Andreas Glockner: "Was läuft denn hier ab?"

David Weigend & Clemens Geißler

Es war schon überraschend, dass der SC Freiburg dem 20-jährigen Bollschweiler Andreas Glockner vor drei Wochen einen Profivertrag vorgelegt hat. Wie turbulent die vergangene Zeit für ihn gewesen ist, erzählt der Abiturient Glockner im Interview - bevor er morgen um 17.30 Uhr gegen die Offenbacher Kickers zum ersten von drei Endspielen antreten wird.



Andreas, wann bist du heute aufgestanden?

Um 6.30 Uhr. Ich bin dann in die Schule gefahren, ins Faustgymnasium nach Staufen. Der Unterricht dauerte bis um 13 Uhr. Dann habe ich was Kleines gegessen und bin hierher zum Sportclub gefahren, gleich beginnt das Training.

Du hast vor drei Wochen die schriftlichen Abiturprüfungen absolviert. Wie liefs?

Ein überragender Schüler war ich noch nie. Bei mir geht es nur darum, dass ich das Abi bestehe. Im Nachhinein bin ich zufrieden. Ich muss jetzt noch eine Präsentation machen, in katholischer Religion. Das Thema weiß ich noch nicht.

Holt sich dein Sportlehrer bei dir Tipps, wenn er euch Fußball spielen lässt?

Ich habe mal ein Referat gehalten, Pass-Schulung und so ein Zeug gemacht. Aber ansonsten macht der Lehrer schon sein Ding.

Wohnst du auch in Staufen?

Nein, seit einem dreiviertel Jahr wohne ich mit meiner Freundin in Freiburg. Davor habe ich bei meinen Eltern in Bollschweil gewohnt.



Deine erste Erinnerung als SC-Zuschauer?

Ich war öfters mal mit meinen damaligen Mannschaftskollegen von der Eintracht im Dreisamstadion. Ich erinnere mich zum Beispiel an diese legendäre Szene, wo Schmadtke im Strafraum mit dem Ball jonglierte und dann ausgerutscht ist. Das war unter Finke, erste Liga, gegen Bielefeld oder so.

Hast du Geschwister?

Ja, einen älteren Bruder. Er kickt auch, beim FC Auggen. Die steigen jetzt in die Bezirksliga auf.

Glückwunsch noch mal zu deinem Profivertrag. Setzt du jetzt alles auf die Karte Profikicker oder hast du auch einen Alternativplan?

Vor der Saison war ich ja 14 Monate verletzt, Kreuzbandriss. Da macht man sich nach der Heilung schon Gedanken, wie lang das hält. Natürlich will ich jetzt Fußball spielen, so lange das Knie hält. Für die Zeit danach habe ich in Erwägung gezogen, den Trainerschein zu machen oder ein Fernstudium in Sportmanagement.



Vor deinem Debüt in der ersten Mannschaft gegen St. Pauli kannten dich nur wenige. Wie ging der rasche Wechsel von den Amateuren zu den Profis vonstatten?

In den Osterferien sollte ich mit den Profis trainieren. Robin Dutt hatte eine Empfehlung von den Amateuren bekommen. Zu diesem Zeitpunkt waren Pitroipa und Matmour verletzt, so dass sie nicht trainieren konnten. Nach dem Freitagstraining, das war am 4. April, muss ich den Trainer so überzeugt haben, dass er gesagt hat: "Den schmeiß’ ich jetzt rein." Er kam dann zu mir und hat gesagt: "Andi, du fliegst mit am Wochenende. Und wie’s ausschaut, spielst du von Anfang an."

Hört man gern.

Das kam sehr überraschend. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin fest davon ausgegangen, dass ich die Saison in der Oberliga fertigspiele. Dutt hat mich dann noch mal zu einem Einzelgespräch gebeten. Da ich keinen Berater habe und sehr wenig Erfahrung, habe ich meinen Vater gefragt, ob er sich dazusetzen würde.

Warum gerade der?

Weil er sehr viel Ahnung hat von Fußball. Er war Stützpunkttrainer beim DFB und lange Zeit aktiver Spieler in Ehrenstetten. Bei einem Freundschaftspiel gegen Kaiserslautern hat der Trainer von Lautern Interesse an ihm bekundet. Aber mein Opa hat dann zum Vater gesagt: „Du bleibst hier und hilfst auf dem Hof.“

Zurück zu deinem Debüt in St. Pauli. Das ging ja ziemlich daneben.

Das 0:5 war schon heftig. Während des Spiels habe ich gedacht: „Mein Gott, was läuft denn hier ab.“ Nach dem Spiel dachte ich: „Na klasse, das wars jetzt erstmal mit der ersten Mannschaft.“ Ich war schon sehr geknickt. Aber Teamkollegen wie Heiko Butscher und Ivica Banovic sind dann zu mir gekommen und haben mich aufgebaut: "Wir müssten uns eigentlich bei dir entschuldigen. So ein Einstand ist nicht fair."

