Anatomie eines Referats

Philipp Aubreville

Vom Mitbewohner belächelt und von Dehydrierung bedroht muss fudder-Mitarbeiter und Studienanfänger Philip sein erstes Referat an der Uni halten. Da kann schon mal "Ersti-Panik" ausbrechen und die Literaturliste etwas anschwellen.



„Zwei Wochen?!“ Mein Mitbewohner, Bachelor-of-Arts-Student, Semester fünf, muss lachen. Was ich, Semester eins, an Zeit für mein erstes Uni-Referat verwendet habe, wirkt auf ihn wie Distickstoffmonoxid.


Ähnlich humoristisch berührt zeigt er sich von meiner Literaturliste: „So viel haben andere nicht einmal in der Facharbeit verwendet“ kommunizieren arbeitsteilig Stimmbänder und Zwerchfell.

„Ersti-Panik“ hat ein Freund von mir derartiges Verhalten mal genannt, und er hatte offensichtlich nicht Unrecht: Die Umstellung vom Wikipedia-generierten Schulreferat auf einen unglaublich hochwertigen, akademischen Vortrag hat einen gewissen Arbeitsaufwand nach sich gezogen, der vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre. Dafür fahre ich jetzt ein Sicherheitskonzept, gegen das Wolfgang Schäubles Innenpolitik geradezu hippiesk erscheint. „Bei dem Aufwand wird das kein Problem“ prophezeit mein immer noch amüsierter Mitbewohner und klopft mir zum Abschied auf die Schulter.

„Problem ist ein gutes Stichwort“ denke ich mir und darüber nach, wie viel mir ein durchschnittliches US-Gericht wohl aufbrummen würde, wenn sich jemand an einem meiner – dank übertrieben langer Heftklammern - nicht so ganz TÜV-konform getackerten Hand-Outs verletzt.

Andererseits sollte ein echter Geisteswissenschaftler sich natürlich auf gar keinen Fall mit derart profanen Dingen herumschlagen – und so komme ich mir bald darauf vor wie Robert Langdon, nur dass meine PowerPoint-Präsentation mit schwarzer Schrift auf weißem Grund ein klein wenig farbloser ist.



Die panische Beschäftigung mit meinem Thema führt dazu, dass ich, wenn ich nicht gerade meine PowerPoint-Präsentation betreue, zur fleischgewordnen Freisprechanlage mutiere. Diese Tatsache nimmt fast bewusstseinserweiternde Dimensionen an: Der von mir früher doch recht selten getätigte Blick ins Publikum offenbart ein Feuerwerk der Mimik. Auf der einen Seite lächeln mich Gesichter an, die wohl eigentlich lieber schlafen würden; auf der anderen zeigt sich so etwas wie Interesse.

Vermutlich würde ich darüber sinnieren, ob man nicht primär für den Dozenten referiert und mir das Publikumsinteresse deshalb nicht sowieso egal sein kann – doch meine Gedanken kreisen eher um die Antwort auf die Frage, was Salzstangenwettessen und Monologe gemeinsam haben.

„Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor“ augenzwinkerte einst Kurt Tucholsky. Ich würde gerne seine Ironie missachten, hab jedoch den alten Merksatz „früher an später denken“ vergessen und dementsprechend auch kein Kaltgetränk dabei.

Doch: „Wenn etwas davonläuft, ist es wahrscheinlich Zeit“ konstatierten schon Kinderzimmer Productions und so bin ich mit meinem Stoff ehe ich mich versehe fertig.

Ich spiele noch ein wenig Kandidat bei Günther Jauch und gehe schließlich heim - nicht ohne einen Abstecher beim Getränkeautomaten zu machen.

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