Architekturverliebtheiten: Auf Streifzug durch Freiburg mit der Stadtbetrachterin

Sabine Lauffer

Sie nennt sich die Stadtbetrachterin: Sabine Lauffer bloggt über die vielen architektonischen Veränderungen der Stadt Freiburg. Ab sofort stellt sie auf fudder Freiburgs schöne und weniger schöne Ecken vor.

Gegensätze ziehen sich an

Gegensaetze

So nah und doch so fern liegen die Baustile dieser beiden Fassaden in der Wiehre. Die glatte, schnörkellose Fassade des linken Hauses wird dominiert von schmalen Fensterbändern und niedrigen Geschosshöhen. Während die rechte Fassade von einer senkrechten Fassadengestaltung geprägt ist. Betont wird die Senkrechte von den Risaliten und den Verzierungen der Fenster. Beide Häuser fallen auf den ersten Blick nicht besonders auf, interessant wirken sie im Miteinander.

Pilze aus Beton Pilze aus beton

Modern und preisverdächtig war es, das 1978 gebaute, von Herbert Dörr entworfene Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in der Günterstalstraße mit seiner Pilzstützenkonstruktion aus Beton. Das Gebäude brachte dem Architekten 1981 sogar eine lobende Erwähnung beim Architekturpreis Beton ein. Was die Bewohner der Wiehre dazu sagten, ist mir nicht bekannt. Der ein oder andere wird sich sicherlich an dem schmucklosen Sichtbeton und den ufoählichen Fassadenelementen gestört haben, die wie ein Fremdkörper in der Villengegend gelandet sind. Ein Bauwerk seiner Zeit, das nicht fehlen darf.

Rotkäppchen und Graukäppchen Rotkaeppchen

Rostig rot leuchtet der Quader des neuen Bürogebäudes an der Heinrich-von-Stephan-Straße in den Himmel. Es ist einer der Gebäudekomplexe entlang der vierspurigen Innenstadtumfahrung der auffällt, obwohl er sich in seinen Umrissformen nicht wesentlich von den anderen unterscheidet. Mehr Vielfalt und mehr architektonische Akzente hätten dem Gesicht der Straße gut getan. Die Stadt Freiburg sollte da etwas experimentierfreudiger sein. Mit der Unibibliothek ist ihr zumindest ein Anfang gelungen.

Neuer städtischer Raum nach Abriss Raum

Aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte die repräsentative Fassade der Villa, als das Eckhaus "Goethe 2" am Ende der Goethestraße / Kronenbrücke abgerissen wurde. Ein ganz neuer Stadtraum öffnet sich und gibt den hier zusammenlaufenden Straßenzügen ein anderes Gesicht. Also nichts wie hin und einen Blick darauf werfen, bevor das Grundstück wieder bebaut wird.

Von der grauen Maus zum Vorzeigeprojekt Graue Maus

16 Stockwerke hochhinaus geht es im weltweit ersten Passivhochhaus im Freiburger Stadtteil Weingarten. Ganze 47 Hochhausmeter wurden rundherum eingepackt, die Fenster mit 3-fach-Verglasung bestückt und eine Lüftungsanlage eingebaut. Die außergewöhnliche Sanierung hat dem in den 1960er Jahren entstandenen Viertel positive Aufmerksamkeit geschenkt. Wohnraum war auch schon damals ein knappes Gut in Freiburg, weshalb in die Höhe gebaut wurde. Heute auf eine energetische Sanierung zu setzen, anstatt auf viel Bauschutt bei einem Abbruch entspricht ganz dem ökologischen Image der Stadt. – Die Investitionen sind ein gutes Zeichen für die Bewohner von Weingarten.

Wer hat die Dachspitze geklaut? Dachspitze

Wie ich die zukünftigen Bewohner dieses Haues um die Nähe zum Lorettobad beneide! Es scheint fast so, als ob sie von Ihren Wohnungen ins Schwimmbecken des Freibads springen könnten. Während das Haus in den letzten Monaten in die Höhe wuchs, irritierte mich etwas, und es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, was es war. Die Dachspitze fehlt! Jedoch nur auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob das Dach nicht zuende gebaut wurde. Ich rätselte darüber, ob da oben wohl eine außergewöhnliche Dachterrasse geplant ist, ein Gemüsegarten zur Selbstversorgung oder gar eine exklusive Cocktailbar für Lorettobad-Gäste mit Blick auf das abendlich beleuchtete Bad? Was auch immer es wäre, dafür würde ich auch gerne auf eine Dachspitze verzichten!

Architektonisches Bildrätsel Bilderraetsel

Eine überdimensionale Hüpfburg? Oder ein Kunstobjekt im öffentlichen Raum? – Weder noch, dahinter verbirgt sich die "Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle" (BEA) in der Lörracher Straße. Die winterfesten Zelte mit den leicht gewölbten Dächer sind eine Möglichkeit, um schnell und viel Platz für Flüchtlinge zu schaffen. Im Stadtbild von Freiburg haben sie ihren Platz gefunden.

Mein kleiner grüner Kaktus, steht draußen am Balkon Kaktus

Balkone soweit das Auge reicht. Eine willkommene Öffnung nach draußen und gleichzeitig verantwortlich dafür, der Fassade eine auffällige Struktur zu geben. Und die Bewohner gestalten auch mit, durch individuelle Balkondekoration. Bereits am 1925/26 errichteten Bauhausgebäude in Dessau gibt es die kleinen, wie Sprungbretter wirkenden Balkone. Damals allerdings ohne Betonfront, sondern mit durchlaufendem Geländer.

Letzte Rettung Rettung

Ein Rettungsring kann eigentlich jeder von uns irgendwann in seinem Leben gebrauchen. Für einige Menschen ist die Notaufnahme der Freiburger Uniklinik ihre letzte Rettung. Der überdimensionierte Rettungsring "Freischwimmer" von Gregor Passens, der Alt- und Neubau der Notaufnahme fest im Griff hat, ist an diesem Ort ein sehr gelungener Beitrag für Kunst am Bau.

Der Wasserturm als Zeitzeuge Zeitzeuge

Ich habe nicht in alten Fotoarchiven gestöbert oder eine Reise in eine andere Stadt unternommen – man glaubt es kaum, aber es handelt sich hier um ein aktuelles Foto! Eine Ansicht von der Heinrich-von Stephan-Straße auf das Bahngelände! Im Jahr 1932 noch ganz ohne Graffiti-Verzierung erbaut, trotzt der Wasserturm den vielen Veränderungen, die die Stadt von damals bis heute erfahren hat. Bald wird der Blick darauf wieder versperrt sein, wenn die Bebauung des ehemaligen Postgeländes an dieser Stelle umgesetzt wird.
Zur Person
Sabine Lauffer ist die Stadtbetrachterin. Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Literaturwissenschaften. Abschlussarbeit über die Bauhausschülerin Marianne Brandt. Ausstellungskoordinatorin im Museum Villa Stuck, München, Lektorin, Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit in einem Freiburger Architekturbüro. Ihr Interesse gilt den vielen kleinen architektonischen Veränderungen in der Stadt und den besonderen Blickwinkeln zwischen historischer und zeitgenössischer Architektur. Seit Anfang 2016 findet man Ihre Freiburger Stadtansichten auf www.diestadtbetrachterin.de.

Mehr zum Thema: