Antifa über Nazi-Outings: Selbstjustiz für die gute Sache

Christoph Müller-Stoffels

Rechtzeitig zum verhinderten Neonazi-Aufmarsch in Dresden am Samstag hatte die Freiburger Autonome Antifa zu einem Vortrag geladen. Am Freitagabend wurde auf dem Grethergelände berichtet, wie man den Lörracher Bombenbauer enttarnt hatte und welche Mittel im Kampf gegen Rechts ihrer Meinung nach erlaubt sind. Christoph hat für fudder zugehört.



Der Raum auf dem Grethergelände ist gut gefüllt zur Vortragsveranstaltung der Autonomen Antifa Freiburg. Im Mittelpunkt soll der vereitelte Bombenanschlag aus dem vergangenen Sommer stehen, bei dem die Polizei wohl gerade noch rechtzeitig einen 22-jährigen Lörracher Neonazi verhaftete. Er hatte sich mit gut 22 Kilogramm Chemikalien eingedeckt, die zum Bau einer fünf bis acht Kilogramm schweren Bombe gereicht hätten.


„Das wäre“, sagt einer der Vortrageden, „der größte Neonazi-Anschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte gewesen.“ Bisher ist es das Oktoberfestattentat aus dem Jahr 1980, bei dem 13 Menschen starben. „Damals war die Bombe 1,3 Kilogramm schwer. Die Sprengkraft hätte sich also mindestens vervierfacht.“

Die Informationen hatte die Polizei in Lörrach von der Antifa. Ein eher ungewöhnliches Vorgehen und ein singuläres Ereignis, wie die beiden Vortragenden versichern. „Wir wurden dafür aus der linksradikalen Szene kritisiert, und eigentlich hätten wir uns der Sache auch selbst angenommen. Aber wir wussten auch, was der Kerl zu Hause hat.“ Die Polizei fand nicht nur die Chemikalien, sondern auch verschiedene Schusswaffen.

Dass die Kooperation mit der Polizei kein dauerhafter Zustand für die Autonome Antifa ist, wird beim Vortrag schnell deutlich. Der Moderator ist zwar unmaskiert, weist aber in der Begrüßung darauf hin, dass die „Freunde und Helfer“ keine erwünschten Gäste sind. Die Vortragenden selbst wollen unerkannt bleiben, tragen Masken und Kapuzen. Es ist ein bisschen wie bei einer Pressekonferenz der baskischen Untergrundorganisation ETA. Nur eine Fahne im Hintergrund würde den Eindruck abrunden. „Wir wollen es den Faschos nicht zu leicht machen“, begründen sie die Vermummung.

„Wir haben zu dieser Veranstaltung eingeladen, weil wir der Ansicht sind, dass es zu schnell zu ruhig geworden ist, nachdem der Bombenbauer aufgedeckt worden ist. Wir wollen das wieder in Erinnerung rufen und auf andere Nazi-Aktivitäten im südbadischen Raum hinweisen.“ Einem Rückblick auf die Anfänge der Antifa-Bewegung zu Beginn der 90er-Jahre als Reaktion auf die Brandanschläge von Hoyerswerda, Solingen oder Mölln folgt ein Abriss der vergangenen acht Jahre seit dem verhinderten Neonazi-Aufmarsch in Freiburg, als 108 Rechte 13000 Gegendemonstranten gegenüber standen.

„Damals hat so etwas wie Mythenbildung begonnen. Freiburg, die Nazi-freie Stadt.“ Dass dem nicht so ist, deckt die Antifa auf. Immer wieder werden Neonazis in Stadt und Region im Internet geoutet. „Social engineering“ nennen die Linksradikalen die Methode, bei der sie auf – natürlich – illegalem Weg Daten über die Rechten sammeln und ins Internet stellen. Adresse, Telefonnummer, Freizeitaktivitäten. Auch Fotos sind immer dabei. Veröffentlicht würde nur, was man wirklich nachweisen könne. "Andernfalls würden wir unglaubwürdig."

„Das Problem ist, dass sich die Öffentlichkeit oft erst interessiert, wenn es Tote gibt.“ Auch die Polizei würde immer sehr spät aktiv. „Wir hatten bereits 2007 Hinweise auf die Absichten des Bombenbauers. Anfang 2008 hat er seine Chemikalien gekauft. Manchmal fragt man sich schon, wie die Verfassungschützer sich die Zeit vertreiben.“



Dass Outings allerdings nicht das einzige Mittel sind, wie die Antifa Neonazis bekämpfen will, wird in der abschließenden Diskussion deutlich, denn diese Maßnahmen seien zwar in der Region effektiv, in Saarland, Bayern oder Ostdeutschland dafür weniger. „Wenn man jemandem sagt 'Dein Nachbar ist ein Nazi' und der sagt 'Ja und?', dann bringt das nicht viel.“

Wo denn die Grenzen der Maßnahmen gegen Rechts seien, will ein Zuhörer wissen. Er wolle, antwortet ein Vortragender, keine Hierarchie zwischen Zweck und Mitteln aufbauen. „Natürlich sollten die Mittel möglichst gering sein, aber nach oben will ich mir da keine Beschränkung auferlegen.“ Allerdings, fügt der andere hinzu, müsse man auch immer auf den Kontext schauen. „Derzeit wäre Mord sicherlich schon aus taktischen Gründen kein Mittel, das wir unbedingt wählen würden. In einer Diktatur dagegen ist Tyrannenmord durchaus legitim, und ich würde nicht davor zurückschrecken.“

Die Gewalt von Rechts dürfe nicht unterschätzt werden. Natürlich sei die Neonazi-Szene in der Region überschaubar, aber wenn die sauer würden, wären sie nicht zu unterschätzen. „Man schaut immer auf die Meldungen von Brandanschlägen. Ich saß einmal in einem Bus, der von Nazis mit Steinen angegriffen wurde. Da wird die Bedrohungssituation sehr schnell realistischer.“ Deshalb ist der Autonomen Antifa, soviel wird deutlich, im Kampf gegen Neonazis jedes Mittel recht.

Rechtsstaatliche Regeln?
„Die ignoriere ich.“ Der Hinweis, dass Persönlichkeitsrechte von Jugendlichen weit stärker zu schützen seien, als die von Erwachsenen, weshalb das Outing Minderjähriger anders einzustufen sei, als das von Erwachsenen? „Für mich ist nicht die Frage, wie alt die Leute sind, sondern wie gefährlich.“ Das Gewaltmonopol des Staates wird nicht anerkannt.

Den Autonomen zugute kommt, dass ihre Gegner vergleichsweise geringe Internetkenntnisse haben und viel von sich preisgeben im „Weltnetz“. „Unser Vorteil ist auch, dass wir skill-sharing betreiben. Wir sind nicht hierarchisch organisiert. Bei uns können viele vieles.“ So können sie sich auch im Netz als hochrangige Neonazis ausgeben und mit deren Gleichgesinnten Kontakt aufnehmen. Dadurch wächst das Misstrauen der Rechten untereinander.

„Die Nazis wollen Bomben bauen, um Menschen zu töten. Wir werden sie daran hindern.“ Das Schlusswort klingt gut, es bleibt aber ein schaler Beigeschmack und die Frage, ob tatsächlich jedes Mittel dabei recht sein kann. Welche Art von Gesellschaft bekämen wir, wenn jeder das Recht in die eigenen Hände nehmen würde? Selbstjustiz als Regelfall? Die Aussicht erscheint wenig wünschenswert.

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