Anmerkungen einer Jugendrichterin

David Weigend

Das ist Dagmar Thalmann, 63. Sie ist Direktorin des Müllheimer Amtsgerichts und Leiterin der dortigen Jugendarrestanstalt. Das Thema Jugendkriminalität wird dieser Tage mit erhöhtem Puls diskutiert. Ein Grund mehr für ein ganz nüchternes Interview.



Frau Thalmann, was wissen Sie von einem jugendlichen Straftäter, bevor Sie ihn im Gerichtssaal sehen?

Das ist sehr unterschiedlich. Wenn es ein Ersttäter ist, weiß ich in der Regel nur das, was in der Akte steht.

Wie dick sind die Akten?

Auch das ist unterschiedlich. Das können 15 bis 20 Seiten sein, wenn zum Beispiel ein Jugendlicher bei einem Diebstahl erwischt wird. Der Jugendliche gibt es unumwunden zu, man muss keine Zeugen vernehmen. Die Akten können aber auch dicker sein, zum Beispiel nach einer Schlägerei, an der zwei Gruppen beteiligt waren, mit vielen Zeugen aus jedem Lager. Das werden dann auch mal mehrere Bände, deren Lektüre nicht besonders lustig ist.

Wie oft führen Sie Gerichtsverhandlungen?

Im Schnitt ein- bis zweimal im Monat. Pro Sitzungstag sind es dann zwischen sechs und acht Verhandlungen. Natürlich gibt es auch Fälle, die fast den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Etwa eine Sachbeschädigung von vier Tätern, die Schaufenster und anderes eingeschlagen haben, in wechselnden Zusammensetzungen.



Was können Sie der Mimik von Angeklagten entnehmen?

Ich beobachte natürlich sowohl Angeklagte als auch Zeugen. Nicht nur das Wort zählt, sondern auch die Körpersprache. Gerade, wenn man bei Angeklagten sieht, wie sie nervös mit den Händen herumnesteln oder die Füße nicht stillhalten können oder vor Aufregung keinen Satz herauskriegen – da muss man schon die ganze Person sehen, nicht nur das, was sie spricht.

Versuchen Jugendliche, vor Gericht zu bluffen?

Selten. Ich bin immer wieder überrascht, wie geständnisfreudig Jugendliche sind. So, wie man das aus Krimis kennt, dass da eine Schau abgezogen wird, das kommt kaum vor.

Wie treten Täter in der Gruppe auf?

Unterschiedlich. Zum Teil versuchen sie, sich gegenseitig stark zu machen. Es gibt aber auch den anderen Fall: Leute, die vorher dicke Freunde waren und zusammen eine Straftat begangen haben, versuchen, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben.

Was verhandeln Sie?

Meist Eigentumsdelikte, in allen Formen. Diebstahl, Raub, Betrügereien mit Scheckkarten; man bestellt etwas bei ebay, das man nicht bezahlen kann. Außerdem Straßenverkehrsdelikte, vor allem Jungs, die frisierte Mofas fahren ohne Fahrerlaubnis. Das sind dann in der Regel Mehrfachtäter. Und Körperverletzungsdelikte.



Was wird von wem gestohlen?

Mädchen stehlen Schminke und Kleidungsstücke. Mädchen und Jungs stehlen CDs. Jungs stehlen mehr Computerspiele, Bargeld, Handys. Es sind auch die Jungs, die einbrechen, in Schulen zum Beispiel, um Computer oder Flachbildschirme zu klauen und zu Geld zu machen.

Sind Jungs häufiger straffällig als Mädchen?

Ja, viel häufiger.

Wie groß ist der Anteil an Drogendelikten?

Nicht sehr groß. Das sind meist Gelegenheitskiffer, die mal auffallen. Mit harten Drogen haben wir hier kaum Probleme. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir hier kein Schöffengericht haben, sondern ein Einzelgericht. Aber nach meinem Eindruck sind die BTM-Delikte auch zurückgegangen. Das war zeitweise viel virulenter als jetzt.

Wie stehen Sie zu einer Freigabe von Cannabis nach niederländischem Vorbild?

Das möchte ich jetzt so nicht beantworten, weil das ein weites Feld ist. Ich bin schon sehr dafür, da bei Jugendlichen sehr genau hinzuschauen. Die unterschätzen ja auch oft die schädliche Wirkung von regelmäßigem Cannabiskonsum. Bei Erwachsenen sieht das vielleicht ein bisschen anders aus.

Oft tragen Sie Tätern gemeinnützige Arbeit auf. Wo findet die statt?

Rotes Kreuz, Krankenhaus, Kindergarten, Behinderteneinrichtungen.

Bekommen Sie Rückmeldungen über das Arbeitsverhalten der Jugendlichen?

Klar, und die fallen total unterschiedlich aus. Von „Dreimal zu spät gekommen, der soll sich was anderes suchen“ bis hin zu „Super, der kann gern ein Praktikum bei uns machen.“



Geben Schläger Unrechtsbewusstsein zu erkennen?

Sehr unterschiedlich. Ich habe gerade heute Morgen wieder eine Akte gelesen, in der einer zitiert wird: „Ich habe Scheiße gebaut, war angetrunken, schlecht drauf und habe unmotiviert zugeschlagen. Es tut mir schrecklich leid.“ Dann gibt es andere Fälle, in denen sich die Täter als Opfer fühlen und sagen: „Es ist ungerecht, dass ich hier sitze. Die Schlägerei hat sich eben so entwickelt, ich war gar nicht der Aggressor.“

Hat bei den Straftaten der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zugenommen?

Nein.

