Ariel Pink: Großartig undesaströs

Carolin Buchheim

"For Kate I wait", eins der schönsten Lieder von seinem Album ?The Doldrums’ hat Ariel Pink am Freitag Abend im Swamp leider nicht spielen können: Letzte Woche hatte ein ?Fan’ nach dem Konzert in Kopenhagen das Tape geklaut, und ohne Tape geht bei Ariel Pink live gar nichts. Sonst ging aber alles, am Freitag Abend, und am Ende des Abends hing so ziemlich allen Anwesenden im Swamp die Kinnladen herunter, weil es ein so wunderbarer Abend gewesen war.



Belong, zwei junge Herren aus New Orleans, hatten den Abend mit der Live-Vertonung eines Kurzfilms mit melodiösen Geräuschen begonnen, die man wohl am ehesten als Dark Ambient bezeichnen könnte. Vor Landschaftsszenen aus Louisiana und Fetzen alter Pink Floyd Filme boten Turk Dietrich and Michael Jones am Synthie (eigentlich an einem Mac plus USB-Controller), und Gitarre einen schönen, flächigen aber vollen Sound, der eigentlich unter freien Himmel gehört hätte.




Und dann kam Ariel Pink, der doch so ganz anders war, als erwartet. Ich hatte mit einem in sich gekehrten Menschen gerechnet, der das ganze Konzert mit der Nase über dem Synthie hängen würde, und dem der Unwillen Aufzutreten anzumerken sei. Stattdessen entpuppte sich Ariel Pink, seine zierlichen Einssechzig in einer winzigkleinen braunen Jeans (Größe 26/30, höchstens) und einem abenteuerlichen Norwegerpulli mit Kätzchen verpackt, mit jedem Song mehr und mehr als leidenschaftlicher Entertainer mit vollem Körper- und Stimmeinsatz.

War Ariel Pink zu Beginn des gut 70-minütigen Sets tatsächlich noch verschlossen und in sich gekehrt, und zeigte bei seinem zweite oder dritten Song, der einfach gar nicht funktionieren wollte, auch deutlich seine Frustration, bis der Song beim dritten oder vierten Ansetzen dann endlich funktionierte, so fing irgendwann, zunächst unbemerkt, die totale Charmeoffensive an: Was Ariel Pink da veranstaltete lag irgendwo zwischen Herzzerreissendem Karaoke zu kaputten Lieblingstapes und dem leidenschaftlichen Auftritt eines Freizeit-Entertainers in einem halbleeren britischen Arbeiter Club am Bingoabend.



Was Ariel Pink da machte war trotz des künstlerischen an seinem Sound erstaunlich ungekünstelt, geradeheraus und ungefiltert. Es war ein grandioses Konzert mit so noch nie live gehörter Musik: Verquert, seltsam, verstörend und bezaubernd.

Die Hände am 8-Track oder am Microkorg und begleitet von seiner Freundin Geneva Jacuzzi am Microkorg und Nick Amato am Mini-Bass gab Ariel Pink Alles, und das Publikum im vollen Swamp nahm ihn an, und nahm sie ihm ab, seine Leidenschaft, und verstand überraschender Weise seine seltsame Musik, und das, was Ariel Pink da veranstaltete.

Mit jedem Song wurde mehr gelächelt, im Swamp, mehr geklatscht und sogar auch getanzt, und obwohl niemand, den ich nach dem Konzert auf seinen offensichtlichen Enthusiasmus ansprach, Ariel Pink’s Musik vor dem Konzert je gehört hatte.

“Vor zwanzig Jahren waren Konzerte in Freiburg immer so großartig”, hieß es nach dem Konzert, “sehr authentisch”, “doppelplusgut”, “ganz ganz riesig”, und immer und immer wieder “großartig"

Es war ein überraschender Abend, vollkommen anders als erwartet, absolut gar nicht desaströs sondern ganz und gar großartig.

Schnell wiederkommen, Ariel!