Argstein: "Stell dir vor, Marvel würde Heimat-Comics machen"

Christopher Bünte

Comic-Autor Josef Rother steckt knietief in der deutschen Sagenwelt: In Argstein schlägt Förster Gereon wacker um sich, damit tumbes Bauernvolk nicht von finsteren Sagengestalten aufgefressen wird. Seit mehreren Jahren erscheint die Serie in Deutschland und den USA. Christopher hat sich mit dem Autoren unterhalten.



Im Juni ist in Deutschland die fünfte Folge von Argstein erschienen: Argstein - In der Gewalt des Erlkönigs. Macht dich das ein bisschen stolz?

Josef Rother: Absolut. Es ist verdammt schwer, eine Independent-Serie über mehrere Jahre und inzwischen über fast 170 Seiten durchzuhalten. Ja, verdammt scheiße-stolz!

Argstein wurde mal als "Hellboy in Lederhosen" bezeichnet. Wie würdest du die Serie beschreiben?

Eine Horror-Punk-Version des Försters vom Silberwald...? Deutscher Heimat-Horror-Western...? "Hellboy in der Lederhosen" trifft die Sache ganz gut.



Wie bist du auf die Idee gekommen?

Da gab's mehrere Inspirationsquellen. Eine war die Idee, eine Art deutscher X-Files zu machen, die so auf deutscher Folklore basiert wie die X-Files auf amerikanischer Mythologie. Dann waren da noch Buffy oder Angel mit ihren großartigen und grotesken Monstern. Aber die eigentliche Initialzündung war Leander Petzolds Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister, eine Enzyklopädie historischer Dämonengestalten, die sehr viele deutsche Kreaturen präsentiert, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Wie den Aufhocker und die Langtüttin und das Tattermandl.

Ich las Petzold und wollte unbedingt etwas mit diesen Gestalten machen. Wie konnte ich daraus eine Geschichte spinnen? Wie konnte ich daraus eine Serie spinnen? Wer würde es mit diesen Kreaturen zu tun bekommen? Und da viele dieser Dämonen und Monster im Wald oder in der Nähe des Waldes lebten, war mir sofort klar, dass der Held ein Förster sein musste. Förster John Sinclair? Förster Angel? Der Rest entwickelte sich dann aus dieser Idee.

Du bist der Autor von Argstein. Wie kann man sich deine Arbeit vorstellen? Genügt dir Petzolds Enzyklopädie? Oder betreibst du selbst auch noch viel Recherche? Stapeln sich auf deinem Schreibtisch alte Märchenbücher?

Petzold war der Ausgangspunkt, und witzigerweise stellte sich heraus, als ich Eckart Breitschuh die Serien-Idee pitchte, dass er den Petzold ebenfalls gelesen und sich überlegt hatte, etwas mit diesen Figuren zu machen. Als ich ernsthaft anfing, an Argstein zu arbeiten, begann ich, weitere Sagenbücher und einen Haufen historische Texte über das Deutschland des 19. Jahrhunderts zu wälzen. Ich besorgte mir das großartige Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Ludwig Bechsteins Sagensammlung ist wunderbar. Aber ich studierte auch die Sagen anderer Völkerwas ich eigentlich schon immer getan hatte, und ich sah mir noch mal alte Heimatschinken an!

Alte Heimatschinken? Zum Beispiel?

Äh... ich wollte mir damals eigentlich noch mal den Förster vom Silberwald angucken, aber der war gerade nicht zu finden, nur die Fortsetzung, Der Wilderer vom Silberwald, die wirklich grauenhaft war. Die Krambambuli-Verfilmung von 1998 war jedoch echt sehenswert. Dann zog ich mir noch alte Sissi-Filme rein.



Klingt nach Augenschmerzen...

Ja! Trotzdem hatte ich schon immer das Gefühl gehabt, dass man mit der deutschen Heimat-Mythologie viel machen könnte. Heimatfilme sind im Grunde deutsche Western, und ich liebe Western. Die Amerikaner haben ein großartiges Gespür für das Erschaffen von Mythen. Und mit Argstein wollte ich aus der Heimat-Mythologie etwas Aufregendes machen. Nach dem Motto: Stell dir vor, Marvel würde Heimat-Comics machen!

Warum hast du dir für Argstein das 19. Jahrhundert ausgesucht?

Weil die Kreaturen, die deutschen Sagen, in diesem Kontext viel besser funktionieren als in der Gegenwart. Sie sind in dieser Zeit einfach zu Hause. Ich hatte mal kurzzeitig überlegt, diese Monster ins 21. Jahrhundert zu bringen, aber das wäre eine ganz andere Geschichte geworden, weniger mythisch, und überhaupt nicht Argstein.

