Arbeiten in der Traumwolke: Interview mit Nadja Rüdebusch von Binoculers

Bernhard Amelung

Binoculers ist das Musikprojekt der Hamburgerin Nadja Rüdebusch. Zusammen mit Schlagzeuger Daniel Gädicke stellt sie an diesem Mittwoch ihr Album "Adapted to both shade and sun" im Slow Club vor, eine Mischung aus Dreampop, Indiefolk und Minimal Music. Bernhard Amelung hat mit ihr gesprochen - über Träume, Dunkelheit und bunte Farbflecken.



Deine Musik wird mit dem Begriff Dreampop beschrieben. Was hast du zuletzt geträumt?

Eigentlich hat Dreampop gar nicht so viel mit dem Wort Traum zu tun. Dreampop ist eine Stilrichtung, die ganz viel Schoegaziges enthält. Viele Effekte. Auf meinem aktuellen Album gehe ich ja einen Schritt weg vom Folk und klassischem Singer-Songwritertum hin zu etwas musikalisch Größerem, Orchestralem. Auf meinen Songs ist viel mehr Sound im Hintergrund, und darum geht es eigentlich bei Dreampop. Willst du trotzdem wissen, was ich geträumt habe?

Ja.

Da muss ich kurz überlegen. Der letzte Traum liegt nämlich ein paar Tage zurück. Sonst träume ich schon oft, aber ich kann mich immer nur an kleine Fragmente erinnern.

Wie wirken sich diese auf deinen Alltag aus?

Nicht wirklich. Wenn ich aufwache, habe ich in der Regel einen klaren Kopf. Es kommt aber vor, dass man einen Traumgedanken noch mit in den Vormittag nimmt. Aber diese Gedanken beeinflussen mich nicht darin, wie ich meine Tage gestalte.

Man sagt ja "Träume sind Schäume". Wann hast du das zuletzt erlebt?

Ich denke, das passiert ganz oft, wenn man die eigenen Wunschvorstellungen mit der Realität abgleicht. Wenn man in einer Musikwelt Erfolg hat, passiert es, dass man so eine Art Traumwolke um sich herum aufbaut. Tritt man dann aus dem kleinen Kämmerlein, in dem man Songs schreibt und produziert, wieder in die Aussenwelt, ist das Leben dort auch jedes Mal anders, als man es sich vorgestellt hat.

Wie leicht fällt es dir, nach Songwriting- und Studiophasen mit dem Alltag zu vertakten?

Da ich mich auch in meinem Alltag hauptsächlich mit Musik beschäftige, nehme ich das gar nicht so als Trennung wahr. Mit der Arbeit an meinem Album bin ich allerdings ganz tief eingetaucht in die kreative Seite des Musikmachens. Da habe ich nur darauf gehört, was in mir ist. Anders dagegen bei Auftragsarbeiten. Da wird von mir ein Werk verlangt, das einem bestimmten Zweck dienen soll. Da switche ich dann von einem Modus in den anderen.

Was geht dir leichter von der Hand?

Wenn ich in einem Arbeitsprozess tief drin stecke, ist alles nur noch Spaß. Das war bei meinem aktuellen Album so. Als die Songs standen und es nur noch ums Arrangieren ging, lief es superleicht. Die schwierigste Phase war jedoch, ab den Grundgedanken diesen Prozess ins Rollen zu bringen und die Skizzen zu fertigen Songs auszuformulieren. Bei Auftragsarbeiten kommt es immer auch darauf an, für wen ich arbeite und wie die Zusammenarbeit läuft. Das kann leicht sein, es kann aber auch vorkommen, dass man sich verbeisst.

Binoculers - Where The Water Is Black

Quelle: YouTube


Das Cover deines Albums erinnert an ein Gemälde von Rembrandt oder van Eyck. Bist du ein düsterer Mensch?

Teilweise schon. Ich habe etwas Dunkles in mir, das ich gar nicht beschreiben kann. Es ist eine Stimmung, die zwar nicht permanent da ist, die ich aber auch nicht wegradieren kann. Ich habe gemerkt, dass ich diese Seite brauche, um Musik zu machen. Doch abgründig düster ist sie nicht. Ich bin kein negativer Mensch.

Was fasziniert dich an der Dunkelheit?

Das Dunkle birgt etwas Geheimnisvolles. Ich habe auch schon immer gerne Musik gehört, die man nicht einfach nur nebenbei hört, die einem keine "Es ist alles okay"-Stimmung vermittelt. Ich liebe es, sich zurückzuziehen, Kopfhörer aufzusetzen, die Augen zu schließen, und dann ist etwas Großes, Dunkles um einen herum. Doch auf diesem Hintergrund finden sich ganz viele Farbflecke und leuchtenden Punkte wieder.

"There is not enough space in the dark" heißt der Titel deines Vorgängeralbums. Wie muss man das verstehen?

 
Als ich an diesem Album gearbeitet habe, habe ich mich in einer sehr traurigen Stimmung befunden. Der Titel soll beschreiben, dass man nicht immer nur in der Dunkelheit leben kann, sondern seinen Blick auch dem Tag entgegen wenden soll. Das Dunkle kann auch einengen. Musikalisch ist das aktuelle Album jedoch viel dunkler. Doch die Stimmung hat jetzt nichts mehr Trauriges an sich. Sie ist jetzt traumwandlerisch, und ich bin nicht mehr ganz so klein. Ich bin gewachsen und merke, neue Räume tun sich auf.

Welche Räume möchtest du denn mit deiner Kunst noch besetzen?

Ich hätte total Lust, einmal mit einem Orchester zusammen zu arbeiten. Wahrscheinlich wünscht sich das jeder Künstler, der so vor sich hin arbeitet und die Instrumente selbst einspielt. Bis auf das Schlagzeug mache ich das bei meinen Stücken ja auch. Auf "Adapted to both shade and sun" habe ich viel mit dem Mellotron gearbeitet.

Ich kann mir vorstellen, für ein weiteres Album Gastmusiker einzuladen, die solche Spuren dann mit analogen Instrumenten einspielen. Mit denen würde ich auch gerne auf Tour gehen. Dennoch möchte ich den Bezug zur elektronischen Musik und der samplebasierten Arbeit beibehalten. Diese eigene Soundwelt soll bleiben, denn mit meinem aktuellen Album fühle ich mich total angekommen.

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Was: Binoculers
Wann: Mittwoch, 8. Juli 2015, 20 Uhr.
Wo: Slow Club [Foto: Binoculers / Inga Seevers]