Ansprechen, überrumpeln, isolieren: Wie ein Pick-Up-Artist versuchte, mich zu verführen

Dunya Oulatto

Es war Zufall: fudder-Autorin Dunya Oulatto geriet an einem ganz normalen Partyabend ins Visier einer Gruppe Freiburger Pick-Up-Artists. Wie es sich anfühlt, das Zielobjekt eines Aufreiß-Profis zu sein – ein Erfahrungsbericht:



Es ist ein Samstagabend in einem Club in Freiburg. Mit einer Freundin bin ich auf einer Erkundungstour durch den Club, als mich plötzlich jemand am Arm packt. Es ist ein Typ, schwarze Haare, braune Augen, 1,80 groß, gutaussehend. Er lächelt und sagt mit überzeugender Stimme: "Du kommst mit mir" – als hätte er auf mich gewartet.


Ich fühle mich überrumpelt und habe keine Zeit darüber nachzudenken, ob ich mit dem Unbekannten im roten Hemd mit schwarzen Hosenträgern mitgehen soll. Im Gehen bemerkt er, dass ich nicht allein bin. Mit den Worten "Du setzt dich jetzt neben mich und deine Freundin bleibt bei meinem Kumpel", bugsiert er mich auf eine Ledercouch. Dann rückt er zu mir. Ich bin verunsichert und gleichzeitig von Neugier gepackt: Der Abend wird wohl doch noch interessant.

"Wie heißt du?" ist die erste Frage des attraktiven Unbekannten. Ich nenne meinen Namen und frage ihn nach seinem, - J. -, und mich innerlich, ob das jetzt ein langweiliger Austausch von  Floskeln wird. Doch J. schaut mir eindringlich in die Augen, die Stimmung wirkt wie elektrisch aufgeladen. Ich ziehe meinen Schal aus: "Du bist wunderschön!", sagt er. "Deine Augen und deine langen Haare!" Was für Klischees – und doch kann ich nicht leugnen, dass mir seine Komplimente gefallen.

Die Masche: Hand auf nackte Haut

Doch irgendwas stimmt nicht. J. ist so selbstsicher, er muss diese Masche öfter durchziehen. Ich frage ihn: "Wie viele Frauen hast du heute schon so angesprochen?" Aber J. antwortet nicht, sondern lenkt das Thema gekonnt auf mich: „Ich musste dich ansprechen!“ Keine Antwort ist auch eine Antwort. Plötzlich fällt mir auf, dass er meine Hände hält und sanft streichelt. "Die sind so weich", sagt er. Das finde ich arg dick aufgetragen, halte sein Verhalten für einen Tritt ins Fettnäpfchen.

Aber J. geht noch weiter: Ich trage eine Jeans, die an den Knien zerrissen ist. Er legt seine Hand genau auf diese Stelle nackte Haut. Die Berührung fühlt sich zu intim an, ich finde sein Verhalten extrem frech - und trotzdem stehe ich nicht auf.

Plötzlich ist meine Freundin wieder da. "Ich gehe jetzt an die Garderobe. Willst du hier bleiben?" Ich ärgere mich, weil sie uns unterbricht, aber dann wird mir klar: Ich will hier nicht alleine bleiben. "Ich komme mit", sage ich. J. reagiert sofort: "Gib mir deine Nummer!" Ich versuche, ihn mit einem "Wir kommen gleich wieder“ zu beschwichtigen, aber J. bleibt beharrlich: „Gib mir schnell deine Nummer!" Ich gebe sie ihm.

Die Handynummer als Fluchthilfe

Auf dem Weg in Richtung Tür wird mir klar, dass ich sie nur rausgerückt habe, um schnell aus dieser Situation zu kommen. Und weil mir  bei seiner bestimmenden Art kein "Nein" möglich erschien. Noch bevor ich den Laden verlasse sehe ich, wie er ein weiteres Mädchen anspricht. Jetzt bin ich wütend auf mich.

Am nächsten Tag vibriert mein Handy. Es ist eine Textnachricht von J. Er bedankt sich für den schönen Moment, stellt ein Wiedersehen in Aussicht. "Ich melde mich die Tage bei dir", ist sein letzter Satz. Das soll mich nervös machen und neugierig. Aber ich ignoriere seine Nachricht. So wie ich auch J. bei der nächsten Begegnung im Nachtleben ignorieren werde.

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[Foto: clownbusiness/fotolia.com]