Anajo: Mucke wie Disko-Schorle

Carolin Buchheim

Anajo haben auf ihrem neuen Album der Disko-Schorle ein Denkmal gesetzt. Disko-Schorle? Ja, Disko-Schorle. So nennt man in manchen Teilen des Landes angeblich die beliebte Mischung aus Vodka und RedBull. Das ausgerechnet die drei Jungs aus Augsburg das getan haben passt gut, denn ihre Musik ist diesem Getränk irgendwie nicht unähnlich. Morgen Abend sind Anajo im Jazzhaus.



Disko-Schorle, ist süß, riecht nach Gummibärchen, macht manchmal ein wenig klebrige Finger, ist bei Mädchen ein wenig beliebter als bei Jungen, obwohl Jungen die auch gerne mal trinken, und macht hibbelig und angemessen schnell betrunken.

Jeden Tag mag man sie nicht trinken, aber dann immer wieder doch mal gerne. Und Disko-Schorle polarisiert: Entweder man trinkt das Zeug ab und zu mal gerne, oder man trinkt sie nie! Nie! Nie!

Wäre die Musik von Anajo ein Getränk, es wäre entweder Disko-Schorle, oder irgendwas, das ihr ziemlich ähnlich wäre, denn Anajo machen süßen und manchmal süßlichen Gitarrenpop, der ein bisschen klebrige Finger, äh, Ohren macht, Mädchen besser gefällt als Jungs und den man nicht jeden Tag mag, aber ab und zu dann doch wieder.
Und sie polarisieren auch, die Jungs von Anajo und ihre Mucke, denn als die Zeitschrift Intro sie im letzten Monat aufs Cover nahm, da brach prompt in den  dazugehörenden Kommentarenein Streit über die Band aus, in dem sich schließlich sogar das Plattenlabel zu Wort meldete.

Anajos Debütalbum ‚Nah bei mir' wurde im Herbst 2004, mitten im Gitarrenpop-auf-Deutsch-Boom, landauf, landab enthusiastisch begrüßt: Die Platte, so bunt und gut gelaunt wie ein sommerliches Spiel mit den Boccia-Kugeln, die das Cover zierten. Ihre Musik wurde als Jungs-Pop gelobt und rutschte in den Hörercharts des besten deutschsprachigen Radiosenders fm4 bis hoch auf Rang 4.
Mehr als 110 Konzerte spielte die Band im darauffolgenden Jahr und danach gingen Anajo, so wie es sich für jede erfolgreiche, deutschsprachige Indie-Band gehört, im Dienste des Goethe-Institus auf Tour und rockten russische Indie-Clubs zwischen Omsk und Katharinenburg.

Auf all' die Anstrengung folgten der vorprogrammierte Band-Koller und eine Hörsturz-Zwangspause von Drummer Ingolf Nössner, bevor die Band sich wieder ausreichend regeneriert hatte, um im Januar mit Hallo, wer kennt hier eigentlich wen? das legendär schwierige Zweite-Album-nach-dem-gute-Debüt hinzulegen.  Diese Schwierigkeit hat die Band recht gut gemeistert: Das Album ist eigentlich ganz schön geworden, auch wenn einem das erst beim siebten oder achten Hören klar wird, wenn man es denn so weit schafft.



Auf 'Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?' haben Anajo dreizehn unkomplizierte Pop-Songs mit Gitarren, düdeligen Keyboards, schönen Melodien und viel Uh-Uh-Chorgesang versammelt. Songs, die sich nicht scheuen, sich auch mal an Kitsch-Klischees und Schlager heranzukuscheln. Mit diesen angstfreien Umgang mit der großen gesungenen Emotion liegt die Band absolut im Trend und reiht sich nahtlos neben den neuesten Alben der Exil-Freiburg-Bands Tele und Geschmeido ein, auf denen ebenfalls nicht mit Harmonien, eingängigen Melodien und Gedanken über die Liebe gespart wird.

Für ‚Wenn Du nur wüsstest', die Single, mit der Anajo vor wenigen Wochen bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest für Bayern antraten und vor Tele einen ordentlichen 9.Platz belegte, holte die Band sich Klee-Sängerin Suzie Kerstgens an Bord, selbst ausgewiesene Spezialistin für den unpeinlich hingehauchten Love-Song mit Kitsch-Anleihen. Wer vom TV-Auftritt der Band nicht sonderlich überzeugt war, der sei beruhigt: ‚Wenn Du nur wüsstest' ist einer der schwächeren Songs des Albums und die Darbietung in der Sendung war wirklich kaum auszuhalten kitschig.

Eine höhere Platzierung wäre vielleicht mit dem Disko-Schorlen-Track Franzi +2 möglich gewesen, der mit einer feinen Synthie-Fanfare und Handclaps über beste Radioqualitäten verfügt. Gleis 7, 16 Uhr 10 hingegen ist eine bezaubernde Hymne an die Liebe, die über eine räumlicher Distanz entsteht; Da singt Sänger Oliver Gottwald mal eben mit unnachahmlichen, kieksigen Kleine-Jungen-Tonfall und gedehnten Vokalen, die immer ein wenig an den jungen Rio Reiser erinnern, ein Loblied über die Fluchtmöglichkeiten, die die Deutsche Bahn bietet. Das ist mehr als nur nett.  Und spätestens beim Hören von Amsterdam-Mann versteht auch der letzte Zuhörer, was Anajo dann doch ein wenig aus dem Meer der deutschen Indiepop-Bands hervorherbt: All' die schönen Liebeslieder, in denen gerne auch mal der neue Freund der alten Liebe gedisst wird, richten sich an Männer, denn Sänger Oliver Gottwald ist schwul, und das ist für ihn und seine Band vollkommen unspektakulär normal; Es besteht kein Bedarf laut „Und das ist auch gut so!" zu proklamieren.

Bei Anajo ist Liebe einfach Liebe, und die Songs über sie doch auch irgendwie gut und süß und aufputschend und klebrige Finger und Ohren machend wie die koffeingeladene, nach Gummibärchen schmeckende Disko-Schorle.

Mehr dazu:

Anajo: Website& MySpace

Was: Anajo
Wann: Donnerstag, 15. März 2007, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus, Freiburg
Eintritt: €12 VVK, €15 AK