Das Paulispiel lag ja terminlich genau in der Mitte deiner Abiturprüfungen. Wie hast du das alles auf die Reihe bekommen?

Ich musste mit dem Lernen sowieso früh anfangen. Bei den Amateuren wird ja genauso häufig trainiert wie bei den Profis. Mit einem Kumpel war ich also schon seit vier, fünf Wochen an der Vorbereitung für die schriftlichen Prüfungen. Pro Tag zwei bis drei Stunden. Direkt vor der Prüfung habe ich eh nicht mehr viel gemacht. Im Flieger nach Hamburg und im Hotel hab ich mir noch mal die Zusammenfassungen durchgelesen.

Hat dich jemand abgefragt?

Ich war mit Daniel Schwaab auf einem Hotelzimmer. Der musste ja auch Abitur schreiben. Da haben wir schon den Stoff noch mal durchgesprochen. In Englisch ging es um Kurzgeschichten über die Kolonialzeit, „Caught between two Cultures“.

Welches Thema hast du in Deutsch genommen?

Exilliteratur, Gedichtsinterpretation. Weiß gar nicht mehr, was das jetzt genau war.



Wirst du auf der Straße angesprochen, seit du bei den Profis bist?

Neulich war ich mit meinem Hund laufen, einem kleinen Chihuahua. Da kam so ein 16-jähriger Junge mit dem Fahrrad vorbei. Der hielt an und sagte zu seinem Kollegen: „Schau mal, das war der Glockner.“

Welche Unterschiede stellst du fest zwischen erster und zweiter Mannschaft?

Das Umfeld bei den Profis ist komfortabler als drüben in der Fußballschule.

Und der Umgang zwischen den Spielern?

Klar habe ich mir am Anfang gedacht: „Wenn ich jetzt vorm Idrissou steh, was red ich denn mit dem?“ Aber die Profis sind meist lockerer drauf als die Kollegen aus der zweiten Mannschaft. Mo (Idrissou) und Heiko (Butscher) sind einfach Kumpeltypen. Die reden mit dir, als würden sie dich schon seit zehn Jahren kennen. Extrem gut.

Nimmt Dutt auch Einfluss auf das Training der Amateure?

Ich glaube schon, dass er ein wenig die taktische Marschroute bei den Amateuren vorgibt. Die jungen Spieler sollen an das System der Profis herangeführt werden.



Dein erstes Tor war der 1:1-Ausgleich beim Auswärtsspiel in Koblenz.

Das war schon eine komische Situation. Fast das ganze Stadion war ruhig, außer unserem Fanblock nur ich habe gejubelt.

Bei den beiden Toren von Jonathan Pitroipa gegen Fürth war es eher andersherum.

Sein erstes Tor habe ich gar nicht gesehen, weil ich da gerade ausgewechselt wurde. Pits zweites Tor in der 90. Minute habe ich von der Bank aus gesehen. Da sind wir aber alle so ausgerastet, dass ich nicht mehr auf ihn geachtet habe. Ich kann und will dazu nichts sagen. Pit ist ein Spieler, der für den Verein sehr viel Leistung gebracht hat.

Welchen Wunsch willst du dir mit deinem ersten Profigehalt erfüllen?

Einen Urlaub. Einfach weg, irgendwo an den Strand. Wobei das zeitlich schwer wird mit dem mündlichen Abitur. Ansonsten sind das eher kleine Wünsche. Ich habe mir vor dem Münchenspiel so eine kleine, tragbare Playstation gekauft für die Fahrt.



Musst du jetzt eigentlich nicht zum Bund oder Zivildienst leisten?

Das klärt der Sportclub gerade für mich ab. Entweder, mein Zivildienst wird verschoben oder ich muss ihn sofort machen. Das liegt nicht in meiner Hand.

Wie war die Musterung?

Ich bin mit Kreuzbandriss erschienen. Alle, die ich kenne, wurden mit Kreuzbandriss ausgemustert. Nur ich nicht. Klasse. Der Arzt sagte: „Beim SC haben Sie doch eine gute Reha. Da können Sie danach auch Zivi machen.“

Du hast eine kleine, goldene 10 als Ohrschmuck. Warum?

Das ist leicht ironisch gemeint. Ich habe früher die 10 als Rückennummer getragen. Den 10er-Ohrring habe ich einmal bei Ronaldinho gesehen, als er ein Interview gab. Dann habe ich zum Flachs zu meiner Mutter gesagt: „Jetzt weißt du, was du mir zum Geburtstag schenken kannst.“ Als ich dann Geburtstag hatte, stand ein Riesenpaket auf meinem Gabentisch. Ich habe es ausgepackt, einen Karton nach dem anderen. Am Schluss lag dann diese kleine 10 da drin.

Andreas, danke für das Gespräch und viel Glück fürs Saisonfinale.


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