Ariel Pink und die Schönheit des Scheiterns

Carolin Buchheim

Ariel Pink, Underground LoFi-Über-Talent aus L.A. dessen Musik in der Spex diesen Monat als ?psychedelisches Erschießungskommando für West Coast Pop’ bezeichnet wird, kommt nach Freiburg: Unglaublich! Ariel Pink! In Freiburg! Ariel Pink hasst das Touren und wird bei Live-Auftritten regelmäßig ausgebuht, denn eigentlich kann seine Musik live gar nicht funktionieren, und das wird sie am Freitag wahrscheinlich auch nicht;und trotzdem wird das sicher ein unvergessliches Konzerterlebnis im Swamp. Als ich das erste Mal einen Song von Ariel Pink gehört habe, dachte ich, irgendwas sei kaputt an den Kabeln zwischen meinem Computer und der Stereoanlage. Ich steckte alle Kabel einmal aus und dann wieder ein, aber der Sound wurde einfach nicht besser. Mein Freund hatte mir doch nicht etwa ?The Doldrums’ von Ariel Pink mit einer bitrate von 16kbps gebrannt, oder? Ich guckte nach, nein, die mp3s hatten 192 kbps. Good lord: sollte sich das etwa so anhören?Kurzgesagt: Ja, das soll sich so anhören. Ariel Pink’s Musik hört sich an, wie sich die Lieblingstapes früher angehört haben, wenn man sie an einem sauig heißen Tag im direkt in der Sonne geparkten Auto vergessen hatte. Oder, weniger retro-mäßig, wie etwas, das man durch eine ganze handvoll verschiedene Encodierungsprogramme hat laufen lassen, von .cda zu .wav zu .mp3 zu .rm. nur um es dann vom laptopinternen Lautsprecher mit einem analogen Diktiergerät aufzunehmen und dann nochmal abzuspielen.Wenn man sich ersteinmal an die schlimme Soundqualität gewöhnt hat, dann gewinnt man den Eindruck, Ariel Pink würde sich quer einmal durch die Musikgeschichte sampeln, oder zumindest einmal durch die Top40 vom 1985, ungefähr, aber das tut er nicht: Nichts an dem fluffigen, ja, pinkfarbenen Musikbrei, den Ariel Pink auf dem Animal Collective Label Paw Tracks herausbringt, ist gesampelt, alles ist live eingespielt. Seine Drums, zum Beispiel, sind live ge-beat-boxt. Alles wird auf einem Acht-Spur-Recorder aufgenommen, so mit Tapes, so wie früher, eben. Überhaupt hört sich das alles wie früher an, ein bisschen wie die Lieblingsplatten aus der Teeniezeit der eigenen Eltern, denn da gibt es beizeiten doo-woops, die aus irgendeinem Surfer-Swing-Song ca. 1963 stammen könnte. ? Nur, dass man in anderenMomenten eben auch meint, ein ausversehen aufgenommenes Witz-Tape der Industrial Größen Throbbing Gristle von 1978 zu hören; schrammeliger Krach, irgendwie dunkel, aber auch irgendwie gutgelaunt.Das was Ariel Pink macht ist aber eigentlich Pop, und zwar Pop at it’s best. Pop und Rock’nRoll und Punk brauchent kein teures Equipment, keinen klaren Sound, sondern vor allem Inspiration, und davon hat Ariel Pink mehr als genug. Man stellt sich ihn beim Hören seiner CDs zwangsläufig allein in einer chaotischen, halbverdunkelten Wohnung in Hollywood vor, über den Tape-Recorder gebeugt, mit dem es ihm gelingt, geniale Musik zu machen, die im besten Sinne naiv ist, Musik die künstlerisch ist, ohne krampfhaft Kunst sein zu wollen. Der Sound von Ariel Pink ist manchmal knallhart an der Grenze zur Hörbarkeit, manchmal total drüber die Grenzen der eigenen Hörgewohnheiten drüber hinweg, aber eben auch ganz klassischer Pop, voller wunderschöner zeitloser Melodien, die irgendwie schon immer da waren.Was man am Freitag im Swamp zu hören bekommen wird, ist schwer vorherzusagen. Ich weiss nicht, ob Ariel Pink immer noch Musiker dabei hat, die die Songs nicht können und nicht bezahlt werden, sondern nur mitkommen, weil sie mal Europa sehen wollen, und mit denen daher eigentlich jeden Abend einfach nur irgendwas improvisiert wird; bisherige Touren werden sicher nicht grundlos im Internet des öfteren als ?desaströs’ bezeichnet. Ariel Pink scheint das selbst nie so gestört zu haben “I’m giving the audience the real thing.” Hat er mal in einem Interview mit LA Weekly gesagt. “For better or worse, I’m out there, and those are the circumstances. People don’t like it when it seems like you don’t know what’s happening, or I’m getting bummed out with certain aspects and I can’t hide it. I think people feel that pain and just think it’s bad.?Es kann also sein, dass sich das alles sehr dilletantisch anhören wird, am Freitag, sehr improvisiert, sehr kaputt, sehr gewollt und nicht gekonnt, und es kann vielleicht eben auch auch wehtun, beim zuhören. Aber war das eben früher nicht auch so, bei den Lieblingstapes, die man an einem sauig heißen Tag im direkt in der Sonne geparkten Auto vergessen hatte? Das sie wehtaten, weil sie sich so seltsam angehört haben, so verzerrt und verzogen und schlurrig und weil sie eben nicht funktionierten?Wer die Lieblingstapes dann früher trotzdem weitergehört hat, irgendwie, weil es eben die Lieblingstapes waren, die mit den Lieblingsmeldodien, dem wird es am Freitag Abend im Swamp sicher auch gefallen. Und zwar mehr als nur 'irgendwie'.MEHR DAZUAriel Pink: Website & MySpace & eine legendär grottige FansiteAls Vorband dabei sind Belong aus New Orleans: Label Info/

 
Was: Ariel Pink & BelongWann: Freitag, 19. Mai 2006, Wo: Swamp, Freiburg