Anti-Stigma: Ausbruch aus der Isolation

Nina Braun

Noch immer haftet psychischen Krankheiten wie Schizophrenie in der Öffentlichkeit oft etwas Unheimlich-Bedrohliches an. "Anti-Stigma" ist der Oberbegriff für Bewegungen, die sich nun gegen ihre Stigmatisierung und für Aufklärung einsetzen. Auch in Freiburg ist seit kurzem ein kleines Netzwerk im Entstehen. Schüler des Droste-Hülshoff-Gymnasiums bekamen diese Woche an zwei Nachmittagen Gelegenheit, mit Betroffenen zu sprechen, ihre Geschichten zu erfahren und auch eigene Vorurteile auszuräumen.



Die beiden Frauen möchten ihre wahren Namen nicht preisgeben. „Bärbel“ nennt sich die eine, „Uli“ die andere. Uli möchte nicht, dass die Leute auf der Arbeit ihre genaue Geschichte kennen. Sie hat noch einen kleinen Job im Krankenhaus – genug Beschäftigung, um sich nicht sinnlos zu fühlen, und wenig genug, um nicht durch Stress wieder in Depressionen zu stürzen.


Bärbel ist schizophren, auf die ein oder andere Art. Sie hat schon so viele Definitionen ihrer Krankheit gehört, dass sie gar nicht mehr unterscheidet. Wichtiger sind ihr die Namen der Medikamente, die sie durch den Tag bringen. Sie spricht aufgeklärt, wirkt zuweilen geradezu heiter, scheint trotz aller Probleme im Reinen mit sich und ihrer Krankheit. Sie hat die richtige Medikamentenmischung gefunden und nimmt nicht die Maximaldosis, hat also immer noch ein wenig Spielraum. Vor zwei Jahren hat sie Silberhochzeit gefeiert, ihr Mann begleitet sie seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren auch durch die schweren Zeiten. Hin und wieder macht sie Ausflüge mit einem Frauenverein. Drei Gründe, zufrieden zu sein.

Uli wirkt angespannt. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Leben spielt sich ab zwischen einer fast bodenlosen Heiterkeit, die nur Möglichkeiten und keine Sorgen kennt, und tiefem, lähmendem Absturz in die Dunkelheit. Uli ist manisch-depressiv.

Bei beiden Frauen hat es früh angefangen. Bärbel hat das durchlebt, was man klassisch eine schwere Kindheit nennt: Von der Mutter nicht gewollt, wurde sie als Säugling erst an die Großmutter abgeschoben, dann ins Waisenheim. Mit der Adoption fand sie eine Familie, in der sie es aber nicht leicht hatte. Weil viel Hausarbeit zu erledigen war, fasste sie kaum Fuß in der Schule. „Das geht mir noch heute so, wenn ich meine ehemaligen Klassenkameraden treffe. Ich bin immer abseits der anderen Schüler.“

Sie erkämpfte sich gegen den Willen der Eltern den Realschulabschluss, wurde von ihnen dann jedoch in eine Sparkassenlehre gedrängt. Bald kam sie zum ersten Mal in die offene Psychiatrie in der Hauptstraße. „Bis dahin hatte ich immer abstruse Vorstellungen von der Psychiatrie: Verschlossene Türen, keine Klinken.“ Statt dessen wohnte sie mit anderen jungen Menschen zusammen und erlebte mit ihnen zum ersten Mal Dinge, die sie wegen der ungewohnten Unbeschwertheit heute fröhlich als „Unsinn“ bezeichnet – in den Bächle waten, in der Stadt einkaufen, Ausflüge zum Rosskopf. Dann holte sie auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und begann, ihren Traum zu verwirklichen: ein Lehramtsstudium. Während des Referendariats holte sie ihre Krankheit wieder ein, sie musste abbrechen. Ein großer Teil ihres Lebens spielte sich in den folgenden Jahren in der offenen Psychiatrie ab, eine „Drehtür-Patientin“ nennt sie sich: „Mal drin, mal draußen. Mehr drin als draußen.“