Das 19. Jahrhundert ist die Zeit der Romantik, auch wenn es, im Fall von Argstein, eine verdammt dunkle und groteske Romantik ist. Die Gegenwart fühlt sich einfach weniger nach Grimms Märchen an. Obwohl Argstein stärker auf Grimms Sagen zurückgeht.

Grimms Märchen, Grimms Sagen... Inwiefern gibt es da Unterschiede?

Die Kinder- und Hausmärchen und die Deutschen Sagen sind tatsächlich zwei unterschiedliche Sammlungen der Brüder Grimm. Märchen sind etwas ganz anderes als Sagen. Märchen sind sehr abstrakt, mit meist namenlosen und weitgehend austauschbaren Prinzessinnen und Prinzen. Niemand hat Märchen jemals für wahr gehalten. Sagen jedoch sind wie Bild-Schlagzeilen, total grell und im Grunde absolut unglaubwürdig. Aber irgendwie glauben die Leute an diese Skandalgeschichten und an diese Monster. Oder zumindest: Irgendetwas in ihnen will daran glauben. Sagen spiegeln konkrete historische Realitäten und Empfindungen wieder, Märchen sind seltsam überzeitliche, ahistorische Gebilde. Ich liebe Märchen, aber Argstein basiert auf Sagen.

Wenn du mit einer neuen Argstein-Folge beginnst, wie geht es dann los?

Meist beginne ich mit einer bestimmten Sage oder Kreatur: der Sennenpuppe, der Alraune, Reineke Fuchs, Wechselbälgern oder eben Goethes Erlkönig, der im engeren Sinne keine Sagengestalt ist, sich aber wie eine anfühlt.

Ich recherchiere alles, was ich zu diesen Gestalten finden kann, und dann beginne ich zu jammen. Wie würde sich diese Gestalt in das Universum von Argstein einfügen? Wie bekommt es der Förster mit ihr zu tun? Wobei ich sehr, sehr frei mit dem Material umgehe. Niemand sollte Argstein als den Versuch lesen, historische deutsche Folklore zu rekonstruieren.

Einmal kam mir die Idee, die irische Banshee einzudeutschen, und in Argstein einzuführen. Irgendwie schien das zu passen. Und dann fand ich heraus, dass es tatsächlich eine deutsche Version der Banshee gibt, die Wehklage. Ich habe diese Geschichte noch nicht geschrieben, aber irgendwann wird die Wehklage in Argstein auftauchen. Das Gleiche passierte mir mit Voodoo-Puppen, von denen sich herausstellte, dass sie ein deutsches Äquivalent haben, den Atzmann.

Vielleicht gibt es auch irgendwann etwas mit Nachzehrern, den deutschen Verwandten der Vampire, die wie alle "historischen" Vampire eher an Zombies erinnern. Ich nehme diese Gestalten, werfe sie in den Teich des Argstein-Universums und sehe, welche Wellen sie ziehen.

Zeichnest du auch?

Nein, ich schreibe nur. Meistens erkläre ich den Leuten meinen Job so, dass ich Drehbücher für Comic-Zeichner schreibe.

Wer zeichnet denn?


Ich arbeite mit verschiedenen Zeichnern zusammen. Argstein mache ich mit Eckart Breitschuh, der selber auch Autor ist und Feedback zu all meinen Skripts gibt. Ich habe in Deutschland außerdem mit Klaus Scherwinski und Toni Greis gearbeitet. Und in Großbritannien und Amerika mit David Lloyd und Donna Barr. Eine der tollsten Sachen am Comic-Schreiben ist, dass du mit vielen, großartigen Künstlern zusammenkommst.

Alle bisherigen Argstein-Folgen sind nicht zuerst in Deutschland, sondern im amerikanischen Heavy Metal-Magazin erschienen. Wie muss man sich das vorstellen, einen Comic für den US-Markt herzustellen? Welche Besonderheiten gibt es zu beachten?

Eigentlich gar keine. Im Unterschied zu der Arbeit für Verlage wie DC und Marvel, genieße ich bei Heavy Metal absolute Freiheit. Ich pitche Kevin Eastman, dem Verleger von Heavy Metal, meine Ideen. Und wenn sie ihm gefallen, dann setze ich sie mit den Zeichnern um und schicke den fertigen Comic an Heavy Metal.

Wie wird es mit Argstein weitergehen? Wann kann man mit dem nächsten langen Abenteuer rechnen?

Im Augenblick machen wir vor allem kürzere Geschichten, die einfacher zu produzieren sind als die Graphic Novels. Ich hoffe, dass wir in ein paar Monaten die nächste Story vorlegen können - über einen schwulen Reineke Fuchs, der sich in den Förster verliebt hat.