Fallen Osteuropäer, Türken oder Araber durch bestimmte Taten auf?

Nein.

Kommen die Eltern mit zur Verhandlung ihrer Kinder?

Bei Minderjährigen müssen die Eltern erscheinen. Sie werden als gesetzliche Vertreter geladen. Vielen Eltern ist es aber egal, was ihre Kinder machen. Die erscheinen dann nicht.

Was beobachten Sie am Verhalten der Eltern?

Die einen versuchen, ihre Kinder schönzureden und sie zu schützen. Bis zu einem gewissen Punkt ist das legitim und verständlich. Aber das nimmt hin und wieder Ausmaße an, die ich nicht mehr tolerieren kann. Man muss doch auch für etwas einstehen, was man getan hat. Andere kommen zu mir mit dem Anspruch: „Jetzt zeigen Sie unserem Kind doch mal, wo es lang geht.“

Ist Jugendkriminalität ein Problem der Unterschicht?

Ja. Wobei diese Formulierung problematisch ist, weil sie nach Kastendenken klingt. Andererseits möchte ich ganz klar bestreiten, dass Jugendkriminalität etwas mit der Nationalität zu tun hat.

Wie erleben Sie die Gefühle der Opfer?

Rache und das Bedürfnis, der Täter solle möglichst scharf bestraft werden, erlebe ich relativ selten. Die Opfer legen Wert darauf, dass sie ernst genommen werden und dass auch der Täter versteht, was in ihnen vorgeht. Gerade beim Eingriff in die körperliche Integrität und bei Einbrüchen.

Haben Opfer, die als Zeugen aussagen, nicht Angst vor den Tätern?

Ich habe noch nie erlebt, dass die Angst von Opfern konkret begründet war. Wenn das Thema Angst in Hauptverhandlungen aufkommt, sage ich jedem: Wenn jemand versucht, Zeugen und Opfer unter Druck zu setzen, ist das Verdunkelungsgefahr und ein Haftgrund. Ich versuche dann, die ängstlichen Zeugen und deren Eltern zu beruhigen. Es gibt auch die Möglichkeit, den Täter von der Verhandlung auszuschließen, wenn zu befürchten ist, dass der Zeuge sonst nicht die Wahrheit sagt. Habe ich aber seit Jahren nicht mehr machen müssen.



Was ist das Ziel Ihrer Arbeit?

Dazu beizutragen, dass die Jugendlichen in Zukunft ein Leben ohne Straftaten führen.

Helfen dabei Haftstrafen?

Es ist statistisch und kriminologisch erwiesen, dass Inhaftierungen in aller Regel keine positiven Auswirkungen haben. Man kann aber auch nicht sagen, dass Haftstrafen nie was bringen. Und es gibt Fälle, in denen muss man auch junge Leute zum Schutze der Gesellschaft eine Zeitlang aus dem Verkehr ziehen. Eine Haftstrafe ist stets der allerletzte Ausweg. Vorher sollte man alles andere ausschöpfen.

Was sind die Maximalzeiten von Jugendarrest und Jugendstrafe?

Jugendarrest geht bis zu vier Wochen. Die Jugendstrafe beginnt bei sechs Monaten und dauert bis zu zehn Jahren.

Sind Sie schon bedroht worden?

Nein, von Jugendlichen nicht. Vor 20 Jahren habe ich mal anonyme Drohbriefe nach Hause bekommen. Unangenehm, aber nicht gerade angsteinflößend.

Haben Sie Kinder?

Wir haben drei eigene Kinder und ein Pflegekind großgezogen.

Sind es brave Jugendliche gewesen?

Als sie in dem Alter waren, in dem Jugendliche Straftaten begehen, habe ich durchaus einkalkuliert, dass sie auch einmal eine Straftat begehen. Erwischt wurden sie nie. Das heißt aber nicht, dass die nie was getan haben. Es gehört bei fast jedem jungen Menschen zur Entwicklung dazu, dass er mal eine kleine Straftat begeht.

Wie finden Sie, dass Jugendkriminalität im hessischen Wahlkampf auf die Agenda gesetzt wurde?

Unanständig.

Gibt es überhaupt noch etwas, das Sie schocken kann?

Spontan fällt mir da nichts ein. Das heißt nicht, dass mich alles kalt lässt. Sowas wie der Fall Mirjam etwa, das lässt niemanden kalt.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Zur Person

Dagmar Thalmann, 63, ist seit 1974 Richterin und seit 1985 Direktorin des Amtsgerichts Müllheim und Leiterin der dortigen Jugendarrestanstalt. Davor war Thalmann ein Jahr Richterin in Freiburg und ein Jahr Staatsanwältin in Lörrach. Thalmanns Schwerpunkt liegt im Jugendstrafrecht.

Ihr Gerichtssprengel umfasst Müllheim mit der gesamten Region – etwa 40.000 Menschen. Das Einzugsgebiet der Jugendarrestanstalt ist weitaus größer. Es reicht von Karlsruhe über Freiburg bis zum Bodensee.

Was ist Jugendarrest?

Es gibt drei verschiedene Arrestarten: Den Freizeitarrest (47 Stunden), den Kurzarrest (1 bis 6 Tage) und den Dauerarrest (1 bis 4 Wochen). Ein Jugendlicher genießt im Arrest Betreuung und Beratung von Psychologen und Sozialarbeitern. Sie helfen dem Jugendlichen bei der Suche nach einem Arbeits- oder Ausbildungsplatz und helfen ihm im Suchtfall, eine Therapieeinrichtung zu finden.

Mehr dazu:

fudder.de: Einwanderung und Gewalt