Aufregen ist ihr Hobby

Angezogene Anrüchigkeit: Nackte Tatsachen bei schwuler Unterwäsche

Dita Whip

Es gibt mittlerweile einen regelrechten Markt für Unterwäsche für den schwulen Mann. Sex sells, aber muss das sein, fragt sich fudder-Kolumnistin Dita Whip in ihrer neuen Kolumne.

"Was sind das denn bitte für komische schwule Bumsklamotten!?": Was sich anhört wie eine Stammtischparole über andersartige Kleidungsstücke, ist mittlerweile ein eigener – nicht einmal zu kleiner – Markt geworden. Es gibt eine recht breite Auswahl an Unter-, Funktions- und Kostümwäsche-Labels welche sich vornehmlich an schwule Männer richten. Für Kenner stellt das jetzt keine Neuerung dar. Viele meiner heterosexuellen Freunde haben den Sprung in den Kaninchenbau der schwulen Unterwäsche allerdings mit offenen Mündern hinter sich gebracht. Mir selbst fiel die Wäsche für den Homo auch erst verstärkt dieses Jahr auf, als ein – wahrscheinlich – heterosexueller Familienvater in einer "AussieBum" durch das Strandbad flanierte. (Kann jemand bitte seiner Frau einen Hinweis geben?)


Als ich dann in der selben Nacht, halb drei Uhr, Instagram durchstöberte, wurde mir vom findigen Algorithmus eine Werbung für "Sexy Gay Halloween Costumes" aka. Unterwäsche angezeigt. Genau wie bei einem Katzenvideo kam ich – getrieben aus journalistischer Neugier natürlich - nicht umher dem Link der Werbung zu folgen. (Dont judge!)

Ich selbst würde mich für alles andere als konservativ, zurückhaltend und keusch halten, mein Instagram-Account ist Beweis genug! Die Halloween- Kollektion von Andrew Christian allerdings stellte mich vor die Herausforderung, das Gesehene einzuordnen: Klamotte oder Porno-Zutat mit Aufforderung zum Geschlechtsverkehr?

Strings mit Harness-Bändern, Jocks komplett aus Netz und "Kostüme" – bestehend aus Tanga und Federkragen: Das ist also "die" Vorstellung von schwuler Unterwäsche... bei welcher sogar die einfachen Modelle im Bund den Schriftzug FUKR tragen. Sehr zweckorientiert. Alle Kleidungsstücke werden auf dieser, und auch auf den Websiten anderer Anbietern, von Gay-Pornostars, Gogo Boys und allem Anderem, was halb nackt auf Instagram die Like-Flut hervorruft, suggestiv getragen. Offensichtlich: Sex sells. Die Frage stellt sich aber: Ist das alles?
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Es ist keine neue Entdeckung, dass Unterwäsche gern auch als Reizwäsche suggestiv designt und präsentiert wird. Victorias Secret und andere Marken haben so Milliarden eingefahren. Die angesprochenen Kleidungsmodelle einfach als die homosexuelle Variante von Victorias Secret zu sehen wäre allerdings zu einfach, zu bequem und zu abgestumpft. Die Bildsprache und die krasse Fokussierung auf Sex machen deutlich, dass es sich hier um eine sogar noch gesteigerte Form der Vermarktung von Sexualität und körperlich unerreichbarer Form handelt. Getreu dem klassisch (toxisch-)männlichen Muster von "Schneller, stärker, weiter und höher!", wird hier die glattgebügelte Porno-Image-Variante von Sexualität in eine Tangaform geschnitten und so absurd auf die Spitze getrieben, dass ich nicht umhinkomme mich zu fragen: Fällt keinem auf, dass das eh schon verzerrte schwule Körperbild noch weiter angegriffen, und das Klischee des sexsüchtigen Schwulen noch weiter befördert wird?

Körpernormierung und soziale Stigmatisierung

Ich bin natürlich nicht die Päpstin. Der offene Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität ist (mir) unglaublich wichtig und fördert eine sexuell mündige Gesellschaft. Suggestive Kleidung und Unterwäsche sind unabdingbarer Teil einer solchen Entwicklung. Wenn allerdings die offensichtlich einzige Ausrichtung von "gay sexy Unterwäsche" auf Porno-Fantasiekörper und den werbetechnisch produzierten Lifestyle eines Slapstick West-Hollywood Gays (WeHo Gay) hinausläuft, so wird am Ende nur eins geblasen: Der Marsch der Körpernormierung und sozialen Stigmatisierung. Keine Überraschung also, dass schwule Männer statistisch gesehen vermehrt Opfer von Dysmorphophobie (die Störung der Wahrnehmung des eigenen Körpers) und Esstörungen sind, wenn die Auslegung von schwulem Sex-Appeal nur Produkte zu Tage fördern, welche diese Tendenzen noch verstärken.

"Ich fühle mich in dem Falle wie Alice im Ständerland." Dita Whip

Die Naht meines Verständnisses wird weiter aufgerissen, wenn die Präsentation der Sexualität zudem noch so billig und aufreißerisch daher kommt. Schaut man sich die Werbung der Marken an, so steht selbst die Unterwäsche in Hintergrund. Es entsteht ein Bruch zwischen dem Produkt und dem Werbeversprechen, welches der Kauf des Produktes erfüllen soll. Im Vergleich wirkt Victiorias Secret Werbung dagegen schon subtil. Subtilität findet allerdings einfach keinen Platz bei so extrem eng anliegenden Jockstraps aus Netz... mit Cut Outs... über dem Penis. Denn: Der Tanga ist vorne noch mit Polsterung ausgestopft, damit das "beste" Stück nicht nur durch den Schnitt, sondern auch durch das Inlay noch mehr betont und hervorgehoben wird. Quasi der Push-Up-BH für Schwule, die es nötig haben hier differenziert hervorstechen zu müssen.

Hose runter: Letztendlich schreit selbst das Schnittmuster der Designs schon "Bumsen!". Und, auch wenn ich sonst durchaus ein Fan der plakativen Kommunikationsstruktur bin, so ist mir persönlich die Vermarktung, die Plattheit und die simple, stigmatisierende Fokussierung auf Sex einfach zu viel. Ich fühle mich in dem Falle wie Alice im Ständerland. Rechts und links ein Überangebot... nur habe ich schon längst den Appetit verloren.
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.