Immer wieder wird Bärbel so stark von Gedanken, Erinnerungen oder Stimmen bedrängt, dass sie es kaum aushält. „Manchmal habe ich das Gefühl, meine Mutter steht hinter mir und schaut, ob ich auch alles richtig mache. Oder ich höre Stimmen, die mir vorwerfen, ich sei doch nur zu feige, mich umzubringen.“ Wenn der Druck zu groß wird, lässt sie sich – so selten wie möglich – eine Extra-Spritze geben. Zu den Ärzten kann sie auch am Wochenende. „Das Schlimmste ist die Schlaflosigkeit“, sagt sie.

Das bestätigt auch Uli, obwohl ihr Krankheitsbild ein völlig anderes ist. „Wenn ich drei Tage nicht schlafe, bin ich wieder in Emmendingen“, erklärt sie. Im Gegensatz zu Bärbel hat sie auch immer wieder Zeit in der geschlossenen Psychiatrie zugebracht.

Mit 16 wurde sie das erste Mal depressiv, mit 17 kam sie zu einer Lehre als Krankenschwester nach Freiburg. Hier erlebte sie ihre erste Manie. „Ich war so fröhlich, alles ging ganz leicht, ich war den anderen überlegen. Dann hat die Umgebung angefangen, mich nicht mehr zu verstehen.“ Es folgte ein Aufenthalt in der Hauptstraße – und schließlich der erste Absturz in eine so tiefe Depression, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen. „Es ist einfach alles dunkel geworden. Ich war den täglichen Anforderungen nicht gewachsen, ich wusste, ich würde nie mehr mein bisheriges Leben leben können. Und um die schwarzen Gedanken zu töten, habe ich mich aus dem Fenster gestürzt.“

Sie überlebte mit mehreren gebrochenen Wirbeln, musste wieder laufen lernen. Auch psychisch fing sie sich, schloss die Ausbildung ab. „Dann hatte ich ein paar Jahre Ruhe.“ Bei einem Einstellungsgespräch bat man sie, das Lithium abzusetzen, das sie seit ihrem 17. Lebensjahr nahm – die Stelle verlor sie wegen erneuter Manie. Auch der Versuch, das Abitur in der Abendschule nachzuholen, scheiterte an der Krankheit. Auslöser für die Depressionen seien zumeist Männer gewesen, sagt sie. „Ich habe mich immer wieder verliebt. Das war mein Untergang.“

Viel öfters jedoch erlebte sie Manien, die sie als durchaus angenehm empfand. „Ich fühlte mich toll, ich war glücklich und lebhaft, ich konnte machen, was ich wollte. Manien sind wunderschön, es geht nach oben und nach oben, und irgendwann kippt es. Dann folgt die Psychose, manchmal Paranoia.“ Zuweilen litt sie unter einem fast absurden Verfolgungswahn: „Ich habe jedes Geräusch subjektiv interpretiert. Wenn Vögel zwitscherten, hatte ich das Gefühl, sie wollten sich über mich totlachen.“

Mehrmals kam sie in die geschlossene Psychiatrie nach Emmendingen, spricht rückblickend von Stress, von Hierarchien und Rangordnungen, von der Angst, gegen Regeln zu verstoßen und Spritzen zu bekommen. „Wenn die Bestrafungsmedikation zu stark ist, rutscht man wieder in eine Depression.“ Es waren die dunkelsten Zeiten ihres Lebens, dem sie immer wieder zu entfliehen versuchte. „Wie ich die ganzen Züge überlebt habe, weiß ich bis heute nicht.“

Zwei Lebensläufe, oft bedrohlich nahe am Rand der Gesellschaft, und immer bemüht, den Anschluss nicht zu verlieren. Erzählt werden sie heute in den Räumen der FHG (Freiburger Hilfsgemeinschaft), die zwei Begegnungsnachmittage zwischen Betroffenen psychischer Erkrankungen und Schülern des Droste-Hülshoff-Gymnasiums organisiert hat. Mit dabei ist auch ein Vertreter der Uniklinik-Psychiatrie. Die Jugendlichen lauschen den Biographien, können Fragen stellen.

