Angriff auf SC-Fanprojekt: Polizei wertet Videomaterial aus

Joachim Röderer & Frank Zimmermann

Die Polizei ist sich relativ sicher: Ultras des 1. FC Nürnberg haben gezielt das Fanprojekt des SC Freiburg angegriffen. Sie wertet jetzt Videomaterial von der Attacke aus und sucht Zeugen.



Nach den Krawallen und der Massenschlägerei mit 160 Beteiligten vor dem Fanprojekt des SC Freiburg an der Schwarzwaldstraße verdichten sich die Hinweise, dass es sich um einen gezielten Angriff von Nürnberger Ultras auf die soziale Einrichtung gehandelt hat. Die Polizei hat Videoaufnahmen, auf denen die Beteiligten zu sehen sein sollen. Eine Ermittlungsgruppe wurde gegründet, um die Vorfälle aufzuklären. Rund ums Spiel hat es auch noch weitere Übergriffe und Straftaten gegeben.


Aufschlüsse erhoffen sich die Ermittler von dem Video einer Nachbarin des Fanprojekts, die die Auseinandersetzung am Samstag gefilmt und das Material der Polizei zur Verfügung gestellt hat. Diese kann zudem auf eigene Aufnahmen zurückgreifen. Außerdem hat die Polizei die mutmaßlichen Aggressoren gefilmt, wie sie wieder in ihre Busse eingestiegen sind.

Weisungen offenbar absichtlich missachtet

Gabriel Winterer, Leiter des Polizeireviers Freiburg-Süd, geht weiter davon aus, dass es sich um einen gezielten Angriff gehandelt hat. Dafür spreche, dass von den drei Fan-Bussen aus Franken die Zeichen und Weisungen der Verkehrspolizei missachtet wurden. Und: Sollte die Fahrt durch die Schwarzwaldstraße doch ein Versehen gewesen sein, hätten die Busse doch wohl am Stadion angehalten – und nicht knapp einen Kilometer davon entfernt in der Nähe des Fanprojekts, so Winterer. Zudem habe die Polizei Nägel und Schrauben gefunden, welche die Nürnberger offenbar in Flaschen gepackt hatten und dann auf die Freiburger geworfen haben sollen.

Eine andere Version kommt aus Nürnberg: Daniel Kirchner, Sicherheitsbeauftragter des 1. FC Nürnberg (FCN), sagt, die Busse seien von einem Verkehrspolizisten in die Schwarzwald- statt in die Hansjakobstraße geleitet worden; dies hätten ihm Nürnberger Fans, die sich in den Bussen befanden, so mitgeteilt. Ob das stimme, sei "völlig unklar". Laut Kirchner handelte es sich um drei Busse mit Ultras, die immer im Konvoi zu den Spielen fahren.

Freiburger Fans waren wohl völlig überrascht

Klar ist für die Polizei, dass die Aggression von den Fans der Nürnberger ausging. Die SC-Ultras, die sich vor dem Fanhaus aufhielten, waren laut Zeugen komplett überrascht und unvorbereitet.

Größere Auseinandersetzungen habe es zwischen beiden Lagern vorher nie gegeben, so Patrick Amann, szenekundiger Beamte der Polizei Freiburg: "Aber man mag sich nicht, weil der SC die Nürnberger schon mehrfach zum Abstieg geschossen hat."

Laut FCN-Sicherheitsmann Kirchner sollen auf beiden Seiten zirka 30 Personen an der Auseinandersetzung aktiv beteiligt gewesen sein. Die Freiburger Polizei spricht von 160 Beteiligten. Ein Zeuge berichtete der BZ am Montag, dass sich die Nürnberger Ultras zum Aufmarsch aufgestellt hätten: "Die Großen nach vorne." Die Franken seien direkt auf das Fanprojekt und die Freiburger zugegangen.

Flaschen flogen

Rasch entwickelte sich eine Massenschlägerei. Eine Nachbarin des Fanprojekts erzählte der BZ, sie habe zunächst Sprechchöre der Nürnberger Fans und dann Flaschen zerbersten gehört. Von Freiburger Seite habe sie selbst nur Plastikflaschen fliegen gesehen; allerdings hätten auf Seiten der Nürnberger auch Scherben gelegen. Nach drei, vier Minuten sei die Polizei gekommen und habe sich zwischen die Kontrahenten gestellt. Die Nürnberger Anhänger hätten die Flucht ergriffen. Sie habe sich noch gewundert, dass die Polizei ihnen nicht hinterhergerannt sei. Verbal aggressiv gegenüber der Polizei seien auch Freiburger Fans gewesen. Bei den Auseinandersetzungen trugen einige Beteiligte Schrammen davon. Aktuell sind der Polizei zwei Verletzte bekannt, sie schließt aber nicht aus, dass es noch weitere gibt.

Der FCN-Sicherheitsbeauftragte Kirchner hat mit beteiligten Nürnberg-Fans gesprochen. Ihm gegenüber hätten sie gesagt, nicht aktiv gehandelt zu haben "was das Flaschenwerfen betrifft". Auch hätten sie keine Flaschen mit Nägeln bestückt. "Wir haben ein massives Interesse daran, dass die Ermittlungen Ergebnisse bringen", sagt Kirchner. "Wir müssen den Vorfall gemeinsam aufarbeiten", sagt auch Dirk Grießbaum, Sozialarbeiter beim Freiburger Fanprojekt: Er hat schon Kontakt mit den Kollegen in Nürnberg aufgenommen.

Nach der Keilerei zum Spiel

Alle Ultras des FCN, auch die an Krawallen beteiligten, besuchten am Samstag das Spiel – eine taktische Maßnahme der Polizei, um zu deeskalieren. Es hätte mehr Kräfte gebraucht, als vor Ort waren, um die eigentlich fälligen Platzverweise durchzusetzen.

Die Einsatzkräfte hatte die Verkehrspolizei in dem Moment alarmiert, als die Busse falsch abgebogen waren. Es sei nicht möglich und auch nicht gewünscht, dass von vornherein Polizeikräfte am Fanprojekt postiert werden, so Winterer. Dessen Standort ist nichtunumstritten. Das Fanprojekt selbst sieht in der Stadionnähe einen großen Vorteil, die Polizei hatte bei der Standortsuche vor einem Jahr allerdings kundgetan, dass sie einen Platz abseits der Hauptroute zur SC-Arena bevorzugen würde.

Nicht die einzige Straftat

Die Attacke auf das Fanhaus des SC Freiburg war am Samstag der Polizei zufolge nur eine von vielen Straftaten, die registriert wurden. So seien beispielsweise mehrere Personen festgenommen worden, die Fan-Schals geraubt hätten.

Das Polizeirevier Freiburg-Süd hat eine Ermittlungsgruppe zur Aufarbeitung der Straftaten gebildet und bittet alle Zeugen und Personen, die verletzt, bestohlen oder beraubt wurden, sich unter der Telefonnummer 0761/882-4421 zu melden.

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[Foto: Michael Bamberger]