Angst vor dem Napster für E-Books

Florian Elsemüller

Der Marktanteil von elektronischen Büchern ist in Deutschland zwar noch gering, aber steigt deutlich. E-Books können - wie andere Dateien - im Netz getauscht werden. Ob die Verlage Angst vor einem Napster für E-Books haben, und wie sie gegen E-Book-Sharer vorgehen:


Andreas Schaale jagt Bücher – in der Südsee und im Iran, in Russland und in der Schweiz. Schaale ist Spezialist, er sucht nach digitalen Büchern, die illegal auf Internetservern in den hintersten Ecken der Welt liegen und holt sie von dort weg. Zumindest ist das der Auftrag, den deutsche Buchverlage ihm gegeben haben.


Die Buchbranche hat einen neuen Hoffnungsträger: das E-Book, eine kleine Datei, die jeden neuen Bestseller auf den Laptop oder Tablets wie das I-Pad bringen kann. So wird beispielsweise„Die Säulen der Erde“ von Ken Follett jetzt als E-Book verlegt. Die elektronische Variante hat dem gedruckten Buch einiges voraus: Ausschnitte aus der Verfilmung und die Schnittmuster der Kostüme hat der Verlag Bastei Lübbe in den Text eingebaut. Das ist Lesen 2.0: der langsame Abschied vom Papier.

Ein gedrucktes Buch ist ein tolles Stück Technologie, und ein E-Book ist dessen konsequente Weiterentwicklung – und an die kommt man sogar kostenlos, wenn man weiß wie: Eine Kombination aus dem Namen des Buches, zusammen mit dem Dateiformat „epub“ und dem Suchwort „download“ oder „kostenlos“ liefern in Google den Weg zum illegalen (und nicht ungefährlichen) Download.

Wir erinnern uns: Vor zehn Jahren forderten Napster und andere Musiktauschbörsen die Musikindustrie heraus. Songs gab es plötzlich kostenlos im Netz,  und das wirkte sich auf die Gewinne der Musiklabels aus. Die Buchindustrie bereitet sich jetzt auf ein ähnliches Szenario vor.

Andreas Schaale und die Kollegen in seiner Firma Lisheennageeha durchforsten das Netz, googlen nach Buchtiteln und „free download“ – und deutsche Verlage bezahlen sie dafür. Wenn Schaale auf einem Server die Bücher seiner Auftraggeber entdeckt,  wird er aktiv: Er schreibt Briefe und E-Mails, übersetzt sie in fremde Sprachen und schickt sie um die Welt. In seinen Mails an die Serverbetreiber schreibt er, wo er welche Datei gefunden hat, was darin gespeichert ist und dass er den Inhaber der Rechte vertritt.

Nach dieser Mitteilung muss der Betreiber die Datei löschen, so die Theorie. „Das klappt erstaunlich gut“, sagt Schaale, „sogar in Russland und im Iran löschen die ihre Files.“ Schaale ist der Mann, der die nötigen Kontakte hat. Vier Jahre macht er diese Arbeit. Alleine für einen Wissenschaftsverlag hat er bereits 50000 Fälle bearbeitet. Wenn bei Filehostern wie Rapidshare oder Megaupload  eine Fehlermeldung wie diese auftaucht: „Die Datei wurde aufgrund von Verstößen gegen Urheberrechte gelöscht“, dann ist Andreas Schaale  zufrieden.

Zurzeit gibt es lange noch nicht alle Bestseller als illegalen Download im Netz, und jeder muss damit rechnen, sich beim Runterladen einen Virus oder Trojaner einzufangen. Zwar verlinkt Buecherkiste.org eine breite Auswahl an deutschsprachigen E-Book-Romanen und Avaxhome.ws liefert zahlreiche wissenschaftliche Lehrbücher. Doch die deutschen Verlage zeigen sich nicht besorgt. „Wir setzen keinen Kopierschutz auf unsere E-Books, der Händler tut das vielleicht später. Aber wir sind der Meinung, der Kunde soll Herr seiner eigenen Datei sein“, sagt Sören-Elias Kittler von Bastei Lübbe. „Probleme? Nein, wir haben gerade erst angefangen. Lassen Sie uns in einem Jahr noch mal reden“, sagt Eva Brenndörfer vom Piper Verlag. Also die Ruhe vor dem Sturm?



Wer ein Buch runterlädt, macht sich nicht strafbar

In den Vereinigten Staaten hat der Online-Buchhändler Amazon im vergangenen Jahr erstmals mehr E-Books als Hardcover-Bücher verkauft.  Die Ruhe täuscht: Verlage in Deutschland sind lange nicht so entspannt, wie es scheint. Auch sie haben ihre Anwälte in Stellung gebracht. „Jeder Verleger, der bei Verstand ist, macht das heute“, sagt der Münchner Rechtsanwalt Björn Frommer. Tausende Verfahren hat er schon in Gang gebracht: Sperrungen von Internetseiten, Klagen gegen Privatleute, die Bücher illegal zum Download anbieten, und Auseinandersetzungen mit dem Online-Auktionshaus Ebay, wo Anbieter Festplatten gefüllt mit eingescannten Büchern zur Auktion eingestellt hatten.

Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat Frommer im Internet gefunden. Rund 800 Euro forderte er von demjenigen, der das E-Book hochgeladen hatte, Schadensersatz für den Verlag Random House und Anwaltsgebühren für Frommer – das sind zivilrechtliche Ansprüche.

Die Kanzleien konzentrieren sich auf Menschen, die Bücher hochladen oder auf einer Tauschbörse anbieten, nicht auf die, die Bücher herunterladen. Wer ein Buch runterlädt, macht sich nicht strafbar. „Das Sarrazin-Buch lag bei jemandem  zu Hause auf der Festplatte. Über eine Tauschbörse gibt er die Datei für andere zum Download frei. Wir sichern seine IP-Nummer und über die Gerichte verpflichten wir den Provider, uns Auskunft zu erteilen, zu wem der Rechner gehört. Das ist der einfache Weg“, sagt Frommer.

Schwierig wird es, wenn die E-Books nicht auf deutschen Servern gespeichert sind, sondern auf den Servern eines Filehosters. Megaupload hat zum Beispiel seinen Sitz in Hongkong. „Die Täter halten sich häufig in westlichen Ländern auf. Aber wenn ein Buch in Ägypten liegt, dann können Sie sich auf den Kopf stellen und Sie kommen nicht dran. Das ist für die europäische Rechtsordnung nicht greifbar“, sagt  Frommer. Dann greift Frommer zum Telefon und ruft Andreas Schaale an. Downloads außerhalb der EU soll Schaale sperren lassen. „Und das funktioniert komischerweise“.

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[Foto 1: Fotolia; Foto 2: ddp]