„Ein klassisches Vorurteil ist etwa, dass Schizophrene aggressiv sind“, erklärt Sozialarbeiterin Lisa Finkbeiner von der FHG. „Und die wenigsten wissen auch, dass Schizophrenie gar keine Persönlichkeitsspaltung ist, sondern nur der Name übersetzt so heißt. Eigentlich ist es eine Wahrnehmungsstörung, die zudem nicht nur psychisch, sondern auch körperlich bedingt sein kann. Es ist eine Krankheit wie jede körperliche Krankheit auch.“

Um Aufklärung zu leisten und Vorurteile abzubauen, wollen die FHG und einige Freiwillige daher nun ein Netzwerk in Freiburg aufbauen. „Unser Ziel ist es, Schüler oder andere Bürger mit Betroffenen und Spezialisten zusammenzubringen“, erklärt Sozialarbeiter Uwe Maasberg. Hierfür ist eine Internetseite mit Kontaktmöglichkeiten und Ansprechpartnern für Interessierte geplant, zudem soll eine Tagung mit Vorträgen abgehalten werden. Das Projekt ist nur eine von vielen „Anti-Stigma“-Organisationen, die sich in den vergangenen Jahren deutschlandweit gebildet haben. Die größten heißen „Open the doors“ und „Irrsinnig menschlich“.



Die Begegnungsnachmittage sind nun als eine Art Pilotprojekt gedacht, und die Schüler nehmen es gerne an. „Ich merke jetzt erst, wie viele Vorurteile ich selbst hatte“, sagt der 17-jährige Florian Schoch. Zuvor habe er bei Schizophrenie immer automatisch an Gollum von „Herr der Ringe gedacht – „spricht mit sich selbst und hat zwei Persönlichkeiten.“ Und der gleichaltrige Maximilian Sarre erklärt: „Es geht letztendlich nicht einmal so sehr darum, Vorurteile abzubauen, sondern darum, einen Einblick in das eigentlich ganz Normale zu bekommen.“

Das Balancieren zwischen ihren zwei Normalitäten haben auch Bärbel und Uli gelernt. Bärbel war, sie weiß es auf den Tag genau, im Februar 1987 das letzte Mal in der Psychiatrie, Uli 1998. Beide vertrauen nun auf die Medikamente, um ihre Schwankungen so gut es geht auszugleichen "Man kann die Krankheit dadurch nicht heilen", erklärt Uli, "man bekämpft nur die Symptome und hofft, dass es funktioniert." Bärbel weiß, dass die medikamentöse Behandlung umstritten ist. „Aber ich spreche immer alles mit meinem Arzt ab. Für mich ist es das Richtige.“ Darüber hinaus versucht sie, unnötigen Stress zu vermeiden. Kleinigkeiten gehen ihr schnell zu Herzen. „Wir sind verletzlicher“, sagt sie.

Uli hat noch viele Bekannte in der Hauptstraße oder in Emmendingen, manchmal besucht sie sie. Zugleich versucht sie, vor allem über ihre Arbeit, den Kontakt zur Welt abseits der Psychiatrie aufrecht zu erhalten. Es ist ein bewusster Prozess, manchmal muss sie sich ein bisschen zwingen. „Es ist viel leichter, mit Menschen zu sprechen, die selbst betroffen sind. Anderen gegenüber fühle ich mich oft unterlegen.“

Bärbel findet in Krisenzeiten vor allem bei ihrem Ehemann Halt. Ihre besonderen Erfahrungen haben sie geprägt, sagt sie, sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Sie meint es positiv. „Alles Schlechte hat auch immer eine gute Seite. Ich kann mich an Dingen freuen, an denen andere achtlos vorübergehen. Das möchte ich nie mehr missen.“

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