Anna Catarina Mueller ist bisher bei allen Freiburg Marathons angetreten - als Mann und als Frau

Ursula Thomas-Stein

Der Freiburg Marathon geht in die 10. Runde und bei den über 100 Jubiläumslaufenden, die all die Jahre am Start waren, ist auch eine Frau dabei: Anna Catarina Mueller aus Dresden. Für die 48-jährige Geografin wird das der 30. Wettkampf-Marathon in zehn Laufjahren. Aber Freiburg ist für sie nicht nur deshalb etwas Besonderes. Hier ist sie zweimal persönliche Bestzeit gelaufen: 2006 als Mann (3:09:48 h) und 2007 als Frau (3:28:38 h).

Von sich selbst spricht Anna Catarina Mueller als Mensch. Den Begriff „Transsexuelle“ findet sie nicht wirklich passend. „Wir sind Transidente“, stellt sie klar – es geht um Identitätsfindung: „Da werden die Emotionen, die mensch spürt, ständig hinterfragt, auf den Kopf gestellt, ausprobiert, es werden Erklärungen gesucht, Schritte in die Zukunft erwogen und verworfen“. Der innere Prozess führte bei Mueller, 40-jährig, zu dem Entschluss: „endlich so zu leben, wie ich mich fühle“ – als Frau.


Anna Catarina Mueller wurde 1965 in Wuppertal als Holger Mueller geboren, machte Abitur am Gymnasium in Rotenburg, diente zwei Jahre in Stade und studierte in München Wirtschafts- und Sozialgeografie. Schreibtischarbeit, zuerst als Referent beim Statistischen Landesamt Sachsen und nach 2001 selbstständig als Diplom-Geograf/in (Sanierungsberatungen, bauhistorische Gutachen), ist ihr ebenso vertraut wie die Arbeit an der frischen Luft: mit geografisch-historischen Stadtrundgängen – und seit 2010 auch als Huskyschlittenführerin.

Wie das äußere Outing verlief? Zuerst habe sie sich guten Freundinnen gegenüber anvertraut, dann sei sie probeweise als Frau in der Öffentlichkeit aufgetreten: einen (Weihnachts-)Abend lang mit Freundin durch die Cottbuser Kneipen gezogen, eine Faschingswoche in München erlebt, Aschermittwoch in Dresden. Danach das offizielle Verfahren: Entsprechend dem so genannten Transsexuellengesetz beantragte Mueller mit zwei Gutachten eine Änderung des Vornamen und hieß ab 2007 rechtskräftig „Anna Catarina“.

Das gewünschte Geschlecht konnte schon damals in den Reisepass eingetragen werden. Dadurch habe sich für sie der Operationszwang, der bis 2011 für Änderungen des Personenstands galt, erübrigt. „Dank meines natürlicherweise sehr niedrigen Testosteronspiegels nehme ich lediglich ein Östrogenersatzpräparat“, erklärt die Laufende. Das habe die Fettanreicherung in den Muskeln erhöht und damit zur Leistungsreduktion geführt. „Die halbe Stunde langsamer kann ich locker verkraften“, sagt sie lachend. „Mich stört nur, dass die zwei wichtigsten Fetteinlagerungsstellen aus meiner Sicht leider zu kurz kommen.“

Welche Reaktionen sie erlebe? „Wenn Menschen Interesse an meiner persönlichen Situation zeigen, dann beantworte ich die Fragen immer“, sagt Mueller. Seit sechs Jahren engagiert sie sich bei dem Schulaufklärungsprojekt „LiebesLeben“. Nur einmal wollten Wettkampfrichter nach einem Lauf etwas „klären“. Das war dann mit dem Personalausweis schnell beantwortet. „So ist dieses Leben, das ich lebe“, fasst Mueller zusammen. „Mitten zwischen den Polen, zwischen den Stühlen, bei denen übrigens auch jedermensch davon ausgeht, dass es nur zwei gibt.“

Zum Freiburger Marathon kommt sie extra aus Finnisch-Lappland angereist – mit drei ihrer sibirischen Huskys. Und die Nacht davor wird sie im „Sauerstoffzelt“ verbringen, sagt die Marathonfrau fröhlich: „Ich schlafe dann unter dem Himmelszelt irgendwo in den Weinbergen, also quasi im Höhenlager.“ Warum sie dem Lauf seit Jahren treu geblieben ist? Es sei ein guter Termin zur Leistungsbestimmung nach dem Winter. Außerdem: „Weil das Wetter fast immer schön ist, und die Stadt nette Kneipen und ein gemütliches Ambiente hat.“

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[Foto: Anna Catarina Mueller beim Freiburg-Marathon 2008/Marathon-Photos.com]