben“, beschreibt sie den Sinn der Elternpraktika.

Im Programm hat Babybedenkzeit auch ein Alkohol- und ein Drogenbaby; Puppen, die typische körperliche Merkmale von Säuglingen aufweisen, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkohol und/oder Drogen konsumiert haben.

Angeboten werden die Workshops an Haupt-, Real- und Berufsschulen, aber auch von sozialen Vereinen. Begeisterte Projektberichte finden sich zuhauf im Netz.

Auch, als das evangelische (Online-)Magazin Chrismon seine Leser fragte, ob Babysimulatoren eine gute oder eine schlechte Nachricht sind, waren die Forumsbeiträge durchweg positiv. Viele stammen von jungen Frauen, die Luigi und seine Geschwister in der Schule oder anderswo selbst getestet haben. Viele wollten wissen, wo man die tollen Babys kaufen könne.

Zwar sind die Modelle für den Privatgebrauch nicht käuflich, jedoch zeigt diese Reaktion, dass es sich eben doch nur um Puppen handelt.