Angst vor Mutter und Vater Courage

Dirk Philippi

Baggy Pants im Lehrerzimmer, Kondomautomaten im Vatikan, Deutsche im Ausland. Drei Dinge, die nicht hingehören, wo sie sind. Auch Dirk kennt das Gefühl, irgendwo hin zu müssen, wo man gar nicht sein mag, zum Beispiel zu den Schwiegereltern in spe.



Mein Befinden: Es ist ein tiefgrauer Tag und nieselnder Bindfaden-Regen pladdert in matschige Pfützen, die geduldig auf die Ankunft meiner Füße warten. Feuchte Kälte erklimmt unwirtliche Regionen meiner nassen Hose und kranke Blätter schmeißen sich vom Baum und sind tot. – STOPP – Was für eine melacholisch-romantische Rattenkacke! Tatsächlich ist draußen Wetter für streifenweise Mädchenbauch mit Gänsehaut, fröhlich plappernde Flipflops und harmonisch murmelnde Biergärten. Kein Mensch interessiert sich gerade für das Ozonloch, Klimakiller, Sperrzeitverkürzungen oder die Arbeitsmarktsituation in Sachsen-Anhalt. Nur ich Trottel stehe im Mief meiner Wohnzelle und blicke wie ein Waschlappen aus dem Fenster.


Dass Katha mit mir Schluss gemacht hat, ist nun schon vier Monate her und vergessen ist das Drama des Beziehungstauschs: Letzter Gruß auf einem Bierdeckel. Hesse. Neuer Anfang. Zauber. Freunde bleiben. Danach Frust. Schädelbrummen. Single-Gelübde. Neuer Haarschnitt. Ina und ein Kinnhaken von neuer Beziehung. Sehen. Fühlen. Lachen. Liebe. Eigentlich, verdammt nochmal, müsste ich glücklich sein und nicht feige am Fenstersims rumeiern – nur wegen eines Eltern-Berwerbungsgesprächs! Die Erzeuger der neuen Freundin kennen lernen, ha, das ist doch lässig und vielleicht sogar ganz nett. So die Theorie. Doch natürlich weiß ich, dass die Scheitel-Schuhe-Musterung Beziehungen töten kann. Schleichend vielleicht, aber beinahe unausweichlich.



„Aus dem Fenster gucken ist wie Fanta trinken oder Andy-Möller-Fan sein – irgendwie unmännlich“, gebe ich mir einen Ruck und mache mich neuen Mutes auf den Weg zu Inas Elternhaus. Blöd nur, dass mir die Charles-Bronson-Attitüde schon beim Überqueren der Querstraße vor meinem Haus verloren geht. Um genau zu sein, in dem Moment, als Ina mich anruft, um mir zu sagen, dass ihr Rad einen Platten hat und sie später nachkommen wird. Eine halbe Stunde später! „Super“, applaudiere ich dem Umstand zu, dass ich gleich alleine vor einer Doppelhaushälfte stehen werde, deren akkurate Vorgartenzeichnerei Schlimmes erahnen lässt. Ich fühle mich wie zwölf, als ich vor der ganzen Klasse den Erlkönig auf alemannisch aufsagen musste und mein Gesicht verzieht sich wie das eines Halloween-Kürbisses.

„Du wirst sie bestimmt gern haben, du wirst sehen, ihr werdet euch verstehen“, hat Ina mir heute noch zwischen zwei Bissen ins Nutellameer geflüstert, doch was hätte sie auch sonst schon groß sagen sollen? „Mein Bär, Du, meine Eltern, die wirst Du hassen?“ Der Plan war, dort jetzt hinein zu stolzieren, bescheiden, aber selbstbewusst, und Herzen zu erobern. Der Plan war nicht, dabei selbst einen Herzinfarkt zu bekommen. Akademiker, die ihren Vorgarten mit dem Geodreieck und dem Nagelknipser vergewaltigen, unterziehen den neuen Freund ihrer Töchter bestimmt einem vermaledeiten, badischen Schwiegersohn-Test: Studieneffektivität, Schein-Zwischenstand, Anstellungs- wahrscheinlichkeit, Kapitalvermögen, Versicherungssituation. Dass mir der Geldautomat heute Morgen den ausgestreckten Mittelfinger zeigte, sollte ich zumindest gleich besser verschweigen.



Ja, ja, ich weiß es ja. Hübsch denken geht anders und es sollte mir egal sein, wie sie sind - ist es aber nicht! Ich will sie gern haben, zumindest aber nicht komplett unappetitlich finden. Immerhin sind es ihre Gene, die ich nachts ankuscheln möchte. Und irgendwie besteht die Gefahr, dass Ina, wenn Schrumpelzeit angesagt ist, auch irgendwann so tickt wie Ihre Erzeuger. Katha, meine Ex, zum Beispiel konnte ich eine zeitlang nicht mehr vorurteilsfrei küssen, nachdem ihre Mutter beim ersten gemeinsamen Essen ständig der Broccoli aus der Maulöffnung zurück auf den Teller gefallen war. Was, wenn ich gleich ins Haus gehe und sie diese Verlegenheits- scherze machen, die man nur versteht, wenn man an Karneval als Mike Krüger geht? Was, wenn Inas Eltern Mitglieder in einer fanatischen Esoteriksekte sind oder im Atomwaffen-Fanclub? Oder was, wenn es zum Schwiegereltern-Super-GAU kommt: Was, wenn ich Ina in ihrer Rolle als Tochter abstoßend finde? Nein, alle moralisch korrekten „Hier geht es doch nur um Euch beide!“-Sprüche sind hübsch anzuhören, aber die Realität, die sieht anders aus! Ich kann Eltern-Besuche nicht ausstehen. Sind ja auch nicht meine Eltern.



Finito jetzt. „Stärke zeigen“, feuer ich mich an, treibe einen Holzpflock in den Andy Möller in mir und bin fest entschlossen, es anzugehen wie auf der letzten Weihnachtsfeier des Fußballclubs: nur über belanglose Themen reden, aber „hier“ schreien, wenn der Piccolo geköpft wird. Mittlerweile habe ich die vierte Runde ums Haus beendet und bevor ich es mir anders überlege, drücke ich die Klingel. Dann öffnet sich die Tür. Wenn es ganz arg dicke kommt, dann kann es uns ja immer noch zusammenschweißen (...)

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